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Nationalzeitung · 1906-11-23 · Heft 82 (23.11.1906) · p. Seite 4

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 82 (23.11.1906)
Date
1906-11-23
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nationalzeitung Nr. 82 vollen und energischen Leitung des Vorsitzenden S^errn Goldberg ist es zu danken, dag zum chlusse eine Einigung in den verschiedenen Streitsragen zustande kam. Es wurden folgende Resolutionen angenommen: „Die Sozialisten-Territorialisten Amerikas fordern nationale Rechte nur für die Juden, welche in anderen Ländern leben. Für die Juden Amerikas, wo auch die übrigen Nationalitäten kerne besonderen Rechte besitzen oder in Anspruch nehmen, ist die Forderung besonderer nationaler Rechte für die Juden nicht am Platze. Die nationale Arbeit der Sozialisten-Territorialisten in Amerika hat in der Verbesserung der Erziehung, der Entwicklung der hebräischen Sprache und der Einwirkung auf die Presse zu bestehen." Bezüglich des Territorialismus wurde beschlossen: „Die Sozialisten-Territorialisten treten in die Jto auf föderativer Grundlage ein, und werden sie in ihrer positiven Arbeit tatkräftig unterstützen". Zur Leitung der Parteiangelegenheiten wurde ein Zentralkomitee bestehend aus elf Mitgliedern gewählt. London. Wie seinerzeit in diesen Blättern berichtet wurde, haben die Damen Carmel Goldsmid, Schwester des verstorbenen Kolonel Goldsmid, und Miß C o w e n, Tochter des Direktors der jüdischen Kolonialbank, Co wen, eine Studienreise in die jüdischen Städte Rußlands unternommen. Die genannten Damen sind nunmehr nach England zurückgekehrt und haben dem Konseil der Jto einen ausführlichen Bericht über ihre Erfahrungen unterbreitet. Der Bericht soll in nächster Zeit auch in Druck erscheinen. Kekieidungsrummei! Kommt herbei ihr Greise und Kinder, versammelt euch in den bereitstehenden hellerleuchteten Prunksälen, wir wollen Euere leibliche Nacktheit bedecken. Bei diesem Anlasse werden schwungvoll abgefaßte und anwidernde Reden gehalten, musikalische Produktionen mit Gesang und Tanz sind im Gefolge. Ein wahres Schauspiel für Götter — des Baal— denn nur auf solchen Altären dürfen derlei Opfer dargebracht werden. Mit der Religion unserer Väter, mit den erhabenen Traditionen des.Judentums, mit der wahren Vornehmheit jüdischer Gesinnung, jüdischen Denkens und Fühlens, hat dieser Humbug, diese Protzenhaftigkeit nichts gemein. Mit der Wohlhabenheit erwacht auch ein gewisses Gefühl, eine Sucht, in der Gesellschaft irgendwie hervorzutreten, im sogenannten öffentlichen Leben auch etwas zu gelten, und die erste Etappe hierzu fft die Vereinsmeierei. Es ist nicht viel, Obmann oder dgl. in einem Wohltätigkeitsvereine zu sein; aber wenn man der Brotsorgen enthoben ist, dann bedeutet dies in sozialer Hinsicht doch etwas, man wird gewissermaßen eine offizielle Persönlichkeit. Die zahlreich in Wien bestehenden Unterstützungsvereine und -Vereinchen haben zum größten Teile weder moralische noch materielle Exfftenzberechtigung; die Kinderbekleidungsvereine speziell sind die Schneeblumen unter denselben. Wenn von dieser Seite behauptet wird, daß die Kinderbekleidung die größte Wohltat bedeutet, so hingegen scheint solches mir die geringste Hilfe und die größte Demütigung für die Armut zu sein. Dies darzutun, sei die Aufgabe dieser Zeilen: Es ist eine traurige Tatsache, daß die breiten Schichten der in Wien seßhaften Judenschast, nahezu 200.000 Seelen, einen geradezu verzweifelten Existenzkampf zu führen haben. In der überwiegenden Mehrheit für kaufmännische und sonstige Jntelligenzberufe erzogen, finden sie nicht im gleichen Maße gesicherte Stellung, oder auch nicht für die Dauer. Was nun in der Selbstständigkeit Schiffbruch erlitten, wer in jungen Jahren als Reisender, Platzvertreter, Komptoirarbeiter, Kommis re. genügend ausgebeutet wurde, wird im reiferen Alter aufs Plaster geworfen. Leute, die das vierzigste Lebensjahr erreicht oder gar überschritten haben, haben heutzutage keine Aussicht mehr, Stellung zu finden, selbst wenn sie noch so tüchtig und verläßlich sind. An einen Postensuchenden, der Familienvater ist, wird schon gar nicht angerührt, da junge und billige Arbeitskräfte mehr als genug vorhanden sind. So häuft sich das Proletariat immer mehr und mehr. Was soll dasselbe nun beginnen? Früher gab es noch für solcherart subsistenzlos gewordene jüdische Familienväter ein beliebtes Auskunftsmittel, den Hausierhandel. Nun ist dieser letzten Erwerbsmöglichkeit von gesetzeswegen ein Riegel vorgeschoben wurden. lieber das Agentenwesen in allen möglichen und unmöglichen Tonarten sich zu verbreiten, würde zu weit führen, man kennt ja diese Scheinexistenzen zur Genüge. Wenn das Problem der Armenpflege bisher nicht in absoluter Weise gelöst wurde, so wird die Schwierigkeit weniger in der technischen Kompliziertheit der Sache als in dem Mangel an wahrhaft gutem Willen zu suchen sem. Zentralisation oder Dezentralisation sind die Schlagworte über die man nicht hinauszukommen vermag. Gegenwärtig befinden wir uns im Stadium der Zentralisation, d. h. es existieren in jenen Bezirken Wiens, in denen das jüdische Massenproletariat wohnt, Wohltätigkeits- und Kinderbekleidungsvereine, und jeder „würdige" arme Familienvater hat die Möglichkeit, von einem solchen jüdischen Vereine einmal in 6 Monaten 5 bis 10 Kronen als Unterstützung zu erhalten und zur Winterzeit eines seiner Kinder bekleiden zu lassen. Die reichen Juden sagen: Wir tun genug, täglich bringt die Post Bettelbriefe der diversen Humanitären Vereine, und wir geben allen. Die Vereine sagen: Wir leisten viel, sehr viel! Ich hinwiederum behaupte, diese Vereine sind ein Unglück für die arme Judenschaft und müssen samt und sonders von der Bildfläche verschwinden. Die besitzenden Kreise geben fortab nicht einen Kreuzer den Vereinen und die Vereine geben künftighin den Armen nichts. Und was soll weiter geschehen? Eine schier unlösbare Frage; mir scheint sie furchtbar einfach: Ein großes Aktionskomitee von Männern mit Geist und Herz bilde sich, welches sich die Aufgabe stellt, die Anzahl der in Wien lebenden Familien festzustellen, die um des Tages Notdurft zu kämpfen haben, und berate hierüber, in welcher Weise der einen und der anderen Familie rationell zu helfen wäre. Das Komitee wird in allen Fällen sicherlich das richtige treffen. Es wird so eine Zentrale für Armenwesen entstehen und naturgemäß vice versa eine Dezentralisierung platzgreifen, alle Fäden werden aber dann wieder in der Zentrale zusammenlaufen müssen. An den nötigen Geldmitteln und sonstigen Notwendigkeiten .wird es sicherlich nicht mangeln. Das so entstandene statistische Amt wird über die Art der Fundierung der betreffenden Familie beschließen und diese wird sich zu fügen haben oder auf Schutz und Hilfe verzichten müssen. Wird diese Anregung beherzigt, dann wird die Wiener Judengemeinde in absehbarer Zeit sagen können: Wir haben der Armut Schranken gezogen; und wenn es auch noch manche Familie gibt, die gerade über Ueberfluß nicht klagen könnte, solche, die von Pontius zu Pilatus laufen müssen, um unter Preisgebung ihrer ganzen Menschenwürde die Bagatelle von ein paar Kronen oder ein Wintergewändchen für eines ihrer Kinder zu erlangen, haben wir nicht. Die Integrität der Persönlichkeit ist gewahrt! Zu wenig erwerbende Familienhäupter erhalten periodisch Zuschüsse, um das Existenzminimum bestreiten zu können. Das Hauptaugenmerk ist aber daraus gerichtet, »en zu schaffen, sowohl für Familien, wo eitsfähiger Ernährer vorhanden ist, als insbesondere für Witwen und Waisen. Familienväter, die arbeitsscheu und leichtsinnig sind, werden nach Möglichkeit auf den Weg des ehrlichen Erwerbes zurückgeführt, die Angehörigen eines solchen werden aber niemals aus dem Auge elassen, denn gerade solche Familien bedürfen er besonderen Fürsorge. Soll dieses Ideal zur Wirklichkeit werden, dann wird eine neue Aera für das entmutigte, gedrückte und bedrängte jüdische Volk beginnen, ein Band der wahren innigen Liebe wird sich um dasselbe schlingen und „alle Völker der Erde werden segnend auf dieses Volk Hinweisen. N. Ch. Dir Wahibemegung in Rußland. (Bon unserem Korrespondenten.) Die Juden in Rußland treffen alle Vorbereitungen für die Dumawahlen. Das Wilnaer jüdische Wahlkomitee hat soeben den Wahlauftuf an die jüdischen Wähler erlassen. In dem Aufrufe tritt das Komitee für die Aufstellung eigener jüdischer Kandidaten ein. Der Aufruf trägt die Aufschrift „Teure Brüder!" und nicht wie sonst an die „Bürger". Hier einige Stellen aus dem Aufrufe: „Alle Verhandlungen und Debatten in der Duma haben uns klar gezeigt, erstens, daß wir uns unserer jüdischen Deputierten nicht zu schämen hatten, und zweitens — das ist de wichtigste Punkt — wie wichtig es für das jüdische Volk ist, daß jüdische Vertreter die jüdischen Interessen schützen". „Während die Vertreter der anderen Völker und Parteien," heißt es weiter, „nur deshalb in die Duma gehen, um bürgerliche B o l lberechtigung zu erlangen, müssen wir Juden außerdem noch auch dafür kämpfen, daß man uns genau so a l s Menschen anerkenne wie die übrigen, und uns das Recht zugestehe, als Bürger im Lande zu leben." Unter Hinweis auf die Judenmetzeleien und die Hilflosigkeit der Juden diesen Ausschreitungen gegenüber, wird ferner ausgeführt: „Die einzige Hoffnung, die uns geblieben, ist die Reichsduma! Dort, hoffen wir, werden sich wieder die Besten Rußlands zusammenfinden, dort werden wir Gelegenheit haben, uns an den ehrlichen und gesunden Sinn der Vertreter aller Völker Rußlands zu wenden, und dort, hoffen wir, wird unser Appell erhört werden". Das Wahlkomitee gibt sich keiner Täuschung darüber hin, daß eine große Anzahl offener Antisemiten in die Duma einziehen, und es demnach notwendig sein werde, gegen die „echten Russen" oder mit den „Schwarzen Leuten" heiße Kämpfe zu führen, und „gerade wegen dieses bevorstehenden Kampfes ist es unerläßlich, daß wir gebildete, von jüdischnationaleni Gefühle durchdrungene Männer in die Duma entsenden, denen wir die Lebensinteressen des jüdischen Volkes ruhig anvertrauen können". Was die Wahlaussichten in Wilna selbst, wo ein jüdischer Kandidat Siegesaussichten hat, betrifft, hebt das Komitee die Tatsache hervor, daß die Verhältnisse jetzt schlechtere sind als im Vorjahre, da dem städtischen Wahlbezirke noch ein Rayon angeschlossen wurde, dessen Wähler der Mehrzahl nach aus Nichtjuden besteht, doch hofft das Komitee, daß bei einer Vereinigung aller jüdischen Stimmen auf einen jüdischen Kandidaten, es auch heuer gelingen werde, diesen zum Siege zu führen. Das jüdischnationale Wahlkomitee in Russisch-Polen hat für die Dumawahlen folgende Forderungen ausgestellt: 1. Demokratisierung der Regierungsform auf Grundlage des. Selostbestimmungsrechtes der Bürger. 2. Vollberechtigung der Juden. 3. Dezentralisierung der Gesetzgebung. 4. Autonomie Polens mit der Sicherstellung der Rechte des jüdischen Volkes als einer der Minoritätsnationen. 5. Proportionalwahlrecht für alle Reichs-, Landes-, städtischen und Gemeindekörperschasten. 6. Oeffentlichkeitsrecht der jüdischen Sprache. 7. Das Recht auf den Sabbat als Ruhetag. 8. Selbstverwaltungsrecht in allen internen Angelegenheiten des Judentums. Bialystock. Hier haben die Zionisten, Nationalisten, Territorialisten und die territorialistisch-sozialistische Arbeiterpartei (S. S.) ein gemeinsames Wahlkomitee gebildet. Die Zionisten treten für die Kandidatur N. Sokolo.ws ein. Die bürgerlichen Territorialisten haben sich mit der S. S. in der Kandidatur Briskmanns (A. M. Pines) geeinigt. Petersburg. Der „Bund" nimmt an der Wahlkampagne sehr regen Anteil. Fast in allen jüdischen Städten sind bundistische Wahlkomitees geschaffen worden. Unzählige Flugschriften klären das jüdische Publikum über die Notwendigkeit einer Wahlbeteiligung auf und versuchen, es für die bundistischen Kandidaten zu gewinnen. Die KtaatsbahnLirektion nnd die Mischen Emigranten. Reichsratsabgeordneter B r e i t e r und Genossen richteten an den Eisenbahnminister die folgende Interpellation: Durch die Vermittlung des Vereines «Tomete Jehudei Ruasia» in Lemberg wurde drei russischen Emigranten auf der Strecke Lemberg—Krakau eine 50prozentige Ermäßigung gewährt. Der Vorgang war der, daß dem Vereine eine Anzahl nicht auf Namen lautender Fahrkarten überwiesen wurden, welche dann den betreffenden Reisenden am Bahnhose ansgefolgt wurden. Zufolge eines Erlasses der Staatsbahndirektion in Krakau wird jetzt die Forderung gestellt, daß jede Karte auf einen bestimmten Namen zu lauten habe. Diese Verfügung bringt dem Aerar nicht den geringsten Nutzen, während den Emigranten nur überflüssige Schwierigkeiten bereitet werden. Es ist

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