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Nationalzeitung · 1906-12-18 · Heft 88 (18.12.1906) · p. [Seite]

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 88 (18.12.1906)
Date
1906-12-18
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Mtmchritm Organ fiir die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. Erscheint jede« Dienstag und Freitag. W»t>« tiiOT Split. - Kmiitzcikl uni MMm: gnfeti Niuusz. Inserate übernekmen die Iirmen: I. Dannebern. M. Dukes Nachfolger, Haasenstein » Bögler, Rudolf Masse, M. Pozsonhi, A. Schalek in Wien, ferner alle Anuoiicenexpeditioiien im Auslände. Einzelnummer ,in Wien 13 Heller. Berschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgegengenommen werden: Hermann Goldschmidt, Wien. I., Wollzeile 11; Robert Weiß, Wien, I., Jakoberg. 7. , Administration: IX/1, wafagsste 81. Telephon Rr. 147»«. PretS de« Anzeigen r Die bmal gespült. Nonpareille« zeile oder deren Raum 12 K. Abonnemen tSprc ts r Für Wien u. Oesterreich- Ungarn s. Frankozvstellungr GanMhrlich . . . . K 1» — Vierteljährlich! " ».- f$iie d. gesamte Ausland r Ganzjährlich . . . K 15.1» „Eingefendet" die Sfdaltige Nonpareillezeile SO o. Bei mehrmaligen Aufträgen entsprechender Rabatt. NrdsKtton: ix/i, wasagastL öl. Telephon Nr. 147»». Sprechstunden r An Wochentagen von 10 bis 12 Uhr »mun. Postadresse: „Nattonalzeitung". Wien IX/1. Beschwerden wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Manuskripte werde» nicht zurillkgestellt. Postsparkassenkouto 47037. Das Abonnement kann täglich beginnen. Ur. 88. Wien, Dienstag den 18. Dexewder 1666 (1. Tedeth 5667). VIII. Jahrgang. Das jüdische Proletariat ander ZoMlismus. Von Moritz Silbermann. Kolomea. Wenn die jüdische Moderne sich über ihre Stellung zu den verschiedenen Strömungen im Sozialismus klar werden will, so muß sie einerseits die Stellung derselben zur Judenfrage und andererseits deren Vorschläge zur Lösung des Sozialproblems aufmerksam verfolgen. Die marxistische Richtung hat eine vollständige Verständnislosigkeit für die Judenfrage an den Tag gelegt, eine Verständnislosigkeit, die beinahe ebenso groß ist, wie die der alten, liberalen Richtung, eine Verständnislosigkeit, welche einen nicht geringen Anteil an der offenen oder latenten antisemitischen Strömung im proletarischen Lager hat. So lali ge die Sozialdemokratie auf dem von meinem Standpunkte wohl unrichtigen, aber immerhin konsequenten Boden einer internationalen, rein menschlichen Organisation stand und der Nationalitätenfrage eine untergeordnete Rolle in der sozialistischen Bewegung beimaß, solange man nur von Menschen und nicht von Deutschen, Polen, Tschechen usw. sprach, solange war die Ignorierung der Judensrage zwar nicht zu billigen, aber immerbin zu erklären. In dem Momente aber, als die Nationalitätenfrage so akut wurde, daß man auch von marxistischer Seite zu ihr Stellung nehmen mußte und an die Gründung von nationalen Organisationen schritt, war es eine Inkonsequenz (um mich nicht eines viel schärferen Ausdruckes zu bedienen), daß man die Gründung von jüdischen Sektionen unterließ. Damit hat die marxistische Sozialdemokratie bewiesen, daß sie, wie in vielen anderen Punkten, so auch in der Judenfrage, die Fortsetzung der liberalen Politik bildet. — Auf wie schwankendem Boden die Judenpolitik der Marxisten basiert, zeigt die sogenannte Rechtfertigung, mit welcher die Ablehnung der Gründung von jüdischen Organisationen von marxistischer Seite begründet wird. In Deutsch-Österreich, speziell in Wien gibt es zu wenig jüdische Proletarier und diese fühlten sich als gute Deutsche, Tschechen oder Polen. (Eine merkwürdig konfus national-internationale Auffassung.) Ohne uns auf die gar nicht so schwere Widerlegung dieses „Standpunktes" einzulassen, sei nur darauf hingewiesen, daß speziell in Galizien und der Bukowina es eine ansehnliche Anzahl von Juden gibt, — die Mehrheit sind ja Proletarier — die sich, wohlgemerkt, als jüdische Proletarier fühlen, und trotzdem wurde ihnen rundweg die Bildung von jüdischen Sektionen verweigert, vielleicht zu nicht geringen Teile auch darum, weil nach Bildung einer eigenen jüdischen Organisation nicht allzu viel mehr von der allpolnischen, genannt „internationalen, galizischen Sozialdemokratie" übrig bliebe. Aber gerade an Galizien kann deutlich der Unterschied zwischen der Politik der offiziellen Sozialdemokratie und dem nicht parteimäßig gestempelten Sozialismus in der Judenfrage gezeigt werden. Man lese einmal die Rede des als „wilden" Sozialisten gewählten Abgeordneten der V. Kurie Lemberg, Ernst Breiter, die er vor Kurzem im Lemberger Vereine „Schomer Krael" gehalten hat. Er, der Pole, der Arier, der Christ stellt dieselben Thesen in punkto Judenfrage auf wie wir. Er fordert die Juden auf, sich als Juden auf modern national-sozialer Grundlage zu organisieren. Welch scharfer Gegensatz zu jener offiziellen marxistischen Politik, welche unsere Bestrebungen mit den tschechisch-radikalen Chauvinisten in einen Topf wirft. Aber auch ein anderer Moment beleuchtet besonders grell die Stellung jener Partei, die (und da haben die Antisemiten nicht so unrecht) einen sehr großen Teil ihrer Mandate, ihrer Presse, ihrer Existenz, ja ihrer heutigen Macht dem jüdischen Gelde und den jüdischen Stimmen verdanken und welche zum Köder aber für diese, nun alle Angriffe auf die Liberalen und auf die kapitalistischen Kreise unterlassen; zum Gaudium der jüdischen Bourgoisie die Christlich-Sozialen hauptsächlich bekämpfen, aber auf der anderen Seite in dem Leiborgane des Herrn Schuhmeier, die „Volkstribüne", die hauptsächlich für das Publikum des Draschefeldes und der anderen Wildwest- Vororte berechnet ist, lustig darauf los antisemitelt. Eine nette Judenpolitik! Auf der einen Seite die jüdisch-marxistischen Führer Hand in Hand mit den Börsenjobbern und den assimilatorischen Quaijuden, ibic im guten oder, richtiger gesagt, blödsinnigen Glauben, als Herdenvieh der Sozialdemokratie nachrennen, den Antisemitismus mit Hilfe der sozialdemokratischen Bataillone hinweg Feuilleton. Die Dernburgs. „Ein Kapitel Familiengeschichte" nennt Wilhelm Erldbaum sein äußerst interessantes Feuilleton im „P. Bl.", in welchen er dem Urtrunge des jetzigen deutschen Kolonialdirektors ernhard Dernburg nachspürt. Ein Stück Assimilationsgeschichte ist diese Skizze, aus der w!r die folgenden Stellen wiedergeben: ... Wie immer aber in solch überraschenden Fällen, fragt man unwillkürlich: Woher stammt und von wannen kommt dieser merkwürdige Neuling? Und die Antwort auf diese Frage ist fast so merkwürdig wie er selbst. Indem man seiner Herkunft nachforscht, gerät man mitten m eine Gelehrten- und Schriftstellerfamilie, noch dazu in eine jüdische, hinein. In der sich ein wenig umzutun, hat insbesondere in diesem Falle seinen eigentümlichen Reiz. Aus mehrfachen Gründen, aus denen man den auffälligsten nicht namentlich herauszuheben braucht. Man steht Leute von solcher Provenienz nicht oft an kontinentalen Ministertischen. Da ist ein Oertchen bei Halberstadt in der preußischen Provinz Sachsen und dieses Oertchen heißt Derenburg. Darin wohnt ein Mann, Jakob mit Namen, der wandert eines Tages westwärts, nach Frankfurt am Main, Offenbach. Mainz, bis er in letzterer Stadt den Wanderstab niederlegt und sich seine Hütte baut. Es ist so etwa vor der Mitte des achzehnten Jahrhunderts. Er hat eilten Sohn namens Hirsch (Zewi) und dieser schreibt ein hebräisches Dialogschauspiel mit dem Titel „Die Weltbewohner", in dem sich acht Personen über Welt und Leben unterhalten. Jahr der Entstehung 1789, Druckort Ostenbach. Die Nachkommen dieses Hirsch, die, wie er, von ihren Herkunftsorte den Familiennamen Derenburg führen, zerstreuen sich, bis schließlich ein Teil in Paris, ein anderer in Berlin landet. Der Pariser Zweig nennt sich Dörenbourg, der Berliner Dernburg. Aber auf beide erbt sich der gelehrte und dichterische Geist des gemeinsamen Mainzer Aeltervaters Hirsch fort, nur daß er in Paris ein jüdischer Geist bleibt, während er in Berlin sich in einen christlichen verwandelt. Fassen wir zunächst den Pariser Zweig, die Ddrenbourgs, ins Auge. Der Sohn des Hirsch Dernburg heißt Jakob, der in Mainz als Talmudist lebt. Dieser Jakob, der fast noch als Knabe, ein Siebzehnjähriger, in den Ehestand tritt, hat einen Sohn namens Josef und dieser Josef begründet den Gelehrtenruhm der Pariser Dörenbourgs. Er absolviert das Gymnasium in Mainz, studiert an den Universitäten in Gießen und Leipzig orientalische Sprachen und wird Doktor der Philosophie. Dann folgt er als Hauslehrer dem Rufe des Amsterdamer Bankiers Bischoffsheim und begleitet dessen Sohn, seinen Zögling, nach Paris, wo derselbe seine Ausbildung vollenden soll. Josef Dörenbourg erwirbt sich in Paris sehr bald eine vielbeachtete soziale und Gelehrtenstellung. Nachdem seine Erziehungsarbeit an dem jungen Bischoffsheim getan ist, wird er Professor an der Ecole des hautes etudes, Direktor Der Staatsdruckerei für orientalische Schriften, schließlich auch Mitglied der Akademie. Er nimmt eine hervorragende Position innerhalb der Pariser Judengemeinde ein, in deren Vorstand ihm ein Platz eingeräumt wird, -führt das große Wort im Präsidium der Alliance universelle isradlite. Seine schriftstellerische Hinterlassenschaft, da er im Jahre 1894 hochbetagt, ein Bierundachtzigjähriger, in Bad EmS für immer die Augen schließt, macht eine ganze kleine Bibliothek aus, vielgeschätzte gelehrte Schriften über Gegenstände seines engeren orientalischen Gelehrtenbereichs, aber auch solche über allgemeine jüdische Angelegenheiten und Fragen. Er hat ursprünglich nach dem Willen seines Vater- Rabbiner werden sollen und ist nicht blos Akademiker, sondern auch ein Gelehrter von weithin bettender Autorität auf seinem speziellen Arbeitsgebiete, ein „Licht" geworden, dessen Leuchtkraft noch diejenige der Autorität seines Studiengenossen und Freundes Abraham Geiger, des bekannten deutschen Reformrabbiners, überstrahlt. MT Die nächste Nummer erscheint Freitag den 21. Dezember. *vi

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