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Nationalzeitung · 1906-11-16 · Heft 80 (16.11.1906) · p. [Seite]

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 80 (16.11.1906)
Date
1906-11-16
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. Redaktion: IX/1. Wafag. ffe 91. Telcpho« Nr. 14723. Gp»echft»«denr An Wochentagen von 10 bts 12 Mr vorm. ... Postadresse: „Ratiomaljeitung", Wie« ix,l. Äerfiett wegen verspäteter oder gar nickt erfolgter Zn« j erbitten wir NN« dringend. Manuskript« werden nicht zurückgestellt. Postsparkassenkonto 470:i7. In das Abonnement kann man täglich rintreten. Erscheint jeden Dienstag und Freitag Eigcutum einer Sozietät. — Keransgeber und Chefredakteur: Jakob Kraus;. Inserate übernehmen die Zirmen: I. vanneberg, M. Duke» Nachfolger, Haasenstein & Vogler, Rudolf Moffe, M. ssozson^i, A. Schalek in Wien, ferner alle Annoncenexpeditionen im Auslande. Einzelnummer in Wien 15 Heller. Administration: Telephon Avonnementspreisr Atir Wie« u. Oesterreich« Ungarns FraittozuiteUunu: Ganzjäyrlich . . . 12.— Halbjänrlich ... _ fl. - Bierteljälirlich . . „ 8. Sürd-gesamteAaSiaadr ivanzjährUch . . . K 15.12 IX/1, Wafa:iaffe 91. R». 14728. Preis de» ««zei-e»: Die 5mal gespalt Nonpareille» zeile oder deren Raum 12 h. „Si«gese«det" die Sspal« tl„e vionpaceillezeile bo I>. Bei mehrmaligen Aufträge» I entsprechender Rabatt. verschleißstellen unseres Blattes in welchen auch Abonnements entgegengenommen werden: Hermann Goldschmidt, Wien I., Wollzeile 11; Robert Weiß, Wien I., Jakoberg. 7. $lf. 80. Wien, Freitag den 16. November 1906 (28. Marcheschwan 5667). VIII. Jahrgang. Die blutige Jahrzeit. Anläßlich der Jahreswende der blutigen Ereignisse am 30. Oktober des vorigen Jahres hat hie „Indisch - territorialistische Arbeiterpartei tPoale Zion)" Rußlands folgende Proklamation erlassen: > Mußland feiert heilte die blutige Jahrzeit. Heute ist's ein Jahr geworden, da über das abgematterte, geknechtete Land ein Klang erscholl, her den ersten Sieg der Revolution verkündete. DaS bekannte Manifest wurde erlassen. Man war der Ansicht, eine neue Zeit sei gekommen, ein neues Leben habe begonnen. Wie ein Blitz aus finsterem, umwölktem Himmel beleuchtete diese Nachricht plötzlich das große, kalte, in Eis erstarrte Kmpfige Land. Vom heiß brennenden Felsen des Kaukasus bis zu den kalten, in Eis gebannten Steinen Finnlands, vom reichen, luxuriösen, ibarmen Palast bis zum elenden, armseligen, kälten Zeltet überallhin trug diese Nachricht Drost Und Freude, Hoffnung und Zuversicht. DaS^ stumme Land wurde plötzlich beredt. Taufende Federn begannen sich zu rühren, Millionen Zungen begannen zu reden und von tausendjährigem Leiden und tausendjähriger Pein ju erzählen. Die lange verborgen gehaltenen Wuüden, welche an dem Volkskörper fraßen, tvurden aufgedeckt. Zum ersten Male drang ein Lichtstrahl in die tausendjährige Finsternis und hie Welt bekam ein schreckliches Bild voll Glend und Unglück, Hunger und Leiden, Knechtschaft und Armut zu sehen. Begeistert erhoben die Menschen die Hände zum Schwur, zu kämpfen mit den finsteren Mächten, bis sie im ganzen vernichtet und aus der Welt vertilgt sein würden. Bald hatte es sich jedoch herausgestellt, daß der Sieg vom 30. Oktober nichts mehr war denn ein Irrlicht eine Illusion.. Der Feind hat nurfür kurze Zeit seine blutigen Krallen eingezogen und sich scheinbar dem Willen des Volkes gebeugt. In Wahrheit aber wollte er nur das Gift sammeln, seine Zähne schleifen, um mit desto größerer Wut und Wildheit sich auf den Volkskörper zu stürzen. Und in der Tat: gleich nach dem leuchtenden Blitz wurde ein dröhnender Donner hörbar, der die Illusionen zerstob, die Freude vernichtete und der Zuversicht ein trauriges Ende bereitete. „Sparet keine Kugeln!" erscholl das Kommando, und „sparet keine Kugeln!" hallte es aus Hunderten von Städten wieder^ Tausende, Ermordeter, Verwundeter, zu Tode Gehetzter, Beraubter und Zerschundener waren die blutigen Zeugen der neuen russischen Verfassung. Ein Meer von Tränen, Ströme Blutes bezeichnten ihren Weg. i>- Breiter denn die Welt, tiefer als der tiefste Abgrund waren das Elend, Unglück und Schrecken, die sich im Gefolge der zarischen Schenkung befanden. Besonders schwer jedoch hat das jüdische Volk unter dieser verliehenen „Freiheit" gelitten. Eine lange Reihe von Pogroms bildetete die Kortege des 30. Oktober; Hunderte jüdischer Städte wurden zu Asche, jüdische Habe und jüdisches Gut wurde geraubt, jüdische Ehre geschändet und jüdisches Leben vernichtet. Und trotz alledem lebte in einem große» Teile der Bevölkerung die Hoffnung auf eine friedliche und nahe Erlösung noch immer fort. Die Duma war vielen Unterdrückten und Leidendender letzte Funke der Hoffnung. Diese Gnadenduma hätte über das Los von hundert Millione« unglücklicher Menschen entscheiden, hätte das Land auf den historischen Weg führen und ihm eine normale Entwicklung anbahnen sollen. Aber auch dieser letzte Hoffnungsschimmer sollte bald erlöschen. Noch ehe die Duma in die Lage kantz etwas zu tun, wurde sie verjagt und die Deputierten in die Gefängnisse gesteckt. Die finsteren Mächte erhoben sich stolzer denn je und warfen auch den letzten Fetzen der Kulturmaske von sich weg. Offen gehen sie einher in ihrer blutigen Gestalt und erfüllen das Land mit Schrecken und Schande und blutrünstigem Mord. Auch die Begleiterscheinungen jeder Reaktion, die Pogroms, haben eine andere Gestalt angenommen: man riß das Feigenblatt von sich, mit welchem man sonst die eigene ScWnde vor dem oberflächlichen Blick zu verhüllen pflegte. Siedlce bildet die höchste Stufe der Pogromkunst. Höher geht's nicht! Da hat die Selbstherrschaft ganz allein ohne jede Mithilfe irgendeiner Bevölkerungschichte die schändliche Arbeit vollführt. Nicht aus eigenem Antriebe, aus Zeitvertreib in dienstfreien Stunden überfielen da die Soldaten die friedliche jüdische Bevölkerung, auf Befehl ihrer Kommandanten Krnilleton. Dir jüdische Volkssprache und die territoriale Frage. Bon Jakob KrauSz. Die Diskussion über die Judenfrage bringt in der Regel auch die Frage der jüdischen Volkssprache aufs Tapet. Diese Frage wird eigentümlicherweise im Westen viel mehr und leidenschaftlicher diskutiert als im Osten. Leider auch mit viel weniger Verständnis. Oft nur mit Leidenschaft und ganz ohne Verständnis. Diese Erscheinung ist auch 'ganz natürlich. Im Osten ist die Frage einer jüdischen Volkssprache überhaupt keine Frage, dort führt die Volkssprache ein eigenes Leben, em Leben mit allen Wechselfällen, Variationen und Entwicklungserscheinungen, wie es eben einem normalen Leben eigen ist. Im Westen hingegen lebt die jüdische Volkssprache höchstens als Frage, die so behandelt wird, wie ein Exotikum, wie etwas Interessant- Fremdes, mit deren Kunde man Sport treiben kann, wenn man sie nicht geradezu verspotten will. Es gibt eben Jargoupioniere, wie es Palästinapiouiere gibt und vielleicht auch Jargonliebhaber, wie es Sportliebhaber gibt. Ueber die Spoitrr und Verhöhner will ich weiter nicht reden. Diese Menschen, die sich weiß Gott was einbildcn, wenn sie in schlechtkopiertem Lueger-Jargon den „jüdischen Jargon" verhöhnen, gehören ja schon, zu drei Vierteilen nicht mehr zu uns, und werden von dem Volke, deren Dialekt sie nachsprechen, genau so verachtet, wie sie das jüdische Volk verachten möchten, wenn sie ihren Vorteil darin fänden. Wenn wir nun der Sache genau auf den Grund gehen, so finden wir, daß der Streit sich hauptsächlich um drei Fragen dreht: 1. Existiert überhaupt eine jüdische Volkssprache? 2. Soll sie erhalten werden? und 3. durch welche Mittel soll sie erhalten werden? Ich will es nun versuchen, soweit es der Rahmen eines Artikels gestattet, aus diese Fragen näher einzugehen. Die Frage, ob es eine jüdische Volkssprache gibt, sollte eigentlich nicht mehr aufgeworfen werden. Auch im äußersten Westen nicbt, denn es gibt ja fast keinen Winkel auf dem Erdenrunde mehr, wohin östliche Willkür und östlicher Barbarismus nicht jüdische und jüdisch-sprechende Volksteile geschleudert hätte, und es gibt keine westliche Großstadt mehr, deren Behörden auf die jüdische Volkssprache nicht Rücksicht nehmen müßten. Die jüdische Volkssprache existiert, und zwar nicht nur in Rußland, Galizien und Rumänien, nicht nur in den Ghettis Englands, Amerikas usw., sondern lebt auch zum Teile noch in Mähren und Ungarn. Wenn man ernstlich von einer jüdischen Volkssprache sprechen will, so darf man keine Liebhaberei für den einen oder anderen Dialekt dieser Volkssprache hervortchrcn. Ich sehe nicht ein, warum man den mit Anglizismen durchsetzten Jargon der englischen und amerika* nischen Eastend-Juden weniger als Volkssprache betrachten soll als den mit Russizismen durchsetzten littauischen Jargon, und weshalb man den, allerdings im Aussterben begriffenen mährischen und ungarischen Jargoi, der eine Unmenge slavischer und magyarischer Elemente verarbeitet hat, als „Mauscheln" bezeichnen soll? Gerade diese Erscheinungen beweisen ja, daß die jüdische Volkssprache sich auch fremde Sprachelemente zu assimilieren vermag, daß sie eigene Dialekte erzeugen kann und daß die Juden sich selbst an die letzten Ueberreste ihrer Volkssprache klammern. Die jüdische Volkssprache lebt wie jede andere Sprache, sie hat ihre Abzweigungen, wobei allerdings betont werden muß, daß sich das littauische Idiom fast zur Literatursprache emporgerungen hat. In dieser Sprache sind Werke geschaffen worden, aus welchen die hervorragendsten westeuropäischen und amerikanischen, zum Teile nichtjüdischen Dichter die wertvollsten Anregungen für das eigene Schaffen gewonnen haben. Die zweite Frage, ob die jüdische Volkssprache erhalten bleiben soll, kann nicht von einzelnen Personen oder Partien beantwortet werden. Die Antwort auf diese Frage wird die künftige Geschichte des Judentums, ja ich gehe weiter, die künftige Geschichte Europas geben. Die Existenz einer Sprache hängt wesentlich mit der territorialen Frage des betreffenden Volkes zusammen. In Rußland kounte und mußte sich die jüdische Volkssprache bis heute erhalten, weil die Juden daselbst auf einem zuwr Die iilichste Nummer erscheint Dienstag den 20. November.

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