Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 87 (14.12.1906)
- Date
- 1906-12-14
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2429839-2429840-2429926--620-2430752- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Mtmcheitmz Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. 1 Redaktion: IX/1. Wafagaffe 81. Telephon Ne. 14723. Sprechstunden r An Wochentagen von 10 bis IS Uhr vorm. Postadresse: „Nationalzcitung", Wien IX/1. Beschwerde« weg?» verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitte» wir uns drinnend. — Manuskripte werden nicht znrüekgestellt. Postsparkasse»!»!«» 47037. Ta« Abonnement kann täglich beginnen. Erscheint jeden Dienstag nnd Freitag, tim Sojirlit. - gtroisjrift mil HcflMtm: Sdfllll STrü 11 öJ. Inserate übernehmen die Iirmen: I. Diinueberg, M. Dukes Nachfolger, Haasenstein & Bögler, Niidoii Mo sie. M. 'rozioiiisi, A. Schale! in Wien, senior alle Anuouceinxv tttionrn im Anslanae. Einzelnummer in Wien 13 Keller.! Administration: IX/1, Wafagasse 81. Telephon Rr. 14723. SlbonnementSpr is: Preis der Slnzeigenr sliir Wien «. Oesterreich- Die bmal gespült. Nonpareille- Ungarn s. Frankozustelliing: zcile oder seren Raum 12 h. Ganzjährlih. . . .XI2.— - Salb,äl,rlich . . . . „ 6 — „Elngesendet" die g'paltige Vieri eijährlich ■ „ 3 — Nonpareiiiezeile 50 h. ftiir d. gesamte Slnslaiid r Bei mehrmaligen Aufträgen Ganzjährlich . . -X 12.12 > entsprechender Rabatt. Berschleißstellcn unseres BlatteS, in we'ch-n auch Abonnements entaearnaenommen werden: Hermann Goldschmidt, Wien. I., Wollzeile 11; Robert Weiß, Wien, l, Jakoberg. 7. Ur. 87. Wien. Freiing den 14 Dezember 1666 (24. Kisten 5667). VIII. Jahrgang. Zangmll an die Wiener TerritoriaNsten. Wir berichten an anderer Stelle über den Verlaus der konstituierenden Versammlung des österreichischen Zentralvereines der „Jto". Der Einberufer dieser Versammlung und Obmann des Vorbereitungskomitees Herr M. Schmidt erhielt aus diesem Anlasse von dem Führer der territoriallstischen Bewegung Israel Zangmill ein Schreiben, welches in der Versammlung zur Verlesung gebracht wurde. Diese Ennnziation Zangwills ist deshalb von besonderer Bedeutung, weil sie gleichzeitig auch den Pessimismus zerstreut. der infolge der jüngsten Botschaft an die Manchesterer in manchen Gemütern entstanden, und von so vielen künstlich gezüchtet wurde. Das Schreiben lautet: London, den 4. Dez. 1906. Lieber Herr Schmidt! Ich bin überrascht, zu erfahren, daß meine Botschaft nach Manchester so aufgefaßt wurde, als ob sich in meinem Ausblicke in die Zukunft ein pessimistischer Wechsel vollzogen hülle. Es handelt sich hier um eine ganz alte Geschichte und meine Mitteilung war hauptsächlich für Manchester bestimmt. Hätte ich sie für die breite Oeffentlichkeit gemacht, so würde ich chr eine Anzahl von Erläuterungen hinzugefügt haben. Die Sache verhält sich so, daß ein Teil der Manchester-Gruppe unter Führung Belisha's diese Frage bereits im vorigen Sommer anläßlich unserer ersten Konferenz zum Gegenstände der Diskussion gemacht hat. Diese Fraktion wendete sich gegen unsere damalige Erklärung, daß autonome Basis nicht dasselbe sei, wie Autonomie, daß darunter vielmehr zu verstehen sei, daß die Kolonisation auf Grundlagen gelegt werde, durch welche die Autonomie zu erreichen ist. Die Erreichung einer unmittelbaren politischen Autonomie durch ein unmilitärisches Volk scheint mir höchst unwahrscheinlich oder wenn sie auch erreichbar wäre, könnte dies nur in irgend einer ungesunden Gegend der Fall sein, in welcher ein künftiger jüdischer Staat nicht aufgebaut werden könnte. Diese meine Behauptung ist jedoch nichts neues. Sie ist in meinem ursprünglichen Manifest zu Beginn der Bewegung ausgedrückt. In diesem Manifeste stelle ich die Behauptung auf, daß in einem konstitutionellen Lande die lokale Autonomie durch das bloße numerische Uebergewicht unserer Einwanderer in das besagte Territov i u nt automatisch erreichbar i st. Es muß hier daran erinnert werden, daß ja auch die zionistische Bewegung selbst niemals eine Autonomie an gestreb t hat. Ihre Formel war die Schaffung einer öffentlich anerkannten und rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk. Es wäre vielleicht besser gewesen, wenn wir diese Formel angenommen hätten, anstatt uns Worte zu bedienen, welche, wie der Ausdruck „autonome Basis", die Mächte, welche über Territorien verfügen, erschrecken, und auf diese Weise unsere Aussichten verringern. Unglücklicherweise wurde der Unterschied zwischen einem ruhigen Arbeiten in einem konstitutionellen Lande nicht verstanden. Palästina ist ein des-, potisches Land und die ganze hier verrichtete Arbeit kann in einem beliebigen Momente zerstört werden. Weit anders hingegen steht es in einem Lande mit voller Freiheit, in welchem jeder neu «»kommende jüdische Einwanderer eine neue Kraftquelle für den Aufbau des jüdischen Landes der Zukunft darstellen würde. Wenn man sieht, wie die großen Mächte bereit sind, für den kleinsten Streifen Landes einander in Stücke zu reißen, ist es unmöglich anzunehiuen, daß irgend eine dieser Mächte sich von einem Teile ihrer Besitzungen lossagen werde. In der Geschichte werden Territorien nicht gegeben: Sie werden genommen! Die einzige Methode der Eroberung, welche in diesem vorgerückten Zeitalter möglich ist, besteht, wie ich es von Anfang an betont habe, in der Entwicklung eines unentwickelten und spärlich bewohnten Landes. Wenn das jüdische Volk in dieses Territorium geht, so wird es auch die Autonomie haben. Wird es aber darauf warten, daß die Autonomie durch Programmreden in Europa von selbst komme, so wird es wohl so lange reden, bis es zugrunde gegangen sein wird. Die Erreichung eines Landes bedeutet eine große ernste Kraftanwendung, welche die Arbeit von Generationen erheischt. Uns, die wir bereits jeden politischen Instinkt verloren haben, ist nichts anderes ge blieben, als die phantastische Idee, daß diese KeuiUrlon. Golus-llenaissance. (Gedanken über Zionismus und Territorialismus.) Von Josef Lin—Berlin. Ein finsteres Fatum waltet über uiiser Volk. Ein böses Gestirn hängt über seinen düsteren Himmel — auch Ha, wo ein Morgenstern aufgehen sollte. O armes Judenvolk! Als du dich anschicktest, das seit Jahrtausenden auf dich lastende äußere Joch von dir abzuschütteln, da zog dich deine innere Last in den liefen Abgrund hinab. Daß wir im Golus sind — ist lange nicht das Traurigste an unserem Geschick Das Schlimmste ist, daß d a s G o l u s i n u n s ist, daß es in die tiefsten Tiefen unserer Seele einqedrungen ist und uns überallhin verfolgt — selbst m unsere Wiedergeburt hinein. Ach. zu lange waren wir Sklaven — so daß wir es auch noch in unserem Freiheitskämpfe geblieben sind. Sklaven und Krüppel an Geist und Seele. In den engen Ghettomauern sind uns unsere klare Vernunft und unser gesundes Empfinden verloren gegangen. Und jene krankhafte „Dnrchgeistigung", die der Ausdruck unserer nationalen Degeneration war und eigentlich eine E r st a r r u n g bedeutete, die ist auch vor unserer „Renaissance" nicht gewichen. Wir haben solange alles „Irdische" „durchgeistigt" — bis wir allen freier! Geist eingebüßt haben. Und so sind uns die Gesetze,, statt lebensbefruchtend zu 'ein, zu starren Dogmen geworden; und so sind wir zu „Sklaven der Buch« staben" geworden. Und wir vergaßen, daß nicht der Mensch für die Gesetze geschaffen ist, sondern die Gesetze für den Menschen. Und mit dem Irdischen haben wir auch die Erde „durchgeistigt", das Land und die Berge und die Felsen und die Steine. Und derweil wir die Steine „durchgeistigt" haben, da wurde unser Geist versteinert. Es ist tief schmerzlich, einen Punkt berühren zu müssen, der von heiligen Schauern umhaucht ist, insbesondere, wenn dieser Hauch der Heiligkeit Einem selbst in die innerste Seele eingedrungen ist. Man rührt nicht gern an seinen Göttern. Ach, Brüder, Zion war und ist uns ein Höheres, eine göttliche Erhabenheit. Besinnt Ihr‘ Euch des „Jerusalemiten" nicht, der von „Erez Jisroel" hergekoinmen war mib Euch ein Häuflein von der „heiligen Erde" brachte, das Ihr nach dem Tode ins Grab mitbelommen solltet, damit keine Würmer an Eure Leiber herankommen könnten? Erschien Euch der Greis in seiner seltsamen, ehrwürdigen Tracht tlicht als ein verkündender Bote, der Euch Grüße von einem fernen, ungekannten und doch so vertrauten Teueren brachte? Und durchzuckten Eure Seele nicht tiefste Schauerregungen beim Anblick des kleinen Häufleins Erde im weißen Säckchen? Und ivaret Ihr nicht aufs tiefste erschüttert und kamen Euch nicht die Tränen über die Wangen, als der Greis Euch mit wehmutsvoller Stimme und seufzend erzählte, wie öde und verlasst» das heilige Land jetzt sei und wie unheimlich die Eulen aus den Ruinen nachts blickten und wie Hyänen und Füchse heulend über die wüsten Ebenen rannten? Ach, Brüder! und auch die Z>onslieder des Jehuda ben Halevy habt Ihr gelesen, jene gewaltigen Sehnsuchtslieder, in denen der tiefste, bitterste Schmerz zur höchsten rührenden Verklärung gelangt, Ihr habt sie gelesen mtb durchlebt und Eure Seele getränkt aus ihrem Schmerzens- und Hoffnungsquell.- Ja, ein göttlich Erhabenes ist uns Zion/ ein Zallber des Schmerzes und des Trostes. — Haben wir aber das Recht, uns ganz von der Zauberkraft hinreißen zu lassen? Unsere Brüder und Schwestern „da drüben" brechen unter dem Drucke der finstersten Brutalität zusammen: de» wildesten Menschenbeftien sind sie auf Tod und Leben ausgeliesert, — dürfen wir uns dabei einem schönen Zauber hingeben, ganz hingeben? Und dürfen wir die Unglücklichsten der Unglücklichen, diese jammervollsten aller Leidensmenschen, auf unsere Phantast, reichen Zakuirfts- »V Dis nächste Nummer erscheint Dienstag den 18. Dezember. “TW 9023