Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 80 (16.11.1906)
- Date
- 1906-11-16
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nationalzeitung Nr. 80 Die Fahrzeit auf dem Odesfaer Friedhof. Der 31. Oktober war der Jahrzeitstag des Odesjaer Pogroms. Die Szenen, welche sich an diesem Jahrzeitstage in Odessa abspielten, waren, jute dem Warschauer „Jüdischen Tagblatt" aus Odessa mitgeteilt wird, womöglich noch schrecklicher als der Pogrom selbst. Schon am 30. Oktober begann die Wallfahrt nach dem jüdischen Friedhof, zu den Gräbern der Opfer, welche die Juden Rußlands der russischen Konstitution dargebracht haben. Nicht in großen Massen, nicht in Scharen zog man zu den heiligen Gräbern, sondern einzeln, höchstens paarweise huschten die schattenhaften Gestalten auf dem Gottesacker umher. Ein jeder suchte das seinige auf. Furchtbar waren die Szenen, die sich auf den Gräbern der Ermordeten abspielten. Menschen warfen sich nieder, küßten die Gräber und begossen sie mit ihren Tränen. Eine alte Großmutter mit schneeweißem Haar, die an den Gräbern ihrer ^mordeten Enkelkinder schluchzend betete, fiel in Ohnmacht und mußte bewußtlos aus dem Friedhofe getragen werden. Selbst in ihrer Bewußtlosigkeit klammerte sie sich an das Grab, in welchem, wie sie jammerte, ihr ganzes Leben begraben liegt. Nicht weit von der Alten lag ein junges Mädchen zusammengekrümmt aus einem Grabeshügel. Wortlos, ohne Tränen im Auge küßte sie inbrünstig die Schotte, welche das teure Grab deckte. Eine Mutter, die durch den Pogrom ihre drei Söhne verloren hatte, riß sich die Haare vom Kopfe und wand sich in konvulsivischem Schmerz neben einem Grabe. Ihre Angehörigen konnten sie kaum mit Gewalt von der Grabstätte entfernen. In einer Grabesecke liegt eine Rose eingewickelt in einen Zettel, auf welchem in jüdischer Sprache die Worte stehen: „Meiner Kameradin Röchele!" Auf einem anderen Grabeshügel lag ein Blumenstrauß mit der Widmung: „Den jüdischen Helden!" # Selbst Unbeteiligte, die in diesen Tagen den Friedhof besuchen, werden angesichts der Szenen, die sich da abspielen, zu Tränen gerührt. Und diese heißen Tränen der Erinnerung, sie werden noch fließen während >ber ganzen Jahrzeitswoche und darüber hinaus .... Z«r Debatte über die Wahlbezirke. Anläßlich der Debatte über die Wahlkreiseinteilung hielt Herr Abgeordneter Dr. Benno Straucher eine längere Rede, in welcher er auf die Ungerechtigkeit hinwies, mit welcher die Juden in dieser Frage behandelt wurden. Was speziell die Bukowina anbelangt, so sei das in der Gantschschen Vorlage ursprünglich enthalten gewesene Unrecht gegen dieses Land in der Folge einigermaßen beseitigt worden. Allein die Stadt Czernowitz erscheint nach wie vor gegenüber anderen Städten, sowohl was die Bevölkerungsziffer als auch die Steuerleistung anbelangt, arg zurückgesetzt. Czernowitz sollte nicht 2, sondern 3 Mandate erhalten, und Redner werde an geeigneter Stelle einen diesbezüglichen Antrag stellen. Auch jenes Volk, dessen Interessen Redner hier pflichtgemäß zu vertreten habe, erfahre durch die Reform eine qrge Zurücksetzung. nämlich die Juden. In Oesterreich existieren ll/4 Millionen Juden, und die Regierung hat teilweise den berechtigten Anspruch dieses Volkes auf eine entsprechende Vertretung anerkannt, indem in Galizien Wahlbezirke mit jüdischer Majorität geschaffen wurden. Es ist nicht richtig zu sagen, die Juden seien lediglich eine Konfession; sie assimilieren sich wohl hier und dort, allein dort, wo sie zu Hunderttansenden wohnen, müssen sie gewiß eine selbständige Vertretung erhalten. Abg. Stein: Ich bin ganz einverstanden damitl Abg. Dr. Straucher: Ich weiß. Sie begrüßen jedes Divoryon! Uebrigens frage ich nicht nach Ihren Motiven und hoffe, daß Sie meine Anträge mit der Ihnen eigenen Schärfe und Gründlichkeit unterstützen werden. Die neun Millionen Deutschen in Oesterreich erhalten 233 Abgeordnete. Abg. Dr. GVtz: Da sind aber viele Juden dabei! Abg. Dr. Straucher: Gewiß, 450.000Suben, die stch nach ihrer Umgangssprache zur deutschen Nation bekennen. Abg. Dr. GVtz: Die Juden können ja auch gewählt werden! Abg. Dr. Straucher: Sie können, aber sie werden nicht! Abg. Dr. Lecher: In Mähren sind ja jetzt bei den Landtagswahlen in der Städtekurie mehrere Juden als Kandidaten aufgestellt! Abg. Dr. Straucher: Zeigen Sie mir, ausgenommen den Abg. Dr. Ofner, einen einzigen jüdischen Abgeordneten aus Westösterreich! Abg. Dr. Götz: Mein Vorgänger war Abg. Auspitz! Abg. Dr. Straucher: Das war vor Jahrzehnten, und was die deutschliberale Partei damals getan hat, ist mit dem nicht zu vergleichen, was jetzt geschieht. Wenn auf zirka 39.000 Deutsche je ein Mandat entfällt, dann müßten den Juden mindestens 11 bis 12 Mandate zugewiesen werden. Allein sie erhalten nicht nur kein Mandat, sondern sie werden noch beschimpft, und ich erachte mich infolgedessen als der einzige, der sich in diesem Hause zu seinem Volke bekennt, für verpflichtet, für die Vertretung der Juden im Parlament einzutreten. Hätte der Abgeordnete Dr. Groß nicht im Wahlreformausschusse das Gerechtigkeitsgefühl besessen und verlangt, daß zum ersten Wahlkreis Czernowitz der Vorort Sadagora zugeschlagen werde, wodurch die dortigen Juden einigermaßen Aussicht haben, ihrem Kandidaten zum Siege zu verhelfen, dann stünde man heute vor der Tatsache, daß die Bukowina mit 96.000 Juden von insgesamt 736.000 Einwohnern überhaupt keinen jüdischen Vertreter im Reichsrate erhalle. Jeder ohne Unterschied der Parteistellung wird zugeben müssen, daß eine derartige Situation ein schweres Unrecht gegenüber der Judenschaft bedeuten würde, insbesondere wenn man bedenkt, daß die Juden in allen Lagen für das deutsche Volk eingetreten sind und die verpönte Judenpresse den Grundpfeiler der Verteidigung und Wahrnehmung deutscher Interessen bildet. Wenn irgend jemand Ursache hätte, gegen die Judenpresse aufzutreten, so wäre es in erster Linie das Judentum selbst. In Galizien, wo sich über 900.000 Juden befinden, hat man diesem Volke sechs bis sieben Mandate konzediert, das heißt: es kommt auf fast je 200.000 Juden ein Abgeordneter. Trotzdem muß anerkennend hervorgehoben werden, daß die Polen das einzige Volk sind, welches sich im Wahlreformausschusse für eine Vertretung der Juden eingesetzt hatte. Abg. Dr. Lemisch: Die Herren werden schon wissen, warum sie es getan haben! Abg. Dr. Straucher: Weil sie sich vom Gefühl der Gerechtigkeit haben leiten lassen! Abg. Dr. Lemisch: Aus Gerechtigkeit macht man nichts! Abg. Dr. Straucher: Es würde den Juden in Galizien entsprechend ihrer Bevölkerungsziffer eine größere Anzahl von Mandaten gebühren, und es ist zu erwarten, daß der Polenklub dies bei den Wahlen auch einseheu werde. Man kann den Juden nicht vorwerfen, daß sie kultur- oder bildungsfeindlich wären, daß sie sich nicht freien Berufen zuwenden oder doch nur träge die Hände in den Schoß legen. Sie sind ein. eifrigeS, arbeitssames Volk und haben sich auf jedem Gebiete menschlicher Kultur hervorragend betätigt. - Abg. Sturm: Wir brauchen aber ihre Kultur nicht!. Abg. Dr. Straucher: Die Juden haben auch dem deutschen Volke selbstlose Dienste geleistet. Abg. Brzeznpvsky: Das spüren wir besonders in Böhmen! Abg. Sturm: Wo es ihnen etwas eingetragen hat. Abg. Dr. Straucher (zum Abg. Sturm): Sie sind vielleicht selbstlos? Echauen Sie nur die Pfründen an, die Sie für sich einheimsen. Abg. Sturm: Sie sollen ja Ihre Judenvertretung haben! Aber so begründen dürfen Sie sie nicht! Lassen Sie uns unter uns! Abg. Dr. Straucher: Ich bin genau so Mitglied des Hauses wie Sie. Die Judenschaft ist darauf angewiesen, hier von mir verteidigt zu werden, weil ich der einzige in diesem Hause bin, der sich ihrer Interessen annimmt. Abg. Sturm: Das ist ja alles recht. Ich bin ja der erste, der Sie unterstützen wird, aber nur Ihr Begrttndnngsrecht ist nichts nutz! Abg. Dr. Straucher: Bon Ihnen habe ich bis hellte keine Begründung gehört, Sie haben sich bis jetzt immer in niysieriöses Stillschweigen gehüllt. Man kann streiten über das Maß der Rechte, das man einem Volke zuerkennen will, aber daß mau ein Volk vollställdig ullvertreten lasseil will, ist eine schwere Ungerechtigkeit. Die vielfachen Angriffe in der Presse, die Beschimpfungen nnd Verleumdungen hier im Hause, die zweifellosen Zurücksetzungen lasseir es als absolut notwendig erscheinen, daß dieses arme, zerdrückte, zertretene, beschimpfte und bei jeder Gelegenheit an den Pranger gestellte jüdische Volk eine Vertretung im Parlament fillde. Abg. Sturm: Die Sache ist nicht so arg! Abg. Dr. S t rauch er: Auch die Fragen, welche im neuen Hause in betreff der koilfessivnellell Gesetzgebung zweifellos anftauchen werden, erheischen es, daß die Juden eine Vertretung in der Gesetzgebung er^ halten. Alls alleir dieseil Gründen werde Redner im Laufe der weiteren Debatte beantragen, daß die Stadt Czernowitz ein drittes Mandat erhalte und daß durch Sicherstellung in der Wahlbezirkseinteilung der Judenschaft eine Vertretung in der Bukowina zugesichert werde._ Vermischte Nachrichten. Aus der Plenarsitzung des Wiener KultnSvorstandeS vom 11. November 1906. Bor Eingang in die Tagesordnung gibt der Präsident Dr. Alfred Stern in warmen Worten dem Mitgefühle des Kultusvorstandes anläßlich des schmerzlichen Trauerfalles Ausdruck, den das Allerhöchste Kaiserhaus durch das Hinscheiden Seiner kaiserlichen Hoheit des Herrn Erzherzog Otto erlitten hat. Der Präsident hat bei der am 2. November, dem Tage nach dem Hinscheiden des Erzherzogs, stattgefundenen Audienz bei Seiner Exzellenz dem Herrn Ministerpräsidenten an diesen die Bitte gerichtet, den Ausdruck des tiefsten Beileids der Wiener Kultusgemeinde entgegennehmen und zu Allerhöchster Kenntnis bringen zu wollen, was auch der Ministerpräsident zugesagt habe. Die Versammlung, welche sich von den Sitzen erhoben hat, verfügt die Einverleibung dieser Trauerkundgebung in das Protokoll der heutigen Sitzung. Der Präsident erklärt, auf die in der vorangegangenen Plenarsitzung vom 1. d. M. behandelte Angelegenheit betreffend die von dem Rabbiner Dr. David am 26. Oktober l. I. im Leopoldstädter Tempel gehaltene Predigt nochmals zurückkommen zu müssen. Er habe in dieser Sitzung über eine von den Herren Salo Landau und Baurat Marmore! gestellte Interpellation eine erschöpfende, seinen Standpunkt unzweideutig zum Ausdruck bringende Antwort erteilt und sei der wohlbegründeten Meinung gewesen, daß mit dieser Jnterpellationsbeantwortung und mit der Veröffentlichung derselben die Angelegenheit vollkommen erledigt sei. Seither sei bekanntlich eine Interpellation im Abgeordnetenhause eingebracht worden, in welcher dem Herrn Rabbiner Dr. David Ausführungen in den Mund gelegt worden seien, die er tatsächlich nicht gebraucht hatte. Herr Dr. David habe in den Zeitungen eine diesbezügliche Erklärung veröffentlicht, deren Inhalt auch von dem Präsidenten bestätigt worden ist. Trotz der ersterwähnten Jnterpellationsbeantwortung in der Sitzung des Kultusvorstandes vom 1. November und der Veröffentlichung derselben und trotz der letzterwähnten veröffentlichten Erklärung des Rabbiners Dr. David haben die Angriffe gegen diesen nicht aufgehört, es hat vielmehr eine sehr bedauerliche, allem Anscheine nach planmäßig organisierte Agitation (?) platzgegriffen und werden Herrn Dr. David Ansichten und Absichten insinuiert, die ihm offenbar ganz ferne liegen. Nach dieser Richtung nun gebühre dem Herrn Dr. David eine Satisfaktion seitens des Kultusvorstandes, Welcher hierüber seiri Bedauern aussprechen möge. Nach längerer Debatte, an welcher sich die Herren Dr. Rappaport, Baurat Stiaßny, Dr. Steiner, Dr. Berger, Hermann Eltbogen, kais. Rat Weil, Salo Landau, Baurat Marmorek, Dr. Spitzer, Baurat v. Goldschmidt, Dr. Katzau und Vizepräsident Dr. Gustav Kohn beteiligen, wird allseitig die folgende Resolutton vereinbart, welche dem Rabbiner Dr. David zur Kenntnis zu bringen der Präsident ersucht wird. „In Angelegenheit der gegen den Grmeinderabbiner Dr. David in den letzten Tagen eingeleiteten Bewegung sieht sich der Kultusvorstand veranlaßt, sein Bedauern über dieselbe auszusprechen, weil er nach Kenntnisnahme des Wortlautes der Predigt die Ueberzeugung gewonnen hat, daß die Jntenttonen des Predigers unzweifelhaft die besten und edelsten waren, wenn auch — wie schon der Präsident in der vorigen Sitzung enunziert hat — einzelne Redewendungen bedauerlicherweise zu Mißverständnissen Anlaß geben konnten." In: Einlaufe befinden sich: Ein Dankschreiben des Komponisten Professor Ignaz Brüll für die ihm anläßlich seines 60. Geburtstages ausgesprochenen Glückwünsche des Kultusvorstandes, weiters ein Bericht über die Tätigkeit des chemisch-mikroskopischen Laboratoriums des Spitales der Kultusgeureinde im Jahre 1905. An Spenden: Bon den Herren Dr. Alphons T hor sch für die Talmud Thoraschule des Beth-Hamidrasch (Lektor Friedmann) K 200—; L. B. Breßlau für die Brigittenauer Schulküche K 160„Anonymus" für Arme auf Holz und Kohle K 10’—; Josef Wondrak für arme russische Juden K 6 —. Dem Tempelvereine in Döbling wird behufs Errichtung eines ständigen Bethauses im XlX. Bezirke ein einmaliger Beitrag von K 40.000 - bewilligt, wogegen der Verein die Realität XIX., Dollingergasse 3 erworben hat und sich weiters verpflichtet, dieselbe als Bethaus vollständig einzurichten und mit dem täglichen Gottesdienst ehemöglichst zu beginnen. Ueber seinerzeitige Anregung des Herrn Vorstehers Dr. Markus Spitzer wird beschlossen, sämtliche Vvrstandslnitglieder zur Beratung des Budgets im Vertreterkollegium einzuladen. Ueber Allregung des Herrn Dr. Maximilian Steiner wird die Errichtung eines Ambulatoriums für Augenkranke im Spitate der Unltusgemeinde unter Leitullg des Herrn Professor Tr. S. K lein mit je eillstülldiger Ordination an drei Tagen der Woche