Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 79 (13.11.1906)
- Date
- 1906-11-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nationalzeitung Nr. 79 dings bereits jetzt konstatiert werden muß, daß anderseits die deutschnationale Strömung in vielen Gegenden Mährens von der christlichsozialen verdrängt wird. Aber auch in den tschechischen Gebieten ist die Tatsache zu konstatieren, daß die klerikalen und extrem-nationalen Kandidaten der verschiedenen Fraktionen unter antisemitischem Banner kandidieren, ja vielfach den Boykott gegen die Juden verkünden. Auf diese Weise sind die Juden sowohl innerhalb des deutschen wie des tschechischen Katasters ihren offenen Gegnern und falschen Freunden ausgeliefert. Das Gesagte gilt aber mit einigen Modifikationen auch für die andern Teile des Reiches. In Galizien, wo heute bereits die Schl ach ta allmächtig ist und ihre Macht gleichmäßig die Juden wie die Ruthenen und Polen fühlen läßt, macht sich immer stärker die Strömung, die auf eine Sonderstellung Galiziens hinzielt, fühlbar. Der Antrag S t a r c y n s k i ist ein entschiedenes Warnungssignal, welch Gefahr im Anzuge ist, wenn nicht die Juden Galiziens Hand in Hand mit den Ruthenen entschieden gegen die Sonderstellung Galiziens Stellung nehmen und für die nationale Autonomie in Land und Reich energisch eintreten. Es ist ein großer Irrtum, wenn man glaubt, daß mit Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes die Aera der staatsrechtlich-nationalen Kämpfe beendet ist. Dieselben beginnen erst und werden so lange andauern, bis jedem Volksstamm in Zis- und Transleithanien die nationale Autonomie gewährleistet ist. Die erste Wirkung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes aber wird ein rapides Anwachsen der christlichsozial-klerikalen Mandate bei allen Nationalitäten sein, und mehr als je wird die Notwendigkeit einer jüdischenJnteressenpolitik sich erweisen. Wird dies nicht begriffen, dauern die bisherige Zerfahrenheit unter den österreichischen Juden, die vollständige Programmlosigkeit sowie die Assimilationspolitik an, dann ist sehr zu befürchten, daß die nächsten Reichsrätstvahlen ein noch traurigeres Ergebnis für die Juden zeitigen werden als die Wahlkampagne für den mährischen Landtag. H. K. Prager Krief. (Chaos unter den Juden Prags. — Dr. Baxa und Professor Nowotny als jüdische Kandidaten. — Die unjüdische neue Prager Synagoge. — Der Verein „Böhmisch-jüdischer Nachwuchs" tanzt nur Freitag abends. — Die Taufe der jüdischen Chorsängerin. — Die Budweiser Gemeindewahlen. — Die „(Jeako-Bldoyska ^sckuola« an die Budweiser Juden. — Dr. Jakob Schars, der Urtscheche.) Prag, 9. November. Der Chronist, der einst die derzeitigen Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung Prags schildern wird, wird sie Feuilleton. Humoristisches zur Affäre Dr. David— Schapira A. Klug: Was ist der Dr. David nach seiner Schapira-Predigt? B. Klüger:??? A. Klug: Das weißt du nicht? Ein Schapirograph! B. Klüger: Ausgezeichnet! Aber es ist doch ein großer Unterschied zwischen Dr. David und dem Schapirograph! A. Klug:??? B. Klüger: Nu, ein Schapirograph ist ein Vervielfältigungsapparat und Dr. David ist ein Vereinfältigungsapparat! Während der Rede des Referenten. B e r l: Was sagst du, Schmerl, wie uns der Datsch dort oben herausputzt, und er kennt doch seine Leute?! Schmerl: Du hast recht, Berl, er kennt seine Leute, aber uns kennt er nicht, Berl! als sehr traurige kennzeichnen müssen. Ueberall, wo man auch hineingreift ins jüdische Leben hierzulande, fördert man Beklagenswertes zutage. Die größte Gemeinde Böhmens und gleichzeitig die älteste in ganz Mitteleuropa wankt führerlos, zerfahren, in unzählige Parteien gespalten durch die Gegenwart einer unsicheren Zukunft entgegen. Aus diesem Chaos einzelnes hervorzuheben, hat nur den Zweck, den Beweis für obenangeführte Behauptung beizubringen. Ein Zeitungsskribler, der seine Tintenprodukte in einem der kleinsten Vororte der Stadt das Licht der Welt erblicken läßt, hat der Judenfrage eine Rubrik gewidmet und ist bemüht, sein Süppchen an dieser brennenden Frage recht nahrhaft und schmackhaft zu machen. In der landesüblichen Sprache, der tschechischen nämlich, hat er in einer Extraausgabe, die gleichzeitig die zweite Nummer des ersten Jahrganges war, den Juden die Wahl des Herrn Dr. Baxa in den Gemeinderat so warm als möglich anempfohlen, also einen ähnlichen Vertreter jüdischer Interessen, wie es etwa der Ernst Schneider in Wien wäre; desgleichen hat ein jüdischer Student die Wahl des Professors Nowotny in den Reichsrat den Wählern der Prager Neustadt in einem Zirkular deshalb empfohlen, weil er zufällig sein Lehrer war: das sind deine Götter, Israel, in der Kehilläh Kadoschah Prag. Doch wie sind deine Leute? Hier ein Beispiel: der Verein «vorost CeskoZidovsky» („Böhmisch-jüdischer Nachwuchs") arrangiert seine Tanzstunden wöchentlich einmal, und zwar am Freitag abends, also jedenfalls ein hoffnungsvoller Nachwuchs in bezug aufs Judentum. Es wird hier eine große Synagoge eingeweiht und mehr als die Hälfte unserer Rabbiner glänzt mit ihrer Abwesenheit, weil — ja weil die andere Hälfte daran teilnimmt. Von dieser Synagoge wäre noch erwähnenswert, daß sie bunt, manche sagen sogar, viel zu bunt ausgestattet ist. Der Gottesdienst soll angeblich etwas mehr als modern sein und macht das Machsor für die hohen Feiertage überflüssig. Gewiß ein großer „Vorteil"! Der derzeitige Machthaber soll vom Jüdischen keine blasse Idee haben und ordnet den Ritus an, das ist eine Prager Errungenschaft. Diese Synagoge soll eine Schuldenlast besitzen, an der noch die Enkel der Erbauer schwer zu tragen haben werden. Jedenfalls mußte die Menoha entfernt werden, weil sie nicht stilgerecht war, also doch etwas. Für 6ön'Tag der Einweihung schien mir, der ich anwesend war, der Gott Israels aus seinem Hause depossediert worden zu sein, denn man scheute sich, in Anwesenheit des k. k. Statthalters ihn allzuoft anzurufen, man erwähnte seiner nur so nebenbei. Gebetet wird in der Synagoge nur, wenn sie fast leer ist, wenn sie dagegen mit „Andächtigen" erfüllt ist, wird musiziert. Unter dem schwachen Lichte, das darin bei „voller Beleuchtung" herrscht, ist der Ritus zusammengeschmolzen; das Manko wird durch Musikpiecen aus allen möglichen Opern ersetzt. Wie diese jüdisch erziehlich wirken, beweist die Tatsache, daß sich eine langjährige Tempelsängerin, die das Schema als Solistin so prächttg sang, wegen einer Stelle am Dresdner Theater hat letzthin taufen lassen, es ist dies Madame Reich, verehelichte Wal ln er. In einer der größten Vorstädte Prags verstarb letzthin ein bekannter Advokat; er wurde unter Mit- Während der Rede eines Agitators. Berl: Schah, Schmerl, sei jetzt ruhig, jetzt red't der Herr Bezirkshauptmann! Schmerl: Bist du meschugge? Der Mann dort oben mit dem Klatschkopf ist doch kein Bezirkshauptmann! Berl: Hörst du nicht, wie er uns vorschreibt, für wen wir stimmen sollen! Berl: Was ist der Unterschied zwischen König David und Dr. David! Schmerl: Nu sag' schon! Berl: Du bist schon so dumm, wie a Datsch vom Mathias-Acher, König David hat gegen den Riesen Goliath einen Stein geschleudert, und hat Goliath den Kopf gespalten, er selber aber ist der große König David geworden. Dr. David aber hat gegen den großen östlichen Goliath Steine geworfen und hat dabei sich selber den Kopf gespalten. Schmerl: Sag mir aber, worin gleicht Doktor David dem König David? Berl: Heraus mit der Weisheit! Schmerl: König David ist gern flöten gegangen und Dr. David muß flöten gehen! Wirkung von Offizianten einer Leichenbestattungsanstalt mit allem unjüdischen Pompe zu Grabe geleitet. Das wäre an sich wohl Privatsache der Hinterbliebenen; baß aber an einem solchen Leichenbegängnisse der Ortsrabbiner teilnimmt, ist etwas, Was auch andere Juden nicht gleichgültig lassen kann, weil er damit eine Einrichtung sanktioniert, die selbst der vorgeschrittenste Jude verwerfen muß. Ad vocem Rabbiner wäre zu bemerken, daß nicht immer das Doktordiplom die Fähigkeit zu einem solchen Amte involviert, und schließlich läßt sich von ihnen sagen, daß sie so sind, wie sie die jetzigen Juden verdienen. Und nun etwas von Politik. Die «Cesko Zidovskä jednota» und mit ihr alle anderen tschechisch-jüdischen Vereine haben einen Aufruf in Sachen der Wahl in Budweis an die dortigen Inden ergehen lassen, der schon deshalb eigenartig erscheinen muß, weil er vermittels des bekannten antisemitischen Organs «Narodni Listy» an die Juden gelangt. Um so mehr verdient aber das Schriftstück unter die Lupe genommen zu werden, weil es von dem bekannten Dr. Jakub Scharf, der nicht nur der alphabetischen Ordnung gemäß, sondern auch in bezug auf seine jüdische Politik unter die Letzten gehört, an erster Stelle unterzeichnet wurde. Es dürfte die Annahme von der Wahrheit nicht sehr abweichen, daß der geringste Teil der Herren, die da in so stattlicher Anzahl angeführt werden, den Aufruf gesehen, geschweige den unterschrieben hat. Die tschechisch-jüdischen Vereine haben ganz einfach alle ihre Mitglieder unter den Aufruf drucken lassen, damit er desto mehr imponiere. Nicht daß ich den Deutschen das Wort reden wollte, denn sie sind ebenso wenig Freunde der Juden wie die Tschechen, aber den Juden einreden zu wollen, daß ihr Heil darin liege, Budweis den Tschechen erobern zu helfen, zeigt von einer, gelinde gesagt, politischen Naivität, die im besten Falle uns Juden lächerlich macht. Genau dasselbe, was jetzt in Budweis mit den Juden aufgeführt wird, geschah vor etwa zwei Dezennien mit ihnen in der Prager Josefstadt. Der Agitation des Dr. Scharf und Konsorten gelang es, die Prager Judenstadt für die Tschechen zu erobern und der Erfolg! Ja, den Erfolg hier anzuführen wäre überflüssig, die ganze tschechische Presse ist dieses Erfolges voll: sie beschimpft die Juden und verdächtigt sie in unerhörtem Maße. Hier ein Absatz aus dem Aufruf, der wie Hohn klingt: „Glaubensgenossen!" heißt es darin, „Erinnert euch aus der Vergangenheit der Juden, wie ungerecht es sei, Unrecht zu unterstützen und wie bitter, Unrecht zu leiden!" Also blicket in die Vergangenheit, ihr Juden, die Gegenwart bietet euch kein Beispiel dafür! Was sagen jene Juden zu diesem Satz, die nicht unter der Führung des Herrn Dr. Scharf stehen und vielleicht für die Tausende unschuldig gemordeter Brüder in Rußland und für die Tausende vernichteter jüdischer Existenzen im Böhmerlande etwas mehr fühlen als Dr. Jakub Scharf und sein Anhang?! t. Wo ist Dr. Bloch? Berl: Wo ist Dr. Bloch? Er redet nichts, er schreibt nichts. Er ist doch, dacht ich mir, auch einer von uns! Schmerl: Laß mir den Dr. Bloch in Nuh', der hat ein Malheur gehabt. Berl: Was für ein Malheur? Schmerl: Weißt du, Dr. Bloch dreht sich das ganze Jahr wie ein Chanuka-Drehderl bei allen Parteien herum. Kann er dafür, daß er jetzt mitten im Drehen ist und nicht gerade bei den polnischen Juden hält? Berl: Soll ich leben, du bist gerecht! Lupus in fabula. Während der Rede des Referenten verbreitet sich das Gerücht, daß Dr. David, der zur Versammlung geladen wurde, tatsächlich im Saale sei. Unser Protestberichterstatter hat diesbezüglich folgendes festgestellt: Dr. David ist tatsächlich im Hotel Central erschienen, verirrte sich jeooch und ging in den Saal der Budapests Orpheumgesellschaft. Da Eisenbach gerade einen polnischen Juden „gab" und im Parterre ziemlich viel „gemauschelt" wurde, so glaubte er wirklich unter galizischen Juden zu fein und blieb bis zum Schlüsse in „seiner Gesellschaft". «aschbar! Wasserdicht! Geruchlos! V Reform - $cl>wei$$blHlter S*