Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 87 (14.12.1906)
- Date
- 1906-12-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nationalzeitung Nr- 87 Arbeit durch den Federstrich Irgend eines misteriösen Messias getan werden könne. Dr. HerZl schrieb in seinem Judenstaat: „Sollen wir nach Argentinien oder nach Palästina, gehen?" Aber diese beiden Länder haben bereits ihre Herrscher und ich beftirchte, daß eine offene Frage bezüglich Argentinien denselben Effekt hätte, den die offene Frage bezüglich Palästinas gehabt hat. Ich habe den Weg vorgezeichnet, auf welchem ein Territorium zu erlangen sein wird, nachdem unser Conseil den für das Experiment geeignetsten Platz bestimmt haben wird; aber das Experiment wird nicht leichter gemacht durch die Notwendigkeit dieser öffentlichen Erklärungen. Besäße» die Inden noch irgend welchen politischen Instinkt, so würden sie nicht von mir erwarten, daß ich Diplomatie auf dem Hausdache treibe. Ein richtiges Verständnis für die jüdische Lage mag ja tatsächlich in den Schwachen den Pessimismus erwecken, aber den Starken wird es zum Optimismus führen, sobald er sich des Weges bewußt wird, in welchen er seine Kraft für ein schweres, aber nicht unmögliches Ziel zu lenken hat. Ich habe mit Absicht das Minimum unserer Aussichten betont, weil ich weiß, daß es für unser Volk, das 18 Jahrhunderte lang ein Traumleben geftihrt hat, besser ist, den Tatsachen des Lebens gegenübergestellt zu werden. Wir müssen jetzt in die Periode der Realpolitik eintreten und Sie können Ihrer Versammlung sagen, daß die Jto die Absicht hat, in kurzer Zeit ihre Tätigkeit zu erweitern, indem es das jüdische Problem an allen den Punkten, in welchen die Anwendung einer politischen Konzeption zu einem gedeihlichen Erfolge zu führen vermag, zu erfassen. Ohne auch nur einen Augenblick das Augenmerk von dem Hauptgegenstande, d. h. der Schaffung eines Territoriums auf antonomistischer Basis für diejenigen Juden, welche in ihrem gegenwärtigen Wohnorte nicht bleiben können oder bleiben wollen, zu verlieren, wird die Jto sich zu einem Zentralpunkte für die jüdische Politik als Ganzes erweitern und auf diese Weise in der Lage sein, sich mit allen jenen zeitgenössischen Schwierigkeiten zu beschäftigen, welche selbst durch die Schaffung eines Judenstaates nicht gelöst werden könnten. Ihr aufrichtiger Israel Z a n g w i l l. AWneitz oder Kontrolle? (Zur Stellungnahme der Jüdisch-Nationalen in Oesterreich.) Zum größeren Teile haben die Jüdisch' Nationalen das Richtige getroffen, wenn sie für sich die nationale Abscheidung postuliert haben, die reinliche Trennung von den Andersnationalen, ein Problem, für welches der nationale Kampf zwischen Tschechen und Deutschen das klassische Muster bietet. Die Allzuradikalen dieser Richtung haben dabei abermals sehr wichtiges vergessen, was sie in der Theorie gewiß anerkennen werden, was aber in der Praxis nicht geübt wird. Die nationale Abscheidung der Juden ist in Oesterreich tatsächlich nur bis zu einem gewissen Grade, nur - in gewissen Beziehungen durchführbar. Etwa Zusammenfassung in den Kultusverbänden, in Vereinen jeglicher Hinsicht und ini Suchen des Anschlusses unter Gleichnationalen in sozialer, wirtschaftlicher und politischer Richtung. Nachdem anderseits prinzipiell nur von den antisemitisch gesinnten Teilen der Andersnationalen ein Ausschluß der Juden vom Lebern der Gesamtheit erstrebt wird und nicht zu leugnen ist, daß die Juden mit der Bevölkerung, unter der sie zerstreut leben, zahlreiche Beziehungen jeglicher Natur haben, welche Gemeinsamkeit der Interessen ergeben, so muß man zu dem Schluffe kommen, daß das jüdischnationale Postulat der Abschließung einer Ergänzung bedarf, die auf bestehende Verhältnisse Rücksicht nehmen und dadurch das Judentum vor gewissen Nachteilen bewahren muß. Es ist hier daran gedacht, das; die einseitige Abstinenz vom allgemeinen politischen und sozialen Leben, hervorgerufen durch die bösen Erfahrungen, die die Inden als ..Mitbürger" gemacht haben, sehr leicht dazu führen kann, nnsinnigerweise gewisse Rechte und Ansprüche aufzugeben, die den Juden vermöge ihrer obligaten und freiwilligen Beitragsleistungen für das Gemeinwohl zustehen. Das Schlagwort für erstere ist „Steuern", für letztere „Wohltätigkeit" . Die jüdisch-nationale Auffassung perhorresziert zwar die Abwehr-, die Rechtschntzaktionen, das Pochen auf zustehende Rechte, aber es steckt da mehr Energielosigkeit als Prinzip dahinter. Ad 1) Die jüdischen Staatsbürger haben in Oesterreich an direkten und indirekten Stenen sowie an Militärverpflichtungen und sonstigen öffentlichen Verpflichtungen genau so viel, und wollte man es wagen, aus den Geheimnissen der Steuerkommissionen zu plaudern, mehr beizutragen als die übrigen Staatsbürger. träume vertrösten, während das Schwert des Todes über ihren zitternden Häuptern drohend blitzt? „Meine Geschöpfe tauchen im Meere unter, und Ihr stimmt Loblieder an" — so sprach Gott zu Moses beim Durchzug durch das Rote Meer. Unsere Brüder ertrinken in einem Meere von Blut und Leiden — und wir sollen uns mit dem Anstimmen sehnsuchtsvoller Zionslieder begnügen? Leiden und Blut! Wißt Ihr, was das bedeutet? Habt Ihr es begriffen? Und könnt Ihr es ertragen? Schwanden Euch Eure Sinne nicht bei diesem Gedanken? Ach, Brüder! Könnt Ihr Euch einen Pogrom vorstellen? Könnt Ihr Euch den Vater vorstellen, der zusehen muß, wie seine Kinder in Stücke gerissen werden und seine Frau geschändet wird? — Und wißt Ihr, was wohl noch schlimmer ist als ein Pogrom? Das ist die ewige Angst vor diesem. In jedem leisesten Geräusch die nahenden Schritte der Pogrommacher zu vermuten — das ist ein Leben, das schlimmer ist als der Tod.. . Und wenn diese Unglücklichsten diesem Todesleben zu entrinnen suchen, dann werden sie von Land zu Land gejagt, ruhe- und heimatlos umhergetxieben... Gott! Sollen, dürfen und können wir dabei untätig bleiben!? Den bittersten Spott haben wir über die »Zivilisation des 20. Jahrhunderts" ausgegossen; mit der „Philantropie der Glaubensgenossen" sind wir scharf ins Gericht gegangen, nun. was tuen wir? wir — die Kinder des Volkes, die Männer des Kampfes um die nationale Freiheit und Wiedergeburt, die Träger und Verkündet der jüdischen RenaiWÄ! Müßten wir nicht alles, alles tun, um unseren unglücklichen, wandernden, kraft- und ruhelosen Brüdern und Schwestern eine Ruhestätte zu verschaffen!? Müßten w i r, die Volkskinder, nicht zu allererst die Leiden und das Elend und die Not und die unsäglichen Martern und Qualen des Volkes empfinden, sie am tiefsten empfinden, und am aufopferungsvollsten für die Linderung dieser Leiden und Martern arbeiten!?- O, diese unglückselige „Dnrchgeistigung", die das Volk zugrunde gehen läßt! Der Zionismus habe nur „ideale Ziele" zu verfolgen; er brauche nicht den In den Hilfe in der Not zu bringen, sondern das Judentum zu retten; er sei keine ökonomisch-politische Bewegung, sondern eine ethisch-kulturelle...! Golus! Golus l Selbstmörderische Verstarrtheit! Was sprecht Ihr da von „Ideal"? Ist Euch Judenblut nicht „Ideal" genug!? Wir lieben „das" Land und die Steine und die Berge und die Täler — aber, Brüder, sind uns Judenschädel weniger teuer als die Steine? Kann uns der Jordanstrom die Ströme des vergossenen Judenblutes vergessen machen!? Jahr um Jahr, am 9. Ab, saßen sie, unsere Vorfahren, und weinten bitterlich —- über die Zerstörung des heiligen Tempels und Altars — nicht aber über die Zerstörung des Volkes... So weinten sie, unsere Vorfahren. Wir aber kamen und schufen die Renaissance. Das Volk wollten wir aufrichten. Aber, siehe! Das GoluS ist in die Renaissance eingedrungen, die Vorfahren haben ihre Nachkommen besiegt. Um der Erde willen vergessen wir das Volk. Welches von ihnen ist Ziel und welches Mittel? Unsere „Renaissance" .statt «die Werte umzüwerten", hat nur eine neue Form hem alten' Dogimr - jjegefö — - ~ Renaissance. —- Nun sind dem gegenüber die Inden in Oesterreich politisch eigentlich am besten daran, man kann sagen von allen Juden der Welt. Dem Perzentsatze, den Gesetzen, der Statistik entsprechend, wird den Juden an Ehren, politischen Rechten als nationale und religiöse Gemeinschaft, Beamten und Offiziersstellen, sowie was Entgegenkommen der Behörden betrifft, so ziemlich genug von Staate entgegengebcacht, wenn man bedenkt, daß politische Unbilden auch andere Völker im Staate zu erleiden haben. Anders verhält es sich dagegen mit dem, was der Staat und seine Organe sowie den öffentlichen Vertretungskörper in materieller Hiusicht den Staatsbürgern sowie den religiösen und nationalen Verbänden zu leisten in der Lage i^t. Beamtenstellen können Inden noch beim Staate, wenn es gut geht, bei den Verlvaltungen von Ländern und Gemeinden mit zahlreicher jüdischer Bevölkerung, ferner bei den großen Eisenbahn-, Bank- und Jndustrieunternehmungen erhalten, aber die Ungerechtigkeit ist hier groß. Hier heißt es nicht „mit dem Hut in der Hand" sondern „mit dem Taufschein in der Hand". Nun gibt es zwei Auffassungen. Die Praxis sagt: Gleichberechtigung aller — und stellt keine Juden an. Die Theorie sagt: Gerechte Verteilung der Stetten nach dem Perzentsatze der Nationalität. Selbst wenn wir auf diesen Reformantisemitisinus eingehen wollen, stimmt die Rechnung noch immer nicht. Der Jude, der dem Pöbel als der Typus des Schwindlers gilt, wird eben überall um sein gutes Recht beschwindelt. Keinem Juden verweigert es der Staat, auf eigene Kosten den goldgestickten Frack des Franz-JojSfsordens, das Portepee des Reserveoffiziers zn tragen, aber eine Kanzlistenstelle mit 90 Kronen monatlich bei der Loltogesällsdirektion dürfte ein Jude wohl kaum bekommen. Unsere Kutruseinrichtungen genießen alle Achtung seitens Staat und Gemeinde; während dagegen aus den Steuern nichtjüdische Kulte reichlich subventioniert werden, geht die jüdische Religionsgenossenschaft leer aus.' Die öffentlichen Versorgungsanstalten, Stiftungen rc. sind für die Juden überhaupt nicht da. Wie weit die Juden hier benachteiligt werden, darüber ließe sich ein Buch schreiben. ad 2.) Weitaus mehr beschwindelt als dort werden die Juden auf -dem Gebiete der privaten Wohlfahrtspflege. Hier, wo ein Zwang zur Leistung nicht existiert, könnten die Juden auf die primitivste Art Remedur schaffen, wenn sie die Beitragsleistung der Verwendung entsprechend regulieren würden. Das geschieht jedoch nicht, und wenn Parität geübt wird, so geht sie von Behörden oder nichtjüdischen gerechten Personen aus. Wollte man das aufdringliche und protzige Auftreten gewisser jüdischer Kreise in einer gewissen Richtung der Wohltätigkeit charakterisiere;,, so müßte man in den Ton antisemitischer Skribenten verfallen und würde dabei gar kein Unrecht tun. Die Betrachtung, wie von jüdischer Seite die Wohltätigkeit geübt wird, gehört nicht hieher. Es sott nur konstatiert werden, daß Juden enorme Summen für Institutionen hergeben, welche Juden gar nicht oder in nur geringem Maße zugute kommen. Wer kennt nicht den braven „Deutschen Schulverein", für! den der Papa Israelit zahlen darf, während der Jude Sohn in die äkademlsche Ortsgruppe nicht ausgenommen wird, und dessen subventionierte Anstalten Pflanzstätten antisemitischer Jünglinge sind! In den kurz charakterisierten beiden Richtungen ergäbe sich für einen jüdischen Nationalrat, für eine jüdische Beioegung, die stolz und kraftvoll den Besitz schwer erkämpfter Rechte nijd Errungenschaften behaupten wollte, ein großes und Aussicht auf Erfolg bietendes Arbeitsfeld. Was die jüdischnationalen bisher geleistet haben —. davon abgesehen, was positiv-zionistisches Wirken war — erinnert lebhaft an das bekannte Abzählen der Rockknöpfe: Soll ich (politischer Zionist)—Soll ich (Jtöist) — Soll ich nicht (territoriale Zentralisation der österreichischen Juden) — Soll ich nicht (Eroberung der Kultusgemeinden)? Das ist gewiß alles in ernste Disknsslon zu ziehen, aber frivol und offensichtlich aus Rußland etc. importiert ist die Politik der Verbitterung, die dq sagt kol hevel! Gleichberechtigung, Gesetzesschutz. Patriotismus, das ist alle? für die Katz! Eine ernste politische Bewegung darf sich nicht auf Perfammlungey, Hetzreden und Brandmittel beschränken. Dabei sind wjr in OMrreich. gar nicht einmal so weit, eine organisiert^ jüdisch-.llatlönal<. Partei zu besitzen. Es gibt Zlonisten, Nationaljuden und