Mannheim
Compact Memory

Nationalzeitung · 1906-11-09 · Heft 78 (9.11.1906) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 78 (9.11.1906)
Date
1906-11-09
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2429839-2429840-2429917--556-2430679
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Seite 6 Nationalzeitung Nr. 78 Als Vertreter der polnischen Partei, sowohl als ich für meinen Teil fühle mich durch eine gewiß nicht am Platze gewesene Aeußerung verletzt. So sehe ich mich veranlaßt, den sehr geehrten Herrn Präsidenten zu interpellieren, wie weit die Sache auf Richtigkeit beruht und welche Maßregeln der Herr Präsident ergreifen wird, >um der öffentlichen Meinung Satisfaktion zu gewähren." Der Präsident Dr. Alfred Stern beantwortet diese Interpellation wie folgt: „Ich bin in der Lage, diese Interpellation sofort zu beantworten, da ich beim Gottesdienste im Leopoldstädter Tempel am letzten Freitag abends anwesend war und die Predigt gehört habe. Ich möchte vor allem konstatieren, daß der Redner offenbar von den wohlwollendsten Intentionen für unsere Glaubensbrüder in Galizien, welche in drückendster Notlage ein kümmerliches Dasein fristen, beseelt ist und daß hiervon auch seine Rede Zeugnis gab. Er hob hervor die ausgezeichneten Leistungen des galizischen Hilfsvereines, des reich dotierten galizischen Schulvereines und anderer Hilfsaktionen und bemerkte daß alles das noch lange nicht ausreiche, um dem furchtbaren Elend, in welchem unsere Glaubensbrüder in Galizien dahinschmachten, zu steuern. Man müsse da mehr und noch viel mehr tun, und er richte diesfalls eine eindringliche Mahnung an unsere begüterten Glaubensgenossen. Anderseits wandte er sich in heftig tadelnden Worten zu der eigentümlichen Erscheinung, die in jenem Prozesse zutage getreten sei, daß Leute Ritualformen, Speisegesetze pünktlichst genau observieren, so als ob in solcher Observanz allein und nicht vielmehr in rechtlichem Handeln das Wesen der jüdischen Religion liege. Eine Verdächtigung der jüdischen Bevölkerung Galiziens lag der Absicht des Redners vollständig ferne. Nichtsdestoweniger erkläre ich offen, daß mich diese Predigt peinlich berührte und daß ich dem auch, noch ehe die Interpellation gestellt war, Ausdruck gegeben habe. Gewiß kann im allgemeinen nicht behauptet werden, daß die Erwähnung oder Besprechung von Vorgängen, die sich in der Oeffentlichkeit abspielen, von der Kanzel fernzuhalten seien. Wir erleben leider nur allzu häufig Dinge, welche eine Besprechung im Gotteshause dringend erheischen; bestimmte Regeln hierfür lassen sich nicht aufstellen. Es ist eben bei der Auswahl der zu besprechenden Vorgänge und bei der Methode der Besprechung mit Takt vorzugehen. Meinem Taktgefühle entsprach es durchaus nicht, daß der ganz gemeine Nuchem Schapira-Prozeß mit allen dabei zutage getretenen Nichtswürdigkeiten, etwa weil die Angeklagten in Galizien oder sonst wo immer wohnhafte Juden sind, als zum Thema einer Predigt, zu Demonstrationen auf der Kanzel im jüdischen Gotteshause als geeignet erachtet werde. In diesem Sinne werde ich nicht ermangeln, dem Herrn Rabbiner Dr. David die gestellte Interpellation zur Kenntnis zu bringen und ihm meine soeben kundgegebenen Anschauungen mündlich auseinander zu setzen." Im weiteren Verlauf der Sitzung wurd e das Ansuchen des Vereines „K e s s e r M a l ch u s" um Genehmigung der Errichtung eines ständigen Bethauses mangels der statutarischen Voraussetzungen abgelehnt. Als Lehrer für die neu errichtete Bildungs° anstatt für jüdische Religionslehrer werden berufen: Rabbiner Dr. D. Feuchtwang für Religionslehre, Propheten undHagiographen; Rabbiner Dr. S. G e l b h a u s für Pentateuch; Rabbiner Tr. M. Grunwald für biblische und jüdische Geschichte; Rabbiner Dr. A. Kaminka für Gebetbuch und hebräische Grammatik; Professor Dr. Ludwig Singer für Deutsch; Professor Josef Baß für Geographie und Geschichte; Supplent I. Bodansky für Naturgeschichte, Naturlehre und Mathematik; Supplent Karl Ehrenfest für Turnen; Lehrer Rudolf Koh n für Kalligraphie; Gotthold Friedländer für Gesang und Musik. Ueber Anregung aus Lehrerkreisen wird im Sinne des Antrages der Schulkommission beschlossen, einen Versuch mit der Vorführung von Bildern aus jüdischer Geschichte mittels Skioptikon im Anschlüsse an den öffentlichen Religionsunterricht zu veranstalten. Der von Herrn Simon Edler von Lämel, Wien, gegründeten Schule in Jerusalem, deren Kurator im Sinne des Stiftbriefes der Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemeinde ist, wird für drei Jahre eine Subvention von K 2000.— pro Jahr bewilligt. Die Erträgnisse des Dr. H. S. Goldschmidt'schen Legates gelangen an 19 Lehranstalten, beziehungsweise Wohltätigkeitsinstitute zur Verteilung. Weiters wird die Moritz Goldberger- Stiftung für Rabbinatskandidaten (ein Platz ä K 600.—) verliehen. Nach Erledigung von Personalien wird die Sitzung um halb 2 Uhr nachmittags geschlossen. Eine Interpellation in der Affäre Dr. David. Die Abgeordneten Breiter und Genossen interpellierten in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom Montag, d. 5. d. den Justizminister betreffs der Rede des Dr. David. Die Interpellanten führten aus, daß der Rabbiner des Leopoldstädter Tempels, Dr. Eliezer David, in einer Predigt unter Hinweis auf den Prozeß Nuchim Schapira den Rat erteilte, von Handelsbeziehungen mit den galizischen Juden abzusehen, und fragen, ob Se. Exzellenz geneigt sei, der Wiener Kultusgem.einde aufzutragen, derartigen Fällen vorzubeugek? — Wir bringen in unserer nächsten Nummer den Wortlaut der Interpellation. „Monumenta Judaica.“ Wie wir erfahren, sind in der Redaktion der ,Monumenta ^uäaioa" Veränderungen eingetreten, denen zufolge Herr Moiczen A l t s ch u l, der sich fälschlich Dr. Moritz A l t s ch ü l e r nennt und der bisher unter den Herausgebern dieses großen Quellenwerkes fungierte, dieser Stellung enthoben wurde. Da das Werk auf dem Grundsatz aufgebaut ist, daß jede der drei in Betracht kommenden Konfessionen in gleicher Weise unter den Herausgebern vertreten ist, trat an Stelle des Ausscheidenden Herr Landesrabbinerstellvertreter Dr. S. Funk in Boskowitz in Mähren, als Herausgeber in die Redaktion ein. Mit ihm zusammen wird Herr Rabbiner Dr. D. F e u ch twang als Hauptmitarbeiter wirken. Die übrigen Herren Herausgeber verbleiben nach wie vor als Vertreter des Katholizismus, beziehungsweise Protestantismus in ihrer Funktion und die Redaktion wird, bemüht sein, den wissenschaftlichen Plan dxs Werkes in seiner Gänze durchzuführen. Schon in der nächsten Zeit werden weitere, bereits im Druck befindliche Hefte der zweiten Serie des Werkes, der ,Monumenta Dalmuäiea", erscheinen und über nicht unwesentliche Punkte des Programmes dieses Werkes die erforderlichen Aufschlüsse bringen. Auch erfahren wir, daß die hebräischen und aramäischen Stellen und Quellen in Berücksichtigung vielfach geäußerter Wünsche nunmehr in der Quadratschrift des Urtextes erscheinen werden. Im Zusammenhang mit dem Ausscheiden des Herrn Altschul hat sich der Kreis dre Mitarbeiter erweitert und aus der Liste der neu Beigetretenen wollen wir bloß zum Beispiel die Herren Kustos Dr. Pick in Berlin und Landesrabbiner Dr. Placek in Brünn erwähnen. Dom $Hf*vmi« der deutsche« Jude«. Vom Hilfsverein der deutschen Juden wird uns geschrieben: Der 30. Oktober, der Jahrestag des sreiheitverheißenden Zarenmanifestes ist auch der Jahrestag der furchtbaren Mafsenpogrome in Rußland Die Wunden, die durch diese Metzeleien den russischen Juden geschlagen wurden, sind noH lange nicht vernarbt. Jahrzehnte noch wird die ganze russische Judenheit unter dem schweren Schlag, der sie getroffen hat, zu leiden haben. Haben doch in 640 Ortschaften des weiten Rußlands von jenem Tag bis heute grausame Judenmetzeleien stattgefundm, mit all den verheerenden Wirkungen für Leben und für Eigentum und all dem Schrecken, die uns durch die Häufigkeit der Pogrome nur zu sehr bekannt sind. Die Größe des Jammers, der in einem einzigen Jahre gestiftet wurde, drückt sich grell in folgenden Zahlen aus. Ausgeplündert oder sonstwie in ihrem Vermögen geschädigt wurden (einschließlich Siedlee) 38.225 Familien mit 162.700 Personen. Der gesamte Vermögensschaden, der entstanden ist, beträgt 52,119.705 Rubel Erschlagen wurden 985 Personen. Die Zahl der Verwundeten beträgt viele, viele Tausende, die Zahl derjenigen, die durch ihre Verwundung einen dauernden Schaden an ihrer Gesundheit genommen haben allein ist 1492. 380 Frauen wurden Witwen, 211 Kinder sind voll und 1328 halb verwaist. Solchen Schäden gegenüber muß naturgemäß jede Hilfsaktion unzureichend bleiben. Aber doch war auch die Größe der Opferwilligkeit im höchsten Grade erfreulich. Sie betätigte sich auf die Schreckensnachricht aus Rußland hin bei den Juden aller Länder, und auch viele nichtjüdische Kreise haben sich in hochherziger Weise betätigt. Es war, wie der folgende kurze Rückblick zeigen mag, ein schweres Werk, die gesammelten tilfsgelder in geordneter Weise dem gesteckten wecke dienstbar zu machen, zumal eine Zeitlang und gerade in der.Zeit, als die Hilfe, am dringendsten notwendig war, jeder Verkehr in Rußland unterbunden war. Auf eine Anregung des Hilfsvereines der deutschen Juden, die von Lord Rothschild und Jakob H. Schiff, New Jork, aufs wärmste unterstützt wurde,, vereinigten sich auf einer Konferenz in London am 14. November 1905 sämtliche jüdische Hilfsorganisationen zu gemeinsamer Arbeit. Eine Kommission, bestehend aus den Herren Dr. Nathan vom Hilfsverein der deutschen Juden, Berlin, C. Stettauer vom Russo Jewish Commitee und Feind erg von der ICA in Petersburg, bereiste unter den schwierigsten Verhältnissen während des großen Eisenbahn- und Poststreiks die geschädigten Ortschaften und sorgte für zuverlässige Nachrichten, für schnelle Hilfe und für eine zweckmäßige Organisation. Sämtliche geschädigten Orte wurden in eine Reihe von Bezirken eingeteilt, die dem russischen Zentralkomitee in Petersburg unterstanden. Dieses wiederum arbeitete in Gemeinschaft mit dem beim „Hilfsverein der deutschen Juden" von den Organisationen eigens errichteten Zentralberichtsbureau und dem Russo Jewish Commitee in London unter Sir Samuel Montagu. Nachfolgend sind mit den später hinzugekommenen Bialystok und Siedlce die einzelnen Bezirke aufgeführt und der Schaden, der entstanden ist und die Hilfe, die geleistet werden konnte, verzeichnet. Bezirke Gesamtschaden Geleistete Hilfe Rubel Rubel Odessa. 11,091.442 1.896.170 Kiew ...... 7,085754 868.084 Jekaterinoslaw . . . 12,088.500 798.814 Poltawa.1,063.000 164.184 Krementschug . . . 1,110.000 218 626 Homel. 2,167.575 225.987 Elisabethgrad ... 1,232.395 92.400 Nomny. 2,500.000 189.400 Rostow. 6.000.000 268.801 Tschernigow. . . . 1,428.375 155974 Moskau. 4,209.842 611.441 Taurien. 400.000 40.525 Petersburg .... 331.122 90.774 Bialystok .... 386.698 224.858 Siedlce. 246.300 40.000 51,341.003 5,886.038

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.