Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 84 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Mtimlzeitmz Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. Redaktion: IX/1, Wssagnsse 31. Telephon 9lv. 14723. Sprechstunde,»: An Wochentagen von 10 bis 12 Uhr vorm. Postadresse: „Nationalzettnug", Wie« IX/1. Erscheint jeden Dienstag nnd Freitag Eigentum einer Sozietät. — Heranogeker und Chefredakteur: Jako- Kraus;. Beschwerden wegen verspäteter oder gar nickit erfolgter Zu» stellung erbitten wir uns dringend. — Manuskripte werden nicht zurllckgestellt. Postsparkaffenkonto 47037. In das Abonnement kann man täglich eintreten. Jnfernte übernehmen die Firmen: Z. Danneberg, M. Dukes Nachfolger, )aasenstein & Vogler, Rudolf Masse, 2Tt. pozsonyi, A. Schale! in Wien, ferner alle Annoncenexpeditionen im Auslande. Einzelnummer in Wien IS Heller. Administration: Telephon AvonnementspreiS: §ür Wien ». Oesterreichngarn s.Frankozustellung: Ganzjährlich . . . 1^ 12 — Halbjährlich . . . „ 6 - Biertcljährlich . . „ 3. Für-.gesamte Ausland: Ganzjährlich . . . K 15.12 IX/1, Wasagaste 31. Nr. 14723. Preis der Anzeige«: Die 5mal gespalt-Nonpareille« zeile oder deren Raum 12 h. „Eingesendet" die 8spal» ttge vtonparetllezeile bv d. Bei mehrmaligen Aufträgen > entsprechender Rabatt. Verschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgegengenommen werden: Hermann Goldschmidt, Wien I., Wollzeile 11; Robert Weiß, Men I., Jakoberg. 7. Ur. 84. Mir«, Freitag de« 30. November 1806 (13. Kislev 5667). VIII. Jahrgang. Kultusmahlen. I. Kr. Die Wiener Judenschaft steht im Zeichen der Kultuswahlen. Wie immer so gibt sich auch bei den diesjährigen Wahlen nicht so sehr sür. das eine oder andere Programm als vielmehr sür das eine oder andere Mandat ein besonderes Interesse kund. Die geradezu desolaten Zustände unter den Wiener Juden sind die Ursache, daß man wohl sür jedes Programm Kandidaten, aber nicht so leicht sür alle Juden ein Programm bekommt. Daher kommt es, daß man selbst dem besten Programme gegenüber mißtrauisch wird, wenn man sieht, daß es auch von solchen Kandidaten akzeptiert wird, deren ganzes politisches Leben gar oft mit den im Programme aufgestellten Postulaten im Widerspruche steht. Wir haben uns daher im Laufe der Zeiten daran gewöhnt, nicht nur Programme, sondern auch Kandidaten einer genauen Prüfung zu unterziehen und nur dann unsere Zustimmung der einen oder anderen Partei im Wahlkampfe zu geben, wenn das Programm unseren Prinzipien entspricht und auch das kulturpolitische Bekenntnis des betreffenden Kandidaten schon von früher als solches bekannt ist, daß es mit den von uns akzeptierten Programmen in Einklang gebracht werden kann. Die diesjährigen Wahlen bringen uns wohl auf der einen Seite ein von der jüdischen Volkspartei seinerzeit aufgestelltes und bis heute noch immer unerfülltes Programm mit einer Liste von Kandidaten, deren mancher infolge feiner politischen Auffassung ein entschiedener Gegner dieses Programmes sein muß, und auf der anderen Seite ein Programm das geradezu optentativ rückschrittlich ist, und von Kanditaten unterschrieben wurde, deren mancher ebenfalls infolge seines bisherigen kultuspolitischen Lebens im strengen Gegensatz dazu stehen müßte. Diese Tatsachen bewogen uns, an der diesjährigen Wahlkampagne keinen aktiven Anteil zu nehmen und wir werden diesem unseren Entschlüsse auch in zwölfter Stunde treu bleiben. Womit wir uns heute beschäftigen wollen, ist die Institution des Zentralwahlkomitees. Das Zentralwahlkomitee wird nach alter Tradition stets das „offizielle" Wahlkomitee genannt. Die Zusammenstellung des Komitees und seine Leitung übernimmt schon seit vielen Jahren die „Oesterreichisch-israelitische Union". Hierdurch wird ein Konnex zwischen „Union" und Kulturvorstand geschaffen, welcher beiden Teilen sehr oft die größten Unannehmlichkeiten bereiten kann. Der beste Beweis für die Wahrheit dieser Behauptung ist wohl das diesjährige Zentralwahlkomitee. In Kreisen des Kultusvorstandes bemüht man sich, mit besonderem Nachdrucke zu betonen, daß man mit den Resultaten dieses Wahlkomitees sowohl in programmatischer Hinsicht als auch in Hinsicht auf die Zusammenstellung der Kandidaten unzufrieden sei, und auf der anderen Seite sind es wieder die leitenden Kreise der „Union", die ebenfalls unbefriedigt von der Tätigkeit des „Zentralwahlkomitees" für ihre Personen die weitestgehenden Konsequenzen aus dieser Art „Tätigkeit" der „Union" gezogen haben. So hat der erste Vizepräsident der „Union" Herr Dr. Heinrich Schreiber nicht nur seinen Austritt aus dem Zentralwahlkomitee angemeldet, sondern auch auf sein Ehrenamt in der „Union" verzichtet, und auch der zweite Vizepräsident der „Union" Herr Dr. Alexander Mintz sah sich veranlaßt, aus dem Zentralwahlromitee auszutreten. Man sieht also, daß durch das ganz überflüssige Eingreifen der „Union" in die Kultuswahlen wohl niemand befriedigt erscheint, dafür aber sie selbst sich Krisen aussetzt, welche sie im Interesse ihres eigentlichen und sicherlich viel wichtigeren und auch zweifellos ersprießlicheren anderen Tätigkeitsgebietes besser vermeiden sollte. Aber auch im Interesse des Kultusvorstandes ist es gelegen, daß fortan mit der Tradition gebrochen werde, daß die Kultuswahlen durch die „Union" gemacht werden, weil er sich dadurch ganz überflüssigerweise der Beschuldigung aussetzt, in die Wahlen indirekt eingegriffen zu haben, ohne daß dies — wie es wenigstens diesmal zu sein scheint — wirklich durchaus der Fall wäre. Schreiber dieser Zeilen hat schon vor Jahren sowohl im Schoße der „Union" als auch an anderen Stellen die Idee eines „Kultuswählervereines" propagiert, wobei ihn hauptsächlich die Abschaffung der geschilderten Anomalien vor Augen schwebte. Der Vorschlag fand allseits Anklang, wurde aber bis heute nicht in die Tat umgesetzt. Das, was die „Union" ebenfalls auf Vorschlag des Verfassers dieses Artikels wirlich akzeptiert und auch durchgeführt hat, nämlich die Einsetzung einer Kultussektion innerhalb ihres Vereines, hat sich als einseitig, demzufolge also als unzulänglich erwiesen, abgesehen davon, daß die Tätigkeit dieser Sektion bis heute kaum verspürt wurde. Mir schwebt eine Vereinigung der Wiener Kultuswähler vor, die nicht unbedingt in Opposition zu dem Kultusvorstande stehen müßte, deren Zweck es im Gegenteile wäre, das Interesse und die Liebe der Kultussteuerpflichtigen für unsere Kultusangelegenheiten zu wecken und sie zu wirklich fähigen, anhänglichen Mitgliedern der Kultusgemeinde zu erziehen. Eine solche Kultuswählervereinigung, in welcher sämtliche Ansichten und Parteischattierungen vertreten sein könnten, wäre einzig und allein berechtigt, unabhängig von allen Einflüssen zu den Kultuswahlen Stellung zu nehmen und von vornherein sich dafür ein- ^usetzen, daß alle Parteien im Verhältnis zu ihrer Zahl und Bedeutung für das Kultusleben im Kultusvorstande vertreten seien. Wir werden wohl noch des öfteren auf diese Frage zurückkommen, wir werden sie mit Rücksicht auf die eben zu Ende gehende Wahlkampagne unermüdlich propagieren, weil wir nur darin für den Frieden in der Gemeinde und für die gerechte Verteilung der Repräsentanz der Gemeinde unter die einzelnen Richtungen ein sicheres Auskunftsmittel erblicken. Die Kultuswahlen werden im Zeichen des Kampfes vor stich gehen. Wir untersuchen jetzt nicht, weshalb es zu diesem Kampfe gekommen ist. Daß der Kampf nicht zugunsten der radikalen Partei ausfallen wird, daran ist zum großen Teile diese Partei selbst schuld. Zum Radikalismus muß man erzogen werden, und diese notwendige Erziehung hat diese Partei trotz aller Warnungen und Aufmunterungen verabsäumt. Vielleicht zieht sie aus den jüngsten Erfahrungen endlich die einzig richtige Lehre: Tut sie es nicht, so mag sie wohl eine ewige Kampfpartei bleiben, wird niemals aber eine Siegerpartei werden. Von den Wahlaufrufen der verschiedenen Parteien ging uns nur derjenige des Zentralwahlkomitees zu. Dieser hat folgenden Wortlaut: Wähler, Glaubensgenossen! Mit dem diesmaligen Wahlgange schließt ein volles Dezennium ab, innerhalb dessen das gefertigte Wahlkomitee, wohl dem Wechsel einzelner Personen unterworfen, doch immer einmütig in dem Bestreben, dem Wohle unserer großen ehrwürdigen Gemeinde zu dienen, deren Schicksale und Entwicklung sorgfältig beobachtet und bei den jeweiligen Wahlen ihres Vorstandes der Wählerschaft seine Anschauungen, Wünsche, Forderungen und Vorschläge unterbreitet hat. Wahlprogramm und Kandidatenliste sind stets die sichtbaren Formen und Kundgebungen, in denen die Ergebnisse unserer sachlichen und persönlichen Prüfung zum Ausdrucke gelangen — und auch diesmal bieten wir euch diese beiderlei Ergebnisse unserer Tätigkeit zu euerer sorgsamen Prüfung und Genehmigung. Mittels unseres beiliegenden Programmes haben wir uns bemüht, der getreue Dolmetsch jenes überwiegend großen Teiles der Wählerschaft zu fein, dem die friedliche, aber gleichwohl stetige und die höchsten Ziele anstrebende Ausgestaltung unseres jüdischen Gemeinwesens am Herzen liegt, der die Wege des Fortschrittes und die Mittel seiner gesunden Entwicklung einsichtsvoll erforscht und auswählt, der gewagte Experimente ablehnt und insbesondere auch die verlockende Nachahmung und Uebertragung politischer Formen und Errungenschaften, welche auf staatlichem Gebiete alle Berechtigung und Bedeutung besitzen mögen, mit dem Wesen und den Lebensbedingungen des so ganz anders gearteten Organismus der Kultusgemeinde jedoch unvereinbar erscheinen. Wir ignorieren und verkennen keineswegs die Strömungen und Bestrebungen, welche auf nationalem und politischem Gebiete große und ansehnliche Teile der Judenheit durchdringen; wir wenden allen Erscheinungen und Bewegungen die lebhaftesten Sympathien zu, welche das Schicksal und die Zukunft unseres Volksstammes günstig zu beeinflußen und segensvoll zu gestalten vermöchten — doch Kultuswahlen und Kultusstube sind unseres Erachtens freizuhalten von - nationalen und politischen Kämpfen, deren Interessen und Ziele so wesentlich andere sind, als die Anfgaben und die Mission der einzelnen Gemeinde. Mag unser Programm, welches sich an unsere, damals von allen Seiten beifälligst begrüßte und durch die Wahlen sanktionierte Kundgebung vom Jahre 1904 anschließt, auch nicht alles enthalten, was auf den verschiedenen Gebieten des Gemeinde- Die nächste Nummer erscheint Dienstag den 4. Dezember