Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 78 (9.11.1906)
- Date
- 1906-11-09
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2429839-2429840-2429917--555-2430678- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 78 Nationalzeitung Seite 5 von der Gründung des Palästinavereines abstehen lassen. Die kolonisatorische Kleinarbeit wird, so gut oder so schlecht es eben jetzt in türkischen Landen geht, bereits von anderen Vereinigungen betrieben, mit denen der Zionismus srühcr nie zu konkurrieren den Ehrgeiz hatte, und auch die kulturelle Hebung kann anderen Organisationen überlassen bleiben, gegen deren Wirke,i auch von unserem nationalkulturellen Standpunkt nichts einzuwenden ist und die auch ausreichende Mittel dafür bereits zur Verfügung haben (siehe das jüngste Communiquö des Hilfsvereins deutscher Juden!). Kleinkalibrige Gegenwartsarbeit, die von anderer Seite ebenso gut oder gar besser geleistet wird, kann und soll der Zionismus sich vom Halse halten. So schützt er sich am besten gegen die Zersplitterung seiner ohnehin noch geringen Kräfte und gegen die Verzettelung seiner großen Ideale und kann mit der ganzen Konzentration seiner materiellen und ideellen Machtmittel den großen Zielen der politischen Besitzergreifung des' jüdischen Landes und der nationalen Renaissance des jüdischen Volkes zustreben. Divide et impera! Tiefbedauerlich sind auch die Ergebnisse der Jahreskonferenz in der Bankfraae. Einengung des Statuts dahin, daß die Iüdische Kolonialbank fortan nur Kolonisationsbestrebungen in Palästina und den Nachbarländern fördern solle, ist ein politischer Fehler; aber er ist konsequent. Wenn Die zionistische Organisation ihr Arbeitsgebiet einengt und auf ganze Arbeitsgebiete, die ihr zukämen, freiwillig Verzicht leistet, so kann auch sein finanzielles Instrument, die Kolonialbauk, sich dieselbe Beschränkung auferlegen. Nicht einmal konsequent sind aber viele geschäftliche Maßnahmen' der Bank, die auch auf der Jahre;konfcrcnz zur Sprache kamen. Hierher gehört vor allem die Ablehnung einer Filiale der Bank in Johannesburg. Der materielle Zweck der Bank — Geschäfte zu machen und ihren Aktionären Dividenden abzuwerfen — kann durch F:lialgründungen in allen Teilen der Welt gefördert werden, ohne daß selbst der palästinensische Charakter der Bank zu leiden brauchte. Im Gegenteil, die materielle Stärkung der Bank kann ihren, durch das Statut festge- Ideellen Ztyeckech zugute,kommen. Sy war es ein schwerer geschäftlicher Fehler, daß den Juden in Südafrika, die seit langem um eine Filiale petitionieren, diese nicht gewährt worden ist. Es war aber mehr als ein bloßer geschäftlicher Fehler. Filialen der Bank in aller Welt würden moralische Erfolge des zionistischen Judentums bedeuten, sie wären Respekt gebietende Repräsitentantcn einer nationaljüdischen Weltorganisation und eines Kapitals, das nur mit dem jüdischen Volk und nur für das jüdische Volk arbeitet. Sehr schwer muß es das Ansehen der Bank schädigen, daß über den von ihr gesammelten Hilfsfonds für die russischen Juden kein Ausweis gegeben wurde. Nur soviel verlautete, daß ein Teil der Spenden von den provisorisch mit ihrer Vertvaltung betrauten russischen Aktionskomiteemitgliedern zur Gründung eines Jnformationsbureaus im Orient verwandt worden ist („Welt" Nr. 35, Seite 9). Es verstößt aufs schwerste gegen Treu und Glauben und verdient schärfste Mißbilligung, daß Spendensuunuen zu Zwecken verwendet werden, von denen die Spender keine Ahnung haben konnten. Und dies um so mehr, als sogar der Zweck, dem die Gelder zugesührt wurden, als verfehlt und gefährlich bezeichnet werden muß. Die Gründung eines Jnformationsbureaus in Jaffa ist gefährlich, weil es schon durch seine Existenz den landflüchtigen Juden, die jedem Hoffnungsschimmer gern folgen, eine Ermutigung zu unüberlegter Einwanderung in Palästina ist, und diese Gründung ist überdies verfehlt, wenn Herr Davis Trietsch an der Spitze steht, dessen Kompetenz, als Berater urteilsloser Einwanderer zu fungieren, weder durch seine ganze Vergangenheit, noch durch einen mehrnionatlichen (!) Aufenthalt in Palästina hinreichend gegeben ist. Diese Kompetenz erscheint gewiß auch dadurch Micht sicherer, daß der kurze Aufenthalt im Lande für Herrn Trietsch genügt hat, ihn von dem Sehen der Chalukkah und der Dringlichkeit eines Friedhofes in Gaza zu überzeugen und ihn zur Herausgabe eines Palästinahandbuches zu befähigen, das der jüdische Verlag uns zugänglich zu machen gegenwärtig als seine wichtigste Aufgabe anzusehen scheint! So betrübend also die Betrachtung der Jahreskvnferenz iü allen Punkten ausfällt, ein tröstliches Bild hat sie doch auch geboten: sie hat gezeigt, daß auch in der Leitung der Bewegung noch Männer sitzen, die „nicht zulassen werden, daß Herzls politisches Ideal zerstört wird", Männer, welche fähig und willig sind, die Situation zu retten, das alte Banner zum neuen Streit voranzutragen. Das betrübende Schweigen der Paladine Herzls, das die zionczionistischen Tendenzen vollends überwuchern und weite Kreise der polltischen Zionisten dumpfer Entmutigung verfallen ließ, ist endlich gebrochen. Wir haben nun die Gewißheit, daß der Nachfolger Herzls in seinem Geiste weiterzuwirken bemüht ift und daß auch von anderen Mitgliedern des Aktionskomitees der politische Standpunkt mit alter Verve vertreten wird. Alles Wohl.und Wehe der Bewegung, ihre ganze- Existenz als politisch-nationale Weltorganisation der Judenheit muß auf dem VIII. Kongreß zur Entscheidung kommen. Wird er die Bewegung in der verhängnisvollen Richtung, die der VII. Kongreß ihr gegeben, festhalten und weitertreiben, dann müssen die stolzen Hoffnungen, die idealen Ewigkeitswerte, die weite Kreise unseres Volkes, mit dem Begriff „Zionismus" so gern verknüpften, endgültig schwinden. Ein großes, herrliches Kapital an ehrlichem Ellthusiasnius wäre nutzlos vertan, und zurückbleiben von alledern würde nichts als eine Fülle bitterer Resignation und — ein Häufchen kleiner und kleinster Palästinaprojekte, die solchen Aufwandes an großen Worten und stolzen Prütensionen nie bedurft hätten. * Dahin darf es nicht kommen: Alleg utenGeister des Zionismus müssen anfgerüttelt, alle Kräfte müssen zusammengenommen werden, um die alte Größe derJdee, die jeden Anhänger mit soviel glückhafter Siegesgewißheit erfüllte, um den alten Weg wiederzufinden, der zu so ungeahnten Erfolgen gesühvt hatte. Der VIII. Kongreß muß dort anknüpfen, wo der VI. Kongreß geendet hat; der Zug historischer Bedeutsamkeit, der dem letzten Kongreß mit Herzl innewohnte, muß auch den kommenden wieder beherrschen. Wir - müssen zurückkehren zu einer großzügigen G,e^enwarts- und Z ü^ü ikf'ksfl'ö'l i t'lk, die' Mser'Volk' erwecken, die verfolgten Massen national konzentrieren und der Gesamtheit den Staat in der alten Heimat schaffen soll. Wir müssen dem Zionismus die Stellung im Judentum und in der Welt zurückerobern, ohne die er nicht gedacht werden kann: Jetzt und in aller Zukunft der Befreier des jüdischen Volkes zu sein! Das Schiff hat sich auf die Seite gelegt. Alle Mann an Bord, daß es wieder flott werde und feine Fahne wieder stolz und froh im Winde flattern lasse! Auf ptv Mahlkampagne für den VIII. Kongreß! Aua der territorialistischr« Kewegnvg. Der Einzelverein „Fünfhaus" des „Zion" in Wien hat in seiner am 5. d. M. stattgehabten Generalversammlung einen für unsere Bewegung äußerst wichtiges und äußerst erfreulichen Beschluß gefaßt. In einer Resolution wurde der Vereinsvorstand beauftragt, einer nächsten Generalversammlung den ' Entwurf für eine Statutenänderung in dem Sinne vorzulegen, durch welche der Verein sich auf den Standpunkt der „Jto" stellt und die Förderung ihrer Bestrebungen als Vereinszweck akzeptiert. Dieser Beschlußfassung, für welche alle Anwesenden'mit Ausnahme eines einzigen Mitgliedes zugestinjmt hatten, ging das ausgezeichnete Referat des um den Verein hochverdienten Vereinsobmannes Herrn Dr. S. Krenberger voran. In seinem streng sachlichen Vortrage wies Herr Dr. Krenberger nach, daß der Territorialismus die natürliche Entwicklung des politischen Zionismus bedeute und daß gerade diejenigen das wichtigste Mpment des Ziosnnnus verleugnen, welche dem Territorialisten Verrat an der zionistischen Bewegung vorwerfen. Der anwesende Obmann des zionistischen Distriktskomitees, Herr Dr. Isidor Margulics, machte alle Anstrengungen, die Mitglieder gegen die vorgelegte Resolution zu stimmen. Der einzige Opponent unter den Mitgliedern, Herr Rechnitzer, wendete sich nicht so sehr gegen die territorialistische Idee, als vielmehr gegen die Anwendung des vorgeschlagenen Radikalmittels, welches einem Austritte aus der zionistischen Organisation gleichkomme. Die Resolution wurde schließlich mit allen gegen die Stimme des Herrn Rechnitzer angenommen. Die Mitglieder des Fünfhauser Zion-Vereines gehörten den besten bürgerlichen Gesellschaftskreisen des XV. Bezirkes an. Durch die eben kundgegebene Stellungnahme wurde ein gesunder Ansatz für eine große bürgerliche Jto-Vereinigung in Wien gegeben. An die Zionistisch-Sozialistische Ortsgruppe zu Budapest! Liebe Genossen! Wir bitten Sie gefälligst, im Interesse der Organisationseinheitlichkeit lntb des engsten Zusammenbandes derselben, ihre offizielle Adresse in der „Nationalzeitung" zu veröffentlichen, um mit unseren, wie überhaupt mit den westeuropäischen Genossen in nähere Verbindung einzutreten. Parteigruß. Zionistisch-Sozialistische Arbeiterpartei, Berliner Ortsgruppe. Zur Affäre Dr. David. Wir erhalten folgende Zuschrift: „Eine bedauerliche Erscheinung ist der seit kurzer Zeit eingerissene Mißbrauch der Kanzel. Erst vor kurzem mußten wir einem solchen Mißbrauch entgegentreten und heute haben wir eine noch viel krassere Entgleisung eines hochwürdigen Herrn zu geißeln. Herr Rabbiner Dr. David nahm am 37. v. M. in seiner Predigt den Prozeß Nuchem Schapira zum Anlaß, um auf die ,östlichen Juden' in einer Weise loszuhauen, die wir im Namen aller anständigen Juden, und die bilden auch im,Osten' die große Majorität, mit Empörung zurückweifen. Wir sind gewiß für die ausgedehnteste Freiheit der Kanzel. Daß der Rabbiner Irreligiosität, Unmoral, Hartherzigkeit mit den schärfsten Worten geißelt, ist sein Recht, auch wenn die oberen Zehntausend darüber ungehalten sind. Wenn aber eine Rabbiner in echt antisemitischer Art für die Verbrechen einiger verabscheuungswürdiger Individuen, die nur noch unsympathischer sind, weil sie Religiosität heucheln (als ob Betrug nicht eben so verboten wäre wie Schinken, ja noch schwerer be-und verurteilt wird, weil er nicht nur Verletzung des Religionsgesetzes, sondern auch der Menschenpflicht ist), eine Million Juden verdammt, so müssen wir dagegen mit Empörung protestieren. Wien, am 31. Oktober 1906. Verein.Einheit' I. Maisels, Obmann. Die Predigt de« Dr. David im Kvltusvorstande. In der Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 1. November stellten die Herren Salo Landau und Baurat Marmorek folgende Interpellation: „Im jüdischen Publikum wird allgemein die Behauptung aufgestellt, daß der Rabbiner Herr Dr. David bei einer Predigt, welche er am Samstag im Tempel hielt, gesagt hat, ,ein Nuchem Schapira kann nur in Galizien wachsen'.