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Nationalzeitung · 1906-11-16 · Heft 80 (16.11.1906) · p. Seite 4

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 80 (16.11.1906)
Date
1906-11-16
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nationalzeitung Nr. 80 schuldigen, als er offenbar durch die etwas irrtümliche Uebcrsetzung der betreffenden Stelle in der „Nationalzeitung" irregeführt war. Im Original bade ich nur angcdeutet, daß sich in der' Konferenz eine Strömung bemerkbar machte, welche die Lossagung des Misrachi von der zionistischen Organisation anstrebt. Und daß diese Wahrnehmung richtig ist, können die Herren Rabbiner Dr. Nobel- Leipzig und Dr. L Frank-Altona als Vorsitzende bestätigen Ueber oic übrigen Misrachi-Fragen wäre jetzt nicht am Platze, eine Diskussion zu eröffnen, die nächste Misrachi-Konferenz wird darüber entscheiden. Zum Schlüsse erlaube ich mir noch folgendes mitzni eilen: Es wird in Bälde eine Teritorialistische Misrachi-Födcration gegründet. Die nötigen Vorbereitungen sind bereits getroffen. Diejenigen gesttzestreucn Juden, welche sich einer solchen Föderation anschließen wollen oder Auskunft Über diese Frage wünschen, mögen sich an mich wenden. Ch. I. Eiß Zürich, Müllerstraße 74. Oskar Strauß. (Biographische Skizze.) Oskar Samuel Strauß, der nicht nur der erste Jude, sondern nach Karl Schurz auch der erste Deutsch-Amerikaner ist, der in den Vereinigten Staaten den Rang eines Ministers erklommen hatte, entstammt einer alten jüdischen Familie, die in Otterburg in Bayern ansässig war. Sein Urgroßvater Jakob Lazar wurde 1806 von Napoleon i. in das berühmte Pariser Sanhedrium berufen. Sein Großvater Lazarus, welcher in Otterburg,' eine kleine Bauernwirtschaft betrieb, hat den Familiennamen Strauß angenommen. Sein Vater,nahm 1848 lebhaften Anteil an der Revolution und mußte infolgedessen Deutschland verlassen. Er ging mit seinen drei Söhnen Isidor, Nathan und dem am 23. Dezember 1850 geborenen noch nicht vier Jahre alten Oskar nach Amerika. . Hier ließ er sich zunächst in Philadelphia nieder,, wo er wegen des damals in dieser Stadt herrschenden. Fremdenhasses nicht auckommen wnntc. Er ging, daher nach Talbotton in Georgia, wo . er mit Unterstützung einiger jüdischer Großkaufte ute einen Laden eröffnete. Allein auch hier war. seines Bleibens.nicht, da der alte freiheitstrunkene Lazarus, mit den Negern sympathisierte und.iv.on denjüdischen. Sklaven Haltern deswegen bqykottiert>,.ivurde. M ging 1863 nach Columbus in Virginia^.wo er ein Geschirr- und Porzellangeschäft,,eröffnete. Zwei Jahre später übersiedelte Lazarus Strauß nach Newyork. wo er die seither blühende Exportfirma L. Strauß & Sohn begründete. Der junge Oskar besuchte in Columbus zuerst: chie Volksschule, dann das Gymnasium. 1871 trat er in rbie Columbia Law School, wo er,,zwei . Jahre später den Titel eines Rechtsanwalts erhielt. Als solcher leitete er einen großen Prozeß gegen eine Reihe von Eisenbahnen, weil sie einer Anzahl von Rhcdern Vorzugstarife gewährt hatten. Der Prozeß brachte dem jungen und,. kühnen Anwalt viel Ruhm ein, strengte ihn jedoch gleichzeitig so sehr an, daß er auf ärztlichen Rat die Aovvkatur aufgab und sich dem Kaufmannsstand widmete. Als früherer Anwalt unterhielt er. jedoch nach wie vor lebhafte Beziehungen zu politischen Kreisen und nahm an der Wahl Clevelands so hervorragenden Anteil, daß dieser ihn 1887 zum amerikanischen Botschafter in Kvnststntinopel ernannte. 10 Jahre später wurde er von Clevelands Nachfolger, dem Republikaner Mc. Kinley zum zweiten Male als Botschafter nach der Türkei geschickt. In seiner Eigeujchast als diplomatischer Repräsentant einer Großnmcht, konnte Strauß manches für seine Glaubensgenossen in der Türkei tun, noch mehr jedoch hat er für die Armenier getan. Jedenfalls hat die christliche Welt mehr Grund als selbst wir Juden mit dem jüdischen Botschafter in der Türkei zufrieden zu sein. Aber auch in seiner Heimat, namentlich aber im Staute Newyork hat Strauß sich uni sein Land hervorragend verdieilt gemacht. So half er im Staate Newyork das Schul- sowie das Krankenwesen reorganisieren. Strauß war auch der eigentliche Gründer der National Civic Federation, eitler Gesellschaft, die seit einigen Jahren heftig gegen die Fremdeneinwanderung hetzt. Seit vier Jahren ist Oskar Strauß Mitglied des Permanenten Schiede gerichtes zu Haag an Stelle des bis dahin dieses Amt bekleidenden Mr. Roosevelt. Auch literarisch hat sich Strauß hervorgetan. Weit berühmt ist sein Werk über „Die Entstehung der republikanischen Negierungsform in den Vereinigten Staaten" sorvie über „Roger Williams, der Vorkämpfer der Glaubensfreiheit". Oskar Strauß ist zum Handelsminister ernannt worden. Da seit zwei Jahren nicht mehr das Finanzministerium, sondern das Handelsministerium das gesamte Einroanderungswesen leitet, so wird Strauß Gelegenheit haben, seinem schwer bedrängten, aus Rumänien, Galizien und n rmentlich Rußland gehetzten Volke große Dienste zu leisten. Ueber seine Taten als jüdischer Gesandte in Konstantinopel ist folgendes zu berichten: Es war christlichen Kolporteuren verboten ivvrden, Bibeln und Traktätchen in der Türkei zu verteilen. Es schien unmöglich da Abhilfe zu schaffen. Aber Strauß, der jüdische Gesandte, fand noch ein Mittel, dem christlichen Missionswesen zu helfen. Er stellte nämlich auf der Pforte vor, daß die Kolporteure auch Bibeln verkauften, und daß eine Verhinderung dieses Geschäftes eine Verletzung oes Handelsvertrages bedeute. So setzte er durch, daß die christlichen Schriften wieder verteilt werden durften und daß auch 50 gewaltsam geschlossene christliche Schulen wieder eröffnet wurden Präsident Cleveland dankte dem Gesandten für diesen Erfolg und auch der Evangelische Bund in England ließ ihm durch Vermittlung Lord Salisburys eine Anerkennung zukommen Das zweitemal gelang es Strauß, mit dem Sultan in einem ernsteren Konflikt fertig zu werden. Armenische Christen waren massakriert und für 90.000 Dollar Missionsbcsitz vernichtet worden. Strauß erklärte dem Sultan, der Konflikt könne durch einen Krieg oder durch friedliche Mittel schnell erledigt werden. Er schlug ein Schiedsgericht vor, bemerkte jedoch, daß dieses dann auch eine Untersuchung wegen der Metzeleien veranstalten würde. Strauß wußte wohl, daß der Sultan eine solche Untersuchung nie zulassen würde. In der Tat entschloß sich der Sultan schnell, die amerikanischen Ansprüche zu befriedigen. Interessant sind die Ansichten des praktisch und politisch erfahrenen Mannes über die angeblichen kaufmännischen Erfolge der Juden. Man hat diese Erfolge ebenso wie den Reichtum der Inden nach seiner Meinung sehr übertrieben. John Rockefeller oder Andrew Carnegie, sagt er, sind bei weitem reicher als alle reichen Juden Amerikas zusammen. Die Juden geben viel für sich und andere aus, und darum wird ihr Reichtum überschätzt. Man macht viel Aufhebens von ihrer Begabung für den Handel. Man vergißt nur, daß den Juden Landwirtschaft und Handwerk verboten waren, und daß sie gezwungen waren, sich den Verhältnissen zu fügen und die ihnen offen gelassenen wenigen Gelegenheiten zum Broterwerb auszunutzen. Prüfen wir einmal den Handelsinstinkt, den sie angeblich besitzen. Unter Richard I. suchten 500 Juden Schutz in der Burg von Jork. Da sie nicht stark genug waren, sich zu veneidigen, töteten sie ihre Frauen und Kinder, warfen die Leichen über die Mauern unter den Pöbel, legten Feuer an die Burg und verbrannten so bei lebendigem Leibe Der Adel, der den Juden Geld schuldete, machte sich schnell über Schuldverschreibungen her und verbrannte sie vor dem Altar in der Kathedrale. Die Geschichte weiß von sehr vielen solchen barbarischen Vorgängen und Fällen der Selbstaufopferung zu erzählen. In diesen Fällen dürste aber der Handelsgcist eher auf der anderen Seite gewesen sein Seit undenklichen Zeiten wurden die Inden verfolgt, beraubt und massakriert, aber ihre Traditonen und Ideale haben sie nicht preisgegeben. Wären sie wirklich die materiellen Menschen, für die sie gehalten werden, dann hätten sie sich längst Ruhe und Frieden erkauft. Sie würden zur griechisch-katholischen Kirche übergctreteu sein, und sie wären selbst in Rußland gesichert. Aber lieber als das tun, gehen bis sie an die Pforten der Hölle. Nicht praktijch und iiinteriell, sondern idealistisch gesinnt sind die Juden. Die Folge ist, daß die Juden nur um so zäher und langlebiger geworden sind; ihre Feinde haben sie stark gemacht und sie ganz wunderbar für ven Kampf ums Dasein gewappnet, gleichviel in welchem Teile der Welt sie ihn zu erkämpfen haben. Auf eine Bemerkung, daß die Juden doch wohl vvrzugsweije geschickte Kaufleute sein müssen, da die zahlreichen jüdischen Firmen auf dem Broadway dies beweisen, erwiderte Strauß: Vor Jahren haben die Amerikaner die rohe und schwere Arbeit der Nation verrichtet. Dann kamen die Irländer und die Amerikaner zogen sich zurück. Später wieder kamen die Italiener in Schwärmen herbei, und die Iren konnten avancieren. Als der Broadway noch viel kleiner war, als er jetzt ist, gab es nur amerikanische Firmen. Aber diese alten Kauslente sind reich geworden, wollten nicht länger mehr kleine Ladeuinhaber sein und sie wurden Bankiers und Fabrikanten. Jetzt haben die Juden ihre Läden, Nach einer gewissen Zeit werden die jüdischen Firmen des Broadway verschwinden, um anderen, vielleicht italienischen Firmen Platz zu machen. Der populärste jüdische Staatsmann in den Vereinigten Staaten nächst Strauß dürfte Simon Wolf sein, der in einigen Tagen seinen siebzigsten Geburtstag feiert. Auch er stammt aus Deutschland, und zwar gleichfalls aus Bayern. Präsident Grant verlieh ihm einen wichtigen Staatsposten. Auf seinen Rat hatte Grant, als Rumänien die ganze zivilisierte Welt durch Judenverfolgungen herausgefordert und sogar in Rußland veranlaßt hatte, sich dem europäischen Proteste gegen die barbarischen Maßregeln anzuschließen, einen Juden — Peixoto — zum amerikanischen Konsul ernannt, um so den Bojaren eine Lektion zu erteilen. Später ernannte Grant Simon Wolf zum Generalkonsul in Aegypten. Loyaler als so viele Germanen, blieb er auch in Amerika ein guter Deutscher, war tätig für das deutsche Waisenhaus. Mitglied des Schützenvereins und vieler anderer deutscher Vereine. Das hinderte ihn nicht zu allen Zeiten mit Wort und Tat und Schrifr für die Interessen der Juden einzutreten. Er findet stets Zutritt und Gchör bei der Regierung und war infolgedessen im Stande, sehr viel für jüdische Einwanderer aus Rußland zu tun. Russische Kilder. Bon I. B. in R. In Kiew ist jetzt ein Gesetz entstanden, daß alle nach dieser Stadt kommenden Juden ein polizeiliches Zeugnis vorzulegcn haben, in welchem der Zweck der Reise nach Kiew ihnen amtlich bescheinigt werden muß. Juden, welche ohne eine solche Bescheinigung in Kiew angetroffen werden, werden, gleichviel ob ihre sonstigen Papiere in Ordnung sind oder nicht, verhaftet und per Schub in ihre Heimat geschickt. Diese Verordnung hätte ihrer enormen Wichtigkeit wegen im ganzen Ansiedlungsrayon bekannt gegeben und zur Kenntnis der jüdischen Bevölkerung gebracht werden müssen. Da dies aber selbstverständlich nicht geschehen konnte, so hatte sie die entsetzlichsten Folgen gehabt. Durch dieselbe ist die Stadt Kiew für alle Juden Rußlands für volle sechs Wochen hindurch eine wahre Todesfälle geworden, . in welche Hunderte von jüdischen Opfern ahnungslos geraten sind. Eines dieser Opfer war. ein Neffe meiner Frau, Jakob Winokur, der am 2. Oktober in Kiew ankam, um Arbeit zu finden, denn hier in Radomisel gibt es gar keine Arbeit unb niete schmachten nach einem Stückchen Brot. Er übernachtete in einem Gasthofe. Gegen 4 Uhr morgens wurde er geweckt, und mit vier anderen Juden zunächst nach dem Polizeirevier gebracht, hier mußten sie, ohne einen Bissen zu sich genommen zu haben, sieben volle Stunden warten, bis sie gegen 11 Uhr nach dem Polizeipräsidium abgeführt wurden. Von da wunderten sie nach dem Gefängnis und mußten 10 Tage im Gefängnis zubringen und warten, bis sich eine genügende Anzahl angesammelt hatte, um mit denen zusammen nach Radomisel abgeschoben zu werden. Weiß man es in dem übrigen Europa genügend, daß in diesem Lande Leute, uidqje ihren Nebenmenschen ohne Rücksicht auf deren Glauben Hilfe zu leisten suchen, beschimpft und bedroht werden? Das ist nämlich hier geschehen. Es sollte in Radomisel eine Theatervorstellung stattfinden, dessen Erträgnis den Unglücklichen von Siedlce hätte zugute kommen sotten. Viele Gutsbesitzer sagten ihre Hilfe zu. Einige Tatze vor der Vorstellung erschien das folgende Manifest. Es lautet: „In Erwägung der Undankbarkeit, mit welcher dieses Volk Eure humanitären Bestrebungen stets gelohnt hat, in Erwägung, daß es den Juden niemals eingefallen wäre, den Christen zu Helsen, verdienen sie kein Mitleid. Unsere Mißbilligung und unsere verdiente Verachtung sprechen wir denjenigen aus, die sich für die Brüderlichkeit zwischen Russen und Juoen erklären"

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