Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 85 (7.12.1906)
- Date
- 1906-12-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. MtmchmNz Redaktion: IX/1,. Walagasse 31. Telephon Nr. 14728. Eprechstunden r An Wochentagen von 10 bis 12 Uhr vorm. Postadresse: „Nationalzeitung", Wien lX/1 Beschwerden weg?» verspäteter oder gar nickt erfolgter Zustellung erbitte» wir u»s dringend. — Manuskripte werden nicht znrttckgestellt. Postsparkassenkoiito 47037. Ta» Abonnement kann täg ich beginnen. i Erscheint jeden Dienstag und Freitag iiiDt« ei«» Stjiflil. - uni MMm: zakei firmj. lfnseiate iiberiiebinen die Firmen: I. Danneberg, M. Dukes Nachfolger. Haasenstei» & Vogler, Rudolf Masse, M. Pozsoich', A. Schaick i» Wien, ferner alle Annoncenexpeditionen im Anslanoe. Cinrelnnnimer in Wien 18 Setter. Administration: IX/1, SVafagasse 31. Telephon 8tv. 14728. Abo tte>ne„tSPrrtS: Preis der Anzetgenr Kür Wie» ». Oesterreich« Die ömal gespalt. Nonpareille- Ungarn s. Frankozustellniig: zeile oder deren Raum 12 h. (».'aiizjithrli >, . . . . 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Es bleibe dahingestellt, ob besonders unsere aus Rußland fliehenden Brüder irgend etwas verlieren, wenn ihnen die „Segnungen" dieser beiden, politisch sicherlich nicht atlzuhoch stehenden Länder noreirthalten werden- Vevlassen doch selbst die dort geborenen und' erzogenen Juden in dichten Haufen diese für sie ungemütlichen Gebiete. — Aber als D u r ch g a n g s st a t i o n e n hatten Rumänien und Bulgarien für unsere ver« folgten Stannnesbrüder eine große Bedeutung. In A m e r i k a wurde erst vor kurzem ein jüdischer Handelsminister ernannt, dem auch die EinwanderungSangelegenheiten zugeteilt sind. Oskar Straus, der auch Mitglied der „Geographischen Kommission" der „Jto" ist, ist sicherlich über allen Zweifel erhaben, als ob er die bestehenden Einwanderungsgesetze zu Ungnnsten der Juden zur Anwendung bringen könnie. Im Rahmen der bsstehenden Gesetze wird Oskar Straus eine ungerechte Parteilichkeit zu Ungunsten der Juden sicherlich nicht aufkommen lassen. Aber schon kommen Meldungen aus Washington, die — wie wir in unserer jüngsten Nummer berichtet haben — klar und deutlich kundtun, daß die Einwanderungsgesetze für die Vereinigten Staaten weitere Verschärfungen und Einschränkungen erfahren werden, deren Verhinderung selbst Oskar Straus kaum gelingen dürfte. In Deutschland besteht schon seit zwei Jahren ein Durchwanderungsgesetz, welches den Juden Rußlands und der übrigen östlichen Staaten die Benützung dieser Du'rchzugslinie fast unmöglich macht. Die sensationellen Massenausweisungen russischer Juden aus Preußen unglaublichen Bexationen, denen die armen Flüchtlinge auf preußischem Boden und in deutschen Häfen ansgeseßt sind, sind ja leider zur Genüge bekannt. Und dennoch scheint man in Deutschland mit der Ausübung dieses Gesetzes nicht ganz zufriedsn zu sein, denn erst in allerjüngster Zeit ging die betrübende Meldung durch die deutschen Blätter, daß die Einbeziehungsweise Durchwanderungsbestimmungen neuerdings verschärft, oder nach einer anderen . Version strenger gehandhabt werden sollen. In unserem lieben Nachbarlande Ungarn hat die katholische Volkspartei unterstützt von der im Anwachsen begriffenen christlich-sozialen Partei eine ganz systematische Aktion zur Verhinderung einer größeren Einwanderung russischer, galizischer oder rumänischer Juden in Szene gesetzt. Es ist bedauerlich, aber wahr, daß diese Bestrebungen schon deshalb von Erfolg begleitet sind, weil sie von der gegenwärtigen Regierung gutgeheißen und gefördert werden. In England besteht schon die ominöse „Alien-Bill", deren strengere oder mildere Auslegung und Anwendung nur von dem Wohlwollen und der Auffassung des betreffenden Einwanderungskommissärs abhängt. Leider hatte bis jetzt stets die unfreundlichere Auffassung die Oberhand gewonnen. Was nun'die übrigen, europäischen Länder betrifft, so gelten sie infolge der in ihnen herrschenden reaktionären Politik, oder wegen ihrer wirtschaftlichen Untauglichkeit als Einwanderungsgebiete selbst als Auswanderungsgebiete wie z. B. G a l i z i e n, oder als Territorien welche vom großen Auswanderungsstrome unberührt bleiben, wie I t a l i e n. Und so schließt sich denn der eiserne, ins Fleisch schneidende Ring um den Leib des jüdischen Volkes immer enger und enger. Immer größer wird die Gefahr, daß unsere zu Tode gemarterten Brüder im Osten bei Feuilleton. Das Ghetto m Floren). In einem italienischen Blatte finden wir folgende Schilderung des Ghetto von Florenz, dessen im Jahre 1885 beschlossene Niederreißung längst vollendet ist. An Stelle des labyrintischen Bauwerks, eines Gewirres von Dutzenden düsterer, hoher, lichtloser, halsbrecherischer Treppen, dunkler Gänge, übereinaudergetürmter Stockwerke von schmutzigen Wohnräumen, zu denen Sonne und Luft wenig Zutritt hatten, an Stelle dieses, in jeder Hinsicht monströsen Bauwerkes, in welches, gleichwie in ein Gefängnis, ehedem fast tausend Menschen ihres Bekenntnisses wegen eingesperrt waren, sind neue, gesunde, luftige Quartiere entstanden. Das Ghetto war in Florenz selbst fast zur Legende gelvorden, denn nachdem' die neue Zeit den Juden die Tore desselben geöffnet, hatte sich, ähnlich, aber in ärgerem Maße noch als in Rom, der Abhub der Bevölkerung hier eillgenislet. Das Florentiner Ghetto lag dem erzbischöflichen Palast gegenüber, kaum hundert Schritt vom Dom und dem marmornen Turm des Ghetto entfernt, völlig im Zentrum der Stadt und die eine Seite desselben sah auf den „Nsrsato vecchio“ hinaus. Ob wohl uisier den gebeugten Gestalten, die das Ghetto bevölkerten, Männer von antiquarischen Kenntnissen waren? Es kann kaum bezweifelt werden, daß die Mütze mit dem runden gelben Eleck, die sie als „segno“ tragen mußten, häufig öpse voll Scharfsinn und Gelehrsamkeit barg, denn — freilich ehe die Barbarei aufkam und ehe sich in Florenz, wie in Rom. die Mauern des Ghetto hinter den „giudei“ schlossen — in der Zeit der Renaissance, begegnen uns in Florenz jüdische Schriftsteller von Ruf und Bedeutung, wie Elia del Medigo, * er Freund und hebräische Lehrer des berühmten Pico de Mirandola. Wentt nun die Kenntnisse auch in anderen als dogmatischen und talmudischen Dingen hinter den Ghetto-Mauern weiter gepflegt wurden, dann konnte ein oder der andere Alte, der die Vergangenheit, und llicht nur die des eigenen Stammes, kannte, seinen Glaubens- und Schicksalsgenossen in der beschaulichen Ruhe des Sabbathabends, in der Rast, und Feierstunde des geplagten Volkes, erzählen, daß man hier in dem mißachteten Ghetto sich auf derselben Stätte befinde, wo das tempelgeschmückte Kapitol der römischen Florentina gestanden und daß vielleicht dieser Boden noch jetzt die gestürzten Götter berge. Er konnte ihnen sagen, daß sich ihr Ghetto au dem „Königs-Forum" der Longobardenzeit befinde und er konnte vielleicht, indem er daran erinnerte, wie die Herrlichkeit jener Tempel und dieser Herrscher spurlos dahinge gangen, sich selbst und seine Genossen in dem Gedanken aufrichten, daß vom Wechsel und Strome der Zeiten auch ihre Bedränger und Bedrängnisse fortgeschwemmt werden und daß späteren Geschlechtern eine hellere Zukunft beschieden sein werde. Ueber einem der Eingänge zu den elenden Wohnungen des Ghetto fand ich, fast verlöscht, die Worte Daistes eingekritzelt, die dem Tore seiner Hölle eingeschrieben sind: „IiLsoiats ogni speranza“. Aber aus welcher Zeit auch diese, an sich dem Orte gemäße Inschrift stammen mag, — dies war niemals ein Merkwort der hinter den Ghetto-Mauern verschlossenen Juden. Ihr Glaube lehrt sie das Erwarten Eines, der da kommen soll und sie haben niemals die Hoffnung gelassen". Die Geschichte der Juden von Florenz geht nicht so weit zurück und sie ist auch nicht so schicksalsreich wie die ihrer Glaubensbrüder in der Tiberstadt. Die Florentiner „sbrsi" können sich nicht gleich den römischen rühmen — wenn die Berufung auf eine, zwei Jahrtausende des Leidens umfassende Geschichte ein Rühmen zu nennen ist — daß ihre Gemeinde auf die Zeit der Scipionen und Graccchen zurückreicht. (Denn aus dieser Periode sind schon Maßnahmen der Bedrängung der römischen Juden bekannt.) Sie können nicht vermelden, daß ein Abkömmling ihres Ghetto die Tiara getragen hat, wie jener Anaklet II., der Jahre hindurch über Rom herrschte, und den, obwohl er freilich als nicht kanonischer Papst galt, der Heereszug eines deutschen Kaisers nicht zu stürzen vermochte. Dafür brauchen sie indeß auch nicht, wie ihre römischen Brüder, unter dem Hohn des Pöbels nengewählten Päpsten verachtungsvoll aufgenommene Huldigungen darzubringeu, noch beim Karneval halb nackt zum Ergötzen des Volkes gleich Pferden und Eseln auf dem Korso wettzurennen. Die Geschichte der Florentiner Juden lst kürzer und weniger reich an Bedrängnissen. AM Die nächste Nummer erscheint Dienstag den 11. Dezember. -WG