Mannheim
Compact Memory

Nationalzeitung · 1906-12-14 · Heft 87 (14.12.1906) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 87 (14.12.1906)
Date
1906-12-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2429839-2429840-2429926--622-2430754
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 87 Nationalzeitung Seite 3 andererseits religiöse und Trntz-Juden. Erstere predigen die Abstinenz vom allgemeinen bürgerlichen Leben und jüdische nationale Abschließnng, letztere üben teils loyal-gefügige, teils desparatschreierisch die Kontrolle, inwieweit die Juden ihrer Gleichberechtigung teilhaftig werden. Dabei ergibt sich öfters Antagonie. So ersuchte die Deputation einer jüdischen Verbindung einst den R ktor der Wiener Universität um das Recht in, Mützen zu erscheinen, was ja jedem Studenten zusteht. Der Rektor' sagte fast ja, als eine andere noch jüdischere Studentendeputation erschien und den Rektor zum Verbot des Mützen- Iragens an die betreffende Verbindung veranlagte. Und später entwickelte sich die Tradition voil dem bösen Antisemiten (tartius Aauäans), der die armen Inden in ihren Rechten verkürzt hat. Jll jüngster Zeit ist man nach ungeschicktem Hiil- und Herkreuzen endlich in den richtigen Kurs gekommen. Innerlich schon seit längerer Zeit durch das sogenannte Kultnsgemeindeprogramm, äußerlich durch die Versuche, bei der Wahlreform auch für die jüdische Nationalität Zugeständnisse zu erlallgen, ferner durch das Auftreten des „Wilden" Dr. Straucher im Abgeordnetenhause. * Einen Markstein in der Geschichte der nationalen Bestrebungen der Juden in Oesterreich bildet die Rede des genannten Abgeordneten in der Junisession der österreichischen Delegation, wo unter anderem der gewesene Kriegsminister über die Berücksichtigung der jüdischen Nationalität bei der Anstellung von Militärtierärzten Rechenschaft geben muffte. Bei diesen Anlässen ist man freilich llicht mit dem Füllhorn alles Guten den Inden entgegengekommen, aber es zeigte sich soviel Ge-; rechtigkeit und Mäßigung, daß einer jüdischnationalen Bewegung, die ihr politisches Ziel in einem „Israel chez le nations“, Israel als Nation unter den anderen Nationen Oesterreichs, erblickt, eine schöne Zukunft in Aussicht steht. Dem Zionismus würde eine derartige wohlorganisierte Bewegung nicht nur nicht entgegenstehen, sondern direkt eine Ausführung der Punkte 2 und 3 des Zusatzes zum Baseler . Programm bedeuten. Aus 'diesem -Grunde ist auch der zionistische Landesverband bisher der Träger der ausaeführteu Ideen gewesen, während .die Rechtsschutz- und Abwehraktionen von Verbänden ausgingen, die leider mit den nationalen Gruppen sich nicht geeint haben. Bei einem Volke, das noch vor zwei Jahrzehnten . selbst mit Eifer an seiner eigenen Zersetzung . gearbeitet hat, ist es leicht erklärlich, daß eine stramme Gesamtorganisation noch nicht gedeihen konnte, aber schon ragen aus dem Meere von Ansichten und Ideen die zwei großen Felsen der Zukunft empor, das Judentum als anerkannte Nation im Bunde der Völker Oester reichs und das von der Masse des jüdischen Volkes der ganzen Erde geschaffene neue Judäa auf dem historischen Boden des Volkes. Unsere Geneneration muß dieser Zukunft mit aller Kraft entgegenarbeiten, aber jenem näherliegenden Ziele vor allem unsere Kraft zu widmen, dürfen wir nicht zögern. Hanna Fischl. Aus der territonalistischen Gewegullg. Jto in Budapest. Auf Initiative des Generaldirektors der Ungarischen Kreditbank und Mitgliedes des ungarischen Magnatenhauses, Herrn Siegmund Kornfeld, fand vorige Woche in Budapest die erste Konferenz der Territorialisten zwecks Gründung eines terrikorialistischen Zentralvereines für Ungarn Es wurde ein Komitee eingesetzt, beut die Agitation in Budapest und ganz Ungarn obliegt. Der Bewegung, zu deren Führern auch der flrofeffor an der Landesrabbinerschüle, Doktor udwig Blau gehört, haben sich bereits viele hervorragende Männer des jüdischen öffentlichen Lebens angeschloffen. London. Ende vorigen Monates veranstalteten dte Territorialisten von Bristol eine Massenversammlung, in welcher nach einem mit Beifalle aufgenommenen Referate des Herrn S p i e l m a n n, und nach Durchführung einer langen, und lebhaftett Debatte folgende Resolution einstimmig angenommen wurde: „Die öffentliche Versammlung der jüdischen Bewohner von Bristol vereinigen sich einmütig in dem Programme der Jto und anerkennen die Notwendigkeit, daß alle Kräfte aufgeboten werden müssen, um die territorialistische Bewegung in die breitesten Schichten des Volkes zu tragen." . London, 2. Dezember. Der bekannte Philantrop Jakob H. Schiff in New-Aork hat an Jsreal Zangwill in London, den Präsidenten der Jewish Territorial Organisation, einen Brief gerichtet, in dem er die Förderung der jüdischeil Einwanderung in die Südstaaten uub die Schaffung billiger Fahrtgelegenheiten nach den Häfen des Südens, durch Gewährung von Prämien an Schiffahrtsgesellschaften, warm befürwortet. Die in erster Reihe für eine Einwanderung in Betracht kommenden Häfen des Südens sind: Charleston, Savannah, New Orleans, Galveston. Nach den beiden zuletzt genannten Häfen gibt es von Deutschland bekanntlich bereits regelmäßige Dampifchiffsverbindungen, die auch für den Transport von Auswanderern eingerichtet sind, tvährend die Expeditionetr nach Charleston und Savannah noch unregelmäßig sind, und nur dann veranstaltet werden, wenn eine genügende Beteiligung vorhanden ist._ AvsWauderungsangelegenheiten. Washington. (Statistisches.) Laut dem jüngsten statistischen Ausweise des Departements für Handel und Arbeit, dessen Chef bekanntlich jetzt Oskar S. Straus ist, ist die Einwanderung in die Vereinigten Staaten in stetem Anwachsen begriffen. In den letzten sechs Monaten, welche mit Ende Oktober d. I. schließen, landeten 632.137 Einwanderer in amerikanischen Häfen, während in derselben Periode im Jahre 1904 bloß 442.685 Personen eingewandert waren. Die Steigerung beträgt also 45%. Die Einwanderung aus Rußland beträgt, was diese zwei Zeitabschnitte betrifft, 56%, indem während der bezeichneten sechs Monate des laufenden Zeitabschnittes aus Rußland allein 142.740 Einwanderer kamen, während im Jahre 1904 innerhalb derselben Zeit bloß 91.574 russische Ankömmlinge zu verzeichnen waren. Einwanderungs-Kommissär Wat-, chorn Über das amerikanische Einwanderungsgesetz. Einer Einladung der „Federation der jüdischen Organisationen im Staate New-Aork" folgend, erschien der Ein-- wanderungskommiffär von Ellis Island, Mr. Robert Watchorn in einer von der genannten Federation veranstalteten Versammlung, bereu einziger Gegenstand die Diskussion über die Einwanderungsfrage war. In der Versammlung waren Delegierte von 350 jüdischen Organisationen, welche dem Verbände angehören, anwesend. Mr. Watchorn erklärte zunächst, daß eine milde Aenderung des bestehenden Einwanderungsgesetzes unerläßlich sei, doch sei er ein Gegner des ' von G a r d i n e r ausgearbeiteten fremdenfeindlichen Gesetzentwurfes, welcher dem Kongresse in der nächsten Session zur Beratung vorgelegt werden soll. In manchen Punkten wäre eine Verbesserung des Gesetzes jedoch sehr erwünscht. So müßte z. B. über diejenigen Schiffgesellschaften, welche Passagiere befördern, deren' Zurückweisung fast sicher' anzunehmen war, eine größere und streng durchzuführende Strafe verhängt werdett. Die ärztliche Untersuchung, welche seitens der Schlffsgesellschäften bei der Einschiffung vorgenommen wird, erstreckt sich heute nur darauf, ob der Einwanderer nicht mit einer ansteckenden Krankheit behaftet ist. Es gibt jedoch viele Fälle, in denen der Einwanderer wohl ftei von ansteckenden Krankheiten ist, aber dennoch aus vielen anderen Gründen gleich nach seiner Ankunft in Ellis Island zweifellos zur Deportation verurteilt werden müsse. Um nun die Schiffsgesellschaften zur größeren Umsicht zu zwingen und gleichzeitig dem Einwanderer vollen Rechtsschutz zu sichern, sei nach Ansicht W a t ch o r n s die Schiffsgesellschaft in solch eklatanten Fällen uichj nur zur freien Rückbeförderung des deportierten Einwanderers, sondern auch zur völligen Schadloshaltung und Vergütung der Hinfahrtsspesen zu verhalten. Kommissär Watchorn vertrat die Ansicht, daß das Einwanderungsdepartement bei Schaffung des Gesetzes zu nachsichtig voraegangen sei, indem es Leuten die Landung gestattete, bei denen die Fähigkeit, sich selbst zu erhallen sehr zweifelhaft ist. Er versicherte, daß sehr viele Deportationen nur aus dem Grunde erfolgen, weil die Freunde und Verwandten des Einwanderers nicht dafür sorgten, daß er bei Gründung einer Existenz die nötige Unterstützung erhalte, um nicht der öffentlichen Wohltätigkett zur Last zu fallen. Der Einwanderer arbeitet in solchen Fällen unmittelbar nach seiner Ankunft unter den ungünstigsten Verhältnissen und ist auf den Rat und die Unterweisung seiner Freunde und Verwandten angewiesen. Bleiben diese aus, so muß er sich in kürzester Zeit an öffentliche Wohltätigkeit tuenden. Zur Illustrierung seiner Behauptung macht Watchorn die Mitteilung, daß im letzten Monate allein über 100 solche Personen vom Einwanderungsamte deportiert werden mußten, die von Wohltätigkeitsanstalten empfohlen tvurden und bei denen es sich als zweifellos herausgestellt hatte, daß sie der Oeffentlichkeit zur Last fallen müßten. Der ausschließlich Schuldtragende an einer solchen Deportation ist in der Regel der Freund oder Vertvaudte, der sich nicht aüfzuraffen vermochte, dem Einwanderer die helfende Hand zu reichen. London. Der Washingtoner Korrespondent der „Morningpost" macht die interessante Mitteilung, daß die amerikanische Regierung im vorigen Jahre bei verschiedenen europäischen Regierungen sondiert habe, ob sie einer Einladung zur Abhaltung einer internationalen Konferenz zum Zwecke der Einwanderungsfrage Folge leisten würden. — Aus verschiedenen Gründen sei diese im Vorjahre angeregte Konferenz nicht zustande gekomnren, doch soll diese Idee demnächst wieder ausgenommen werden. — Dem vorschwebenden Plane zufolge, wird die Schaffung eines Einwanderungs-Zentralbureaus angeregt, dem alle diejenigen Mächte, welche sich dieser Entente anschließen würden, ihre Wünsche, betreffend der Aufnahme uno Verteilung der Einwanderer sowie ihren Bedarf an Arbeitern u. s. w. zu unterbreiten hätten. Diese Nachfragen nach Arbeitskräften oder nach Arbeitsgelegenheiten würden dann im Wege der Signatarmächte ihren eigenen Nationen bekanntgegeben werden. Durch eine solche Regelung der Arbeiterfrage in den Einwanderungsstaaten würde dann nur solchen Arbeitern die Einwanderung gestaltet werden, welche sofort nach ihrer Ankunft in Arbeit treten könnten. — Mlt Recht bemerkt „Jewish Chronicle" zu dieser Meldung, viel wichtiger als die Regelung der E i n w a n d e r u n cp fei die Regelung der Auswanderung. Tatsache bleibt es, daß die russischen Juden hauptsächlich wegen der unglücklichen Lage, in welcher sie sich in Rußland befinden und aus Angst, jeden Augenblick massakriert zu werden, die Flucht ergreifen. Bevor nun die Mächte an die Regelung der Bedingungen des Exodus dieser Juden schreiten, wäre es doch viel angezeigter, daß sie auf die russische Regierung einen Druck ausüben, damit sie die Juden zu gleichberechtigten Menschen mit den übrigen machen. Würde man die Ursachen unterdrücken, welche zur Flucht von Hunderttausenden führen, so müßte man nicht über Präventivmaßregeln gegen eine Maffenemigration beraten, welche zweifellos ihre Gefahren haben. Kleine Mitteilungen. Durch die Tageszeitungen ging die Nachricht, daß in Preußen neue Erschwerungen für den Durchzug russischer Emigranten durch ministerielle Verordnungen eingeführt worden feien. Diese Nachricht entspricht nicht den Tatsachen. Andere Durchzugserschiverungen als in. den früheren Ausgaben des Korrespondenzblattes enthalten sind, sind nicht erlassen worden. Dagegen scheinen die Grenzbehörden darauf hingewiesen worden zu sein, mehr als bisher darauf zu achten, daß nicht mittel- und paßlose Russen sich in Preußen seßhaft machen. — Ein Berliner Bureau verbreitet in russischen und polnischen Blättern die Nachricht, daß der Bade- und Desinfeklionszwang für russische Auswanderer an der preußisch-russischen Grenze aufgehoben sei. Diese Nachricht entspricht bis jetzt nicht" den Tatsachen. Richtig ist dagegen, daß die Schiffahrtsgesellschaften in dankenswerter Weise um Aushebung des Bade- und Desinfektionszwanges bei der preußischett Regierung eingekommen sind, und es steht zu erwarten, daß die Aufhebung durch- S: wird. Wir betonen aber, um Unserer vor Weitläufigkeiten zu schützen, daß dies bis jetzt noch nicht geschehen ist. Mit dem Wegfall des Erfordernisses, daß russische Auswanderer an der preußischen Grenze gebadet werden und ihr Gepäck desinfiziert werden muß, tritt eine erhebliche Erleichterung des Grenzüberganges ei», aber es fallen natürlich nicht, wie in russischen Zeitungen zu. lesen war, die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.