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Nationalzeitung · 1906-11-13 · Heft 79 (13.11.1906) · p. [Seite]

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 79 (13.11.1906)
Date
1906-11-13
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Währenddem früher die folgerichtigsten logischen Beweise und die gluterfülltesten Appelle an das Gefühl und das Gewissen fall gar nicht oder nur ganz wenig die Zuhörer zur Mitarbeit an den Jto-Bestrebungen zu bewegen vermochte, genügt es jetzt, nur die paar glänzenden Namen zu erwähnen, und da kommen sie herbeigeströmt, unsere bis dahin so skeptischen Glaubensgenossen, und erklären sich solidarisch mit unseren Ausführungen. Das ist leicht zu erklären. Die Jahrtausende hindurch an die bittersten und unverdientesten Enttäuschungen gewöhnte Nation fühlt nun ganz instinktiv, daß, wo solche Männer, wie zum Beispiel Lord- Rothschild oder Oskar Straus, Mitwirken, wo die Macht des Kapitals und des Politischen Einflusses praktisch eingreift, daß es dort ein positives Etwas geben muß, ein Etwas, das den Erfolg als unbedingtes Endresultat vorausbestimmt. „Volkesstimme — Gottesstimme", sagt man. Ob sie bewußt oder vorläufig , noch unbewußt unserer Bewegung beitreten: sie sind da, und das berechtigt zu den besten Hoffnungen. Auch in der Schweiz kann man diese auffallende Erscheinung wahrnehmen, wenn auch nicht in so intensivem Maße wie anderwärts. Das liegt eben an dem außerordentlich inerten Charakter der einheimischen Juden, die sich nur mit großer Mühe von den althergebrachten Ueberzeugungen ablenken lassen. Und wenn viele auch bei persönlichen Unterredungen sich sympathisch gegen die Jto auslassen (was könnten sie übrigens dagegen einwenden?), so bewahren sie doch in den meisten Fällen eine abwartende Haltung. Jedoch auch hier schmilzt das Eis allmählich. Die greifbaren territorialistischen Errungenschaften der letzten Monate versetzten dem Jndifferentismus der hiesigen Juden einen wuchtigen Schlag. Jedenfalls muß man zugeben, daß die Zionisten in wahrhaft dankenswerter Weise die schwierige Aufgabe der hiesigen Jtoisten mit allen Mitteln zu erleichtern suchten. Die ihrerseits mit großer Erbitterung gegen die Jto geführte Kampagne und die notwendigerweise darauf folgende nicht minder energische Gegenwehr der Territorialisten mußten die für nationale Fragen unempfindlichen schweizerischen Juden ein wenig aufrütteln. Sie rieben sich verwundert die Augen und fingen an, wie Mephisto nlit ganz unschuldiger Miene zu fragen: „Wozu der Lärm? Was steht den Herren zu Diensten?" Es ist sehr bezeichnend, daß gerade jetzt sich hier eine Kommission gebildet hat, welche die Abhaltung von Vorträgen über allgemeine jüdische Fragen zu besorgen hat und zu welcher auch ausgesprochene Zionisten und Jtoisten herbeigezogen sind. Man will also über die zurzeit das ganze Judentum in Bewegung bringenden politischen Strömungen mehr orientiert sein, man will die verschiedenen Meinungen hören und sich ein eigenes Urteil bilden. Das ist schon viel und verspricht noch mehr für die Zukunft. Denn die Jto-Jdee ist zu klar und einfach, um nicht als Siegerin aus dem Kampfe mit anderen verwirrten und deshalb unpraktischen Anschauungen hervorzugehen. Daß dies unbedingt der Fall sein wird, beweist zur Genüge die Tatsache, daß schon jetzt viele, die geradezu als Schöpfer des Zionismus in der Schweiz allbekannt sind, wie zum Beispiel die Herren Joel Weil, S. Veit (Basel), Kantonsrat Dr. Farbstein, Dr. Mamelok (Zürich) und andere, in das territorialistische Lager übergingen. Das war auch zu erwarten. Diejenigen, welche offene Augen haben, diejenigen, welche beim Herannahen der Gefahr sich nicht in ihre allerdings mit allen Regenbogenfarben schillernde Muschel verkriechen, um sich dort dem dolce far niente ihrer Träumereien hinzugejlM, — diese Männer mußten konseqüenterweise meMichtung einschtägen, welche, vom Augenblick mit unerbittlicher Strenge diktiert, uns den Weg in die Zukunft zeigt. Es ist nun nach allem Gesagten nicht zu verwundern, daß der Territorialismus auch überall in der Schweiz sich erfolgreich Bahn bricht. Wenigstens, wenn wir die Sache nach der bis jetzt üblichen Auffassung betrachten; denn die Zionisten haben auch in dieser Beziehung „neue Werte" geschaffen. Neulich war zum Beispiel im hiesigen „Israelitischen Wochenblatt" (welches nebenbei bemerkt aus unbekannten, aber wahrscheinlich sehr tiefsinnigen Ursachen die Jto als einen „persönlichen Feind" betrachtet) über die zionistischen Ortsgruppe zu lesen, daß dieselbe sich „gut entwickelt" und jetzt 106 Mitglieder zählt. Nun ist bekannt, daß der Verein im Jänner 116 Mitglieder aufwies. Wollte man die Jto-Bewegung in der Schweiz nach diesem Maßstabe beurteilen, so würde man allerdings behaupten, die Bewegung entwickelt sich „sehr schlecht", denn im Jänner besaß der Züricher Verein zum Beispiel etwa 20 Jtoisten und jetzt sind es über 80, wobei gerade in den letzten Wochen sich täglich neue Anhänger anmelden. Dasselbe ist auch von den anderen Vereinen zu sagen, hauptsächlich von dem Berner „acad. Jto-Verein", dessen Leiter Herr Oskar Nacht, sind, phi!., eine äußerst rührige Propaganda entwickelt. Ueberhaupt ist zu bemerken, daß die Popularisierung unserer Bestrebungen momentan eine sehr dankbare Arbeit darstellt, wobei der neulich ins Leben gerufene Agitationsfonds ausgezeichnete Dienste leistet. Es ist nur schade, daß unsere Leitung in London sich wenig um innere Organisierung der Bewegung bekümmert. Sie hat selbstverständlich genug nach außenhin zu tun, das will niemand bestreiten; es wäre aber doch ratsam, daß man dort eine Art „Ministerium des Innern" einrichtet, welches die akkumulierten Kräfte der zahlreichen nach Arbeit dürstenden Parteigenossen in ein richtiges Flußbett leiten könnte. Die Jto-Jdeen schweben förmlich in der Luft, und man braucht nur systematisch vorzugehen, um die Massen zur Mitwirkung zu bewegen. Und das ist eben nötig. Wenn auch die am Anfang so scharf kritisierte Zangwills „Jagd nach Persönlichkeiten" im Laufe der Zeit sich glänzend bewährt und als sehr fruchtbar erwiesen hat, so muß es doch als unumstößliche Tatsache gelten, daß alle Millionäre der Welt einer Volksbewegung nicht helfen können, wenn das Volk nicht dabei ist. Erst bei der Koalition beider Faktoren kann ein günstiges Resultat als gesichert betrachtet werden. 'Ing. Ginsburg. Streiflichter. Der Wahlreformausschuß hat das sogenannte „allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht" akzeptiert und das Plenum des Reichrates wird nun bald dasselbe als sein Testament den Völkern der Monarchie hinterlassen. Da früher ... oder später, mch iS ungarischen und kroatischen. Landtage die Waylreform perfektioniert werden wird, so stehen wir unmittelbar vor einem vollständigen Umstürze aller unserer politischen und staatsrechtlich-nationalen Verhältnisse. Bei sämtlichen Volksstämmen wird zur Sammlung und ' zur Neuorganisation der alten Schlachtreihen geschritten, um für alle Fälle gerüstet zu sein, nur bei den Juden ist eine stets zunehmende Zerfahrenheit und Zerklüftung zu konstatieren, ein Fortwurtsteln von Moment zu Moment, und das Resultat wird in ganz Oesterreich dasselbe sein, was wir jetzt anläßlich der Landtagswahlen in Mähren im kleinen sehen. Anstatt an der Organisation einer eigenen jüdischen modern-nationalen und modern-sozialen Gruppe zu arbeiten, zu einem Machtfaktor zu werden, der Schulter an Schulter mit den Gleichgesinnten der übrigen Volksstämnie marschiert, wird anläßlich der bevorstehenden Landtagswahlen die alte Assimilationsflolitik fortgesetzt. Die Früchte derselben zeigen sich auch bereits überall. Im deutschen wie im tschechischen Lager ist der Antisemitismus Trumpf! Die einzelnen Fraktionen wetteifern untereinander in judenfeindlichen Kundgebungen, vielfach allerdings nur zum Zwecke des „Wählerfanges". In Olmütz zum Beispiel blieb der Kandidat des mährisch-jüdischen politischen Exekutivkomitees Herr Gustav Zweig bei der Probeabstimmung der Mitglieder der Handels- und Gewerbekammer über die Kandidatenfrage bei den bevorstehenden Landtagswahlen gegenüber dem a l l d e u t s ch-antisemitischen Kandidaten B r adaczek in der Minorität, trotzdem von 38 Handelskammermandaten die heutigen Machthaber 18 den jüdischen Wählern verdanken. Es ist dies nur eines der vielen Symptome des Fortschreitens des Antisemitismus in der Olmützer Handels- und Gewerbekammer und innerhalb der sogenannten deutsch-„freiheitlichen" Politiker Mährens überhaupt. Die Kandidatur Dr. Freißlers in Mähr.-Ostrau ist ebenfalls ein deutliches Anzeichen dafür, daß die altliberale Partei immer mehr den Deutschnationalen antisemitischer Observanz Platz macht, wobei aller» Die nächste Nummer erscheint Freitag den 16. November.

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