Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 82 (23.11.1906)
- Date
- 1906-11-23
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 82 Nationalzeitung Seite 5 ja sicherlich kein Unterschied, ob die Karte von Abrabam oder Isaak benützt wird, während der Unglückliche, der kaum der Drangsal des russischen Kannibalismus entronnen ist, unter der Malträtierung des österreichischen Bureaukraüsmus schwer zu leiden hat. Die Interpellanten richten daher an den Eisenbahnminister die Frage, ob er geneigt ist, die Zurückziehung dieses Erlasses zu veranlassen? Z« de« Kultuswichlen. Die offizielle Wählerversammlung, welche vor jeder Kultuswahl vom Vorstande einberufen zu werden pflegt, findet diesmal Montag den 26. d. M., abends 8 Uhr, im Saale des Hotel „Post" statt. Diese Wählerversammlung dürfte nach den jüngsten Vorgängen in der Kultusgemeinde recht stürmisch verlaufen, wenn nicht noch in letzter Minute bezüglich der Tagesordnung und des Verlaufes der Versammlung eine Verständigung herbeigeführt wird, welche sich nicht auf den Gang der Wahl, sondern auf den Verlauf des Abends beziehen soll. Herr Lucian Brunner erhielt von einer großen Anzahl jüdischer Steuerzahler die Aufforderung, eine Kandidatur für bte kommenden Kultuswahlen anzunehmen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die energische Persönlichkeit und besonders die soziale Unabhängigkeit des Herrn Lucian Brunner in der Kultusstube sehr am Platze wäre und von seiner Arbeit, besonders auf sozialpolitischem Gebiete, viel Ersprießliches für die Wiener Judengemeinde zu erwarten wäre. Eine Kandidatur Lucian Brunners würde nicht nur uns, sondern, wenn sie rechtzeitig aufgestellt und den Wählern bekanntgegeben würde, sicherlich auch dem größeren Teil der Wähler willkommen sein. ' _ A«s«>ar»der»mgs>»«gelege»cheite««. Eine Warnung der österreichischen Regierung. Die österreichische Regierung erläßt im Wege der Statthaltereien eine Warnung an die Auswanderer, welche die Absicht haben, nach Sao Paulo in Brasilien auszuwandern. In der Warnung wird darauf.hingewiesen, daß jeder Einwanderer verpflichtet sei, sofort 450 Kronen als den fünften Teil des Kaufpreises des ihm zu überlassenden Bodens zu erlegen. Nach Erlag dieser Rate sei der Einwanderer wohl zwei Jahre hindurch von Ratenzahlungen befreit, nach Ablauf dieser Zeit werden die fälligen Raten ohne Rücksicht auf den Ertrag des Bodens eingetrieben. Die Arbeiter und Arbeiterinnen der Kaffeeplantagen begegnen nach dieser offiziellen Warnung gleich zu Beginn den größten Widerwärtigkeiten, welche durch einen stärkeren Zufluß von Arbeitskräften nur noch erhöht wurden. Ueber das Schicksal eines Opfers der russischen Schreckenszeit wird folgendes berichtet: Aus einem von Eydtkuhnen kommenden Zuge wurde kürzlich auf dem Bahnhof Friedrichstraße in Berlin ein junges Mädchen von außergewöhnlicher Schönheit durch andere Fahrgäste hinausgeführt; das Mädchen war augenscheinlich vollkommen entkräftet und nicht imstande, über seine Person verständliche Auskunft zu geben. Die Stationsbeamten waren ratlos, was mit der Fremden anzufangen sei; auch der hinzukommende Schutzmann wußte keinen Ausweg. Unter dem Puhukum, welches sich um die Hilflose ansammelte, befände:; sich auch zwei Lehrerinnen aus Spandau, die im Begriff waren, nach Hause zu fahren. Kurz entschlossen erklärten sie sich dem Stationsvorsteher und dem Schutzmann gegenüber bereit, sich des Mädchens annehmen zu wollen, und man ließ sie, nachdem sie sich legitimiert hatten, auch gewähren. Sie fuhren mit der Verlassenen nach Spandau und brachten sie zu einer jüdischen Familie, welche die Fremde aufnahm. Nachdem diese sich erholt hatte, berichtete sie, daß ihre Eltern und sonstigen Familienangehörigen während eines Judenmassakers sämtlich ermordet worden seien; sie selbst habe infolge eines glücklichen Zufalls, fast aller Mittel entblößt, entkommen können; ihr Vater hätte ein Seidenwarengeschäft besessen und sei sehr wohlhabend gewesen. Die vom jüdischen Hilfsverein angestellten Nachforschungen bestätigten diese Angaben der Russin, die 15 Jahre alt ist. Nachdem die Waise sich bei der Spandauer Familie erholt hatte, hat es jetzt der Hilfsverein übernommen, für ihr weiteres Fortkommen Sorge zu tragen. Der Körperhabitus der jüdischen Einwanderer in New-Avrk. In einer sehr interessanten Arbeit über dieses Thema «Materials for the Physical Anthropology of the Eastern European Jews, Annals N.-Y. Acad. Sc., Vol. XVI» kommt Maurice Fishberg zu dem beachtenswerten Resultate, daß die Immigranten im allgemeinen höher sind als die in der Heimat Zurückgebliebenen, wie aus folgender Zusammenstellung klar zu ersehen ist. Während die mittlere Körperhöhe bei den Juden in Europa zwischen 161 uno 165 schwankt, zeigen die in Amerika geborenen eine Höhe von 167'9. Außerdem wird diese Beobachtung auch bei der Verteilung der Gemessenen nach ihrem Geburtslande bestätigt, indem die Auswanderer immer größer sind als die Zurückgebliebenen. Es kann hier nicht von einer zufälligen Erscheinung die Rede sein, sondern es scheint sich um eine feststehende Tatsache zu handeln, da die Zahl der Gemessenen verhältnismäßig groß ist. Fishberg sucht diese Erscheinung dadurch zu erklären, daß nur die wirklich gesunden und kräftigen Elemente es wagen, ein neues, glücklicheres Arbeitsfeld zu suchen. Es findet also schon bei der Emigration eine gewisse Auslese statt, die, mit den besseren sozialen Verhältnissen in Amerika verbunden, dazu führt, daß die eingeborenen amerikanischen Juden viel höher sind als die europäischen. Avis für die Familien der Auswanderer. Der ungarische Minister des Innern macht die zu Hause gebliebenen Familienangehörigen der Auswanderer aufmerksam, daß sie sich, wenn das ausgewanderte Familienmitglied infolge eines während der Arbeit eingetretenen Unfalles in der Fremde gestorben ist und sie bei der Behörde des betreffenden Landes oder bei dortigen Privatgesellschaften Schadenersatz erwirken wollen, bei gleichzeitiger Einsendung der nötigen Dokumente sofort an die kompetente k. u. k. österreichischungarische diplomatische Vertretung wenden mögen, da eine Intervention von privater Seite die Erledigung verzögert, ja sogar den Erfolg aufs Spiel setzt. Ungarische Answanderungsstatistik. Das soeben erschienene Septemberheft des ungarischen statistischen Landes-Zentralamtes enthält folgende auf den Monat September l. I. bezügliche Auswanderungsdaten: Ausgewandert sind tatsächlich 11.250 Personen, um 2938 mehr als im September vorigen Jahres. Von den Ausgewanderten entfallen auf Amerika 9645 (3444 via Fiume). Zurückgewandert sind 2198 Personen. In den ersten neun Monaten des Jahres weist die Auswanderungsstatistik eine Abnahme um 10.235 Personen auf. Die Auswanderung aus Rumänien. Seit dem 1. Jänner bis Ende Oktober d. I. sind aus Rumänien 1347 Juden ausgewandert. Hiervon waren 419 Männer, 534 Frauen und 394 Kinder. Die meisten der Auswanderer, welche dem Schneidergewerbe angehören, gingen nach Amerika, ein Te.il nach Argentinien und Kanada. Minsk (Rußland). Die hiesige „Gesellschaft zur Unterstützung jüdischer Handwerker" wurde von der Behörde bestätigt und ihr das Recht eingeräumt, in ganz Rußland Filialen zu errichten. Der Zweck der Gesellschaft ist, die jüdische Auswanderung aus Rußland zu regulieren, den Emigranten vor der Abreise mit Informationen zu dienen und ihre Wanderung nach Ländern zu lenken, in welchen sie ihre Lage verbessern können. Moralische Unterstützung und materielle Hilfeleistung an Emigranten sind laut dem Gesellschaftsstatut aus dem Tätigkeitsprogramm ausgeschlossen. Die Einwanderung von Inden nach Argentinien hat, wie dem Jahresberichte der «Jewish Golonisation Association» (I. C. A.) zu entnehmen ist, in den letzten Jahren sehr stark zugenommen. Sie war in früheren Jahren sehr gering, durfte im Jahre 1904 nach der Schätzung der I. C. A. bereits 4000 betragen haben und ist im Jahre 1905 nach der amtlichen argentinischen Schätzung auf 7516 Personen gestiegen. Die Juden sind der argentinischen Regierung als Einwanderer sehr willkommen, es wird ihnen durch die amtlichen Einwanderungsbureaus Aetzit nachgewiesen und sie werden, wenn sie Aetzit im Innern des Landes annehmen, auf Kosten der Regierung dahin befördert. Kiew. Die Auswanderung der Juden aus unserer Stadt nimmt wieder größere Dimensionen an. Die meisten fahren noch immer nach New- Aork. Vor einigen Tagen kam ein Herr Co wen aus New-Uork nach Kiew, um hier die Emigrationsfrage zu studieren. Herr Cowen klärte das hiesige Enligrationsbureau darüber auf, daß die Einwandernngsgesetze in New-Iork jetzt strenger beobachtet werden, denn je. Emigranten mit schwacher Brust, schwachen Augen oder einer Haarkrankheit werden unter keinen Umständen zur Landung zugelassen. Das hiesige Emigrationsbureau beschloß daher, jeden Auswanderer vorerst durch einen Arzt untersuchen, nötigenfalls gründlich ausheilen zu lassen, ehe er sich auf den Weg macht. Das Bureau folgt nunmehr Eisenbahnkarten bis zum nächsten Hafen aus. Jedem Auswanderer wird auch das Handbuch „Wegweiser für Emigranten" sowie ein jüdisches Lehrbuch der englischen Sprache auf den Weg mitgegeben. Aufruf! Durch die wiederholten Judenverfolgungen der letzten Jahre und namentlich durch die Massacres in Rußland sind an die „Israelitische Allianz zu Wien" außerordentliche Anforderungen gestellt worden. Dank der Opferwilligkeit unserer Glaubensgenossen waren wir in der Lage, während der verflossenen drei Jahre nahezu K 1,200.000.— dem russischen Hilfswerke zuzuführen. Wir können jedoch unseren vielfachen permanenten Aufgaben im Interesse der Gesamtheit des Judentums nur dann entsprechen, wenn der Kreis unserer ständigen Mitglieder sich wesentlich erweitern wird. Es ist heutzutage mehr als je die Pflicht eines jeden Juden, Mitglied der „Allianz" zu sein. Der statutarische Jahresbeitrag beträgt K 6.—; die lebenslängliche Mitgliedschaft wird durch einen einmaligen Beitrag von K 200.— erworben. Als „Gründer" wird ausgenommen, wer einen einmaligen Beitrag von K 1000.—, als Stifter, wer einen Beitrag von K 4000.— leistet. Geldsendungen sind zu richten an die „Israelitische Allianz zu Wien", I., Weihburggasse 10, Erlagscheine der Postsparkasse (Scheckkonto Nr. 8152) sowie Jahresberichte werden in unserem Bureau bereitwillig zur Verfügung gestellt. DerBorstandder„JsraelitischenAllianz zu Wien": David R. v. Gutmayn, Präsident; Dr. Alfted Stern, Dr. Arthur Kuranda, Dr. Sigmund Wahrmann, Vize Präsidenten; Emanuel Baumgarten, Oberrabbiner Dr. M. Güdemann, Emil Horner, Dr. Felix Katzau, Adolf Klein, DirektorMoriz Koritfchoner, Dr. Jakob Nirenstein, Wilhelm Pappenheim, kais. Rat Bernhard Pollack, Julius Reitlinger, kais. Rat Leopold Sachs, Rabbiner Dr. A. Schmiedl, Fritz Singer, Hofrat Sigmund T a u s s i g, Kommerzialrat Leopold T r e b i t s ch, Donat Z i f f e r e r, Vorstandsmitglieder. Eingesendet. Wollen Sie gütigst im Interesse der jüdischen Sache folgenden Zeilen in Ihrem geschätztem Blatte Raum gewähren: Eine beispiellose Roheit! Einer von denen, die das Judentum als eine Schmach empfinden, nachdem sie ihre Eltern durch die Ausübung guter Tugenden, als da sind: Fleiß, Sparsamkeit und Ausdauer, als reiche Menschen ins Leben gesetzt haben, hat kürzlich in echter Renegatenart einen brutalen Akt begangen. Es ist dies Herr Oskar Hofmann, Direktor der „Bereinigten österreichischen Gelattne- und Zelluloidwaren-Fabriken, IX., Spittelauergasse 68, der ein armes jüdisches Mädchen, das buchstäblich tagelang auf eine Entscheidung ihrer Bitte, als Arbeiterin ausgenommen zu werden, wartete, barsch anschrie und zurief „man möge ihn in Ruhe lassen, ob er denn die ganze ,Mischpoche' beschäfttgen soll!" Der Name des Mädchens, das fassunglos von Tränen überströmt stehen blieb, sowie Namen von Zeugen dieser Szene find uns bekannt. Dem Reserveleutnant Herrn Oskar Hofmann, der sich einem Weibe gegenüber deshalb, weil sie eine nnne Jüdin ist, so sehr der Ritterlichkeit begab, sei erinnert, daß seine Ahnen vor Zeiten im Ghetto ebenso von solchen jungen „goischen Lassen", wie er sich einer zu sein bestrebt, getreten worden sind. Wir wollen diese Art und Weise von Benehmen gegen ein arbeitsuchendes jüdisches Mädchen hiemit der Öffentlichkeit zur Kenntnis bringen. Oeä. Lon Zion. (Name und Adresse des Einsenders sind der Redaktton bekannt.) Vermischte Nachrichten. Wien. Der Verein zionistischer Hochschüler „Theodor Herzl" hat sein Vereinslokal nach IX., Grüne Torgasse 33 verlegt, wo, wie bisher, die Seminarabende am Montag, Mittwoch, Donnerstag und Samstag stattfinden. Gäste stets willkommen. Die Ausschußwahlen hatten folgendes Ergebnis: Präses: 100. Leo Goldhammer; Vizepräses: phil. Siegfr. Schmitz; Schriftführer: phiI. Alexander Neuer; Kassier: oxp. Siegfr. Löwinger; Bibliothekar: pbil. Josef Greher."