Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 84 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seire 2 Nationalzeitung Nr. 84 lebens wünschens- und erstrebenswert erscheint, so geben wir euch zu bedenken einerseits, daß vieles bereits Gesagte, insoweit es nicht schon Erfüllung gefunden, aufrecht erhalten wird, und anderseits, daß nur in einem stufenweise geläuterten Fortschritt wahrhafte Besserungen und erhebliche Aenderungen erreichbar erscheinen und das reell Erfüllbare nicht durch gleichzeitige Ueberschwänglichkeiten entwertet, ja selbst vereitelt werden soll. Den Prüfstein der Richtigkeit dieser unserer Methode erblicken wir nicht ohne Befriedigung in den Errungenschaften des abgelausenen Dezenniums, welches viele unserer Postulate erfüllt, das Interesse für unsere Gemeinde verbreitert und vertieft, das Niveau der Verwaltung ersichtlich gehoben und deren Sinn und Eifer für die idealen Aufgaben ihrer Stellung mächtig geweckt hat. So dürfen wir denn auch diesmal erwarten, mit diesem unserem Programme euerem Denken und Empfinden, geehrte Wähler und Glaubensgenossen, zutreffenden Ausdruck gegeben und euch dadurch zur lebhaften, ausnahmslosen Beteiligung an den am 2. Dezember d. I. stattfindenden Wahlakte angeregt zu haben. Die K a n d i d a t e n l i st e bezeichnet euch die vom Komitee nach gewissenhafter Prüfung und in seiner nach jeder Richtung hin vollsten Unabhängigkeit zur Wahl empfohlenen Männer, welche berufen sein sollen, teils in Fortsetzung ihrer bisherigen, verdienstlichen Tätigkeit, teils durch neue Betätigung ihrer Kräfte und Anlagen der Verwirklichung unseres Wahlprogrammes und den Intentionen ihrer Wählerschaft zu dienen und das ehrenvolle Mandat unter der unantastbaren Devise zu erfüllen: Das Wohl der Gemeinde sei das oberste Gesetz! Kandidatenliste: Mit sechsjähriger Funktionsdauer (weißer Stimmzettel): Dr. Alfred Berger, Hof- und Gerichtsadvokat, I., Judenplatz 8; Emanuel Hoffmann, Brauhauskassier, XVIII., Karl Ludwigstraße 27; Dr. Gustav Kohn, Hos- und Gerichtsadvokat, IX., Hahngasse 25; Dr. Joses Pollak, Universitätsprofessor, I., Annagasse 1; Adolf Schramek, Kaufmann, II., Novaragasse 21; Kommerzialrat Leopold Simon, Kaufmann, I., Freisingergasse 1; Dr. Maximilian Steiner, Generalrepräsentant, I., Graben 16; Dr. Alfred Stern, em. Hof- und Gerichtsadvokat, II., Untere Donaustraße 27. — Mit vierjähriger Funktionsdauer (grüner Stimmzettel): Kais. Rat Leopold Langer, Bankier, I., Kärntnerring 1. — Mit zweijähriger Funktionsdauer (blauer Stimmzettel): Max Frank, Handelsgesellschafter, IX., Berggasse 19; Dr. Hermann Löwi, praktischer Arzt, II., Novaragasse 20; Samuel Steiner, Bauunternehmer, VII., Burggasse 72. Die offizielle Mäh ierver fammlung. Am 26. d. M. fand im Saale des Hotel „Post" die vom Kultusvorstande einberufene Wählerversammlung statt. Fast sämtliche aus der allgemeinen Wählerkurie hervorgezangenen Kultusvorsteher waren anwesend. Auch sonst war die Versammlung gut besucht.' Die Zionisten hatten sich im Sinne eines Beschlusses ihres Wahlkomitees von dieser Versammlung absentiert. Die Versammlung verlief stellenweise sehr stürmisch. Der Unwille der Versammlung richtete sich fast ausschließlich gegen das Vereinigte Zentralwahlkomitee, das es verstanden hat, sowohl durch fein undemokratisches Wahlprogramm wie auch durch eine zum Teil unpopuläre Wählerliste den Unmut der Versammlung hervorzurufen. Besonders die Brigittenauer Wähler, deren Sprecher Herr Sekretär Kohn war, gaben ihrer Entrüstung darüber Ausdruck, daß dieser zahlreiche und wichtige Bezirk durch die parteiische Stellungnahme des Wahlkomitees ganz unberücksichtigt blieb, indem der bisherige Vertreter Herr Hermann Eltbogen, der die Interessen des Bezirkes stets vertreten hatte, fallen lassen wurde, ohne daß der Brigittenau eine andere Vertretung überhaupt zugebilttgt worden wäre. Ueberflüssigerweise hat der Referent des Vereinigten Wahlkomitees Herr Dr. Fialla die erregten Versammelten durch beleidigende Ausdrücke provoziert, so daß die Gefahr drohte, die Versammlung würde unter Tumultszenen ohne Anhörung der Kandidaten geschlossen werden müssen. Im späteren Verlaufe der Versammlung bot Herr S. Komet durch einen nicht in diese Versammlung gehörenden persönlichen Angriff gegen Herrn Rabbiner Mayersohn von neuem Anlaß zu ungeheuerlichen Szenen zwischen dem Redner und den Anhängern des Herrn Rabbiner Mayersohn, die fast zu Tätlichkeiten führten. Herr Komet mußte seine Rede schließlich unterbrechen und die Tribüne verlassen. Wir sind übrigens in der Lage, ausdrücklich zu erklären, daß Herr Komet von keiner Korporation ermächtigt war, in der Versammlung das Wort zu ergreifen und Angriffe gegen irgendwelche Person, so auch nicht gegen Herrn Rabbiner Mayersohn zu führen. Der Referent des Vereinigten Wahlkomitees Herr Dr. Fialla legte folgendes Programm vor: 1. Wir halten daran fest, daß Integrität des Charakters, lebendige Glaubenstreue, reges Stammesbewußtsein, gereifte Erfahrung, umfassende Intelligenz und wahrhaft jüdisches Gemeingefühl diejenigen Männer auszeichnen müsse, welche durch unsere Wahl zu dem ehrenvollen' Amte der Leitung und Verwaltung unseres großen Gemeinwesens berufen werden. Wir verlangen und erwarten von diesen Führern und Anwälten der Gemeinde mit Wohlwollen gepaarte und von Engherzigkeit freie Tatkraft innerbalb ihres engeren Pflichtenkreises, doch auch mannhaftes und unerschrockenes Eintreten überall dort, wo Unrecht und Verfolgung im eigenen Lande und zumal die drangsalvollen unmenschlichen Schrecknisse, welche unseren Volksgenossen und Glaubensbrüdern anderwärts bereitet werden, Abwehr und werktätige Hilfe uns als heilige Pflicht empfinden lassen. 2. Unverwandt das hohe Ziel im Auge behaltend, daß in absehbarer Zeit kraft rechtlicher Ausgestaltung der Gesetze über die jüdischen Kultusgemeinden in Oesterreich eine legale Zusammenfassung und Vertretung der gesamten österreichischen Judenheit geschaffen werde, erachten wir es für ratsam, an der dermaligen Verfassung unserer Gemeinde zunächst keinerlei Aenderung anzustreben, insofern eine solche nicht durch deren territoriale Ausdehnung oder durch Anschluß neuer Mitgliedergruppen notwendig einzutreten hätte. Wir lehnen daher auch den von anderer Seite propagierten Gedanken an die Einführung eines allgemeinen Wahlrechtes innerhalb der Kultusgemeinde als zweckwidrig, als einen solchen ab, der noch niemals und nirgends, soweit die geschichtliche Erinnerung reicht, in jüdischen Gemeinden Eingang gesunden hat und somit auch mit unserer Volksüberlieferung in Widerspruch steht, und welcher überdies mangels einer indirekten Besteuerung in der Kultusgemeinde zu deren wirtschaftlichem Niedergange zu führen geeignet wäre. Im Interesse der ungestörten Weiterentwicklung unserer Gemeinde drängen wir derzeit auch nicht auf die Einführung des obligatorischen Steuerminimums von zehn Kronen, indem wir vermeinen, daß zunächst die infolge unseres Verlangens eingeführte, das Wahlrecht begründende fakultative Steuerleistung von zehn Kronen dem Zwecke der Verbreiterung und Demokratisierung des Wahlrechtes zu entsprechen vermag, wenn und sobald nur die berufenen Volkskreise von dieser Berechtigung ausgiebigen Gebrauch zu machen willens sind, was jedoch bisher nur in durchaus unzulänglichem Maße geschehen ist. 3. Wir sehen mit Befriedigung, daß unserer Anregung, die Leistungsfähigkeit und Leistungswilligkeit der Bezirkskommissionen in erweitertem Maße über deren steuertechnische Aufgabe hinaus der Gemeindeverwaltung dienstbar zu machen, auf mannigfaltigen Gebieten, insbesondere auch auf jenem des Pfleglingswesens und der Waisenfürsorge in nützlicher und ersprießlicher Weise Folge gegeben wurde und gewärtigen die fortschreitende Ausgestaltung dieser in der ganzen Organisation wohlbegründeten Mitwirkung. 4. Mit voller Genugtuung begrüßen wir die Erfüllung jenes Punktes unseres anläßlich der Wahlen im Jahre 1904 verkündeten Programms, welcher die Gründung einer jüdischen Religionslehrer-Bildungsanstalt in Wien verlangte und welchem seitens unserer Gemeindeverwaltung entsprochen worden ist. Wir drücken die bestimmte Erwartung aus, daß die Organisation und der Lehrplan dieser Anstalt, die an dieselbe berufenen Lehrkräfte und insbesondere der Geist ihrer Führung geeignet sein werden, den bedeutungsvollen Zweck, der uns vorschwebt, zu erfüllen und der darin besteht, berufsmäßige, fachlich und pädagogisch gebildete Lehrkräfte heranzubilden, welche, auf der Höhe der Zeit stehend, befähigt sein werden, die unter den obwaltenden Verhältnissen keineswegs einfache Aufgabe eines gedeihlichen Religionsunterrichtes an unseren Volks- und Bürgerschulen mit innerer Hingebung und taktvoller praktischer Umsicht zu erfüllen. 5. Betreffs des derzeit an den Mittelschulen geübten Religionsunterrichtes glauben wir vom wissenschaftlichen und erziehlichen Standpunkte aus, wie nicht minder gemäß der elterlichen Erfahrungen und Wünsche betonen zu müssen, daß unserer schulbesuchenden Jugend gegenüber der wesentliche Unterschied zwischen dem Unterrichte in der jüdischen Religion als Zweck und dem Unterrichte in hebräischer Sprache als einem der vielen Mittel zu diesem Zwecke niemals hintangesetzt werden dürfe, sonach genau und unter Heranziehung einer selbständigen, keineswegs im Nebenamte auszuübcnden Schulinspektion darüber zu wachen sei, daß — unbeschadet des reichlichsten Mehrunterrichtes in den nicht obligaten Sprach- und Bibelschulen — die betreffs des hebräischen Sprachunterrichtes bestehenden durchaus zweckmäßigen Instruktionen niemals überschritten und hierdurch unsere die'Zukunst desZudentums bildenden Kinder vor Unlust, Verbitterung und Entmutigung bewahrt, dagegen mit jener Liebe und Begeisterung für ihren Glauben und ihr Volk erfüllt werden, welche Herz und Empfinden weckende Belehrung über die Geschichte, Religion, Moral und Ethik unseres Stammes h'ervorzurufen vermag. 6. Dem außerordentlichen umfänglichen und inneren Wachstume unseres zur Großgemeinde ausgestalteten Gemeinwesens entspringt der seit geraumer Zeit sich befestigende Wunsch eines großen und ansehnlichen Teiles unserer Gemeindegenossen nach einem den Bedürfnissen entsprechenden neuen monumentalen Gotteshause. Dieser Wunsch findet zugleich seine Nahrung in dem lebhaften Bestreben dieser unter der Unzulänglichkeit der dermaligen Gotteshäuser leidenden Teile der jüdischen Bevölkerung, welches verlangt, daß unter pflichtmäßiger Wahrung der gesetzestreuen Tradition dem fortschrittlichen Geiste auf dem Gebiete des Kultus und Ritus eine größere Berücksichtigung zuteil werde, als dies dermal in den Auffassungen und Betätigungen des Vorstandes zutage tritt. Wir erachten es daher einerseits als eine gerechte Forderung, daß der Vorstand, zurückgreifend auf die Ueberzeugung unserer großen Religionsweiser, welche den Glanz und den Ruhm unserer Gemeinde begründeten, sich diesen Ansprüchen des Fortschrittes und der Zeit rückhaltsloser erschließe,' — und empfehlen andererseits, daß der Vorstand der Frage der Errichtung eines neuen Gotteshauses unter dem Gesichtsunkte der Schaffung von Anteilscheinen oder er Gründung eines speziellen, diesem alleinigen Zwecke gewidmeten Vereines, immer aber ohne unmittelbare Inanspruchnahme der finanziellen Mittel der Gemeinde näher trete und gleich uns die Schaffung eines derlei monumentalen Zeichens unserer nie wankenden Glaubenstreue und unseres opferfähigen Gemeinsinnes als seine würdige und erhebende Aufgabe erkenne und der allmählchien Verwirklichung zuführe. Von den Kandidatenreden boten eiHentlich nur diejenigen der Herren Dr. Maximilian Steiner und Dr. Alfred Stern besonderes Interesse, da beide Herren sich entgegen der fühlbaren Strömung, das Hebräische aus dem Religionsunterrichte zu eliminieren, für die Hebung des Religionsunterrichtes unter besonderer Pflege des Hebräischen eingesetzt haben. Herr Dr. Alfred Stern machte auch die erfreuliche Mitteilung, daß der Kultusvorstand schon in allernächster Zeit an die Gründung einer Anstalt für jüdische Krankenpflegerinnen schreiten werde. Die meisten der anderen Kandidaten beriefen sich entweder auf ihre bisherige langjährige Tätigkeit als Kultusvorsteher oder sonstwie im jüdischen Leben und erklärten sich bereit, je nach ihrem bürgerlichen Berufe ihre Tätigkeit Waschbar! Wasserdicht! Geruchlos! V Reform-$cb weissblätter B \\t ich»! MM «M.