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Nationalzeitung · 1906-12-07 · Heft 85 (7.12.1906) · p. Seite 2

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 85 (7.12.1906)
Date
1906-12-07
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nationalzeitung Nr- 86 Ausbruch einer elementaren Katastrophe nicht nur auf keine Hilfe von Seiten der sogenannten „europäischen Mächte" zu rechnen haben, sondern daß sie vielmehr, wie es scheint, gerade im Emverständnisse dieser Mächte nicht einmal die Möglichkeit eines Entrinnenvor sich haben würden. Den Gedanken jedoch, daß die Lage der Luden in Rußland sich in absehbarer Zeit bessern würde, haben selbst die größten Optimisten schon längst aufgegeben. Und angesichts dieser tiestraurigen Situation, im Anblicke des abgrundtiefen Jammers der unser ganzes Volk erfaßt, haben die Juden in den wenigen, einzelnen Ländern in welchen sie sich halb fr ei bewegen können, nichts besseres zu tun, als bei dem geringsten Anlässe sich gegenseitig zu befehden, einander zu beschimpfen, um schließlich — ein Kultnsmandat zu ergattern». Während unseren, vom Schüttelfrost erfaßten Volkskörper Mordbuben zu Tode martern, Verbrecher in Amt und Würden zum Spekulationsobjekt herabwürdigen, schlagen wir uns auf diesen wenigen Inseln der halben Freiheit gegenseitig die Köpfe ein, weil wir bezüglich der Verwaltung unserer autonomen Körperschaften nicht eines Sinnes sind. Es ist unumstößlich währ, daß »vir alle, denen eine großzügige territoriale Lösung der Judenfrage als heiliges Endziel vorschwebt die Pflicht in uns fühlen müssen, unsere Volksehre auch dann und dort vor Verunglimpfungen zu schützen, wann und wo wir uns in Minori-- tät befinden. Kein vernünftiger und ehrlich denkender Jude wird es anders wollen, als daß die Rechte des Judentums in den Ländern der Diaspora den anderen Völkerern gleich errungen und gesichert werden. Aber dieser Kamps um das Volksrecht darf nicht zu einem häßlichen Volkshader herabgewürdigt werden. Wir T e r r i t o r i a l i ft e n werden diesem Prinzipe treu, unsere Arbeit weiterführen. Wir werden alle innerpolitischen Bemühungen unserer Volksgenossen, welche auf das Wohl des Gesamtvolkes gerichtet sind, unterstützen. Wir werden uns aber dabei nie und nimmer von persönlichen Ambitionen der Kämpfenden verleiten lassen, in einem Kampf einzutreten, der dem Ansehen unserer Nation nach außenhin schädlich sein kann. Unbeirrt durch persönliche Verfolgungen oderdurch Pressionen von Seite einer Clique, möge sie nun rechts oder links stehen, werden wir, auf höherer Warte stehend, unsere große Werbearbeit im Interesse und zum Wohle unseres Gesamtvolkes zu Ende führen, mM wem dieses Wohl ernstlich am Herzen liegt, der wird uns folgen . Aus der terntmialijlischen Lewegung. London. Vor einigen Tagen fand hier die Gründung eines neue»» territorialistifchen Vereines „Nottiug Hill" statt. In der konstituierenden Versammlung verlas der Vorsitzende, Herr S p i e l tu a u n, folgenden von Zaugwill erhaltenen Brief: „Lieber Spielmann! Mit Freuden erfuhr ich, daß Sie der ersten Versammlung des Vereines „Notting Hill" präsidieren werden. Das r a p i d e A n w a ch s e n unserer Vereine beweist am besten, daß uu jüdische!» Volke die Überzeugung von der Notrvendigkeit einer Stärkung unserer Bewegung durchzudringen beginnt. Im allgemeinen bestehen jedoch noch immer unreife Anschauungen über die Anfgaben dieser Bewegung. So z. B. traf ich zufällig auf einen Dampfer mit einem jener Herren zusammen, die sei»»erzeit das gegen uns gerichtete Manifest unterschrieben hatten, und dieser Herr bleibt bei feiner Ansicht, daß es ein Verbrechen wäre, die Auswanderer in ein Land zu führen, wo sie Hungers sterben können und wo sie Gefahr laufen, hülflos, sich selbst überlassen zu bleibe»». Ich habe ihm natürlich vottkonilnen beigepflichtet, aber ich begreife es nicht, wie es ihrn in den Kopf steige»» konnte, daß »vir eine solch' verbrecherische Handlung beabsichtigen! Unser Ziel ist, die Emigranten in ein Land zu führen, »vo sie in der Lage sind, sich eine Lebensmöglichkeit zu schaffen u»»d wo es ihnen infolge ihres immev mehr und mehr anwachsenden Zuflusses am Ende möglich wird eine gesetzlich gesicherte jüdische Heimstätte zu gründen. Gleichzeitig halte ich es jedoch für notwendig, zu erklären, daß in dem Falle, als es uns nicht gelingen sollte, ein geeignetes Land zu finden, wein» es sich Herausstellen sollte, daß, infolge unseres zu späten Eintretens in die Arena der Geschichte, »vir höchstens ein ungesnndes oder ein Land bekomme»» könne»», »velches uns nicht die Mittel zu unserer Existenz zu bieten vermag, daß wir, wie gesagt, in solchem Falle uns eher entschließen würden, dem jüdischen Volke ehrlich die Wahrheit zu sagen, als die Verantwortlichkeit für solche, uns imputierte, verbrecherische Maßnahmen ans uns zu nehmen. Wir arbeiten nicht für irgendeine abstrakte Idee, sondern im Interesse des jüdischen Volkes und das jüdische Volk braucht so sehr eiir Territoriuln, daß wir kein Recht haben, behufs Erreichung desselben auch die größten Mühen zu scheuend Ob wir i»un unser Ziel erreiche»» oder nicht, in allen Fälle» »vird der Borwurf der Engherzigkeit und Kurzsichtigkeit auf jenen lasten, die' uns jede Mithilfe mrweigern, Würden wir unsere Aufgabe »virklich so leichtfertig auffasse»», wie es »n a n ch e u n s z u »n u t e n, so »v ü r d e n wir s ch oi» längst u n d ohneMühe ein Territorium gefunden haben. Gerade die Tatsache, daß wir uilserein Ziele ohne Überhastung m»d vorsichtig, unter Führung einer im höchsten Grade kompetenten geographischen Koinmijsion entgegengehen, sollte solchen Verdrehungen zweifellos ein Ende bereiten. Aber es gibt Kritiken, deren Einwendungen et»vas begründeter sind. Sie weisen auf den Umstand hin, daß jede Kolonisation nur allmählich vor sich geht; aber ebenso langsain vollzieht sich der Wuchs der Eiche, aber dainit die Eiche znm Schluffe doch gedeihe, ist es unerläßlich, daß vor allen» der Same in die Erde gesenkt werde. Wir stiminen auch dem vollkommen zu, daß die „Jca" in der ersten Zeit nicht in der Lage ist, jenen städtischen Einigraineiimassen zu helfen, deren planlose Flucht gegemvärtig den »vichtigsten Teil der Judenfrage bildet. Aber Sie wissen es ja, lieber Spielmann, daß unser Rat a»»ch dieser brennenden Frage nicht mit Gleichmut gegenübersteht. Der erwähnte Zustand bildet tatsächlich den Gegenstand sehr ernster Erivägungen unsererseits und es ist möglich, daß wir die Mittel finden »verden, auch auf diesem, äußerst »v i ch t i g e »n Gebiete unserer Arbeit Abhilfe zu schaffen Ich vereinige hiemit »»eine besten Wünsche für. die Verjamlnlung n»»d den Verein „Notting Hill", Ihr ga»»z ergebeiter Israel Zangivill." Herr Spielmann, der in derselben Versammlung das Wort ergriff, sagte u. A.: „Manche unserer Kritiker schieben uns a»»ch die Absicht zu, alle Inden im Wege der Kolonisation auf einem Territorium zn sammeln. Tatsache jedoch ist, daß der Territorialism»»s nur an die Errichtung einer Niederlassung für diejenigen Inden denkt, »velche sich in den verschiedenen Ländern als „überschüssig" betrachten. Der Redner »vies darauf hin. daß die Zahl dieser „überschüssigen" Eleinente rapid znnimmt, ebeitso, »vie auch die Zahl derjenigen Lünder »vächst, für »velche die Juden aus dem einen oder anderen Grunde ein unerwünschtes Element darstellen. Dort, »vo die Inden sich gegenwärtig »vohl fühle»», dort föitucn sie natürlich auch verbleibe». Der Redner verschließt sich »vohl nicht all' den Schwierigkeiten, »velche noch zu überwinden seien, „aber" sagt er, „»venu es uns gelingen sollte, das Leben auch n»»r eines Teiles unserer verfolgten und unterdrückten Stammesbrüder unb ihrer Nachkommen zn rette»», und sie glücklich zu »nachen, so haben »vir schon damit unsere Pflicht erfüllt." Jto und Zea. Wie dem „Jewrejskij Gvlos" mitgeteilt, haben die auch von uns gemeldeten Verhandlungen des Präsidenten der Sie wurden förmlich, und unter vielerlei Klauseln zuerst im Jahre 1430 in Florenz von der Signorie zugelassen. Neun Jahre später gab es schon zwei „Banken", die von Juden geführt »vurden. (Unter einern „banco“ versteht man noch heute in Italien ein privates Bank- und Wechslergeschäft.) Ihre Zahl stieg, und ihre Geschäfte vermehrten sich in der prunkvollen, genußsüchtigen, leichtsinnigen, verschwenderischen, lebensfrischen Zeit, die man heute die der „Renaissance" nennt. Die ersten Medici, Cosimo wie Lorenzo, hatten sie geduldet, »venu nicht begünstigt; aber in der erregten Zeit der Büßpredigten Girolaino Savonarolas kehrte sich der Zorn des Volkes auch gegen sie. Sie wurden vertrieben, doch finden »vir sie nach dein Feuertode des Dominikaners von Sa»» Marco wieder in Florenz. Die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts war in allen Ländern für die Juden eine traurige Zeit. Der fanatische Neapolitaner Caraffa, Papst Paul IV. wütete gegen sie in Rom, und seine Bulle bestimmte ihr Schicksal auch in der Ferne. Es lag irn Zuge der Reaktions-Epoche»» aller Zeiten, auch gegen die Juden zu wüten. Nicht la»»ge nach der Zeit jenes Paul IV. tat sich denn auch den Juden von Florenz dieses Ghetto auf, das jetzt für immer verschwunden ist. Es »var im Jahre 1571; auch schon zuvor hatte man den Männern jenes Barett, den Fra»»en den Flicken auf den linken Aermel als Abzeichen gegeben. Papst Paul IV. hatte solche Maßnahmen zuerst in Rom eingeführt, und sie erschienen offenbar der» Machthabern der Zeit sehr »rachahmensrvert. Doch das Los der Florentiner Inden »vnrde d»»rch die Fürbitte der schönen Venetianerin Bianca Capello bei ihrem Gemahl, den» Großherzog Francesko, gemildert. Bianca Capello setzte »vichtige Erlelchterungen für ihre Schützlinge durch, aber mit ihrer und ihres Gemahls Vergiftung endete zunächst die bessere Periode in» Dasein der Ghetto-Bewohner. Freilich war ihre Bedräugung in beti» mildere»» und freundlichen Toskana nicht nur niemals eine so harte, als inmitten der wilden und zuchtlosen römischen Bevölkeru»»g, sondern nicht eimnal so arg, wie in Ber»edig, Ferrara und Pisa. Die Maliern des Ghetto umschlossen sie zugleich als die ei»ies Gefä»»g»»isses und Zufluchtsortes, und es ist nicht bekannt, daß der Pöbel in Florenz, »vie so häufig in anderen Städte»» diesseits und jenseits der Alpen, das Ghetto zu stürmen unb zu plündern versuchte. Es wird sogar vo»»Maß»»ahmei» energischen Schutzes seitens der Behörden berichtet. So ließ die Siguorie einmal eilten Fra»»ziskaner, obwohl er aus de»»» Mailänder Fürsteugeschlecht der Visconti stainmte, »veil er sich darauf verlegte, von der Kanzel das Volk gege»» die Ghetto- Bewohner anfzuhetzen, als Ruhestörer in mitternächtiger Stunde ans der Stadt hi»»ausführen mit der Weisung, binnen drei Tagen »licht mehr im Toskanischen' Gebiet «»»getroffen zu »verden. Dock» solche Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Ruhe können nicht über den Dmck und die Verachtung täuschen, die auf den, durch ihre Geschäfte meistenteils »vohlhabenden und dennoch so elenden Bewohnern jenes düsteren Gebäude- Komplexes lasteten. Eitle lateinische Inschrift, die der „große und erlauchteste" Großherzog Cosiino III. über dem nach Osten gelegenen Tore des Ghetto anbringen ließ — sie enthielt in hochfahrenden Worten die Mahnung zllr Bekehrung — gibt hinreichenden Aufschluß darüber. Solcher Art blieben die Zustände, bis Pietro Leopoldo, dessen Andenken nvch heute in Toskatta gesegnet »vird, gleich seinem Bruder, dem Kaiser Joseph II., die Bande mittelalterlicher Auffassungen sprengte. Er gestattete den Familien, die sich durch Bildung und Ansehen hervortaten, außerhalb des Ghetto zn wohnen, doch erst die Stürme des Jahres 1849 haben den alten, Jahrhunderte langen Bann völlig gesprengt, unb damals geschah es, daß inan den vordersten Hof des Ghetto, gewissermaßen um alte Schuld zn sühne»», mit dem Namen „Piazza della fraternita“ schmückte, den er noch heute führt, und erst mit dein traurigen Gebäude selbst untergegangen ist. Wer die schönsten Plätze des »nodernen Florenz betrachtet, dein fallen nahe der Piazza Nassimo (TAzlegio die Kuppel und die fremdartigen Wölbungen eines mächtigen Bauwerkes »ns Auge. Dasselbe erhebt sich hinter einem Vorgarten, den das Grün von Palmen freundlich schmückt. Aus den Hallen des orientalischen Bamverkes dringt fremdartiger Gesang hervor, und drinnen ruht das Auge bewundernd auf der reichen, bunten und dennoch nicht blendenden Pracht orientalischer Dekoration. Das ist die Synagoge von Florenz, nicht eine der größten, aber »vohl eine der schönsten, die jetzt vorhanden sind. Wenn man dem Wandel der Zeiten, dem Schicksale und Ansichten, Ge-- danken und Vorurteile der Menschen unterworfen ist, nachsillneil »vill, dann brauchte matt kaum an die verschivundene Pracht Zions und ihr Widerspiel, an die auf dem Forum Roms au Caesars Leiche klageudeu Juden, sondern man - brauchte nur von dem alten, düsteren Ghetto in Florenz den Weg nach diesem strahlenden Gebäude zu lenken,' au dessen Betpulten die Namen von „Baronen", „Cavalieri" und Commendatdri" angeschr'leben sind, und in dein neben den Angehörigen aller bürgerlichen Berufsarteu, Offiziere und Stadtpolizisteu zu dem Gotte ihrer Väter beten, der ihr Volk aus dem Ghetto in das Jahrhunderte hindurch ersehnte Land der bürgerliche»» Gleichberechtigung geführt hat.

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