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Nationalzeitung · 1906-11-16 · Heft 80 (16.11.1906) · p. Seite 2

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 80 (16.11.1906)
Date
1906-11-16
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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<rnn 2 National Zeitung Nr. 80 in Ausübung ihres Dienstes, in Erfüllung ihrer Pflicht „für Kaiser und Vaterland" haben sie geraubt, geschlagen und gemordet, und mit Recht wurden sie von Skalon für ihren treuen Dienst und ihre strenge Pflichterfüllung belobt. Raub und Mord waren der wahre Dienst all derer, auf welche sich die Regierung stützt. Durch die Einst, l-rung der Feldgerichte hat die Regierung ihren Handlungen die Krone aufgesetzt, hat sie ohne jedes Schamgei, hl den Massenmord offen fanktu'uiert. Hiermit hat sic auch den letzten Rest von Recht und Gerechtigkeit vernichtet, sie kämpf: mit allen Mitteln gegen das Volk. Sie tutt du Vvlksrechte mit Füßen und macht sich lustig über ihre eigenen Gesetze. Und heute am ersten Jahrzeitstage der geschenkten „Verfassung" klingen die Glocken durch das gan ,e heilige Rußland und verkünden der Welt den großen Sieg, den die Reaktion über das Volk und feine Freiheitskämpfer davongetragen habe. Aber .... zu früh ist ihre Freude! Es wächst das Eisen in den kalten, stummen Bergen, die Waffen werden geschmiedet, es glüht der Voltszoru. in den Herzen brennt ein höllisches Feuer. Bald wird das Maß überfüllt sein, und mit vulkanischer Gewalt wird sich der Zorn des Volkes über das Land ergießen und reinwaschen von seiner Schande. Es wird vernichten die Tyrannen und vertilgen die jetzigen Massenmörder. Für diese große Stunde bereitet sich das russische Proletariat jetzt vor. Es sammelt seine Kräfte, um mit seinem Feinde von Angesicht zu Angesicht zu kämpfen. Lange wird noch dauern der Kampf, schwer wird es sein, die vielen Köpfe der Hydra abzuhacken. Die Schlachtlinie wird immer größer, und immer breitere Massen müssen und werden in den Kanipf gezogen werden. Das Ringen wird immer erbitterter, je mehr Opfer der Kampf verschlingt. .. Aber der Opfer gibt es verschiedene. Die Opfer des russischen Volkes sind lauter gefallene Kämpfer, welche ihr Leben nicht umsonst geopfert haben. Indem sie mutig dem Tode begegnen, wissen sie auch wofür sie sterben ... Jedes gefallene Opfer bringt den Tag des Sieges, den Tag der Rache näher ... Nur uns Juden ist das traurige Los beschieden, auf dem Altar der russischen Revolution soviel unnütze Opfer zu bringen. Jeden Schritt, den die Revolution vorwärts macht, jeden Tieg der Revolution oder der Reaktion bezahlen wir nicht nur mit dem Blute unserer Kämpfer, sondern auch mit Strömen unschuldigen Blutes, mit dem Blute unserer Greise, Frauen und Kinder. Das sind unnütze, unsinnige Opfer, welche der Sache selbst keinen Nutzen bringen. Solche Opfer zu bringen, ist für uns keine Ehre, sondern eine Schande. Wir kämpfen gegen diese Schande. Wir wollen vor den Schwierigkeiten nicht zurückschrecken, wir wollen unser Leben und unsere Ehre verteidigen, aber... wir werden dann auch unserem bitteren Schicksale nicht entgehen! — Wie ein Volk ohne Land befinden wir uns in der schwächsten Position im Lager aller Völker Rußlands, welche zum Licht und zur Freiheit emporstreben. Gegen uns sind die ersten und schrecklichsten Hiebe des blutigen Feindes gerichtet! Wir werden den Kelch bis zum Ende leeren müssen, wir werden der russischen Revolution machtlos unsere Opfer bringen müssen, ob wir wollen oder nicht! Die einzige Hoffnung, die uns beseelt, ist, daß das die letzte Tragödie in unserer langen Geschichte sein werde. Freilich wird die russische Revolution nicht der letzte Kampf in der Geschichte der Menschheit bleiben. Blutige Zusammenstöße werden auch nachher sich ereignen, und immer wird der Feind die schwächste Position des Gegners ausnützen und den Angriff nur gegen diese richten, aber — nicht ewig werden wir die schwächste Position bilden, nicht ewig werden wir zerstört und zerklüftet bleiben. Der Strom der jüdischen Auswanderung wird eine neue Richtung einschlagen, er wird die jüdischen Massen konzentrieren. Das jüdische Proletariat wird eine wirkliche Macht bilden, es wird auch fernerhin Opfer bringen im Kampfe für seine Lebensinteressen, im Kampfe für sein ferneres Ideal — den Sozialismus, aber solch unsinnige Opfer wie die jetzigen für die Revolution werden ihm erspart bleiben. Möge uns. der heutige Jahrzeitstag unsere Lage inne werden lassen! Möge er uns ermutigen zum Kampfe mit unseren blutbefleckten Mördern! Aber möge er auch unsere Energie aufrütteln, zu arbeiten für unser Volk, ihm eine sichere Zukunft zn schaffen in einem jüdischenLande!" Politische K««dscha». Die mährischen Landtagswahlen haben uniere Prophezeiung, ein starkes Anwachsen der chcistlichsozial-klerikalen Stimmen auf deutscher und tschechischer Seite, glänzend gerechtfertigt. Das Wahlecsultätp welches wieder einmal eine „Ueberraschung" für die assimilatorisch-jüdischen Kreise ist, beweist überdies, wie sowohl die deutsch-"frciheitliche„ als auch die jungtschechische Richtung immer mehr an Boden verliert, trotzdem die „judenliberalen" Blätter auch die antisemitischen Deutschnationalen der verschiedenen Schattierungen unter den „freiheitlichen" Kandidaten und Siegern im Kampfe gegen die Reaktion einreihen. Solche „freiheitliche" Abgeordnete sind der Brünner Deputierte Baeran und der Vertreter von Neutitschein Dr. Freister. Symptomatisch für die Stimmung in Mähren ist auch die Zahl der Stimmen, die auf die einzelnen Kandidaten in jenen Wahlbezirken entfielen, wo es zu Stichwahlen kommt. In Znaim erhielten Zeisel (liberal) 7324, Lang (christlich sozial) 5509 Stimmen, Holasek (sozialdemokratisch) 1801 Stimmen. In Jg lau erhielten Mütter (liberal) 8023, Freundlich (sozialdemokratisch) 5667, Pi ringer (christlichsozial 3381 Stimmen. In O l ni ü tz erhielten P r a y o n, der Kandidat der d eutschnati onalen Arbeiterpartei, 8242, der Sozialdemokrat Schloßnickel 6556, der Christlichsoziale Siegel 2134 Stimmen. In Wischau erhielten der tschechisch-katholisch-nationale Kandidat Sramek 8818 Stimmen, der Sozialdemokrat Dedek 3876 Stimmen. In Boskowitz fielen auf den tschechischkatholischnationalen Kandidaten Kri st 9262, auf den Sozialdemokraten Vanek 7596 und auf Holecni (national-sozial) 5705 Stimmen In Prerau erhielt der katholischnationale Smychal 8001, der Sozialdemokrat Merta 4925 Stimmen. In Neustadtl fielen auf Navratil (katholisch-national) 9915 Stimmen, der Sozialdemokrat Filipenski erhielt 7305 Stimnien. In Gayaerhieltder katholischnationale Horak 7160, der Jungtscheche Smrcek 3948, der Sozialdemokrat Jndracek 929 Stimmen. Diese Zahlen sowie auch die Wahl der katholisch-nationalen P. Silinger in Göding, Kalcak in Walachisch-Meseritsch und Vykoukal in Ung ar.-Hradisch zeigen, daß speziell im tschechischen Teile Mährens die katholisch-chrrstlichsoziale Strömung derzeit die stärkste ist. ($uousquo tandem? In Budweis setzen sich Deutsche und Tschechen auseinander. Der Takt würde den dortigen Juden gebieten, sich passiv zu verhalten oder eventuell im jüdischen Gesamtinteresse entsprechend politisch zu verhandeln. Wie jedoch im Böhmerlande seit jeher Usus, schwingt Abeles das schwarz-rot-goldene Banner. Die Tschechen führen einen Verzweiflungskampf, sie bringen todkranke Wähler im Ambulanzwagen zur Urne — mögen die Juden erwägen, was ihnen von dieser Seite einmal erblühen kann. Die Deutschen haben wiederholt offen erklärt, daß in gewissen Gegenden der Jude ihnen als Mittel zum Zweck dient. Und da geschah das Ungeheuerliche! Eine Wiener liberale Verbindung, die „Budweis als ihr Feld betrachtet", entsandte ihre Leute zur Wahlagitation nach Budweis, und als das nicht genügte, leistete ihr eine zweite Assistenz. Junge Leute, die nie in Böhmen waren, widmeten sich mit Begeisterung dieser Mission. Juden, mit denen im alpenländischen Gymnasium die halbe Klasse nicht verkehrte, denen die deutsche Studentenschaft seit einem Jahrzehnt Satisfaktion verweigert, fuhren bei Nacht und Nebel nach einer fremden Stadt, um für ein Volk zu kämpfen, das sie ausstößt, gegen ein Volk, das sie nicht kennen, das ihnen nichts zu Leide getan. Müssen auch wir vierzig Wüstenjahre durchwandern, bis ivir reif sind, ein Volk zu sein?! Hanns Fischl. Die Fürsorge für unbemitUtte jüdisch» Ueroe«- und Geistesüranüe. Einen äußerst interessanten Aufsatz über die Frage der Fürsorge für unbemittelte jüdische Nerven- und Geisteskranke veröffentlicht der Neuwieder Arzt Dr. Lichtenstein in der „Berliner Allgemeinen Zeitung des Judentums. Wir reproduzieren diese fachmännischen Ausführungen, um durch sie die Aufmerksamkeit der maßgebenden Kreise in Oesterreich auf die auch hier sehr dringlich gewordene Frage zu lenken. Nach der Auskunft des Königlich Preußischen Statistischen Bureaus befanden sich bei der lehren Volkszählung allein in Preußen 1889 iüdische Geisteskranke (995 männliche, 894 weibliche), sammenhängenden Territorium (Tscherta) beisammen lebten. In England und Amerika, wie auch in den anderen Einwanderungsländern lebt die jüdische Sprache fort, weil die Juden dort ebenfalls in großen Stadtteilen beisammenleben. Aber hier nmcht sich schon der ftemde Einfluß fühlbar, die unglaublichsten Beimischungen durchsetzen die Sprache so sehr, daß ein Neuangekommener Jude aus Rußland einen Stammesbruder, der schon seit fünf Jahren die amerikanische Freiheit genießt, mitunter nicht versteht. — Ich bin nun überzeugt, daß für den Fall, daß es wirklich gelingen sollte, den Juden in Rußland das Bürgerrecht und als Folge davon volle Freizügigkeit im Reiche zu sichern, die jüdische Volkssprache allmählich „degenerieren" und im Verlaufe von fünfzig Jahren ungefähr die Form aunehmen würde, wie sie der heutige mährische und ungarische Jargon hat. Dasselbe Schicksal wird der Volkssprache der eingewanderten Juden Amerikas und Englands zuteil werden, wenn die Removalaktion durchgreift und das Bestreben der amerikanisch-jüdischen Organisation, die Neuankömmlinge von den Großstädten fernzuhalten, und sie auf dem flachen Lande zu verteilen von Erfolg sein wird. Hiermit wäre ich zur Beantwortung der dritten Frage gelangt. Die jüdische Volkssprache kann und wird erhalten bleiben, wenn die jüdischsprechenden Juden in großen Massen aus ihren jetzigen Wohnländern expatriiert und in ein eigenes, freies, geschlossenes Territorium verpflanzt werden. Die Frage der Erhaltung der jüdischen Volkssprache, die gesunde Entwicklung ihrer Literatur ist eine reine territoriale Frage. Ein klassisches Beispiel hierfür sind die Erscheinungen, welche die gegenwärtige, kopflose und unuerautworiliche Emigration nach Palästina gezeitigt haben. Die neueingewanderten Juden verpflanzen die jüdische Volkssprache nach Palästina, und die alten Hebräisten klagen über diese „Profanierung" des heiligen Landes. Ich will mich von der Gelegenheit nicht verlocken lassen, über die Ursachen zu sprechen, weshalb die hebräische Sprache sich nicht als Volkssprache durchzuringen vermag, weshalb zum Beispiel N. Sokolow gezwungen ist, seine „hebräische Enzyklopädie" in russischer, anstatt wie ursprünglich geplant, in hebräischer Sprache herauszugeben. Ich nehme bloß die Tatsache wie sie ist, wobei ich allerdings nicht verschweigen kann, daß die oben erwähnte Enzyklopädie ihren Zweck sicherlich besser erfüllen würde, wenn sie in jüdischer Sprache verfaßt würde, anstatt in russischer. Aber eines kann ich nicht begreifen und das möchte ich hier aussprechen: Ob die jüdische Volkssprache erhalten werden soll oder nicht, darüber mag man streiten, die Antwort hierauf liegt in unserer eigenen künftigen Entwicklung. Wie man aber für die Erhaltung der jüdischen Volkssprache eintreten und, wie zum Beispiel Dr. Nathan Birnbaum, gegen eine territoriale Lösung der Judenfrage sein kann, ist mir wahrhaftig unverständlich. «aschhar l Waftertztcht! «eruchl^k Reform - Schweissbiälter Bll W Wn! UM etliltl.

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