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Nationalzeitung · 1906-11-16 · Heft 80 (16.11.1906) · p. Seite 3

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 80 (16.11.1906)
Date
1906-11-16
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 80 National',eitung 2cite 3 davon in Anstalten untergebracht 1322 jüdische ZLranke (675 männliche, 647 weibliche). Während bei der Gesamtbevölkerung Preußens auf 1000 Einwohner drei Geisteskranke entfallen, kommen bei der jüdischen Bevölkerung Preußens allein fünf Geisteskranke auf 1000 Einwohner. Die Zahl der jüdischen Geisteskranken ist seit der letzten Bolkszählung in Preußen unter Zugrundelegung der früheren Steigcrungsverhältnisse auf mindestens 2400 augeiuachsen. Von diesen 2400 Kranken kann man sicherlich zwei Drittel als mittellos, beziehungsweise wenig bemittelt au nehmen. Nach dem Verhältnis der Bevölkerungszahl ist man berechtigt zu behaupten, daß in ganz Deutschland sich 3600 jüdische Geisteskranke befinden, während die Zahl der Nervenkranken, über die eine Statistik nicht besteht, eine bei weitem höhere ist. Heber die Geisteskranken hat man noch vielfach, selbst in den Kreisen gebildeter Laien, unklare Vorstellungen. Man denkt sich darunter zumeist Leute, denen Bewußtsein des eigenen Jchs und der Außenwelt völlig abhanden gekommen ist. In Wirklichkeit tritt die tiefe Bewußtseinsstörung meistens nur in den End stad ien der schwersten Et krankungSformen auf. Bei einer großen Anzahl von Kranken handelt es sich nur um den Ausfall einzelner geistiger Funktionen, um sogenannte Defekte. Sowohl diese als ganz besonders das Gros der unter dem Bilde der Psycho-Neurosen (Nervenschwäche,Versiimmungszustände, Hysterie, chronische Jntoxationen usw.) Erkrankten haben Einsicht genug von der sie umgebenden Welt, und namentlich das religiöse Gefühl vieler dieser Unglücklichen ist in keiner Weise getrübt. Der Aufenthalt in einer nichtjüdischen Anstalt ist für viele Kranke mit großen Nachteilen verknüpft. Sie fühlen sich in der ihrer ganzen Denk- und Empfindungsweise abweichenden Umgebung recht unglücklich, in vielen Fällen machen sie sich die größten Gewissensbisse über den Genuß nicht rituell zubereiteter Speisen und verweigern hartnäckig die Nahrungsaltfnahme. Oft sogar kommt es, wie wir aus zahlreichen Fällen wissen, zu konfessionellen Reibereien und Hänseleien seitens des Anstaltspersonals und der christlichen Patienten, so daß der Zweck des Aufenthalts in der Anstalt illusorisch, ja statt der erhofften Besserung geradezu eine Verschlechterung des Leidens herbeigeführt werden kann. Nur in spezifisch jüdischen Anstalten kann der jüdische Geisteskranke vor allen derartigen, ihm besonders schädlichen seelischen Erregungen bewahrt bleiben und nur in solchen ist es ihm möglich, seine gewohnte Lebensweise unverändert fortzuführen; denn hier befindet er sich in einer ihm vertrauten Umgebung, die allen seinen religiösen Bedürfnissen liebevolles Verständnis entgegenbringt. Für die wohlhabenderen der jüdischen Nerven- und Geisteskranken ist durch das Bestehen zweier Privatanstalten, der großen Israelitischen Heil- und Pflegeanstalt für Nervenunb Gemütskranke zu Sayn bei Koblenz und der kleineren Anstalt zu Beckenheim, gesorgt. Was aber ist für die minderbegüterten und gänzlich mittellosen jüdischen Nerven- und Geisteskranken geschehen? Wohl ist wiederholt auf diesen Nolstand öffentlich hingewiesen worden, aber in die Tat umgesetzt wurden diese Bestrebungen erst, als wir in Verbindung mit sieben Männern im Frühjahr 1903 den „Hilfsverein fiir unbemittelte jüdische Nerven- und Geisteskranke zu Ems" gründeten. Unser Aufruf zur Gründung dieses Vereins fand den Beifall aller Einsichtigen und wir hatten die Genugtuung, im Frühjahr 1903 klangvolle, gewichtige Namen im Gründungskomitee unseres Vereins zu verzeichnen. Die Zustimmung, die unseren Bestrebungen von sachverständiger Seite zuteil wurde, und die zahlreichen Aufnahmegesuche von unbemittelten Kranken, die an uns aus allen Gauen Deutsch, lands herantraten, bewiesen uns, welchem tatsächlichen Notstände in den Reihen unserer Glaubensgenossen die neubegründete Organisation zu begegnen berufen sei. Die Errichtung einer eigenen Anstalt konnten wir vorerst wegen der enormen Kosten eines solchen Unternehmens nicht ins Auge fassen und wir beschlossen deshalb, die betreffenden Kranken in bereits vorhandene, gut geleitete jüdische Anstalten unterzubringen. Es gelang uns, die bewährte Anstalt zu Sayn zu weitgehendem Entgegenkommen zu bestimmen, indem sie sich bereit erklärte, die von uns empfohlenen Kranken zu bedeutend ermäßigten Pflegesätzen aufzunehmen. Wir haben die erhebende Genugtuung, in der kurzen Zeit des Bestehens unseres Vereins 14 Kranke in der Anstalt zu Sayn untergebracht zu haben, und was uns zur besonderen Freude gereicht: wir konnten bereits acht dieser Kranken genesen entlassen und ihrem Wirkungs- und Familienkreise wieder zuführen. Mit neuem Mute und erhöhten Hoffnungen gehen wir auf dein betretenen Wege weiter, da ein mächtiger Zeuge und Sachwalter unserer Bestrebungen uns erstanden ist. Denn wie groß und bedeutsam das Werk ist, dessen wir uns zu Nutz und F'.ommen der armen jüdischen Nerven- und Geisteskranken und zum Wohle der Gesamtheit des Judentums angenommen haben, dafür mag das sachliche. maßgebende Urteil des berühmten holländischen Psychiaters Dr. van Deventer, Direktor der großen Staatsirrenanstalt in Mcerenberg, in dem Bericht über seine Anstalt für das Jahr 100 l hier wörtlich angeführt sein: „Im Laufe dieses Jahres wurde durch unsere Kommijsion die Frage erwogen, ob nicht eine besondere Abteilung für irraelitische Geisteskranke zu errichten wäre und die Verpflegung der Israeliten ausschließlich in dieser neuen Anstalt zu geschehen hätte. Die Antwort unserer Kommission konnte sowohl im Interesse der Anstalt als auch der Kranken nicht anders als zustimmend lauten. Ohne Zweifel bilden den Vorschriften gemäß alle Bewohner der Anstalt eine Haushaltung; eine Bestimmung, woran seit Gründung stets im Interesse derKrank n möglichst festgehalten worden ist. Seitdem die Anzahl der israelitischen Patienten bedeutend zugenommen und die Wichtigkeit ihrer speziellen Vorschriften festgestellt ist, die mit sich bringen, daß sie ihre Mahlzeiten an einer besonderen Tafel nehmen, ist die angegebene Bestimmung nicht mehr genau durchzuführen. Der Nachteil, der hieraus entsteht, ist die Abschließung der Israeliten von den übrigen Kranken. Dieses widerspricht dem Charakter der Anstalt. Die Tatsache, daß sie am Sabbat im Gegensatz zu den anderen Patienten nicht arbeiten mögen, wirkt in demselben ungünstigen Sinne. Aus diesem Grunde glaube ich, es im Interesse von Meerenberg aussprechen zu müssen, daß daselbst israelitische Patienten nicht länger mehr ausgenommen werden sollen. Was die Interessen der israelitischen Kranken selbst betrifft, gelten dieselben Schwierigkeiten, wobei noch andere hinzutreten, die sich aus ihren rituellen Verpflichtungen ergeben. Die Erfahrung, die in Meerenberg gemacht ist, hat doch aufs deutlichste gelehrt, daß die Genauigkeit der Speiseeinrichtung und die Behandlung des Eßgeschirres mit großen Schwierigkeiten verbunden und in Wirklichkeit nicht streng durchzuführen sind. Dasselbe gilt von den rituellen Gebräuchen hinsichtlich des Gebetes bei vorkommenden Sterbefällen in der Anstalt, der rituellen Vorschrift beim Ableben von Familienmitgliedern und dem Hallen der Trauertage. Diese Nachteile werden um so drückender gefühlt, als es das Streben des Irrenarztes sein muß, jedem Kranken die Gelegenheit zu verschaffen, seine religiösen Bedürfnisse zu befriedigen. Aus vorgenannten Gründen glaubte ich meiner Meinung Ausdruck geben zu müssen, daß die Errichtung einer israelitischen Zentralirrenanstalt für die unbemittelten jüdischen Geisteskranken einer ernsten Erwägung bedarf. Unsere Kommission war mit mir in voller Uebereinstimmung. Einige Morte der jüdischen Jugend gewidmet. So oft ich eine jüdische Zeitung in die Hand nehme, und ich tue es sehr oft, bewundere ich die immer sich erneuernden Anstrengungen, die gemacht werden, um die jetzt im Leben und Wirken stehende Generation für das Jüdische ob politisch, r.ligiös oder national empfänglich zu machen. Ich bewundere sie deshalb, weil sie stets ohne Erfolg bleiben und doch wieder bald von diesem, bald von jenem ins Werk gesetzt werden. Es sind doch befähigte Männer, die diese Arbeit, die für jeden Klarblickenden insolange vergeblich sein muß, als man nicht daran geht, dem Nebel an der Wurzel den Garaus zu machen. Meines Dafürhaltens ist die jetzige Generation für das Judentum der Zukunft vollkommen wertlos, sie ist so indolent, daß sie nur einig und allein insofern in Betracht kommt, als sie den Stamm erhält. Dagegen halte ich es viel mehr erfolgverheißend, wenn sich jene Mäniler, die an der Erziehung der reifen Männer ihre Kräfte zwecklos vergeuden, der Erziehung unserer Jugend ihre Aufmerksamkeit widmen würden. Je trostloser diese in diesem Momente ist, desto wichtiger ist cs, sich mir ihr zu befassen Ich glaube, daß dasjenige jüdische Blatt, welches diesem Thema seine Spalten öffnet und es zur Diskussion stellt, sich damit große Verdienste um die jüdische Sache erwirbt. Es läßt sich wohl nicht zu Ende denken, wie sich die Dinge gestalten werden, wenn sie in der Weise sich weiterentwickeln, wie es bisher der Fall war, und unsere Kinder ohne jede Kenntnis des Judentums heranwachsen. Die Sache drängt. Sie ist des Nachdenkens unserer besten Männer wert. Das jüdische Kind erfährt zumeist erst in der Schule, daß es jüdisch sei, und zwar dadurch, daß es ihm die anderen Schüler oder der christliche Lehrer mit besonderer Betonung sagt. Im Elternhause sieht und hört es mit wenigen Ausnahmen sehr wenig oder gar nichts davon und wenn ja, so geschieht es mit einem Gefühle, das wenig liebeerweckend ist. In der Schule lernt es die Religionsstunde und den Lehrer auch nicht lieben, im allgemeinen werden beide als überflüssige Last von dem Kinde angesehen, zumal im Elternhause die Frau Mama oder, wenn auch seltener, der Papa die Nase rümpft, wenn das .Kind die im modernen jüdischen Hause verpönten Namen Abraham oder Isaak nennt. Mit welcher Furcht die jetzigen jüdischen Damen und Herren auf das Judentum bezügliche Fragen des Kindes erwarten, das ist doch bekannt, und welcher Art die Antworten sind, welche dieses Kind von seinen total unwissenden Eltern bekommt, darüber ist besser zu schweigen. Wehe dem jüdischen Lehrer, her... von seinem. Schüler verhängt,., daß er den Gegenstand beherrsche, er wird zumindest als Tyrann hingestellt. Wo soll also eben dieses jüdische Kind Liebe zum Judentum schöpfen, dessentwegen es von seinen Mitschülern gehaßt und von seinen christlichen Lehrer nicht geliebt wird? Es gilt daher andere Quellen zu öffnen, aus denen es die Kraft und Liebe, Achtung und Ehrfurcht für das Judentum und seine Religion in reichem Maße schöpfen könnte. Gibt es solche? Das ist die Frage, die ich sofort mit „ja" beantworte. iffta weiterer Artikel folgt.) Ben Jehuda. Der Misrachi u«d die It». In Nr. 40 des „Frankfurter Israelitischen Familienblattes" erschien ein von Medizinalrat Dr. Adler-Lübeck stammender Artikel als Antwort auf meine im „Hajehudi" veröffentlichte „Berichtigung" bezüglich der letzten Misrachi- Konferenz in Frankfurt und deren Stellung zur Jto. Diese Berichtigung wurde auch in deutscher Sprache in der „Nationalzeitung" wiedergegeben. Ich will Herrn Dr. Adler nicht auf seinem etwas glimpflichen Wege der persönlichen Anfechtungen folgen und nur einige Tatsachen hervorheben. Ich muß nun bemerken, daß die Behauptung des Herrn Dr. Adler, die Mitglieder deS C. C. hätten gegen meinen vor der Konferenz veröffentlichten Aufruf einen scharfen Protest erhoben, keineswegs auf Wahrheit beruht. Auch wurde von niemandem die Forderung ausgestellt, man solle öffentlich erklären, daß das misrachistische C. C. mit den Ausführungen des Aufrufes nichts gemein habe. Es wurde überhaupt kein Beschluß in dieser Angelegenheit gefaßt. Uebrigcns muß ich noch sagen, daß der Aufruf mit Zustimmung einer in der misrachistischen Angelegenheit kompetenten Stelle verö f f e n t l i ch t w u r d e. Was nun die „Lossagung" des Misrachi von der zionistischen Organisation anbetrifft, so kann ich den Herrn Dr. Adler insofern ent- Krebs-Hpotheke « 8. Mittelback « Soda-Pastillen. wlrn l., q»h«rMarttRr.S (JpAlr *iii<t) tu, Srntruu» der Stadt. Dikfelb»« sind für Prrfove», w»l»e an Magrndrsch.verdkN. . Ukbetkettrn, Eoddrenur», Aufstob»» ,e. I»r>»n, un»ntbevrl>». Preis per Schachtet 60 Heller.

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