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Nationalzeitung · 1906-10-19 · Heft 74 (19.10.1906) · p. Seite 4

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 74 (19.10.1906)
Date
1906-10-19
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Si'ite 4 Konferenz des mährisch-Mischen politischen Exekutivkomitees. Gm 0. Oktober fand im Sitznngssaale der israelitischen Kultnsgem'e-inde in Brünn eine Konferenz des mährisch-jüdischen politischen Exebutivkomitces statt. 'Den Vorsitz sühchc Herr Dr. Fialla. Es gelangte die Frage! zur Besprechung, in «welcher Weise das jüdische Exekutivkomitee zu den bevorsteh-cndcn Landtagsivahlen Stellung nehmen werde. Bekanntermaßen wurden bei -dem seinerzeit in- Brünn stattgehabten Delegierten tage, au welchem das Exekutivkomitee gebildet wurde, insbesondere die drei Städtewahlbezirke Göding, Auspitz und Mähr.-W-eißkirchen ins Auge gefaßt, in welchen die, Juden einen entsprechenden -Prozentsatz der Wählerschaft Hilden sowie die Handelskammern. Zunächst gelaugte der Wahlbezirk Göding zur Diskussion. In diesem Wahlbezirke, welcher 31 Städte umfaßt, sollte nach den ursprünglichen Intentionen Herr -Fritz Redlich, Zuckerfabriksbcsitzer in Göding, als 'Kandidat auftretcn. Da '.Herr Fritz Redlich erklärt hatte, daß ihm die Vertretung der jüdischen Wählerschaft stets eine .Herzenssache sein werde und sohin das Exekutivkomitee diese Persönlichkeit geeignet erachte, um die jüdischen Interessen im Landtage entsprechend äit vertreten, wurde sei nie -Kandidatur -vom jü«discheu Wahlkomitee tatkräftig st unterstützt. Kurz nach Ausschreibung der Wahlen trat jedoch Herr Fritz Redlich infolge seiner ausgedehnten geschäftlichen Agenden -von der Kandidatur zurück, weil er befürchtete, hierdurch den durch die -Kandidatur übernommenen -Aufgaben nicht gerecht werden zu können!. Das deutschliberale Lokalwahlkomitee Göding hatte sohin die Kandidatur -dem Bruder des Herrn Fritz Redlich, Herrn Universitütsprofessor Dr. Josef Redlichin Wien angeboten und dieser erklärte sich bereit, die ihm angebotene Kandidatur zu -akzeptieren. 'Für das jüdische Wahlkomitee gestattete sich jedoch die -Stellungnahme >zu dieser Kandidatur rnsoferne schwierig, als -Herr Dr. Redlich vor mehreren Jahren zur protestantischen Kirche übergetreten ist. Das Exekutivkomitee Hatte sich sohin in seiner Sitzung vom 9. Oktober mit 'der Frage zu : befassen, ob dem Herrn Dr. Joses Redlich ein jüdischer -Gegenkandidat entgegengeskMt werden! solle.! Rach den seinerzeit konstatierten 'Verhältnis- ' zahlen befindet sich im Wahlbezirke -Göding eine solche Anzahl jüdischer Wähler, daß öieseMen im Verhältnisse zur deutscharifchen Wählerschaft 48 Prozent betragen. Die nationale Katastrierung ergab jedoch ein für die Juden 'weniger -günstiges Verhältnis, da die jüdischen Wähler tu manchen Städten dieses Wahlbezirkes, inHesondersr in Ung.-Hvadisch, Holleschau, KrerNsier, Gaya u. a. 'brauchbar zum Läuten werden!! Und wenn -die Glocken unbrauchbar werden', so werden die Leute sagen, die Juden seien Zariibevev — und Sie wissen, bald wird man Lärm schlagen u>nd eine „Gfeire" wird entstehen." „Was ist das, eine Gseive"?" „Sie wissen nicht? Das« ist ein solches Gesch gegen die Juden, daß sie mit Schnalps nicht handeln dürfen' oder sonstige Beschränkungen. Eine „Gseire" ist leine große Schweiinerei. Deshalb fürchteten die Juden!, und wußten nicht, was dei gingen, ob. stehen bleiben», gehen oder warten... As kam. aber solch eine Macht, die unsichtbar ist und drängte die Juden«, ldaß sie gehen und sie gingen. Unterdessen wurde das G'lockengeläu'te immer stärker. Alle -erwa rteten, daß etwas eintveten lverdo. Sie wußten nicht was, wußten aber, daß 'etwas geschehen wird. „Nun?" „Und es geschah! Hören Sie! Bor großer Furcht gingen die Juden nicht, sondern flogen wie die Vögel . . . Mittlerweile wurde es auf eilmml still . . . gang still. Wer das getan hat, ist unbekaimt, genug bauan, daß selbst die Vögel auf den' Bäunmn verstulnnrton — und die Wacken läuteten. Dev Rabbi richtete sich in sitzender Position« auf der Bahre auf unld sagte: Stehen bleiben! Stehen bleiben! Haben- Sie gehört! Mle blieben wie gebannt, wie cmgewuvzelt stehen. (Fortsetzung folgt.) Nationalzeitnng - im tschechischen Kataster eingetragen wurden 'und > infokg-e der von der tschechischen Presse betriebenen Agitation eine- Retlamiernng in den deutschen Kataster nicht vornehmen zu sollen glaubten. Jn- , solgedessen sind die Aussichten für den Wahlsieg s eines jüdischen Gegenkandidaten geschwächt und dies mit so mehr, äls laut den dem Exokutivkomitee zugetommenen St ach richten, die beiden größten Städte des Wahlbezirkes, Göding und Mistet, sich für die Kandidatur des Dr. Redlich erklärt hatten und auch mainche Jndengemeinden beschlossen, dem Dr. Redlich ihre Stimme Mzuwenden. Die Anfstcllnng eines jüdischen Kandidaten Hütte sohin ein derartiges Verhältnis gezeigt. daß ans diesen Kandidaten nur ein geringer Bruchteil der in diesem Wahlbezirke abzugebenden Stimmen entfallen wäre. Infolgedessen beschloß das Exekutivkomitee nach längerer Debatte, von der Aufstellung eines jüdischen Gegenkandidaten im Wahlbezirk Göding abzusehen-. Im Wahlbezirke Weißkirchen stehen derzeit 3 Kandidaten einander gegenüber: der deutschforischrittlich'e Kandidat Dr. Alfred Fischl, Advtzkat in Brünn, der deutsch-völkische Kandidat Doktor Fritsch, Finanzkonzipist in Brünn, und der Freialldeutsche Dr. Freißler, Advokat in- Neutitschein. An die zahlreichen jüdischen Wühler dieses Wahlbezirkes tritt nun die Frage heran, welchem von diesen Kandidaten sic ihre Stimme Mwen'den sollen. Die Tatsache^ daß Dr. Fischl Jude ist und mit deutschfortschr'lttlichom Programm kandidiert, veranl-aßte das Exekutivkomitee, die! Wahl dieses Kandidaten gegenüber den beiden anderen antisemitischen Kandidaten zu -empfehlen!, trotzdem Dr. Fischl sich bisher sehr 'wenig als Jude betätigt hat. Für den Wahlbezirk Auspitz ist bisher noch keine Kandidatur offiziell erfolgt. Das Exekutivkomitee beschloß daher bezüglich dieses Wahlbezirkes Erhebungen einzuleiten und wird demnächst zur Kandidatur in diesem Bezirke Stellung nehmen. j 'Es 'wurde sohin in Beratung gezogen, was j für Schritte zu unternehmen sind, um in den Leiden Handelskammern in Brünn und Olmütz! die Wähl je eines -jüdischen Abgeordneten durch-! zu-setzen. j Mit Rücksicht daraus, als jede der beider!! Kammern drei Abgeordnete entsendet, und mit; Rücksicht daraus, als die deutsche Majorität in den ' Kammern nur mit Hil'fe 'der -jüdischen Haüdelsl und Gewerbetreibenden aufrechterh-alten wird, ist! dieses Begehren ein gewiß begründetes. Bezüg-! lich der Olmützcr Handelskammer wurde die Kan-! didatur des Kammerrates Herrn« 'SiegMund Zweig, Malzfabrikanten in Olmütz, in -Vorschlag gebracht und hat sich das Exekutivkomitee diesbezüglich mit dem Kammerpräsidium ins Einbernehmen geisetzt. Für die Brunner Handelskammer -wurde .Herr Dr. Fialla, Advokat und Knltus'vorsteher in Brünn, in- Vorschlag gebracht. Es wurde hierauf das taktische 'Vorgehen in den übrigen Wahlbezirken besprochen. Das Exekutivkomitee 'wird das Resultat der noch vorzu-- nchmenden Schritte seinerzeit zur allgemeinen Kenntnis bringen und erwartet von der jüdischen Wählerschaft, daß dieselbe den Weisungen des Komitees im Interesse der -jüdischen- Bevölkerung Mährens Folge leistet. Gödingcr Brief. D'ie bevorstehenden Wählen in den mährischen Landtag -haben die Göding er 'Bevölkerung aus ihrer gewohnten! Ruhe gebracht. Insbesondere sind es -de Jüden, die sich noch niemals für die Wähl ihres,MoWvertr-ete'rs" .so interessiert haben als gerade diesmal, -wiewohl ihre 'sowie der Mehrzahl der anderen mährischen Juden verkrachte Afsiuvilationspolitik es dahin gebracht hait, daß über ihre Köpfe hinweg -eins Wahlordnung fabriziert wuche,. wie sie für die Juden Mährens nicht schmählicher gedacht 'werden 'kann. Der mährische Jude ist feines Wahlrechtes beraubt, sofern er nicht dem 'deutschen oder tschechischen Antisemiten seine Stimme geben will. Meso doch dieses große Interesse? Wollen die Juden, da sie in diesem Wahlkreis einen sehr ansehnlichen Prozentsatz der Wähler bilden, vielleicht gar einen jüdischen Kandidaten aufstellen? Oder ihre Stimme wieder einem 'deutschnationalen Antisemiten gebien, wie sie es „i'm Interesse der guten deutschen Sachs" bst 'den letzten Landtags¬ Kr. 74 wählen ohne jeden Skrupel prMihiert haben?! Keines von beiden.! Etwas ganz Originelles ist es, bezeichnend ' dafür, wie iveit und wohin diese bankrotte, schändliche, tief! -ett-t'ir'ürdiia'e'n'de Assimilationspolitii! dieser mährischen Inden sühren konnte und wie Figura zeigen soll, auch leider ge-siihrt hat. Ein Renegat, ein getaufter Jude ist es diesmal! Aber — ein gutes, treues, deutsches -Herz! Dr. Josef Redlich, seit kurzem -a. ö. Utti-versitätsprofessor, ein Gödinger Kind, ist die'ser Getaufte, für den Juden, ohne zu erröten, sich, mit einem Eifer ins Zeug legen, der einer edleren, besseren Sache wert wäre. Aber Pros. Redlich ist ans ihrer Gemeinde Hervorgegangen, ist Millionär, jetzt auch Univeösitätsprosessor und — getauft; Herz, was willst du noch nichr?! Wir fragen vorerst Herrn Prof. Redlich, ob es wirklich seine ehrliche Absicht ist, jüdische Stimmen für sich in- Anspruch zu nehnren? Bei aller Hochachtung für Herrn Prof. Redlich — als Gelehrten — können wir ihn äls Mensch, ä-ls Inden nicht weniger verachten, als alle die, die ohne Scheu es mit ihrem -Chara'kter verein-bar halten, an ihrem eigenen Volke, an der jüdischen Sache Verr-at zu üben-, indem sie als Renegaten, als Fahnenstüchtige zum Taufbecken schreiten, um über -sich d-en für jeden J-nden, für -jeden Mann von Eharakter -so unsagbar erniedrigenden, alles, was dem jüdischen -Denken und Fühlen so hoch und heilig gilt, tief verletzenden Zl-kt der Taufe ergehen zu lassen! Wir halten es -für unmöglich, daß sich Prof. Redlich als Gelehrter dieser unserer Ansicht verschließen könnte. Kränkend und schmerzlich müssen -wir es aber I empfinden, wenn es Juden gibt, die sich nicht vor sich selbst und ihren Kind-c'rn schämen, einen' getauften Juden ihre und ihres jüdischen Volkes Interessen vertreten lassen zu wollen. Ich glaube, man braucht g-ar nicht Nätion-aljude zu sein, man m>uß nur ein bißchen Ehrgefühl, Eharakter and Selbstbewußtsein -haben, um eine solche Handlungsw-eise b-eschämend und verächtlich zu finden. In diesem Punkte sind wohl alle Cha-räktcrmenschen einer Meinung. Variatio deleetat! Die! Juden unserer Nachbargemeind-e'n -Straßnitz und Un-g.-Brod haben, wie es nicht anders zu erwarten war, diese Zumntun-g von Anbeginn an gebührend -z>urückgewiesen und Prof. Redlich tat gut daran, in diesen beiden Städten die geplanten- Wähler'versa-ni'inlnngon zu unterlassen. Nicht nnlerwähnt können wir es lassen, daß unser Kultus'vorsteher Herr Dr. Körner, im Vollgssühle seiner neuen Gemeiüderatswlirde, im Bezirkswahlkomitee als offizieller B-ertveter der Gö- Singer Juden, als den- «er 'sich, stetsauszugeben beliebt, welches Recht aber wir ihm für die Folge absprechen, mit Feuereifer für Pros. Redlich äls Kandidaten eingctreten ist. Fürchtet er nicht, daß m'a-n mit Fingern äuf ihn zeigen -wird? Fürchtet er nicht, daß er in seinem gierigen Streben nach Ehr'enstellen Dinge begeht, für die er einmal die Verantwortungwird nicht tragen können? Das ehrenvolle 'Zlmit eines 'Ku'ltns'ovrst-ehersvereinigt nicht in sich das Recht, mit den Inden 'feiner Gemeinde in frivolster Weise zu tu-n, was einem beliebt? Herr Dr. Körner echauffiert sich bei jeder Gelegenheit derart für diese Wahl, daß wir fürchten miissen, er könnte von der Wahnidee befallen werden, bei nächster 'Gelegenheit -selbst als Kandidat an-fz,ntreten. Wir wollen hoffen, daß Dr. KöVner bei der nächsten Wahl in den 'Kultusborstand von dieser Idee geheilt werde! Jüdisches Selbstbewnßtsein, aufrichtige Liebe zu meinem Volke und die zuVersichtliche Hosfniung, daß endlich einmal auch -unsere Jüden zur 'Besinnung -kommen werden, nur das allein hat mich zur Veröffentlichung dieser Zeilen veranlaßt. Es 'kann doch in ihnen nicht all das -erstorben sein, was in ihren Söhnen mit neuer 5rr>a-ft zu leben beginnt! M. Wie Antisemitismus entsteht. Die lange jüdische Leidensgeschichte hat zwei lehrreiche -Tatsachen festg'Sstiellt: Erstens, «baß der wirtschaftliche Antisemitismus nur tu öeu seltensten Fällen von denj-en'igen- -verschuldet 'wird, dt« durch ihn am Härtesten getroffen -wetdön, das sin-d die -klötnen Kanslente und Gewerbetreibenden, und zwettens, daß 'dem Anttsemitisnius noch am sichersten, dädnrch gesteuert -werden kann, wenn die Juden und ihre Publizistik jede Solidarität mit

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