Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 78 (9.11.1906)
- Date
- 1906-11-09
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 78 Nationalzeitung Seite 7 Die obige Zahl zeigt, welch ungeheurer Schaden auch dem russischen Nationalwohlstand durch die Pogrome zugefügt worden ist. Es konnten durchschnittlich nicht mehr als 10 Prozent des festgestellten Schadens ersetzt werden. Natürlich wurde nicht schematisch vorgegangen, sondern je nach Lage der Umstände mehr oder weniger als 10 Prozent bewilligt. Die Geldmittel sämtlicher Organisationen flößen in eine gemeinsame Kasse, die unter der Verwaltung von Lord Rothschild in London stand. Aus dieser Zentralkasse wurden nach den Vorschlägen des Petersburger Komitees und des Zentralberichtsbureaus des Hilfsvereines der deutschen Juden die Unterstützungsgelder für Rußland gewährt. Eine Zeitlang schien es, als wollten die russischen Behörden der Hilfsaktion Schwierigkeiten bereiten. Nachdem aber die russische Regierung sich überzeugt hatte, namentlich durch die vielfachen Unterredungen, die die Herren Baron Horace v. Günzburg, Petersburg, und Herr Dr. Paul "Nathan, Berlin, mit den leitenden Staatsmännern hatten, daß die Hilfsgelder streng bestimmungsgemäß verwandt wurden, konnte das philanthropische Werk ohne weitere Schwierigkeiten beendet werden. Zu dem Zentralfonds in London trugen die amerikanischen Organisationen 51 Prozent und die europäischen 49 Prozent bei. Im einzelnen kamen von den Geldern neben den 51 Prozent aus Amerika, 17 „ aus England und den Kolonien, 21 „ aus Deutschland, und zwar vom Hilfsverein der deutschen Juden 14 Prozent und vom Frankfurter Hilfskomitee für osteuropäische Juden unter dem Vorsitzenden Charles C. Hallgarten 7 Prozent, 7 „ von der „Alliance Jsraelite Uniservelle" in Paris, 4 „ von der Wiener Allianz. Natürlich haben sich auch Belgien, Holland und die Schweiz, die nordischen Länder, Ungarn und Italien sowie, die Balkanstaaten in reger Weise an den Sammlungen beteiligt. Die Gelder dieser Sammlungen sind der einen oder der anderen der oben genannten Organisationen zur Verfügung gestellt worden. Eine nicht geringe Summe wurde schließlich in Rußland selbst aufgebracht. Mit besonderer Sorgfalt wurde die Versorgung der unglücklichen Waisenkinder in die Wege geleitet. 115 Kinder konnten namentlich durch die aufopfernde Mitwirkung der Großloge für Deutschland in westeuropäischen und überseeischen Ländern in gute Pflege und in Erziehung gegeben werden. So erhebend auch die Großartigkeit des Hilfswerkes bei diesem ungeheuren jüdischen Unglück wirken muß, so hat doch eine Besserung der Lage der russischen Juden bedauerlicherweise dadurch nicht herbeigeführt werden können. Denn nach wie vor drohen unseren Glaubensgenossen in Rußland die schwersten Gefahren. Die Nachrick,ten, die der Hilfsverein der deutschen Juden aus Bialystok, Siedlce und Warschau erhält, lauten noch immer sehr traurig. Noch trauriger aber sind die Zustände im Süden Rußlands, hauptsächlich in Odessa und Kischinew. Jeden Augenblick können neue Pogrome ausbrechen. Darum bleibt es Pflicht der jüdischen Organisation, sich stets gerüstet zu halten. *§« Uationalitiit»kla«s«l a« der Czerno«mtzer Universität gestattet. Czernowitz, 3. November. In der Frage der Anerkennung der jüdischen Nationalität an derCzernowitzer Universität, welche anfangs die gesamte jüdisch-nationale inkorporierte Studentenschaft einhellig vertrat, machten sich in letzter Zeit zwei verschiedene Anschauungen geltend. Prof. Dr. Leon Kellner hatte im „Czernowitzer Tagblatt" und in der „Welt" einen Artikel veröffentlicht, in dem er die Wahl d e r M i t t e l eines Teiles der jüdischen Studentenschaft und den Ton, in dem dieser sein Verlangen vorbrachte, in ziemlich scharfer Weise mißbilligte und jenen trefflichen Vorschlag zur Diskussion stellte, auf dessen Basis jetzt auch die Nationalitätsklausel an der Francisco--Josephina tatsächlich gestattet worden ist. Herr Prof. Dr. Leon Kellner riet bekanntlich den Studenten, da eine eigene Nationalitätsrubrik nicht vorhanden ist, in die Rubrik „Muttersprache" die Klausel „jüdische Nationalität" einzufügen. Die Anregung, die Rubrik mit „Rumänisch" und „Ruthenisch" auszufüllen, verwarf er, von der richtigen Anschauung offenbar ausgehend, daß zur Lauterkeit des angestrebten Zieles auch die Reinheit der angewandten Mittel sich hinzugesellen muß. Die akademische Verbindung „H as m o n a ea" schloß sich der Ansicht Prof. Dr. Leon Kellners an. Die anderen Korporationen beharrten auf ihrem Standpunkt und ihre Wortführer bekämpften in der Presse den Kellnerschen Vorschlag. Ihr Haupteinwand war, daß die Nationalitätsklausel von den Universitätsbehörden gestrichen werden könnte. Am 21. Oktober l. I. erschien nun im „Czernowitzer Tagblatt" an leitender Stelle abermals ein Artikel aus der Feder eines „Alten Herrn" der „Hasmonaea", Dr. Marco Covler, in dem er den Standpunkt seiner Verbindung im Sinne der maßvollen Anregung Prof. Kellners in überaus sachlicher Weise beleuchtete und den Erfolg derselben bereits ankündigte. Es hieß in diesem Artikel unter anderem bezüglich des angeführten Haupteinwandes: „Nun ist von autoritativer Seite, wenn auch vorläufig nicht offiziell, nicht nur die Beachtung dieser Klausel zugesichert worden, es ist auch den Schritten, die getan werden, um die B e?ü cksi chtigüng r Ein trag ung in den amtlichen Ausweisen durchzusetzen, ein voller Erfolg in Aussicht gestellt worden." Der von Prof. Kellner und der „Hasm o n a e a" vertretene Standpunkt ist nun wirklich vom akademischen Senate gebilligt worden und auf Basis des Kellnerschen Vorschlages der volle Erfolg, wie angekündigt, eingetreten. Am schwarzen Brette des Rektorats der Universität ist nämlich nachstehende Kundmachung affichiert worden: „Der akademische Senat hat in seiner Sitzung vom 29. v. M. beschlossen, den Studenten zu gestatten, neben der im Nationale geforderten Angabe der Muttersprache auch ihre Nationalität zu vermerken. Dieser Vermerk wird im statistischen Ausweise anmerkungsweise berücksichtigt werden. Der Beschluß tritt mit dem Sommersemester 1907 in Kraft, wofern nicht bis dahin eine definitive Regelung des Rubrikenschemas seitens des Ministeriums für Kultus und Unterricht erfolgt sein wird. Hiervon werden die Herren Studierenden in Kenntnis gesetzt. Ehrlich, derzeit Rektor." Aus dieser Kundmachung geht nun unzweifelhaft hervor, daß diejenigen, die der wahrheitsgemäßen Ausfüllung der Rubrik „Muttersprache" unter Hinzufügung der Klausel „jüdischeNationalität" das Wort redeten, recht behalten haben. Wenn auch jetzt durch Zuschriften an die Lokalblätter der ganzen Sache eine andere Darstellung zu geben versucht wird, die Enunziation des Rektors ist die beste Widerlegung. Eine nähere Auseinandersetzung würde dem Ansehen der jüdischen Studenten nicht nützen. Wer auch immer den Sieg für sich in Anspruch nimmt, der Erfolg ist erzielt. An der Czernowitzer Universität werden die jüdischen Studenten ihre Nationalität in unzweifelhafter Weise deklarieren können. Und das ist die Hauptsache. Jungjuda. Politische U<mdscha«. Die Wahlen in den Budweiser Gemeindeausschuß zeigen wieder einmal, in welch unhaltbarer Situation sich die Juden in Böhmen befinden. Sobald es irgendwo in Böhmen, besonders aber in Städten, wo die Juden eine nennenswerte Minorität bilden, zur Wahl in irgendeinen Vertretungskörper kommt, so entlädt sich in der Regel der Streit zwischen den Deutschen und Tschechen über die Häupter der Juden. Bei allen diesen Streitigkeiten, durch welche einzig und allein der Jude zu Schaden kommt, läßt sich ein wichtiges Moment beobachten, das in dem Kampfe unr die Anerkennung der jüdischen Nationalität nicht unwesentlich ist: Beide Nationalitäten, die Tschechen und die Deutschen, fordern nicht die Stimme des einzelnen Juden für sich, sondern richten vielmehr ihre Aufforderungen und Drohungen an die Juden in ihrer Gesamtheit. Diese Tatsache ist nicht unwichtig, sie beweist, daß die andern Nationalitäten die Juden ebenfalls alseinen geschlossenen nationalen Körper betrachten. Die jüdisch-politische Parteileitung für Oesterreich hat sich — wie wir dem offiziösen Organ der zionistischen Parteileitung, Dr. B l o ch s „Wochenschrift", entnehmen'— vorige Woche in Krakau konstituiert. Gewählt wurde zum Präsidenten Reichsratsabgeordneter Dr. Benno S t r a u ch e r. Außerdem wurden in die Parteileitung gewählt die Herren Dr. I. Schalit (Wien), Adolf Stand (Lemberg), Dr. Z i p p e r (Lemberg) und Dr. Brande (Stanislau). Wenn wir die künftige Tätigkeit der Parteileitung nach der politischen Vergangenheit ihres Präsidenten Dr. Straucher beurteilen dürfen, so sind wir wohl berechtigt anzunehmen, daß mit der Engherzigkeit, welche in zionistischen Kreisen in bezug auf innerpolitische Betätigung bisher geherrscht hat, gebrochen werden wird. Dr. Straucher hat in der Bukowina das Programm der Wiener jüdischen Volkspartei inauguriert und ihn: zum Teile auch zum Siege verholfen; es wäre demnach auch völlig unverständlich und mit seiner bisherigen Auffassung über die politische Betätigung der Juden in Oesterreich fast unvereinbar, wenn unter seiner Führung eine jüdische innerösterreichisch-politische Partei tätig wäre, deren Mitgliedschaft von der Anerkennung des Baseler Programmes, also des Baseler Programmes in seinem ganzen Umfange abhängig gemacht wurde. Gerade dieses Baseler Programm ist es aber, welches eine politische Betätigung der Juden in den Golusländern ausschließt, und anderseits wird uns Herr Dr. Straucher als alter Praktiker wohl selber zugeben müssen, daß es selbst um sein Mandat — das wir fiir ihn sicherlich erhalten wissen wollen — schlecht bestellt wäre, wenn es nur diejenigen unterstützen würden, die im Sinne seiner neuen Parteizugehörigkeit auf dem Standpunkte des Baseler Programmes stehen. Wenn also einerseits die Jüdischnationalen mit Genugtuung konstatieren, daß die Zionisten den Boden des Baseler Programmes in praxi verlassen haben, stehen sie anderseits mit Verwunderung der Tatsache gegenüber, daß Dr. Straucher der jüdischnationalen Bewegung, welche ja die Vereinigung aller Juden Oesterreichs zugunsten einer praktischen Gegenwartsarbeit anstreben sollte, die Fesseln des Baseler Programmes anlegt, eines Programmes, dessen Revision selbst im zionistischen Lager verlangt wird.