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Nationalzeitung · 1906-11-09 · Heft 78 (9.11.1906) · p. Seite 3

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 78 (9.11.1906)
Date
1906-11-09
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 78 Nationalzeitung Seite 3 müßten taktische Momente die Bewegung erst recht nach dieser Richtung drängen. Denn durch Außerachtlassen der Territorialfrage bleibt dem Zionismus der Konflikt mit ihr keineswegs erspart. Alle, die sich nicht mit Gewalt den Tatsachen verschließen wollen, müssen einsehen, daß der Territorralgedanke, wie er von Israel Zan gwill seit dem VII. Kongreß propagiert wird, nicht nur außerordentliche Fortschritte macht, sondern mehr und mehr Aussicht auf rasche Verwirklichung gewinnt. Schon ist es ihm auch gelungen, die vielen einflußreichen Juden, die bisher der Sache des jüdischen Volkes ferngestanden haben, für den Gedanken einer autonomen Mischen Kolonie zu interessieren und jüdische Kapitalisten, die lbre Gelder bisher, wenn schon nicht gegen, so doch nicht für das Wohl der Jüdettheit einsetzten, für die am letzten Ende nationalen Zwecke der Jto zu engagieren. Der Territorialismus scheint das Panier zu werden, um das sich in der schwersten Leidenszeit chres Volkes alle tatbereiten Juden scharen, das sanier, zu dem auch die unglücklichen Opfer dw Verfolgungen anfblicken, das ihnen auf ihrer Flucht den festen Punkt zeigt, wo sie eine Ruhestatt unter Brüdern finden sollen. Und gleichzeitig mit wachsenden, moralischen und organisatorischen Erfolgen der Jto, ist im Zionismus die Stimmung vielfach bedenklich im Abflauen. Fast nirgends mehr ist der siegesgewiffe Elan, da Md dvrt — in England, Deutschland, den Orientländern — merklicher Rückgang zu konstatieren. Aus Rußland gar, so verlMtete auf der Jahreskonferenz ist nicht ein einziger Schekel gekommen. Das Volk dro.ht .vom Zionismus abzufallen, wie dev Zionismus vom Volk abg efa-llen i st! Mit Stolz hat der Zionismus von seinem ersten Auftreten an immer von sich sagen können, daß er in allen jüdischen Angelegenheiten von Bedeutung die Initiative und in allen Dingen, die zum Fortschritt des Volksganzen führten, die Leitung ergriffen habe. Jede Errungenschaft der letzten zehn Jahre auf dem Gebiete der-jüdischen Kultur und Politik, der jüdischen 'Wissenschaft -und./Kunst war ein Sieg dös Zionismus. Und selbst unsere Gegner, so sthr ste sich vielfach sträuben, es einzugestehen, hatten -sich mchr und mehr daran gewöhnt, sich auf den Zionismus zu verlassen und von ihm jeweils die Formel zu hören, die einer weiteren Atbeit Ziel und Richtung gab. Kein Wunder, daß da in der Zeit des Schreckens ohne Ende, die unser Volk durchbebt, sich aller Augen auf den Zionismus richteten und von ihm die Durchführung einer großzügigen Hilfsaktion erhofften. Daß 'der Zionismus in einem so entscheidenden Moment plötzlich alle Gegenwartsarbeit verweigert uno sich auf sein hehres. Zukunftsprogramm zurückzieht, ist eine Verleugnuvg der alten guten Politik, die uns die wachsende Sympathie aller edlen Juden, den Neid und die Mißgunst aller Assimilanten eingetragen hatte. Wären wir jetzt an der Spitzte der Bestrebungen für diejenigen, die auf Palästina nicht warten können, die schon jetzt ihre Wohnsitze verlassen müssen, eine autonome Heimstätte zu schaffen, so 'hätte uns alles, was im Judentum noch jüdisch fühlt und denkt, zugejubelt: der Zionismus wäre zur zionistischen Großmacht geworden! Unter diesen Umständen ist es ein wahres Glück, daß inoffiziell, ja gegen den Willen der offiziellen Organisation hervorragende Zionisten aller Länder sich an den Arbeiten der Jto leitend beteiligen und in dem Wirken dieser Organisation den nationalen Einschlag wahren. Der offizielle Zionismus verharrt wie gesagt in der traurigen Stellung zum Territorialismus, die ihm der VII. Kongreß gewiesen, und die Kölner Tagung hat leider hierin keinen Fortschritt gezeitigt. Man vermißt jegliche Anteilnahme, ja jede Stellungnahme zu diesen wichtigen und dringlichen Dingen, und doch hat man in Köln auch zu einer Ablehnung nicht den Mut gefunden. Es ist für eine politische Bewegung das Schlimmste und rechtfertigt die schärfste Kritik, wenn ste die Zeichen der Zeit nicht versteht, wenn sie nicht ihre Ziele mit den Wünschen und Bedürfnissen der Massen, für die sie Politik treiben will, in Einklang zu bringen weiß. Und an diese größte Unterlassungssünde schließen sich andere bedeutende und kleinere an, die gewiß nicht alle mit dem Charakter der Konferenz als einer vertraulichen Beratung der Führer zu entschuldigen sind. Um es kurz zu sagen: man vermißt jede Beschäftigung mit sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen, politischen Fragen der Judenzeit in der Gegenwart. II. Mit diesen Opfern und Entbehrungen ist der rein palästinensische Charakter der Jahreskonferenz, über den das offizielle Zentralorgan der Bewegung so sehr frohlockt, teuer erkauft. Der palästinensische Charakter: wenn das nur heißen sollte, daß das Ziel auf Palästina gerichtet ist, so wäre absolut nichts einzuwenden, denn darauf hin waren alle bisherigen Bestrebungen und Beratungen gerichtet und sollen alle späteren gerichtet sein. Aber wenn man nur das sagen wollte, brauchte man unser gutes, gemeinsames Losungswort „zionistisch" nicht durch „palästinensisch" zu ersetzen. Wer den Gegensatz der Bezeichnungen geschaffen, muß auch einen Gegensatz im Begriffe haben wollen. Und dieser Gegensatz besteht wirklich. Der Zionismus will Palästina als freies jüdisches Land mit öffentlich-rechtlicher Sicherung, als unabhängigen Judenstaat; der Paläst inismus begnügt sich mit Palästina als unfreiem Kolonisationsgebiet auf der unsicheren, völker- und staatsrechtlich nicht geschützten Grundlage, die das türkische Recht eben zuläßt, er will das Golus auch in Palästina! Das ist der Geist, den alle Erklärungen, Aeußerungen und Handlungen des gegenwärtigen Regimes atmen. Dieser Geist hat auch die Kölner Jahreskonferenz in ihren Beschlüssen, mehr noch in allen Debatten beherrscht. Das zeigt sich zunächst in der prominenten Rolle, die jetzt bei allen Verhandlungen die P a l ä st i n a k o m m i s s i o n spielt, deren Bericht der Mittelpunkt des Ganzen und der Ausgangspunkt für alle prinzipiellen Diskussionen, Anträge und Beschlüsse bildet. Die Palästinakommission, die auf Antrag der deutschen Landsmannschaft am VI. Kongreß geschaffen wurde, soll nach der Zweckbestimmung, die ihr dieser Kongreß gegeben hat (Protokoll S. 272), Palästina wissenschaftlich Md praktisch erforschen, zu diesem Zwecke eine Versuchsstation für agronomische und technische Forschungen und eine Untersuchungsstation zum Studium und zur Bekämpfung von Krankheiten errichten sowie durch ein Auskunftsbureau und durch eine Zeitschrift über den Stand der Forschungen und über die Lage in Palästina informieren. Jede politische Tätigkeit ist bei dieser Zweckbestimmung vollkommen ausgeschlossen, auch jede selbständige wirtschaftliche Unternehmung; lediglich die Vorbereitung einer zweckdienlichen späteren Großkolonisation durch wissenschaftlich-technische und informatorische Arbeiten waren der Kommission zugewiesen. Daran, daß die Palästinakommission der Schwerpunkt der großen zionistischen Bewegung werden sollte, hat auf dem VI. Kongreß nock» niemand gedacht. Die Jahreskonferenz hat gezeigt, daß es trotzdem so geworden ist, und auch das ist eine Frucht des VII. Kongresses.-Professor Marburg, der Vorsitzende und Berichterstatter der Palästinakommission, hat in seinem Bericht fünf Zweige der Tätigkeit der Kommission aufgezählt, von denen höchstens drei sich im Rahmen des Statuts der Kommission halten. Dagegen gehört die „Verwaltung von zionistischen und anderen Institutionen" ganz und gar nicht zu den Kompetenzen der Palästinakommission, und „organisatorische Arbeiten behufs Entwicklung Palästinas in kultureller und wirtschaftlicher Beziehung" bedeuten vollends den Uebergang von der Erforschung und Vorbereitung, die der Kommission zugewiesen war, zur Ausführung. Eine derartige Tätigkeit liegt nicht nur gänzlich außerhalb der Funktionen der Palästinakommission, sondern sie muß auch prinzipiell im Interesse der Gesamtbewegung abgelehnt werden. Der Versuch einer wirtschaftlichen Exploitierung Palästinas unter den heutigen Verhältnissen muß auf Schritt und Tritt staats- und privatrechtlichen Schwierigkeiten begegnen. Es ist genugsam darauf hingewlesen worden, daß an die Erlangung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina überhaupt nur aus dem Wege regulärer Verhandlungen nach dem Prinzip der äo ut äos-Politik zu denken ist, daß Schleichwege jedoch weder zum Ziele führen können, noch überhaupt einer großen Nation und ihrer geheiligten Anrechte würdig sind. Die wunderschöne Theorie, wonach heutzutage nur auf dem Wege wirtschaftlicher Eroberung politische Macht zu erlangen, sei, kann nur in die Praxis übersetzt werden, wenn man gleichzeitig mit militärischen und diplomatischen Machtmitteln zu imponieren vermag; die halbironisch so genannte «psnetralion pacifique* ist nur möglich, wenn man mit „kriegerischem Eindringen" drohen kann. Uns diese Methode empfehlen, heißt: unsere Kräfte wahnwitzig über¬ und die Kraft des Sultans kindisch unterschätzen. Wenn wir es wagen wollen, Macht vor Recht gehen zu lassen, so setzen wir die palästinensischen Juden einem Armenierschicksal, unsere ganze Palästinapolitik einem Fiasko aus, das dem Zionismus für Generationen alle Aktionsmöglichkeit benehmen müßte. „Das eine ist unverbrüchlich festzuhalten: die Basis kann nur ein Zustand des Rechts und nicht der Duldung sein" — diese Worte Herzls werden, so sehr Ussischkin, Marburg und Genossen sich befähigt glauben, Herzlicher Maximen zu spotten und über seine politischen Prinzipien hinweggehen zu könnendem Dogma unserer Politik bleiben, das durch kein Sophisma aus der Welt zu schaffen ist. Zu diesen politischen Bedenklichkeiten kommen nun die allerschwersten privatrechtlichen, wie sie nachgerade jedem geläufig sind, der die Diskussionen der letzten Jahre verfolgt hat. Sie sind zuletzt am gründlichsten und klarsten in der Kahn'schen Broschüre „Durch Wahrheit zum Frieden"(S. 37 ff.) dargestellt, und wir müssen darauf verzichten, immer wieder darauf zurückzukommen. In der Tat ist sich auch die Palästinakommission über das Bestehen dieser und vieler anderer Schwierigkeiten nicht im unklaren; Herr Prof. Marburg hat sie, unter Berufung auf verschiedene fachmännische Autoritäten, selbst sehr breit dargestellt in einem Artikel über „Deutsche Kolonisations-, Wirtschafts- und Kulturbestrebungen im türkischen Orient" (Altneuland, Jahrg. 1905, S. 161—177, 225—243, 268—277). Er zitiert da Prof. Fes ca, der in einer dem kolonialwirtschaftlichen Komitee zu Berlin vorgelegten Denkschrift sagte: „Deutschen Auswanderungslustigen unbedingt zu raten, sich in Anatolien anzusiedeln, dürfte in hohem Grade bedenklick» sein. Die Ertragfähigkeit des Bodens sowie die gewerblichen Verhältnisse sind keineswegs besonders günstige. Dazu kommt noch Fremdheit aller Landesverhältniffe, die persönliche Unsicherheit.die Rechtsunsicherheit in bezug auf den Grundbesitz, die Steuererhebung und die Rechtsprechung usw. (S. 174). Professor Fitzner schrieb in der Zeitschrift „Asien" betreffs der wirtschaftlichen Erschließung Kleinasiens, daß „nur eine Kolonisation in großem Stil, in geschlossenen Gemeinden durch eine kapitalkräftige, einflußreiche Gesellschaft möglich ist.Wer nur einigermaßen einen Einblick in die rechtlichen und politischen Zustände der Türkei, vor allen Dingen in die eigentümlichen verwickelten Verhältnisse des Grundbesitzes gewonnen hat, der wird den Gedanken einer deutschen Kolonisation in Anatolien weit von sich weisen. In der Gegenwart zumal hat die Türkei die deutlich ausgesprochene Tendenz, sich in ihrem Volkstume auf der Grundlage des Islams in Asien innerlich zu konsolidieren. Unter diesen Umständen muß der Gedanke an eine fremdländische, nicht mosleminische Kolonisation, die in Gegensatz zu jener nationalen Kolonisation treten und ein ünporiuni in iniporio bilden würde, als Utopie bezeichnet werden. Für den Fortschritt Deutschlands im Orient würde es einen große Gewinn bedeuten, wenn endlich die Propaganda für eine solche aussichtslose Kolonisation zum Schweigen gebracht würde; denn die Herren, die in wohlgemeintem patriotischem Gefühl mit großem Eifer, aber leider mit ebenso geringer Sachkenntnis für die Kolonisationsideen eintreten, ahnen nicht im entferntesten, wie schwer sie gerade dadurch die deutschen Interessen in der Türkei schädigen. Eine Einkehr und Umkehr unserer kolonialen Kreise an dieser Stelle würde den Dank aller derer Kretvs-Jlpotheke * s. mmeibacb « 5oda.pastillen. wie» I., hoher Mar« Nr. 8 ' lpalai» SMm) im Jlvufvmn dev Stadt Uebelkeiten. . stoffen re. leiden, unentbehrlich. Preis pro Schachtel «0 Heller.

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