Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 78 (9.11.1906)
- Date
- 1906-11-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nationalzeitnng M. 78 kommenheit bei dieser Gelegenheit daran erinnern, daß über seinen Abgang aus Düsseldorf Anschauungen herrschen, welche ihm das Recht absprechen, den Sittenrichter zu spielen. Herr Dr. David hat in Düsseldorf gegen die Errichtung einer Orgel in seiner Gemeindesynagoge Stellung genommen und für den Fall der Einführung der Orgel mit seiner Demission gedroht. Diese Drohung hatte die Wirkung, daß die Düsseldorfer Gemeinde die Einführung der Orgel beschleunigte. Zu jener Zeit erschien im Mainzer „Israelit" ein Artikel, in welchem behauptet wurde, daß Herr Dr. David dem Vorstande der Düsseldorfer Gemeinde Kompromißvorschläge unterbreitete, um trotz der Orgel seinen Posten behaupten zu können, daß aber die Kultusgemeinde diesen Kompromißvorschlag dankend abgelehnt hatte. Herr Dr. David hat wohl im Jahre 1903 diesen Artikel im Mainzer „Israelit" berichtigt, aber wir haben Einblick genommen in einen Brief, den der Führer der Zionisten, Herr David Wolffsohn, an ein hiesiges Gemeindemitglied auf dessen direkte Anstage gerichtet und darin erklärt hat, daß von kompetenter Seite trotz der Berichtigung des Herrn Dr. D a v i d bestätigt wird, daß dieser alle Mittel angewendet habe, um trotz der Orgel Unterrabbiner von Düsseldorf bleiben zu können. Man mag ja über die Orgel in der Synagoge denken wie man will, wir haben diesen Vorfall nur deshalb angeführt, um zu zeigen, wie wenig Recht Herr Dr. David besitzt, den Cato auf der Kanzel zu spielen. Zum Schlüsse wollen wir gewissermaßen als mildernden Umstand für Dr. David anführen, daß er seinerzeit gegen den Willen einer Vorstandsmajorität auf Drängen und Einwirken des damaligen Kultusvorstehers Theodor Ritter v. Taussig zum Rabbiner von Wien gewählt wurde und daß Dr. David nur deshalb mit in den Kauf genommen werden mußte, weil der gewaltige Ritter v. Taussig im Falle einer Ablehnung des Dr. David gegen die Anstellung des Dr. Grünwald Front gemacht hätte. Und Dr. Grünwald mußte gerettet werden. Nun denn, ^Dr. David hat sich seines Protektors Ritter v. Taussig würdig gezeigt. Dr.David hat, indem er mit dem St'aatsbanknotensälscher Nuchin Schapira in unverantwortlicher Weise sämtliche Köstliche Juden verurteilte, sich selbst gleich seinem Protektor einer politischen Falschmünzerei schuldig gemacht, die ihn in den Augen aller rechtlich denkenden Juden als Rabbiner disqualifiziert und das, nur das mußte gesagt werden. J. Kr. für diejenigen aufzählt, die in die „andere Schul" gehen. Seine Erziehung ist also dieselbe wie bei anderen. Und auch das Leben der Eltern. Nicht einmal die mehr oder mindere Wohlhabenheit des einen oder des anderen. Vor Gott sind die Palechower Leute alle gleich. Sie sind alle fromm, haben aber die üblichen zwei Lager: Chassidims und die „Aufgeklärten". Davids Eltern sind „aufgeklärt". Schade, daß die Aufgeklärtheit mit Gänsefüßchen versehen werden muß. Denn wir erstrecken heute die Aufgeklärtheit über die Religion hinaus. Nicht bis zum Juden; bis zum Judentum... Dawids Eltern verarmen durch Unglücksfälle. In dieser traurigen Zeit kommt Dawid, elf Jahre alt, nach Lemberg ans Gymnasium. . . Hier schließt das Buch. — Mit einigen Strichen läßt sich der Inhalt des ganzen Romans skizzieren, insoweit es sich um Dawid Segenreich handelt. Das aber ist nur der Rahmen des Romans. Hermann Blumenthal geht weit darüber hinaus. Das Milieu, in dem das Kind aufwächst, seine Umgebung sind bis ins kleinste Detail gezeichnet. Die Gebräuche und Sitten führt er uns vor, erzählt dies alles mit einem selbstverständlichen Humor, der weit mehr wirkt als die zersetzendste Kritik. So wird aus diesem Romane des Kindes ein vollendetes Kulturbild des östlichen Judenlebens, eine liebevolle Herausarbeitung ihrer starken Eigenart, des Wertvollsten ihrer Kultur. Das alles übt Kritik der zionistische« Iahreskonferenz. Von Dr. Jeremias und Dr. Kollenscher—Posen. I. „Es ist unmöglich, sich über den Charakter der Jahreskonferenz zu täuschen, sie war durch und durch palästinensisch. Wie ein roter Faden zieht sich Palästina durch sämtliche Beschlüsse. Die Abänderung der Bankstatuten ist palästinensisch, die beschlossene Form der Legalisierung des Nationalfonds ist palästinensisch, die meisten Summen wurden für kulturelle und wissenschaftliche Zwecke in Palästina bewilligt und die meisten Anregungen bezogen sich auf Palästina." Dieses Resümee, das Herr N.Sokolov in Nr. 36 der „Welt" von der Jahreskonferenz gab, ist richtig und gibt uns ebensosehr den Grundton scharfer Kritik, wie es ihm zum Leitmotiv einer Lobeshymne wurde. Die Jahreskonferenz hat in der Tat bewiesen, daß der Zionismus, wie er gegenwärtig von der Mehrheit im großen Aktionskomitee aufgefaßt wird, nur noch Palästinismus genannt werden kann. Nicht die grausigen Schicksale unseres gehetzten Volkes, nicht die Leiden von Millionen unserer Brüder haben im Mittelpunkt der Beratungen gestanden, wie es der höchsten Instanz einer Volksbewegung geziemte, die sich das hohe Ziel gesetzt hat, dem jüdischen Volke Rettung und Freiheit zu bringen. Wer die Verhandlungen liest, wird durch nichts daran erinnert, daß sie am Schlüsse eines Jahres geführt wurden, das die schlimmsten Katastrophen sah, die unsere so unglücksreiche Geschichte kennt. Eine spätere Zeit wird nicht begreifen können, daß eine Konferenz von Führern des jüdischen Volkes aus allen Teilen der Welt nach Ablauf eines Jahres, das die russische Revolution mit ihren Pogromschrecken, das eine nie gesehene Massenflucht von Juden brachte, an allen diesen Ereignissen vorübergehen konnte, ohne aus ihnen Richtlinien für die nächste Arbeit zu ziehen. Vergebens sucht man in den Berichten nach einem Punkt der Tagesordnung, der dieser furchtbaren Situation und Bemühungen zu ihrer Abhilfe gewidmet gewesen wäre. Natürlich kann der Zionismus sich nicht darauf beschränken, Notstandsaktionen vorzunehmen, wie sie die.philanthropischen Gesellschaften und Vereine nach jeder einzelnen Katastrophe einleiten. Der Zionismus geht von der Erkenntnis aus — und diese muß für seine praktische Betätigung maßgebend sein — daß die Judennot nicht eher ein Ende nehmen kann, als bis das jüdische Volk seine natürliche Heimstätte wieder in durch Völkerrecht geschütztem Besitz hat. Diese öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte zu schaffen, ist seine eigentliche Aufgabe und er strebt diesem Ziele zu, unabhängig davon, ob gerade die ärgsten Golusnöte wüten und drängen oder ob die Gunst der Zeiten unserem Volke Ruhe und seinen wunderbaren Einfluß auf die Charakterbildung des Dawid Segenreich, den wir, elf Jahre alt, an einem für ihn allerdings nicht erklärlichen Wendepunkt seines Lebens angelangt sehen. Jahre werden vergehen. Dawid wird wie oft noch im Getriebe der Großstadt an das kleine Palechow, an die schönen Jahre der Kindheit zurückdenken. Er wird dieses Leben, das man im fernen Palechov führt, ein Leben in „Halbasien" nennen. Aber in stillen Stunden wird ihn die Sehnsucht nach diesem Neste überkommen, in dem er die unvergeßlichen Tage der Kindheit verbrachte ... Nach jenem Leben, dem er nun entwachsen ist... Es ist in seiner Art ein einziges Buch, das Hermann Blumenthal da geschrieben. Auch wenn man von der vollendeten Form seiner Komposition, seines Stils absieht. Die Charaktere sind ungemein scharf herausgearbeitet j er weiß auch in den gewissen Stimmungsnntteln Maß zu halten. Es ist sein Erstlingswerk. Der vorliegende Band ist nur der erste Teil einer Trilogie, die uns dann von Dawid Segenreichs fernerem Leben erzählen soll. Wir wollen wünschen, daß Herrmann Blumenthal ia den weiteren Teilen das halte, was er uns iy diesem ersten Teile versprochen. Dieser Roman wird seine Leser finden. Hermann Blumenthal hat alle Voraussetzungen eines wirklichen Talentes. Er kann uns noch vieles bescheren. An ihm liegt's, wozu er es formt. Sicherheit beschert. Das eben unterscheidet die zionistische Arbeit von philanthropischen Mionen; diese dienen nur dem Augenblick und den von einem Unglück betroffenen Individuen, der Zionismus arbeitet für alle Zukunft nnd für die Gesamtheit unseres Volkes. Darum ist er aber doch in der Lage, auch an Aktionen mitzuwirken, die sich auf ganze große Volksteile und ihre besonderen, dringlichsten Notstände beziehen. Wenn er nur sein großes Endziel nie aus dem Auge verliert und die Arbeit zu dessen Verwirklichung keinen Augenblick ruhen läßt, dann kann er nicht zum Rachmones-Zionismus berabsinken, wenn er auch noch so warm an Gegenwartsarbeiten sich beteiligt. In der Tat hatte das engere AkticMkowitee die Jnaugurierung einer großzügigen Notstandsaktion beabsichtigt, eine Kooperation aller jüdischen Organisationen zur Beseitigung des schlimmsten Massenelends durch die Einberufung der Brüsseler Konferenz angebahnt. Nach Brüssel scheint aber nichts mehr geschehen zu sein, selbst über das dort eingesetzte Komitee und über seine weitere Tätigkeit war nichts mehr zu hören. Das einzige, was über die Brüsseler Konferenz noch gesagt worden ist, war das offene Bekenntnis des- Führers der Majorität des VH. Kongresses, des Herrn U s s i s ch k i n, daß er von vornherein gegen die Einberufung dieser allgemein jüdischen Konferenz gewesen sei. Die einfache Bemerkung läßt den Geist erkennen, der diese für die jüdische Politik so unselige Kongreßmajorität beherrscht hat. Hoffen wir, daß trotzdem der Weg, den die Brüsseler Konferenz andeutete, wieder betreten wird, je eher, desto besser. Denn die grausame Logik der Tatsachen sorgt ohnehin dafür, daß der Zionismus sich wieder und wieder vor die schwerwiegende Frage gestellt sehen wird, ob er sich der Mitwirkung, ja der lettenden Mitwirkung an der temporären Lösung der drängendsten Nöte unseres Volkes dauernd entziehen will und kann. Kein Zweifel, daß schon der VIII. Kongreß sich abermals mit dieser Frage zu befassen haben wird. Immer von neuem, wenn man sich von dem Wirrwarr verbrauchter Phrasen und abgehetzter Schlagworte freizuhalten weiß und nur die vorurteilslose Vernunft und den gesunden, Instinkt des Herzens sprechen'läßt, immer von nettem staunt man dann, daß pilpulistische Dialektik au den Elementarbegriffen nationaler Notwendigkeiten solange drehen und deuteln konnte, ms auf die dringlichste Lebensfrage eines großen Bruchteiles unseres Volkes die verkehrteste Antwort gefunden war. Es handelt sich einfach darum, für einen Teil der Judenschaft eine Zufluchtstätte zu schaffen, die nicht in Palästina liegen kann und nicht einen selbständigen jüdischen Staat, sondern nur eine Kolonie einer fremden Macht mit gewissen Selbstverwaltungsrechten bilden soll. Wie der Zionismus bisher stets neben dem großen, unverrückbaren Endziel — dem Judenstaat in Palästina — eine umfängliche Gegenwartsarbeit getrieben hat — die Wiedergeburt des jüdischen Volkes, „Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland" — so wäre auch die Schaffung eines Gemeinwesens vor Palästina recht eigentlich zionistische Gegenwartsarbeit, nicht nur im Interesse der notleidenden Judenmassen, sondern auch geradezu in der zionistischen Zielarbeit gelegen. Keine bessere Vorarbeit für unser Endziel läßt sich denken als die Konzentrierung und Nationalisierung der wandernden Judenmassen, die sonst in alle Winde zerstreut und überall entnationalisiertwurden. Wenn eine Kolonie geschaffen sein wird, dann bleibt der Zionismus als Organisation des jüdischen Volkes erst recht nicht nur möglich, sondern notwendig. Dann erst nach Ausschaltung der drängendsten Nöte, könnte mit Konzentration aller Kräfte das ideale Ziel ins Auge gefaßt werden: die Verwirklichung unantastbarer historischer Ansprüche, die Befriedigung unstillbarer Sehnsucht nach der alten Heimat. Gerade diejenigen Zionisten, die allzu oft und allzu laut betonen, daß der Zionismus mit der Judennot nichts zu tun haben dürfe, werden nach Schaffung einer autonomen Judenkolonie ihren prinzipiellen Standpunkt mit der Praxis viel eher vereinen können. Wenn also territoriale Bestrebungen mit dem zionistischen Prinzip wohl vereinbar sind, so WaschbarJ Wasserdicht! GernchloS! Volle«; echte Reform-$cbwei$sbiätter si»i Hie bckn. Urtciill nhiltl.