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Nationalzeitung · 1906-11-30 · Heft 84 (30.11.1906) · p. Seite 4

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 84 (30.11.1906)
Date
1906-11-30
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nationalzeitung Nr. 84 überzeugt, daß die territorialistische Tendenz heute auch tatsächlich die herrschende unter den jüdischen Volksmassen ist. Als Beweis hierfür ist die täglich zunehmende Emigration, welche als eine Folge der dem Juden innewohnende Anziehungskraft zueinander aufgefaßt werden muß. Die traurige Lage der Juden und die Verfolgungen, welche sie zwingen, sich zu retten, und eine momentane Zuflucht zu sichern, gestatten ihnen jedoch nicht, ihre aktive Anteilnahme am Territorialismus zu bekunden. Mit Rücksicht hierauf beabsichtigt das Lokalkomitee, soweit dies möglich, eine Rundfrage unter den Kiewer Juden zu veranstalten und bittet, die nachfolgenden Fragen zu beantworten: 1. Teilen Sie die Ueberzeugung der Territorialsten, daß die Lage des jüdischen Volkes ohne Land, ohne eigenes Territorium eine abnormale ist? 2. Sind Sie der Ansicht, daß zur Lösung der Judenfrage die Schaffung eines jüdischen Gemeinwesens auf eigenem Territorium unerläßlich ist? 3. Halten Sie für die Lösung der Judenfrage die Ansiedlung der Juden auf irgend einem, auf autonomer Grundlage zu überlassenden Territorium für hinreichend, und halten Sie dies für durchführbar? 4. Halten Sie es für möglich, daß ein gewisser Teil der Juden zum Ackerbau zurückkehre, und wenn nicht, aus welchem Grunde nicht? 5. Wünschen Sie für sich und Ihre Familie die Möglichkeit, sich mit Ackerbau zu beschäftigen und halten Sie sich und ihre Familienmitglieder hierzu für geeignet? 6. Für den Fall, als Sie mit den Zielen und Bestrebungen des Territorialismus — die Schaffung eines freien Staatswesens, einer Zufluchtstätte für das heimatlose jüdische Volk — oder für den Fall, daß Sie an die Erreichbarkeit dieses Zieles nicht glauben, worin denn erblicken Sie die radikale Lösung der Judenfrage? Es ist wohl schwer vorauszusagen, wie die Antworten lauten werden, aber zweifellos werden sie ein schätzbares Material liefern. Wir werden hierdurch mit vielen bekannt werden, welche bereit sind, mit uns alle Schwierigkeiten der Arbeit sowohl hierzulande, als auch nach Errichtung des Territoriums dortselbst zu teilen. Wir empfehlen den verschiedenen Vereinen und Gruppen, sich dieses Mittels der Rundfragen zu bedienen, sobald die Resultate dieses Versuches bei uns, unter einer Bevölkerung von 49.000 Juden, wo infolge der unausgesetzten Unruhen und Unsicherheiten an eine agitatorische Arbeit nicht gedacht werden konnte, sestgestellt sein werden. Hilft verein der Deutsche« Inden. Am 25. November fand unter dem Vorsitze von Herrn Jansts Simon eine Sitzung des geschäftsführenden Ausschusses des Hilfsvereines der Deutschen Juden statt, die besonderes Interesse dadurch hat, daß über das umfangreiche Hilfswerk für Rußland Bericht erstattet wurde. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat nach diesem Bericht in dem „Pogromjahr", beinnend mit den furchtbaren Judenmetzeleien in en Oktobertagen 1905, sehr erhebliche Summen für das russische Hilfswerk ausgegeben. Nach London und Petersburg an die gemeinsame Kasse der großen jüdischen Organisationen wurden zur Verteilung in Rußland abgeführt. Nach Odessa direkt . . . Nach verschiedenen anderen russischen Städten . . . An einzelne Institute und Gemeinden wurden gezahlt Die Fürsorge der Emigranten erforderte . Zur Versorgung von Witwen, Waisen, Krüppeln und Kranken und ferner zur Unterstützung geschädigter Christen wurden aufgewendet . Insgesamt also wurden für das russische Hilfswerk verausgabt.Mk. 2,130.000.— Insbesondere ist hervorzuheben, daß infolge der in Rußland geschaffenen Organisation die Verteilung der Gelder an die Betroffenen sich ohne jeden Zwischenfall abgespielt und zu begründeten Beschwerden absolut nicht geführt hat. In der Sitzung wurden ferner für eine Reihe von Wohlfahrtseinrichtungen in Minsk, Kowno, Wilna, die durch die Zustände in Rußland in Verfall zu geraten drohen, 5.033 Rubel bewilligt. Zur Verteilung an die Opfer einer Brandkatastrophe, die im Oktober!n Novo Bychow, Gouvernement Mohilew, stattgefunden und die 48 Familien in Mitleidenschaft gezogen hat, sollen 1000 Rubel überwiesen werden. Die Gesellschaft zur Unterstützung der Juden, Ackerbauer und Handwerker in Syrien und Palästina mit dem Sitze in Odessa, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Auswanderung aus Rußland nach dem Orient in rationelle Bahnen zu lenken, zu überwachen und an den Plätzen, die für die Auswanderer in Betracht kommen, Jnformationsbureaus einzurichten, unterstützt der Hilfsverein der deutschen Juden durch Finanzierung des Jnformationsbureaus in Jaffa. Für dieses Bureau, das dadurch in ein engeres Verhältnis zu dem Zentralbureau für jüdische Auswanderungsangelegenheiten des Hilfsvereines tritt, sind für das Jahr 1907 Frk. 7.500.— gewährt worden, so daß dies Bureau, das für die Auswanderung nach Palästina die größte Bedeutung hat, nunmehr erfolgreich zu arbeiten in der Lage ist. Damit ist ein neuer Schritt vorwärts getan, entsprechend dem Programm, das vom Hilfsverein der Deutschen Juden auf der Konferenz von Frankfurt a. M. am 4—5. Dezember 1904 aufgestellt worden ist. Es wurde damals beschlossen, die von den jüdischen Auswanderern aus dem Osten hauptsächlich benutzten Routen mit Jnformationsbureaus zu besetzen, so daß die Auswanderer vor Ausbeutung geschütz und mit dem nötigen Tatsachenmaterial für ihre Reise versehen werden könnten. Für Deutschland ist dieses Werk durch den Hilfsverein in allen Teilen durchgeführt worden. Für den Osten kann nur langsam an die Verwirklichung des Planes herangetreten werden. Durch das Vorgehen des genannten Vereines in Odessa rückt die Lösung der Aufgabe nunmehr für die orientalischen Länder in greifbare Nähe, und durch die Gewährung der finanziellen Unterstützung für das Jaffaer Jnformationsbureau wird es dem Odessaer Komitee möglich sein, ganz Süd-Rußland mit den erforderlichen Nachrichten über Palästina zu versehen und alle jene jüdischen Auswanderer, die sich alsdann nach Palästina begeben, werden bei ihrer Landung in Jaffa durch das Bureau selber in entsprechender Weise unentgeltlich zurechtgewiesen werden können. Auf dem Gebiete des Erziehungswesens in Palästina ist ein weiterer Schritt vorwärts gemacht worden. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat von Beginn seiner Tätigkeit in Palästina an das Prinzip betätigt, mit der Begründung von Kindergärten den Anfang zu machen. Die praktischen Erfahrungen, die der Hilfsverein in Jerusalem, Jaffa und Saffed gemacht hat, bestätigen, daß die Errichtung von Kindergärten die Grundlage für eine ersprießliche Jugendbildung im Orient sein muß, und es ist besonders erfreulich, daß infolge der in den Zentralen des jüdischen Lebens Palästinas erzielten Erfolge die Notwendigkeit und der Segen dieser Institute in immer weiteren Greifen erkannt wird. Es lagen Anträge aus Beirut und Haifa betrefssBewilligungenzurBegründung eines Kindergartens vor. Das Komitee, das sich zur Einrichtung eines Kindergartens in Haifa gebildet hat, schrieb in seinem Gesuche unter anderem: „Der Ruf der segensreichen Erziehungstätigkeit des HWvereines der Deutschen Juden in Palästina ist auch nach unserer Stadt gedrungen. Speziell haben wir teils direkt, teils indirekt die schönen Resultate Ihrer Kindergärten in Jerusalem, Jaffa und Saffed kennen gelernt und sahen in dieser Institution die richtige Basis einer gesunden, einheitlichen Jugenderziehung in unserem Lande. Als Einwohner dieser Stadt, der eine große Zukunft bevorsteht und deren jüdische Gemeinde durch Zuzug sowohl aus anderen Gegenden Palästinas als auch aus Ost-Europa stark zu wachsen beginnt, streben wir dahin, dem guten Beispiele der größten jüdischen Gemeinden Palästinas zu folgen und auch einen Kindergarten ins Leben zu rufen." Auf Grund der weiteren Berichte, die eine sachverständige, in Palästina ansässige Persönlichkeit erstattet hat, sind .zur Eröffnung eines Kindergartens in Beirut und Haifa je Frk. 2000.— für das Jahr 1907 zur Verfügung gestellt worden. Um möglichst gute Lehrkräfte für das Lehrer¬ Mk. 1,350.000.- „ 111.000.— „ 106.700.— „ 21.500.— „ 486.000.— 54.800.— seminar des Hilfsvereines der Deutschen Juden zu erhalten und um die tüchtigen Lehrkräfte, die bereits am Seminar wirken, an das Institut zu fesseln, setzte der Hilfsverein der Deutschen Juden eine Gehaltsskala fest unter Zugrundelegung der Etatsätze für die gleich qualifizierten Lehrer in Deutschland. Die Pensionsverhältnisse, sowie Witwen- und Waisenversorgung rc. wurden nach den gleichen Grundsätzen geregelt. In das Kuratorium des Frankfurter Vereines zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina, dessen Institut in Jerusalem, die Lämelschule, der Hilfsverein mit Mk. 5000.— subventioniert, sind vom geschäftsführenden Ausschuß auf liebenswürdige Aufforderung der Frankfurter Herren, die Herren James Simon und Doktor Paul Nathan delegiert worden. Es wurden alsdann noch Bewilligungen für Schulen in der Türkei, Bulgarien und Rumänien vorgenommen. Die Subvention der Or-Thora- Schule in Konstantinopel, die nach dem Vorbilde einer deutschen Volksschule ausgestaltet werden soll, wurde erneuert. Die Schule des deuts ch-israelitischen Schulvereines in Rustschuk, die im Oktober eine erfreuliche Ausgestaltung erfahren hat, ist ein höherer Zuschuß als bisher um Mk. 1000.— und ferner ein Betrag von Mk. 500.— zur Deckung eines Defizits bewilligt worden. Die Schule Reschith Daath in Bukarest, die den Bedürfnissen der dortigen Bevölkerung durch Erteilung deutschen Sprachunterrichtes gerecht wird, erhält für dringende Schulbedürfnisse eine Summe von Frk. 1000.— Nach wie vor stellt das Hilfswerk für Rußland große Anforderungen an den Hilfsverein der Deutschen Juden und neben dieser ihn in erster Reihe in Anspruch nehmenden Pflicht darf er seine Bemühungen zur kulturellen und wirtschaftlichen Hebung der Glaubensgenossen im Orient, in Galizien und den Balkanländern nicht ruhen lassen. Nur durch die intensive Mitwirkung und die stets sich erneut betätigende Opferwilligkeit weitester Kreise ist dem Hilfsverein der Deutschen Juden die Durchführung seiner Aufgaben möglich. Um die notwendige Propaganda zielbewußt wie bisher weiter fortzuführen, wurde das Mitglied des geschäftsführenden Ausschusses Herr Siegmund Bergel zum Vorsitzenden der Propagandakommission im Ehrenamt gewählt. Der geschäftsführende Ausschuß nahm Veranlassung, Herrn Bergel seinen besonderen Dank auszusprechen für seine unermüdliche, selbstlose Propagandatätigkeit, durch die es ihm gelungen ist die Zahl der Mitglieder des Hilfsvereines erheblich zu vermehren. Statistik der jüdischen Gemeinde« Deutschlands. Das vom Verbände für Statistik der Juden begründete Bureau in Berlin-Halensee wird demnächst mir Unterstützung der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums eine unlfassende Arbeit über die jüdischen Gemeinden in Deutschland herausgeben. Es werden darin auf Grund des Materials, welches das Bureau von den Gemeindevorständen erhalten hat, zum ersten Male zahlenmäßige Angaben für ganz Deutschland, über Häufigkeit des Gottesdienstes, Benützung von Orgel und Chorgesang, über die Kultusbeamten, die Besteuerungsverhältnisse, sowie i'lber die Agglomeration der Juden gegeben werden. Man darf dem Erscheinen der Schrift mit Interesse entgegensehen. Di» Inden im öffentlichen Erde« Amerikas. „Leslies Weekly" vom 15. November d. I. schreibt über dieses Thema: Die Juden bilden ein bedeutendes Element in der amerikanischen Bevölkerung, daher es nicht wundernehnlen könne, daß einer von ihnen, Herr Oskar S. Straus, in das Kabinett Roosevelts als Staatssekretär für „Handel und Arbeit" eintrete. Viele von den Inden, so der Senior-Senator Isidor Rahner v. Maryland, sind im Kongreß, im Bundesgericht, aber Straus ist als erster in des Präsidenten „offizielle Familie" eingetreten. In der amerikanischen Journalistik ragten die Juden hervor seit Mordeeai M. Noah vom alten „Courier and Enquineer" bis zu Josef

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