Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 83 (27.11.1906)
- Date
- 1906-11-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 konisches Exil mitgebracht, die Seftt Thörah der Samariter hingegen stellt -ie reine hebräische Schrift dar, Wie sie von den Juden in Dübel benützt wurde. Mrs. Fin, die Witwe des gewesenen englischen Konsuls in Palästina, stellte den Priester der Gesellschaft vor und diente auch gleichzeitig als Dolmetsch. Die Dame machte übrigens das Publikum darauf aufmerksam, daß, obgleich für diese zwei alten Handschriften 5000 Pfund Sterling verlangt werden, die Sammler vor einem Anbot nicht zurückschrecken mögen: Isaak Ben Amram würde „mit sich reden lassen". Das britische Museum würde die Handschriften gerne kaufen, wenn — es nicht zufällig an Geldmailgel litte. Unter den Gästen der Versammlung befand sich auch Dr. Ga st er, der beide Handschriften für echt erklärte. Interessant an der Sefer Thorah ist, daß es nicht mit Bereschith, der Genesis beginnt, svlldern in umgekehrter Reihenfolge geschrieben ist, mit Debarim beginnt und mit dem Exodus, dem zweiten Buche Mc>sis schließt. Die Genesis fehlt im ganzen. In der Rolle ist auch der Name des Schreibers und die Zeit, in welcher die Abschrift erfolgte, angegeben. Die Nolle ist mit einem reich verzierten Mäntelchen bekleidet, und der Behälter selbst ist ein kleines Kunstwerk. Amram Ben Isaak. Das allgemeine Wahlrecht in der Knltusgemrinde. Wien, den 15. November. An das vereinigte Wahlkomitee für die Kultuswahlen 1906 Wien. Unter Bezugnahme auf Ihr wertes Schreiben vom 2. d. M. beehre ich mich, Ihnen folgendes mitznteilen: „Nachdem ich in Erfahrung gebracht habe, daß das löbliche Komitee nicht bereit ist, das allgemeine Wahlrecht zum Programmpunkt zu machen und die Kandidaten auf diesen Programmpunkt zu verpflichten, sehe ich mich außerstande, dem Komitee beizutreten. Indem ich-für die an mich ergangene Einladung bestens danke, zeichne ich hochachtungsvoll Salomon Meisels. Wenn die vornestehenden Zeilen deutlich zeigen, was ich als die wichtigste Frage angesichts der bevorstehenden Wahlen ansehe, so halte ich mich verpflichtet, diesen meinen Standpunkt des näheren zu begründen. In einer Zeit wie der uuserigen, wo alle öffentlichen Vertretungskörper ihre Ehxe dareinsetzen, von dem Vertrauen aller Bcvölkerungsschichten sich getragen zu wissen, ist es geradezu widersinnig, daß eine südische Kultusgemeinde, deren Führer von jeher zu dem Gedanken des Fortschrittes, der allgemeinen Menschen- und Bürgerrechte sich bekannt haben — daß diese Kultusgemeinde in demselbcm Momente sich auf das Prinzip der Rückständigkeit und Verknöcherung einschwört. Das zur Zeit herrschende Wahlrecht ist auf den Leib der privilegierten nnb tolerierten Schutzjudcn von ehedem zugeschnitten, nimmt sich aber für den modernen Menschen des XX. Jahrhunderts wie ein Hohn aus. Darum fort mit diesem veralteten, verrotteten Wahlrecht, unter dessen Herrschaft unser jüdisches Gemeindeleben nicht gesunden wird, weil es nicht gesunden kann! Wir waren jüngst Zeugen von Entgleisungen der bedenklichsten Art, die bei einem Wiener Gemeinderabbiner auf der Kanzel ihren Anfang genommen und hinterher gar den ganzen Kultusvorstand mit sich fortgerissen haben. Ich frage: wären solche Vorkommnisse möglich, wenn wir einen Vorstand hätten, der aus dem allgemeinen Vertrauen hervorgegangen, dasselbe zu rechtfertigen, demnach als seinen höchsten Ehrgeiz ansehen müßte? — Herrn Dr. David gegenüber, von dem diese tiefgreifende Zerrüttung ausgegangen ist, kann ich zu erklären nicht umhin, daß er sich sehr im Irrtum befindet, wenn er sich an seinen unter spezieller Deckung des Präsidenten der Kultusgemeinde in der Form von„Berichtigungen" unternommenen „Beschwichtigungsversuchen" Erfolg verspricht. Bilden die Beobachtung der Speise- und anderer Gebote Nationalzeitung im Sinne des Judentums wirklich nur st, äußere Farmen Und Observanzen"?^ Das mag so von einem Standpunkte erscheinen, der erklärt: „Ws in den Mund hitteingeht, das sündigt nicht." Ich aber verweise demgegenüber auf dett Standpunkt des Judentums, wie es klar und deutlich im III. Buche Moses, Kapitel 11, Vers 44 ff formuliert wird. Mit Entrüstung muß ich die Unterstellung weit von mir weisen, als ob der hier gekennzeichnete Standpunkt auch mir den Gedanken aufkommen lassen könnte, sich leichter Hand über die Grundsätze der Moral und des Rechtes hinwcgsetzen zu dürfen, während Herr Dr. David beides geradezu in einen ursächlichen Zusammenhang bringt! Auf Grund dieser seiner Unkenntnis des Judentums hat der ehrwürdige Herr Dr. David sich noch zu einer zweiten nicht minder bedenklichen Behauptung in der gedachten „Berichtigung" verstiegen, die nicht unwidersprochen bleiben darf. Er macht sich anheischig, der Sache die Wendung zu geben, als habe er nicht „gegen", sondern „für" die galizischen Juden gesprochen, und zwar in der Absicht, damit dem galizischeu Hilfsverein einen verstärkten Zuzug zu verschaffen, denn seiner Ansicht nach hätten die traurigen moralischen Erscheinungen, die der Prozeß Schapira an den Tag gebracht, ausschließlich in der wirtschaftlichen Not ihre Ursache. Der ganze Verlauf unserer vieltausendjährigen Geschichte legt gegen diese Behauptung feierlichst Verwahrung ein und muß demnach dem Herrn Dr. David ein unbekanntes Gebiet sein! Bedrückt, wirtschaftlich hintangesetzt wurden wir von jeher. Das aber bildet gerade unseren Stolz, daß all diese Maßregeln es nicht vermocht haben, die moralische Haltung des jüdischen Volkes in seiner Gesamtheit — beweisen Entgleisungen eines einzelnen Rabbiners etwas für den Stand als solchen? — im geringsten zu beeinträchtigen. Für die Veröffentlichung der vorstehenden Zeilen bestens dankend, zeichnet hochachtungsvoll Salomon Meisels, III., Nadetzkystraße 3. I«r Affairr de» Dr. David. Am letzten Freitag hat Herr Rabbiner Dr. David im Leopoldstädter Tempel eine Predigt gehalten, die jeden, der sie hörte, rühren mußte. Es war die erste Predigt nach jener ominösen „Entgleisung", die so viele peinliche Affären im Gefolge hatte. Dr. David wies auf die Bundeslade hin und leistete — wir möchten sagen more judaico — den Eid, daß es ihm. der sich als Rabbiner aller Juden, ohne Unterschied der politischen Richtung und der Geburt fühlt, ferne lag, einen Teil des Judentums so tief zu verletzen, als ihm dies imputiert wurde. Wie hätte er auch an einen solchen Frevel denken können — meinte Herr Dr. David am letzten Freitag — die östlichen Juden zu verletzen, die Juden desjenigen Ostens, aus dem die größten jüdischen Gelehrten, die größten jüdischen Dichter, die hervorragendsten Sänger vor dem Herrn und die Frömmsten unter den Juden hervorgegangen sind. Wie hätte er auch daran denken können, die Juden Galiziens zu verunglimpfen, die dem Westen die besten Männer geschenkt haben! Und er nannte alle die Geschlechter, die, aus Galizien stammend, den Ruhm des Judentums in alle Welt trugen: die Rappaports, Horowitz, Buber usw. Und der Priester auf der Kanzel brachte das Sühneopfer für sich und das ganze Volk Israel! Als wir zur Zeit der „ersten" Predigt Dr. Davids über die „Affäre" schrieben, da sagten wir, daß bei allen Handlungen dieses rabbinischen Funktionärs Zweifel in uns aufgestiegen, ob sie der Ausfluß von Schlechtigkeit oder nur von Dummheit wären. Wahrhaftig, wer die letzte Predigt gehört hat, mußte den Eindruck gewinnen, daß Dr. David nicht aus Schlechtigkeit gehandelt hat. Nun soll es ein Ende haben nut diesem David-Rummel! Zurück zur Tagesordnung! Sie ist groß und ernst. Jedemann kehre zu seiner Arbeit zurück! Auch Dr. David! Mehr arbeiten und weniger reden dürfte auch für ihn das beste Rezept sein. Pax vobiscum! Rr. 8 ß DieSchnldtgevdei de« Pogrom«. Dem territvrialistiHenOrgan^dem Warschauer „Jüdischen Tagblatt", entnehmen wir die folgende interessante Mitteilung: IN den nächsten Tagen kommt in Kiew ein interessanter Prozeß zur Verhandlung. Angeklagt erscheint der beeidete Advokat Uljanicky, welcher beschuldigt wird, über die Tätigkeit der Polizei unwahre Gerüchte verbreitet zu haben. Der beschuldigte Advokat Uljanicky hat nämlich in Kiew er Zeitungen eine Serie von Artikeln veröffentlicht, in welcher er ganz klar und offen nachweist, daß die Pogroms in den Kiewer und Czernigewer Gouvernements von der Polizei inszeniert und geleitet wurden. Diese Artikelserie ist auch als Sonderabdruck in Form einer Broschüre verbreitet worden. Uljanicky hat in denselben Zeitungen den Wunsch ausgedrückt, für seine Behauptungen vor Gericht gestellt zu werden, um dort den Nachweis für die Richtigkeit seiner Behauptungen führen zu können. Der Angeklagte behauptet, daß er im Besitze einer großen Anzahl wichtiger Dokumente sei, welche er eigens zu diesem Zwecke in den Städten der beiden Gouvernements, in welchen Pogroms stattsanden, persönlich gesammelt habe und welche klar und deutlich feststellen, durch wen und auf welche Weise die vorjährigen jüdischen Metzeleien arrangiert wurden. Alle diese Dokumente will nun Uljanicky dem Gerichte als Bewcismaterial vorlegen. In Kiew sieht man dem Prozesse mit großer Spannung entgegen, um so mehr, als Uljanicky versichert, daß er im Besitze viel wichtigerer Dokumente sei, als der bekannte Brief Lapuchins, welcher, wie erinnerlich, seinerzeit großes Aufsehen hervorgerufen hat. Ausmanderungsangelegercheiten. Petersburg. Hier wurde ein Rechtsschutz- und Jnformationsverein für jüdische Emigranten gegründet, welcher seine Tätigkeit bereits begonnen hat. Der Verein steht unter der Leitung der Herren Dr. G. A. Papern und Dr. Ä. W. Kostelansky. Zurück. Vorige Woche wurde, wie der „Jüdische Expreß" in London mitteilt, ein zwanzigjähriges jüdisches Mädchen, welches vorige Woche aus Rußland nach London kam, deportiert. Das Mädchen erzählte dem Eiuwanderungskommissär, daß ihr Bruder, der in London wohnt, einem in Rußland lebenden Cousin das Reisegeld geschickt hätte, doch sei sie an Stelle dieses .Cousins nach London gekommen. Der Bruder erklärte sich wohl bereit, die Schwester einige Wochen hindurch zu erhalten, bis sie nach Südafrika Weiterreisen würde. Da das Mädchen sich hiermit nicht einverstanden erklärte und ihre Zustimmung, nach Südafrika weiterzureisen, nicht geben wollte, wurde sie deportiert. Dieser Fall beweist wieder, wie leichtsinnig unsere Stammesgenossen in Rußland sich zur Auswanderung entschließen und wie notwendig es wäre, hier Wandel zu schaffen. Dir Sonutagsrnhr in England. Das Parlamentsmitglied Goddard Clarke hat im Unterhaus einen Gesetzentwurf betreffend die S o n n t a g s r u h e eingebracht, der zum erstenmal auch den von jüdischer Seite erhobenen Forderungen entspricht. Der Entwurf verlangt einen vollen wöchentlichen Ruhetag für alle Angestellten und Arbeiter in gewerblichen Betrieben und setzt auch den Sonntag als den regelmäßigen Ruhetag fest. Er enthält aber einen Paragraphen, der die den Sabbat heiligenden Personen förmlich von dieser Bestimmung ausmmmt. Der betreffende Passus lautet: „Dieses Gesetz bezieht sich nicht auf solche Angestellte, die aus religiösen Gründen den siebenten Tag der Woche als Sabbat beobachten und sich tatsächlich an diesem Tag jeder Werkarbeit enthalten, und es sollen solche Personen wegen ihrer Tätigkeit am ersten Tage der Woche keiner Bestrafung unterliegen, vorausgesetzt, daß diese Tätigkeit nicht andere Personen bei der Beobachtung des Sonntags stört." Unterzeichnet ist der Entwurf auch von den Abgeordneten George White, Corrie Waschbar! Wasserdicht! Geruchlos! Reform-$cbw>ei$$blämr fmü Sit Mita! WM chiilll.