Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 87 (14.12.1906)
- Date
- 1906-12-14
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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M. 87 Nationalzeitung Seile 5 deshalb auch durchsetzen werde. Trotzdem auch gegnerische Stimmen laut wurden, verlief die Versammlung ruhig und würdevoll, was in erster Reihe wohl der taktvollen und doch energischen Leitung der Verhandlungen, die in den Händen des Herrn Dr. Friedrich Mintz lag, zu danken ist. — Herr Weihbei ger eröffnet im Namen des Vorbereitungskomitees mit einer kurzen Ansprache, und gibt seiner Genugtuung darüber Ausdruck, daß es ihm. dem „alten Zionisten" vergönnt sei. diese Versammlung einzuleiten, was gleichsam beweisen solle, daß es eine „Gegnerschaft" zwischen Zionismus und Territorialismns nicht gebe. Ins Bureau wurden gewählt die Herren: Dr. Friedrich Mintz, Vorsitzender; Dr. Josef Zipser, Stellvertreter; Nathan Zindwer. Protokollführer und für die Presse: Mar Schacherl („Nationalzeitnug"). Hierauf ergreift der Referent Herr Schmidt das Wort. Redner gab eine eingehende, mit genauen Daten, belegte Entwicklungsgeschichte des territorialen Gedankens in den letzten 25 Jahren bis zum vh. Kongreß und wies auf den ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Wiederaufleben' des Chowewe-Zionisrnus und der Spaltung der Partei anläßlich des Uganda-Projektes hin, welche dann die formelle Gründung'der „I. T. O." zur Folge halte. Das mit großem Beifalle anfgenommene Referat hatte den Grundgedanken als Leitmotiv. daß der Territorialismns nicht im Widerspruche zu dem von Herzl propagierten Zionismus stehe, sondern gerade die Fortsetzung und die Wiederanflebung des Herzlischen Zionismus, den heutigen politischen Verhältnissen angepaßt, bedeute. Die Stellen des Referates, welche den Nachweis führten, daß Palästina selbst nach der Auffassung der Verfechter des palästinensischen Gedankens (wie z. B. Professor Marburg) für eine Großkolonisation und demnach für die unaufschiebbar gewordene Lösung der Emigrationsfrage für unabsehbare Zeiten als ungeeignet erscheine, fanden besonderes Interesse. Der mit großem Fleiße ansgearbeitete Vortrag wurde zum Schlüsse, in welchem der Referent auf die Notwendigkeit und Durchführbarkeit der Judenfrage in territorialischem Sinne hinwies und die Versammlung aufforderte, in diesem Sinne mitzuarbeiten, mit allgemeinem Beifalle belohnt und wird in unserer nächsten Freitagsnnmmer. dem vollen Wortlaute nach, veröffentlicht werden.. Sodann verliest Herr S ch a ch e r l die „Botschaft Zangwills an die Wiener Territorialisten". die wir heute an leitender Stelle bringen. Die Diskussion eröffnet Herr Richard Rapp ap o r t. Redner spricht vor allem seine vollste Sympathie für die „Jto" aus und kennzeichnet sie als eine Bewegung, die allen bisherigen Bestrebungen nicht zuwiderlaufe, sondern sie ergänze. In klarer und anschaulicher Weise legt Redner dar, daß jede nationale Volksbewegung, in Sonderheit aber eine jüdisch-nationale Volksbewegung nach drei Richtungen bin arbeiten müsse; l. Politische Gegenwartsarbeit; 2. Sozialökonomische Lösung der Judenfrage: und 3. Die kulturelle Arbeit durch Schaffung eines kulturellen Zentrums. Herr Rappavort führte nun den Nachweis, daß diese dreifache Arbeit miteinander Hand in Hand gehen müsse, um die Judenfrage zu lösen, so weit bei einem lebenden Volke überhaupt 'von einer endgültigen Lösung die Rede sein könne. Zur Lösung der sozialökonomischen Frage sei die „Jto" am geeignetsten, weil sowohl er, als alter Anhänger der Kleinkolonisation in Palästina, wie ja Professor Marburg in seinem jüngsten Vortrage auf dem Standpunkte stehe, daß Palästina aus wirtschaftlichen Gründen für eine Großkolonisation nicht geeignet sei und eine jüdische Masseneinwanderung nach Palästina eine Katastrophe herbeiführen müsse. Aber gerade aus diesem Grunde sei Herrn Professor Marburg seitens der Jto, Unrecht geschehen, als er in einem, dem Redner sehr nahestehenden Blatte angegriffen wurde, da ja gerade die Ausführungen Prof. Marburgs für die Jto sprechen. Andererseits ist Redner der Ansicht, daß das kulturelle Zentrum des Judentums nur Palästina sein könne und auch bleiben müsse. „Nicht so sehr wegen der Schätze, welche oberhalb des palästinischen Bodens zu finden sind, als vielmehr wegen der Schätze, weche unter* dem Boden ruhen." Die ..Jto" sei auf dem bestell Wege, sie ist eine Bewegung, der jeder ehrliche Jude zustimmen muß; die terrttorialistische Bewegung liegt in reinen Händen, sie wird von ehrlichen Männern geleitet. deren Urteil man sich beugen muß. — Die fein pointierten, gehaltvollen Ausführungen des Redners fanden stürmischen Beifall. Hierauf folgte eine oppositionelle Rede eines Herrn Mack, der mit alten verbrauchten Argumenten die Ausführungen des Referenten widerlegen will, jedoch selbst bet den eigenen Parteifreunden, keinen Anklang findet. — Lebhaft akklamiert ergreift Herr Dr. Alexander Mintz, der Vizepräsident der „Oesterreichisch-israelitischen Union", das Wort. Redner zollt dem Referenten Herrn Schmidt seine Anerkennung für das sachliche Referat, und identifiziert sich zum großen Teile mit den Ausführungen des Herrn Nappaport. Das Bestreben der „Jto" sei unter allen Umständen dankenswert, „diese reale Bewegung hat sich hohe Ideale gestellt, und es ist geradezu verbrecherisch. mit Nörgeleien zu kommen". Das Elend ist so groß, daß man immer neue Wege suchen müsse, das jüdische Volk aus seiner Schmach und Not herausführen." .Redner sagt noch von Zangwill: ..Er ist ein Mann mit großangelegter Natur, voll Begeisterung mit uns und für uns zu arbeiten." Er ist überzeugt, daß die Manen des unvergeßlichen Theodor Herzls, das alles gutheißen würden, wie denn der Territorialismns überhaupt, das politische Testament Herzls getreulich perwalte. „Die Liebe zu Palästina, als jüdischem Kulturzentrum, hingegen, wird nie in uns ersterben." — Minutenlanger Applaus lohnte die vornehm-sachlichen Ausführungen des Redners: die glänzende Rhetorik, die feine Dialektik und die Wärme des'Vortrages, verliehen den Worten des Herrn Dr. Alexander Mintz eine starke Wirkung. - Auf Antrag Nebenzahls wird zur Abstimmung der Resolution geschritten. Herr Dr. . Friedrich Mintz ennnciert die fast einhellige Annahme. Die Resolution lautet: ..Nach Anhörung des Referates stimmt die heute im Hotel „Post" abgehaltene Versammlung, durchdrungen von der Notwendigkeit des Territorialismus als Lösung der sozialen Frage des Judentums, der Gründung eines territorialistischen Zentralverbandes für Wien und Oesterreich zu. und entsendet zu diesem Zwecke ein noch heute zu wählendes Komitee, welchem auch die Erledigung der bezüglichen Statuten obliegt." .In das Komitee werden per Akklamation gewählt die Herren: Dr. Friedrich Mintz, Richard Rapvaport. Dr.Zipser. Dr.Rybaczewskh. Dr. Wilhelm Klein. Redakteur Jakob Krauß, Ingenieur L ö w e n b e i n, M. S ch m i d t. Weißberger. Nathan Zindwer und Dr. S. K r e ub e r g e r, als Präsident des Fiiufhauser Bürgervereines der..Jto". Es sprechen noch die Herren Ingenieur Löwenbein und Nebenz ahl, die beide die Ausführungen der Herren Rapvaport und Dr. Mintz als den Weg zu einer Einigung hervorheben: Herr Löwenbein schließt sich Herrn R a p p a p o r t, wie friiher im „Jüdischen Volksverein", auch heute ganz an. Herr Neben zahl erörtert die soziale Seite des Territorialismus. Herr Redakteur Krausz konstatiert zunächst ynknüpfend an die Ausführungen des Herrn Nappaport, daß es ihm ferngelegen sei. Herrn Professor Wartburg persönlich.oder dieBestrebungen des „städtischen Kolonialvereines" anzngreifen. daß er sich jedoch verpflichtet gefühlt habe, die Art, mit welcher Herr Professor Wartburg in seinem Vortrage die Jto abtun wollte, ohne daß dem Territorialisten die Möglichkeit einer Abwehr gegeben worden wäre, zurückzuweisen. Im weiteren Verlaufe seiner Rede findet Herr Krausz daß einem Faktor der jüdischen Bewegung auch hier zu wenig Beachtung geschenkt werde. Es sind dies die nationalreligiösen Juden: Mit Unrecht werfe man ihnen vor. daß sie sich an die „Chaluka" halten, denn ganz im Gegenteile: sie erstreben eine gründliche Reformierung der „Chaluka" - Zangwill hat sich der Erkenntnis nicht verschlossen, daß die aktive Teilnahme dieser Gruppe an der Bewegung. von großer Bedeutung ist. — Redner stellt schließlich den Antrag, das Komitee durch die demnächst zu nominierenden Delegierten dieser Gruppe, zu erweitern. — Herr C z i p k i n („Poale Zion"), spricht als jüdischer Proletarier und sieht in der Mithilfe des Kapitals weit eher den Rückschritt. Allerdings scheint dieser bei der „Jto" zutreffende Umstand beut Redner zu genügen, um den Territorialismus flink abzutun. Der vorgerückten Nachtstunde wegen — es ist bereits 1 Uhr — kann der Referent nicht zum Schlußworte gelangen. Herr Dr. Friedrich Mintz schließt die Versammlung. Wie schon einleitend erwähnt, kann die Wiener „Jto" mit dieser Versammlung vollauf zufrieden sein. Es war der glänzende Erfolg einer stillen, zielbewußten Arbeit, einer Arbeit, die gerade auf dem sounfruchtbaren Wiener Boden nicht hoch genug veranschlagt werden kann. Es war der Erfolg einer ernsten Politik. Nach Schluß der Versammlung sandte das Komitee an Israel Zangwill ein Begrüßungstelegrannn. Es waren anwesend: Ein großer Teil der Mitglieder der „T h e o l o g i a". Herr Dr. Kadis ch („Jüdische Vereinigung"). Herr Dr. Nathan Birnbaum („Neue Zeitung"), für den Verein „Erez Israel" der Präsident Herr W o l f s h a u t, ferner die Vertreter verschiedener Korporationen- Entschuldigungsschreiben sandten: Herr Gemeinderat Dr. Oskar Hein, der infolge der Budgetsitzung des Gemeinderates nicht erscheinen kann, und seine vollste Sympathie und Zustimmung mit den Bestrebungen der , Jto" ausspricht. Desgleichen Herr kais. Rat W lhelm P o l l a ck. der in Erledigung einer unaufschiebbaren Angelegenheit fernbleiben muß. Der Sekretär der „Oesterr. israel. Union" Herr Fleischer ließ sich mündlich entschuldigen. M. Scha. Gründung jüdischer Schulen. Ueber dieses Thema veranstaltete der Prager „Jüdische Volksverein" eine öffentliche Di-skuision. Das Referat hiezu erstattete Herr Philipp Lebenhart. Der Referent kam auf Grund des gesammelten Materiales zu dem Schluffe, daß die heutige öffentliche Schule keine Juden aufziehe, da sie in unserem Reiche eigentlich katholisch sei, indem das Kind weder Sabbatnoch Feiertagsruhe kenne, an diesen Tagen alle Tätigkeiten in der Schule verrieten müsse, die dem jüdischen Kittde verboten sind. Im Gegenteile lernt das jüdische Kind nur die katholischen Feiertage kennen, überdies in den zwei Stunden,. die im günstigsten Falle für den Religionsunterricht vorgeschrieben sind,-unmöglich das erlernen könne, was für den Juden unumgänglich zu wissen notwendig ist, er für die Errichtung einer konfessionellen Schule vorläufig mit 20—30 Schülern in Prag sei. Er verlangte auch die Einberufung einer großen öffentlichen Volksversaunnlung, in der hierüber debattiert werden solle. Unsere Delegierten anerkannten einstimmig die Unzulässigkeit des jüdischen Religionsunterrichtes, der durch die Auslassung der konfessionellen Schulen einen harten unheilbaren Schlag erlitten, konnten sich jedoch im allgemeinen nicht im Prinzipe für die vom Referenten beantragte konfessionelle Schule begeistern, da erstens eine solche absolut nicht der öffentlichen Schule nachstehen darf, sie müsse auf der höchsten Stufe der fünfklassigen Schule stehen, ja noch mehr leisten müßte; sie darf daher nicht minderklassig als diese sein, sie müßte nebst den obligaten Fächern auch noch eine größere Stundenanzahl für den hebräischen Unterricht ausweisen. Um dies zu können, müsse erst ein genügendes Grundkapital für die Erhaltung da sein, ferner das nötige Lehrermaterial, woran es heute besonders fehle, ferner müsse der jüdische Geist bei den Eltern geweckt werden, die ihre Kinder lieber in Ordens-, Kloster- und protestantische Schulen schicken, als sie einer jüdischkonfessionellen Schule anvertrauen, und wenn diese eine Musterschule wäre. Herr Mautner, Ausschußmitglied des Golksveremes, machte auch diese Einwendungen zu den seinigen und beantragte, sofort zur Gründung eines jüdischen Schulvereines zu schreiten, unr das nötige Geld aufzubringen, was auch angenommen wurde und bat, die jüdischen Lehrer mögen Mitwirken, recht viele Mitglieder für den Schutverein zu werben, da man die Gemeinden subventionieren könne, um die Stundenzahl des Religionsunterrichtes zu vergrößern. _ Epilog M den Kultuswahten. Die eben zu Ende geführten Kultuswahlen aus der allgemeinen Kurie haben eine ganz merkwürdige Begleiterscheinung gezeitigt: Gruppen, welche zufolge ihrer ganzen Richtung eigentliche Kultusparteien sind, aber infolge ihres religiösen SS K. Mitteibach SS Wien, I.. Bober markt Dr. * (Palais Tina) Zentrum der Stadt Soda-Pastillen. Dieselben sind für Personen. welche anMaaenbeschwerden. tlebelkeiten. Sodbrennen. Ausstößen re. leiden, unentb ehrlich. f* Preis vor Schachtel SV Heller.