Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 78 (9.11.1906)
- Date
- 1906-11-09
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Nationalzeitung Nr. 78 Seite 8 x Die Gleichberechtigung der Juden Ungarns erfährt durch das jüngst vorgelegte Staatsbudget der ungarischen Regierung eine eigentümliche Beleuchtung. Die Rubrik „Dotation (Unterstützung) der Konfessionen" weist ein Präliminare von rund sechs Millionen für das Jahr 1907 aus. Würde nun diese Summe nach der Seelenzahl auf die einzelnen Konfessionen verteilt werden, so entfielen auf die jüdische Konfession, zu welcher fünf Prozent der gesamten Bewohner Ungarns gehören, rund K 300.000. Von dieser mit Recht zu beanspruchenden Summe steht die für die „israelitische Konfession" ausgeworfene Summe von K 36.000 weit entfernt. Entschuldigt wird dieses Mißverhältnis seitens des Kultusministers Grafen Apponyi damit, daß die Autonomie der jüdischen Konfession und ihr Rechtsverhältnis zum Staate noch nicht endgültig geregelt sei. Es wird also eine Ungerechtigkeit mit einer andern entschuldigt. Ueber die Lösung der Judenfrage in Rußland äußerte sich der Moskauer Adelsmarschall und Semstwopräsident Fürst Peter Trubetzkoi einem Journalisten gegenüber wie folgt: „Wie ich aus den Zeitungen sehe, hat der Finanzminister Kokowzew ein dahin zielendes Projekt ausgearbeitet, das auch vor die Duma gelangen soll... Auch in meiner Partei im Reichsrate kam die Judensrage zur Sprache. Ich meine: Mit Rücksicht darauf, daß Rußland über sechs Millionen Juden hat, ist die Sache zu wichtig, als daß sie überstürzt werden dürfte. In uns erer Partei (der Fürst gehört der Oktobristenpartei an) überwog die Anschauung, daß zunächst die kommende Duma gehört werden müsse. Die parlamentarischen Repräsentanten jener Gouvernements, in denen die meisten Juden sind, werden berufen sein, ihr Parere zur Judenfrage abzugeben. Es handelt sich nicht um die Frage der Freizügigkeit allein, sondern zunächst auch um das Recht, Land zu erwerben. Hier müssen natürlich auch die ökonomischen Interessen der Bauern in genaue Erwägung gezogen werden. Andererseits aber ist es selbstverständlich, daß es nicht beim Alten bleiben darf. Auch die politische Seite der Frage wird zu ernstlicher Prüfung gelangen. Die Juden zählen manche Gegner, die ihren starken Anteil an der revolutionären Bewegung hervorheben... Eine eingehende, sachliche, maßvolle und das Menschliche,genau in Erwägung ziehende Diskussion in der kommenden Duma wird klärend wirken." Ueber den Stand der russischen Juden frage wird der „Neuen Freien Presse" aus Berlin gemeldet: Ueber den Stand der russischen Judenfrage wird Ihrem Korrespondenten von einem Mitglied der russischen Negierung, das dieser Tage sich in Berlin aufhielt, folgendes mitgeteilt: Die russische Regierung verschließt sich nicht der Notwendigkeit, daß etwas geschehen muß. Ein Projekt ist auch ausgearbeitet, das die Stellung der Juden wesentlich verbessert. Ob aber dieses Projekt zur Ausführung gelangen soll, darüber soll die neue Duma entscheiden, deren Zusammentritt im Februar nrit Sicherheit zu erwarten ist. Die Negierung will ohne die Duma nichts tun, weil sie den Eindruck hat, daß die öffentliche Meinung in Rußland den Juden gegenwärtig nicht günstig gestimmt ist. Eine gänzliche Aufhebung der Aufenthaltsbeschränkungen oder gar die Gelvährung voller Gleichberechtigung ' hält die Negierung im Interesse der Juden selbst nicht für möglich und ist im Gegenteil überzeugt, daß eine Verbreitung der Juden über das ganze Reich nur neue Judenverfolgungen Hervorrufen würde. Zn den Wiener Knltnsmahie«. Die Kandidatenfrage ist gegenwärtig die wichtigste Frage, welche die zwei einander gegenüberstehenden Parteien zu lösen haben. Das Zentralwahlkomitee, welches auf Initiative der „Oesterr. Jsr. Union" eingesetzt wurde, hat in einer seiner letzten Sitzungen bereits die Anmeldung von Kandidaturen " entgegengenommen. Mit ganz geringen Ausnahmen waren es sogenannte Autokandidaturen, d. h. solche, die sich selbst angemeldet haben. Diese haben fast gar kerne Aussicht, auf die endgültige Kandidatenliste gesetzt zu werden.. Die Kandidatenfrage ist diesmal keine leichte, weil, wie wir schon einmal darauf hinwiesen, es sehr wenig akzeptable Persönlichkeiten gibt, die Lust empfänden, bei der heutigen Situation Mandate im Kultusvorstande anzunehmen. Andererseits legt der Kultusvorstand Gewicht darauf, für die einzelnen verstorbenen Fachreferenten doch .tüchtigen Ersatz zu finden. Dementsprechend sucht man nach einem geeigneten Finanzreferenten (an Stelle des kais. Rat Moriz Hirsch), einem Mediziner (an Stelle des Dr. Schnabl), einem Referenten für das Baufach (an Stelle - des Baurates F le i s ch e r; Herr Baurat Stiassny ist auch durch Krankheit an intensiver Mitarbeit verhindert) rc. Die offiziellen Kandidaten werden sich auch, wie wir aus zuverlässiger Quelle erfahren, aus diesen Berufskreisen rekrutieren. * * * Das zionistische Kultus Wahlkomitee entfaltet eine lobenswerte Agitation zugunsten ihres Programmes. Die erste Wählerversammlung, welche vorigen Dienstag im Hotel „Post" abgehalten wurde, war wohl gut besucht, aber die Kultuswähler hatten sich leider in sehr spärlicher Zahl einbefunden. Und das ist sehr zu bedauern, denn das gediegene Referat des einzigen Fachreferenten des zionistischen Wahlkomitees, des Herrn Dr. E. M: Zweig enthielt eine Fülle beherzigenswerter Anregungen und Vorschläge, welchen man sich auf die Dauer nicht wird verschließen können. Die Ausführungen des Herrn Dr. Paul W e i s e n g nü n waren mehr agitatorischer Natur und richteten sich gegen das System im allgemeinen. Es ist nur schade, daß auch diese Versammlung zum Anlasse genommen wurde, nicht diejenigen, anzugreifen, gegen welche der Kampf geführt werden soll, sondern gegen Personen, welche außerhalb des Kultusvorstandes stehend, die Taktik der Zionisten verurteilen und ihnen aus diesem Grunde die Gefolgschaft verweigern. Der in der Versammlung anwesende Dr. Alexander Mintz wurde wieder mit den unglaublichsten Jnvektiven überschüttet. Herr Dr. Mintz trat in seiner gelassenen Weise allen Anwürfen mit durchschlagendem Erfolge entgegen, was sich besonders darin kundgab, daß eine große Anzahl von anwesenden Zionisten selbst seinen Ausführungen lebhaften Beifall zollte. Daß dieser Umschwung in der Stimmung der Anwesenden den Vorsitzenden Herrn Doktor Isidor Mar gulies, der während der Versammlung sich gegen seine Pflichten als unparteiischer Versammlungsleiter zu wiederholten Maten verging, vollends aus der pflichtgemäßen Ruhe brachte, ist nicht weiter zu verwundern, aber sicher ist es, daß diese Taktik allein schuld daran ist, daß die Wählerversammlungen der Zionisten von Nichtzionisten fast gar nicht besucht werden, und die noch so trefflichen Referate immer vor demselben Publikum, d. h. „unter sich" vorgetragen werden müssen. Auch die Zionisten sind bezüglich der Kandidaten in nicht geringer Verlegenheit. Trotz der Kampfesstimmung, in welcher der Leiter der zionistischen Wahlkamstagne Herr Dr. Paul Weisen grün die Aktion begann, mußten sich die Zionisten schon zu einem stillen „Kompromiß in sich" verstehen, da sie eine geschlossene, eine zionistische Kandidatenliste, welche auch nur geringe Aussicht auf einen Sieg haben könnte, nicht zusammenzubringen vermögen. Man fand die Rettungsformel „allgemein jüdische" Kandidaten, also nicht einmal mehr „nationale" Kandidaten. Das sind sehr traurige Symptome! Sie beweisen nur, was wir immer behaupteten: Programme, glänzende Programme sind überall vorhanden, aber woher nimmt man die Menschen, die sie auch ausführen möchten und könnten! Die Floridsdorfer Kultusgemeinde, welche infolge der Einverleibung Floridsdorf in die Wiener Stadtgemeinde, 'der Wiener Kultusgemeinde inkorporiert wurde, wird in dem nächsten Wiener Kultusvorstande durch zwei Mitglieder vertreten sein Diese zwei neuen Vorstandsmitglieder werden auf Grund eines Statthaltcreierlasfes in den Vorstand kooptiert werden. Hierdurch wird die Zahl der Vorstandsmitglieder um ein, eventuell zwei Mandate größer werden. Die infolgedessen notwendig erscheinend? Statutenänderung wird der neu gewählte komplette Kultusvorstand vornehmen. Auch die israelitisch-türkische Gemeinde, welche bisher autonom war, soll demnächst aufgelöst, beziehungsweise der Wiener Muttergemeinde angeschlossen werden. Die Unterhandlungen in dieser Richtung sind, wie wir erfahren, schon sehr weit fortgeschritten, und werden aller Wahrscheinlichkeit nach zu cknem günstigen Resultat führen. Dieser sicherlich sehr erwünschte Zuwachs der Wiener Kultusgemeinde wäre für die weitere Entwicklung der Gemeinde von großer Wichtigkeit. Im Falle einer Einigung würde ein Mitglied der türkischen Gemeinde in den Kultusvorstand gewählt werden. Jüdische Kinderhorte. Donnerstag, den 1. d. M. wurden nunmehr vom „Vereine zur Errichtung und Erhaltung von Horten für schulpflichtige Kinder in Wien" ein Knaben- und eilt Mädchenhort für je 50 Schützlinge der Bezirke XII. bis XV. feierlich eröffnet. In den Horlräumen, welche im Hause des Ausspeisungsvereines für die genannten Bezirke, XIV. Hecklotzgasse 21 gemietet wurden, hatten sich nebst den Schützlingen und der Vereinsleitung als Ehrengäste eingefunden: Herr Rabbiner Dr. M. Grünwald, der Obmann der Bezirkskommission der israelitischen Kultusgemeinde Herr I. Mohr mit mehreren. Mitgliedern dieser Körperschaft, die Präsidentin des Ausspeisungsvereines Frau Land eis, das Schutz-, damenkomitee der Horte mit der Präsidentin Frau Fini Schnabl an der Spitze, Herr Schulinspektor Prof. Kanitz, die Direktoren Mar- Fischer und Alexander Hecht und viele andere. Nach Begrüßung der Festgäste durch den Vereinspräsidenten Herrn Dr. I. Sampely, Herr Rabbiner Dr. Grünwald in schwungvoller Rede den Wert dieser Institution und führte treffende Beispiele aus dem jüdischen Schrifttums vor, die er mit dieser Anstalt in Vergleich brachte. Herr Obmann Mohr versprach namens der Kultusgemeinde und der Bezirkskommission alle Förderung. Lebhaften Beifall fanden die geistvollen Ausführungen des Herrn Inspektors Pros. Kanitz, der mit dem Wunsche schloß, daß der Allmächtige, der höchste Hort, diesen Horten seinen Schutz angedeihen lassen möge. Nach Ansprachen des Hortleiters Herrn H u s ch ak und der Hortleiterin Fräulein Schreiber fand die Feier mit der Besichtigung der Ausspeisungsräumlichkeiten ihren Abschluß. Anerkennung der jüdische» Nationalität. Czerrwwitz. (Anerkennung der jüdischen Nationalität.) Aus Czernowitz wird berichtet: In der Aula unserer Universität ist am schwarzen Brett nachstehende Kundmachung des Rektors affichiert: „Der akademische Senat hat in seiner Sitzung vom 29. v. M. beschlossen, den Studenten zu gestatten, neben der im Nationale geforderten Angabe der Muttersprache auch ihre Nationalität zu vermerken. Dieser Vermerk wird im statistischen Ausweise anmerkungsweise berücksichtigt werden. Der Beschluß tritt mit dem Sommersemester 1907 irr Keaft, wofern nicht bis dahin eine definitive Regelung des Rubrikenschemas seitens des Ministeriums für lkultus und Unterricht erfolgt sein wird. Hievon werden die Herren Studierenden in Kenntnis gesetzt." Dieser Beschluß des Senates bedeutet einen glänzenden Sieg der Majorität unserer jüdtscherc Studenterrfchaft, die seit acht Serrrestern beit Kampf um die Anerkennung ihrer Nationalität an der Universität führen. Es ist zweifellos, daß diese nationale Errungenschaft nur auf das geschlossene, energische und geeinte Vorgchen der radikalen jüdischen Studentenschaft zurückzusühren ist. Die jüdischakademischen Kvrporntionerr „Emunah", „Hebronia" und „Zephira" nehmen dies zum willkommenen Anlaß, dem Rektor Magntsikus Dr. Ehrlich für sein wirksames Eintreten für die Forderung der jüdisch-nationalen Studentenschaft den wärmsten Dank auszn sprechen, wobei dieselbe die zuversichtliche Hoffnung hegen, daß durch gleiche Intervention unseres Rektors die endgültig gewünschte Änderung des Rubrikenschrmaö seitens des Ministeriums bewilligt werderr wird.