Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 83 (27.11.1906)
- Date
- 1906-11-27
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. MtmcheitM Erscheint jeden Dienstag und Freitag Eigentum einer Sozietät. — Heransgeber nnd Chefredakteur: Jakob Kraus;. Inserate übernehmen die Zirmen: Z. Danneberg, Irt. Dufes Nachfolger, Haasenstein & Vogler, Rudolf Masse, M. pozson^i, A. Schalek in Vien, ferner alle Annoncenexpeditionen im Auslande. Einzelnummer in Wien IS Heller. Berschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgegengenommen werden: Hermann Goldschmidt, Wien l, Wollzeile 11; Robert Weiß, Wien I., Jakoberg. 7. Ur. 83. Wien, Dienstag den 27. November 1906 (16. Kisten 5667). VIII. Jahrgang. Administration: Telephon «bonuementsprets: gür «len «. Oefterreichngarn f.Frankozusteüung: Banzjährlich . . . K 12.— Halbjährlich . . . „ ».- Bierteljährlich . . „ S. Kür d. gesamte Ausland: Ganzjährlich . . . U1S.12 tX/1, Wasagaffe 31. Rr. 1472». Preis der Anzeige«: Die smal gespalt-Nonpareille» teile ober bereit Staunt 12 h. „Lingesendet" die Sspal. ti»e Nonpareillezelle bo h. Bei mehrmaligen Aufträgen I entsprechender Rabatt. Redaktion: IX/i. Wasagaste 31. Telephon Nr. 1472». Sprechstunden r An Wochentagen von io bi» 12 Uhr vorm. Postadresse- „Nationalzeitung", Wie« lX/l. Veschroerden wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir un» dringend. — Manuskripte «erden nicht zurückgestellt. Postsparkassenkonto 47087. In da» Abonnement kann man täglich eintreten. Konstitution und Territorialismus. Von CH. I. Chasan. Der Territorialismus erstrebt die Schaffung eines Territoriums für diejenigen Juden, welche in ihren Golusländern nicht bleiben können oder nicht bleiben wollen. Eine neue Wendung ist in dem Leben der großen Bevölkerung des russischen Reiches. eingetreten: Die Befreiungsbewegung beginnt ihren Sieg zu feiern. Die dunklen Mächte ringen noch miteinander und bemühen sich, ihre Existenz durch allerlei unvernünftige Mittel zu verlängern. Durch Ströme Bluts wird jede neue Reform, jedes neue Freiheitszeichen.dem alten,, angefaulten Regime abgerungen. Wie Marktkrämer feilschen sie über jeden Lichtstrahl, über jeden Glückssetzen, den sie in ihrer „Gnade" dem Volke schenken. Der Kampf um die Freiheit tobt noch ungeschwächt weiter, aber sein Ausgang kann keinem Zweifel unterliegen und manmuß nicht just zu den weit ausblickenden Politikern gehören, um zu begreifen, daß die Tage des alten Regimes gezählt sind, und rasch, sehr rasch wird kommen in Rußland die goldene Zeit, nach welcher sich alle besseren Elemente der russischen Bevölkerung mit solcher Ungeduld, Energie Wd Leidenschaftlichkeit gesehnt haben. Und ein Strom gesellschaftlichen Lebens ergießt sich jetzt mit ungeheurer Kraft, mit elementarer Gewalt über das ganze weite russische Reich. Alles, was bis jetzt erstickt, geknebelt und in Fesseln geschlagen war, stürmt hinaus in die lichte Welt, alle Gesinnungen und Anschauungen, welche das Gehirn und das Herz eines großen Teiles der Gesellschaft beherrschten, jedoch nur geheim, auf illegalem Wege propagiert und verbreitet werden durften, werden jetzt frei und offen herausgesagt durch die Vertreter dieser Gesellschaft. Verschiedene Parteifahnen werden entfaltet, und um sie gruppieren sich frei und offen ihre Anhänger. Und unter allen, die sich zu offener, freier gesellschaftlicher Arbeit auf breiter Grundlage zusammentun, befindet sich auch unsere neugeschaffene territorialistische Organisation. Das bisae finstere Regime konnte eine systematische schaftliche Arbeit nicht dulden, selbst wenn sie nicht gegen dieses Regime gerichtet war. Alles mußte „von oben herab" geleitet werden, und jedes Hervortreten einer selbständigen gesellschaftlichen Initiative mußte schon ihrer Selbständigkeit wegen gehemmt, gestört und paralysiert werden. Und gerade in dem Zeitpunkte, da die Repressalien, die selbst gegen jeden Schein von selbständigem gesellschaftlichem Leben in Anwendung gebracht wurden, ihren Höbepunkt erreicht hatten, ist es unserer Partei auferleat worden, den schwersten Teil ihrer Arbeit durchzuführen: den Anfang. Gerade zur Zeit, als ganz Rußland einen einzigen großen Kerker darstellte, als fast jeder Tag neue Kunde brachte von der Einführung des Kriegszustandes in den verschiedensten Gegenden, als jede kleinste, unschuldigste Versammlung mit der Gefahr monatelangen Arrestes verbunden war, gerade in diese Zeit fiel unser Austritt aus der zionistischen und die Bildung einer selbständigen territorialistischen Organisation. Aber unser fester, unerschütterlicher Glaube an den ungeheuren Nutzen und die Notwendigkeit unserer Arbeit für das jüdische Volk gaben uns Mut und Energie, unsere Arbeit zu beginnen und sie „illegal" sortzusetzen bis zu dem jetzigen Momente, da uns die Möglichkeit gegeben ist, in die große Oeffentlichkeit zu treten. (Fortsetzung folgt.) Politische Rundschau. Wahlbewegnng in Kolomea. Vorigen Sonntag fand hier eine Volksoersamrulung mit der Tagesordnung „Die Wahlreform und die Juden" statt. Das Referat hatte Herr Rabbiner Dr. Br au d e aus Stanislau. In. seiner Rede, in welcher er die politische Lage der Juden in Galizien ausführlich schilderte und auf die Notwendigkeit einer Selbstvertretung der Juden hinwies, verurteilte Dr. Brau de das Verhalten der jetzigen jüdischen Abgeordneten Galiziens den Juden gegenüber. Nach eingehender Diskussion wurde eine Resolution angenommen, in welcher allen jüdischen Abgeordneten, welche die jüdischen Interessen vernachlässigen, besonders aber dem Abgeordneten von Kolomea, Dr. Seins eld, das Mißtrauen ausgesprochen und gegen die lächerlich geringe Zahl jüdischer Mandate protestiert wird. Nach einstimmiger Annahme der Resolution wurde für die bevorstehende Ersatzwahl für den Landtag in Kolomea ein Kandidierungskomitee eingesetzt._ Die Thorichrolle der Kamaritauer. London, Mitte November. London, und besonders der reiche Westend hat eine Sensation. Bischöfe, hohe Geistliche, reiche Damen weiteifern, eine „exotische Gesellschaft bei sich zu sehen, und sich die Geschichte des Priesters JsaakBen Amran, des Führers der samaritanischen „Deputation" anzuhören. Sie führen ein Kleinod mit, welches sie hier zu Geld machen wollen, um ihre materielle Lage daheim in Sch'chem zu verbesser. Und Isaak Ben Amram erzählt: „Dreizehn Jahre nachdem die Juden von Mizrajim nach Kanaan gekommen waren, wurde unsere Sefar Thorah von einem Enkel Ahrons, des Bruder Mosis niedergeschrieben. Die Kunde hievon hat sich bei den Samaritanern durch dreitausendjährige Ueberlieferung von Geschlecht zu Geschlecht bis auf unsere Generation erhalten. Das Original dieser Sefar Thorah bewahren wir als das Heiligste, das wir zuhause in unserer Synagoge besitzen. In unseren Altvordern, welche vor tausend Jahren lebten, mochte die Furcht aufgestiegen sein, daß unser Heiligstes durch fortschreitendes Alter, durch häufige Benützugä oder sonstwie Schaden erleiden könnte und beschlossen in ihren weisen Voraussicht, eine Abschrift von dem heiligen Originale anzufertigen. Diese Kopie nun haben wir im Sinne eines Beschlusses unserer Gemeinde mit uns nach London gebracht, um es zu Geld zu machen." Ein schwerer Seufzer entringt sich der Brust Isaaks Ben Amram, des Priesters. Und er erzählt weiter: „Zweihundert Seelen zählt heute noch unser Stamm. Und wie groß waren wir an Zahl, da unsere Sefer Thorah geschrieben wurde und welchen Einstuß besaßen wir unter den Juden! Denn wir sind Inden, im Sinne der heiligen Schrift sogar bessere Juden, als diejenigen, welche in den Golusländern zerstreut leben. Wir haben unsere Sitten nicht geändert, wir haben den Opferkult nicht aufgegeben; genau, wie vor zweitausend Jahren bringen wir alljährlich das Pessachopfer dar. Als die Juden aus Palästina vertrieben wurden, kam auch über uns eine böse Zeit. Die Nachbarstämme fielen über die Samaritaner her, dezimierten sie, und es hatte den Anschein, daß die Samaritaner, vielleicht weniger widerstandsfähig als die im Golusjoche lebenden Juden, dem allmählichen Aussterben geweiht sind. Vor dreihundert Jahren, so erzählt uns die Ueberlieserung, lebten nicht mehr als fünf Samaritaner, und heute sind wir wieder unserer zweihundert. Und diese zweihundert leiden Not und leben in bitterem Elend. Ihre Religion können sie wohl hier ausüben, aber der Bodenbesitz ist ihnen untersagt, und so sind sie denn auf den Kleinhandel unter sich angewiesen, da weder die Türken noch die Juden der umliegenden Ortschaften mit ihnen in Handelsverkehr treten wollen. Aber selbst dieses winzige Kleinleben wird ihnen durch die türkischen Beamten schwer gemacht und vergällt, und um den Schikanen zu entgehen, sind sie gezwungen, von ihrem spärlichen Einkommen den gierigen Zorn der Beamten durch Bakschisch zu beschwichtigen. Um nun die Lage dieser Ueberreste der Samaritaner zu verbessern, entschlossen sie sich zweier Kleinodien zu entäußern, und sie den Sammlern von London um dem Preis von 5000 Pfund Sterling, das sind 120.000 Kronen, anzubieten. In dieser heiklen Mission ist der Priester Isaak Ben Amram nach London gekommen. Vorigen Freitag nun legte der samaritanische Priester einem großen, auserlesenen Publikum seine zwei Schätze vor. Gelehrte aller Kategorien besichtigten und prüften die zwei Zeugen alter jüdischer Geschichte. Das eine der beiden Manustripte stellt, wie schon erwähnt, eine vor tausend Jahren angefertigte Abschrift der Thorah der Samaritaner dar, und das zweite, eine Chronik der Samaritaner, welche vor 750 Jahren niedergeschrieben wurde. Die Jsaakrolle verrät schon äußerlich ein hohes- Alter und weist verschiedene Flecken auf. Die Schrift, in welcher die Rolle geschrieben ist, ist nicht die gewöhnliche hebräische Schrift, in welcher unsere Sefer Thorah geschrieben sind. „Die assyrische Schrift," so erläutert der Priester Isaak Ben Amram, „haben die Juden aus dem babyn* Die nächste Nummer erscheint Freitag den 30. November.