Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 82 (23.11.1906)
- Date
- 1906-11-23
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 82 Nationalzeitung Seite 3 lenkt, daß ich gerade in dem Momente in den Saal trat, als Herr Plaschkes im Namen des Kultuspräsidenten Dr. Stern die Aeußerung erwähnte, wonach er mir die Befähigung zum Religionslehrer aberkennt. Ich habe es bisher vermieden, meine Angelegenheit vor der Oeffentlichkeit zu erörtern. Wenn eine hiesige jüdische Zeitschrift jüngst gelegentlich erwähnte, ich hätte mir gegenüber Dr. David einen Taktfehler zuschulden kommen lassen, so dürfen Sie mir das eine glauben, daß mein zwei Jahre hindurch beobachtetes Schweigen von Erwägungen geleitet war, die keineswegs in das Gebiet taktischer Entgleisungen fallen. In meinem dringendsten Interesse wäre es ganz im Gegenteil gelegen, nicht die Oeffentlichkeit zu meiden, sondern mich in dieselbe zu flüchten. Soll ich etwa der Behauptung des Dr. Stern meinerseits die andere entgegensetzen, daß ich die Befähigung, die er mir aberkennt, wohl besitze? Ich will mit ihm auf meine Weise abrechnen. Sechs Jahre lang habe ich hier im II. Bezirke im Durchschnitt jährlich 300 jüdische Mittelschüler in Religion unterrichtet. Wenn vielleicht auch keiner meiner Schüler im Saale anwesend ist, dieser Ruf, den ich von hier aus an sie richte, muß und wird an dieselben dringen: Ihr, meine Schüler, denen ich das Teuerste gegeben, was ich besitze, die ihr Jahre hindurch meinen Religionsunterricht genossen, habet jetzt das Recht, nein, die Pflicht, für mich, oder, wenn ihr es könnt, meinetwegen auch gegen mich zu zeugen. Eine Episode aus meiner Lehrerwirksamkeit kann ich jedoch hier nicht unterdrücken. Hofrat Ferdinand Maurer, k. k. Landes-Schulinspektor, der zwar kein jüdischer Rabbiner wie Dr. David, dafür aber ein — katholischer Geistlicher ist, inspizierte im Jahre 1901 aufs eingehendste meinen Unterricht, er bezeichnte meine Unterrichtsweise nicht nur als eine glänzende — Schulrat Willomitzer kann es bezeugen — sondern erwirkte mir in Anerkennung dessen eine besondere Remuneration von K 500.—. Einer der Herren Redner hat die Versammlung mit der Nachricht überrascht, Dr. David sei in Anerkennung seiner jüngsten Kanzelleistungen zum Direktor der neuerrichteten jüdischen Lehrerpräparandie ernannt worden. Seine Befähigung hierzu hat er durch eine große pädagogische Enthüllung dargetan, von der er mir, und wie Herr Prof. Adolf Weiß bezeugen kann, auch anderen gegenüber Gebrauch gemacht. Er meinte angesichts meines Strebens, die Schüler auf rationelle, induktive Weise in das Verständnis der hebräischen Sprache einzuführen, man müsse durchaus mechanisch unterrichten! Nun wissen Sie, woher die heftige Erbitterung in unserer Gemeinde gegen das Hebräische stammt, die in der letzten Zeit gerade eingerissen. Unserem jungen pädagogischen Nachwuchs aber gratuliere ich zu seinem neuen Direktor. Nun fehlt Herrn Dr. David nur noch eines — die Ernennung zum Oberrabbiner der Wiener Kultusgemeinde. Wollen Sie wissen, was bei mir den Verlust meines Postens herbeigeführt, so hören Sie die beeidete Aussage meines Schülers Samuel Glanz und anderer an. Redner legt an der Hand des gerichtlichen Protokolls dar, wie Dr. David ohne Gruß in das Lehrzimmer hereinstürzte, nachdem er den Moment zuvor auf gleiche Weise, offenbar aus Versehen, in den katholischen Religionsunterricht hineingestürmt war und dort mit Murren empfangen wurde. Dieses in der Tat „taktvolle" Auftreten war demnach wohl vorbereitet. Trotzdem bot ihm Redner selbst, nachdem er sich zugleich mit den Schülern erhoben hatte, einen Stuhl. Dr. David forderte sodann in barschem Befehlshaberton unter Begleitung heftiger Gesten die Prüfung in systematischer Religionslehre, obgleich dies im Lehrplan nicht vorgeschrieben und in den Instruktionen ausdrücklich verboten wird. Auf die vorsichtige Antwort des Professors, dieser Gegenstand sei nicht durchgenommen, versetzte er: „Dann werde ich prüfen!" Er forderte sodann auf die gleiche absonderliche Weise die Prüfung in Geschichte und im 5. Buch Mosis, obwohl dem Religionsunterrichte in dieser Klasse infolge besonderer Umstände nur wöchentlich 20 Minuten I I zur Verfügung standen. Dr. D a v i d entfernte sich, indem er sich zwar bei der Klasse, nicht beim Redner empfahl. Kaum daß er die Tür hinter sich hatte, erhoben sich sämtliche Schüler, erklärten trotz aller aufgebotenen Beschwichtigungsversucke rundweg unter lebhaften Aeußerungen der Entrüstung, das Auftreten des Dr. David könne nur den Zweck gehabt haben, ihrem Professor etwas anzuhaben, nur einen Akt der Feindseligkeit von Anbeginn an bilden. Dr. David aber war in diesem Momente bereits beim Direktor Januschke behufs Erstattung seiner, sagen wir, „Anzeige". Dieser Vorfall hat mich nicht bloß um meinen Posten, sondern, wie Sie eben gehört, auch um meine Lehrbefähigung gebracht. Dieselbe ist zwar durch das Zeugnis des hiesigen Kultusvorstandes vom 30. Juni 1898, Z. 3654, in der schmeichelhaftesten Form anerkannt. Die Behauptung des Dr. Stern stellt sich demnach als ein Dementi dar und als solches bewegt es sich auf dem Niveau der zahlreichen Dementis, dieDr.Stern in den jüngsten Tagen in Angelegenheit des Dr.David vom Stapel gelassen hat." Wie wir nachträglich in Erfahrung bringen, hat Herr Kultusvorsteher Hermann Eltbogen in der Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 7. Oktober d. I. folgende, vom offiziellen Protokoll merkwürdigerweise verschwiegene Interpellation eingebracht: „In der Mitte der hiesigen jüdischen Bevölkerung, speziell im II. Bezirk, woselbst Herr Rabbiner Dr. Daniel Fink sich der größten Sympathien erfreut, wird die Nachricht lebhaft erörtert und bildet den Gegenstand einer großen Erregung, daß der f. k. Landesschulrat sich bereit erklärt hat, den gedachten Herrn wieder in seine Rechte als Religionsprofessor einzusetzen, während von Seite des Kultusvorstandes hiergegen Einspruch erhoben worden sein soll. Mir als Mitglied des Kultusvorstandes ist nicht bekannt, daß die den Dr. Fink betreffende Angelegenheit das Plenum überhaupt je beschäftigt hätte, noch viel weniger weiß ich etwas von der Erhebung einer derartigen Einsprache seitens des Kultusvorstandes. Ich frage daher den geehrten Herrn Präsidenten an, ob diese Nachrichten auf Wahrheit beruhen, und wünsche, daß uns mitgeteilt werde, was über diese Sache bekannt ist. Denn ich kalte es im Interesse des Gemeindefriedens und zur Beruhigung der aufgeregten Gemüter für dringend geboten, daß in dieser Sache dem Publikum die erwünschte Aufklärung gegeben werde." Dr. Uathan Köwenstein als Organisator. Lemberg, den 20. November. Landtagsabgeordneter Dr. Nathan Löwenstein scheint die politische Erbschaft Dr. Byks antreten zu wollen. Er versucht alle möglichen Mittel, um die jüdischen Volksmassen um sich zu gruppieren. Aber schon die Versuche beweisen, daß ihm jene politische Geschicklichkeit abgeht, die dem Dr. Byk nicht abgesprochen werden konnte, und was das wichtigste ist: Dr. Löwenstein hat sich bisher so wenig um Judentum und jüdische Angelegenheiten gekümmert, daß ihm auch die wichtigsten Kenntnisse der Geschichte der letzten Jahre fehlen, weil er sonst sicherlich nicht mit solcher Plumpheit in die jüdisch-politische Arena eintreten würde, wie er dies in seinem Rundschreiben an eine Anzahl von Vertrauensmännern soeben getan hat. (Wir haben auf dieses Rundschreiben in unserer letzten Dienstagnummer bereits hingewiesen. Anmerk, der Red.) Dieses eigentümliche Rundschreiben lautet wie folgt: Euer Wohlgeboren! Von verschiedenen Gegenden des Landes wenden sich unsere Glaubensgenossen an mich, als den einzigen in Lemberg wohnenden jüdischen Landtagsabgeordneten, mit der Aufforderung, mich mit der Gründung einer jüdischen Landesorganisation zum Schutze der jüdischen Interessen zu befassen. Ehe ich mich jedoch an eine Gruppe jüdischer Bürger wende, welche berufen erscheinen, die Leitung einer solchen Mion zu übernehmen, ersuche ich höflichst Euer Wohlgeboren, mich zu informieren, welche jüdischen Bürger aus Ihrem Bezirke oder Ihrer Stadt zur Teilnahme an einer solchen Aktion eingeladen werden könnten, oder welche drei bis vier einflußreiche Juden als Vertrauensmänner zur Zentralorganisation, respektive zur Konferenz über die Organisationsangelegenheit eingeladen werden sollten. Ich erlaube mir nachdrücklichst hervorzuheben, daß es sich hier nicht um Personen der jüdischen Intelligenz handelt, welche bei den städtischen Regierungsbehörden Einfluß besitzen, sondern einzig und allein um solche jüdische Bürger, welche Beziehungen auf die jüdischen Massen haben und einen Einfluß auf sie auszuüben vermögen. Speziell möchte ich Leute aus den Handels- und Gewerbekreisen in die Organisation einbeziehen, Leute, welche weitverzweigte Beziehungen zu den Juden haben und von denen vorausgesetzt werden kann, daß die Juden ihnen folgen würden. Ich schließe die Orthodoxen durchaus nicht aus der Organisation aus — im Gegenteile, ich lege auf ihre Beteiligung großen Wert — hingegen müssen wir alle diejenigen von vornherein ausschließen, welche sich in der der bisherigen jüdischen Landespolitik grundsätzlich entgegengesetzten Richtung schon politisch hervorgetan haben. Außerdem bitte ich, Zionisten nicht als Vertrauensmänner zu proponieren. Mit Ausnahme der Zionisten wollen wir alle jüdischen Volksschichten zur Mitarbeiterschaft heranziehen. Hiernach erwarte ich im allgemeinen Interesse eine gefällige rasche Information und bleibe mit aller Hochachtung N. Löwenstein m. p. Aus der territorialistischen Kemegung. Für die Familie Ch. I. Chasans. In unserer jüngsten Dienstagnummer brachten wir einen Warschauer Bericht über die Jahrzeitsfeier für den so jung verstorbenen Vorkämpfer der territorialistischen Idee. Wie wir nun dem „Jewreiskij Golos" entnehmen, hat der Verewigte, der feine ganze Arbeitskraft, ja fein ganzes Leben der jüdischen Volkssache gewidmet hatte, seine Familie, die Witwe und zwei unmündige Kinder, in größter Armut zurückgelassen. Es wurde wohl von unseren russischen Gesinnungsgenossen die Sammlung für einen Fonds zur Erhaltung und Erziehung der Kinder Chasans eingeleitet, doch hat diese Sammlung bisher nicht das gewünschte Resultat ergeben. Wir fordern daher unsere Gesinnungsgenossen auf, nach Tunlichkeit einen Beitrag zu diesem Fonds zu leisten. Die Beiträge sind an Gesinnungsgenossen N. Fink elfte in, Warschau, Cholodnaja 8 oder an die Redaktion des „Jewreiskij Golos" Odessa, Remeslennaja 7 zu senden. Zionisten Territorjalisten. „Jewreiskij Golos" schreibt: Bei einem großen Teile der Zionisten ist jetzt eine „zuwartende" Haltung bemerkbar. Der Zionismus ist in ihnen erkaltet, und für den Territorialismus haben sie sich noch nicht erwärmt. Aber alle warten auf den geeigneten Moment, um diese Unentschlossenheit zu besiegen und sich der Jto anzuschließen. Dies wird natürlich erst dann eintreten, wenn die „Aussichten" der Territorialisten „greifbare" Formen angenommen haben werden. Die Zionisten, von denen wir hier sprechen, gehören zu jener Kategorie Menschen, welche ihre Keuschheit bewahren und das Kapital bekommen möchten. In Rußland bibt es solcher Leute gar viele. Viel entschiedener und entschlossener treten die Zionisten-Territorialisten in Deutschland auf; sie schweigen nicht, gehen einer offenen, geraden Beantwortung der Frage nicht aus dem Wege, sie schreiben, agitieren und organisieren. Wir haben schon der Herren Dr. Simonsohn und Dr. Jeremias Erwähnung getan, welche unermüdlich für die Aufnahme des territorialistischen Prinzips in das zionistische Programm eintreten. Nach einer kurzen Besprechung des jüngsten Artikels der Herren Dr. Jeremias und Dr. Kol len sch er in der „Nationalzeitung" über die letzte Kölner Jahreskonferenz schreibt das russische Bruderblatt weiter: So viel ist sicher, daß die Frage über die Stellungnahme zur Jto auf dem achten Kongresse heftige Debatten Hervorrufen wird, und daß es selbst Herrn Ussischkin, der bereits gezeigt hat, wie man ein „gefügiges Parlament zusammenstellen" kann, kaum gelingen dürfte, die Invasion des „Feindes" in der Gestalt von Zionisten-Territorialisten zu „verhüten". Konferenz der Sozialisten-Territorialisten. In Boston fand eine Konferenz der amerikanischen Sozialisten-Territorialisten statt. Die Beratungen nahmen drei Tage in Anspruch und waren fast ausschließlich programmatischen Fragen gewidmet. Die Debatten nahmen stellenweise einen sehr stürmischen Charakter an. Der takt- Krebs-Apotheke « S. Ittittelbacb « tüten i., hoher Mar« Nr. 8 lpar* »sin») im Zentrum der Stadt Soda-Pastillen. Dieselbe» sind für Personen, welche an Magenbeschwerden, " ' -brennen, «ul- Uebelkeiten, Sol stoßen re. leiden, unentbehrlich. Preis per Schachtel «0 Heller.