Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 74 (19.10.1906)
- Date
- 1906-10-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nationalzeilun, Nr. 74 Zweifellos werden die Zusammensetzung des Komitees und seine Arbeiten auf die weitesten Kreise des Judentums den mächtigsten Eindruck machen und die Bewegung stärken. Aber ebenso zweifellos ist es, daß die einzigen Gegner, welche der Territorialismus heute in jüdischeniKreisen hat, die Zione-Zion wieder ihre verbrauchten Argumente hervorholen werden, um noch einen Versuch zu machen, die Bedeutung der Bewegung herabzusetzen und den Eindruck zu schwächen, beit die Zusammensetzung des Kontitees allettthalben hervorgerufett hat. Schon hören wir wieder die alte verlogene Phrase, daß die Jto nichts attdercs als eine philanthropische Unterttehmung sei. Abgesehen davon, daß Zangwill seine ganze Aktion auf das Grundprinzip aufgebaut hat, daß die Lösung der Judettfrage nicht durch Philanchropie im alten Sinne herbeigesührt werden könne, abgesehen davon, daß 'Zangwill keine Gelegenheit unbenutzt vorübergehen läßt, die Verkündung dieses Prinzipes aufs Eindrittglichste zu wiederholen und dem Fünserkomite dieses Grundprinzip genau bekannt ist, wird man endlich einmal daran erinnern müssen, daß gerade die unpolitischen Zione-Zion die allergeringste Berechtigung haben, gegen die vielgeschmähte Philanthropie zu Felde zu ziehen. Man wird endlich einmal daran erinnern müssen, daß gar mmtche Institution, welche von zione-zionistischer Seite in den Golusländern und in Palästina selbst oft mit unverzeihlicher Leichtfertigkeit ins Leben gerufen wurde, unrettbar hätte entgehen müssen, wenn diese so verachtete Philanthropie nicht rechtzeitig beigesprungen und die betreffende Unternehmung vor dem skandalösen Untergänge gerettet hätte .... Die territorialistische Bewegung kann in ihrem ernsten Werdegange durch solche Gegnerschaft nicht mehr aufgehalten werden, sie hat in allen Kreisen des jüdischen Volkes Wurzel gefaßt. Aus allen sozialen Schichten hat sie überzeugte, arbeitswillige und arbeitsfähige Anhänger geworben, sie ist die Richtung, in welcher sich das Judentum in der nächsten Zukunft bewegen muß und bewegen wird! Der Ruf nach neuen Männern. II. I. Kr. Der neuen Männer, welche durch das Vertrauen der Kultuswähler in den Vorstand entsendet werden sollen, harren viele und mannigfache Aufgaben, deren jede einzelne wert ist, als Lebensaufgabe eines um das jüdische Gemeinwohl besorgten Juden zu sein. Vieles gibt es, daß verbessert werden muß, und inanches, tvas bereits auf dem Wege der Besserung sich befindet, soll einer »gründlichen Reorganisation zugeführt werden und es fehlt auch an solchen Krankheitserscheinungen nicht, die am besten durch einen operativen Eingriff beseitigt werden könnten. Heute wollen wir uns mit einer Frage beschäftigen, die uns die wichtigste dünkt, die aber auch von dem großen Publikum und nicht zum letzten von den Kültusvorstehern selbst am wenigsten beachtet oder gründlich verkannt und mißverstandett tvird: es ist dies unsere B e a m t e n f r a g e. Der jüdische Kultusbeamte hat im allgemeinen kein rosiges Leben. Er ist der schlechtest gestellte Beamte, den es gibt. Mit seinem Eintritt in die Dienste einer Kultusgemeittde, hat ein jüdischer Kultusbeamter nicht nur seine Arbeitskraft, sondern auch seine Gesinnung verkauft, oder weingstetts das Recht der freien Betätigung seiner politischen Gesinnung. Der jüdische Kultusbeantte wird dadurch zur Arbeitsmaschnte, die von einem jeweiligen Motorsührer in die eilte oder andere Richtung gelenkt, die, wenn die Arbeit zu Ende, wenn der Motorführer den Strom ausschaltet, zu einem willen- und leblosen Körper wird. Das ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, ein sozialer Atavismus, der heute fast in keiner anderen größeren Körperschaft mehr anzutreffen ist. Aber auch als soziale Ungerechtigkeit wird sie zur Anomalie in einer Gemeinde, das durch ein Statut verwaltet wird, wie dies in Wien der Fall ist. Wir könnten es noch begreifen, wenn die Kultusbeamten, die von den Steuergeldern aller Wähler erhalten werden, sich in politischer Beziehung an die Majorität der Gemeindemitglieder halten würden, aber in Wien, dessen Kultusgemeinde nicht einmal von dem gesamten Kultusvorstande, sondern nur von einzelnen bevorzugten Befehlshabern regiert wird, sinkt der Kultusbeamte zu einem Sklaven desjenigen Kultusvorstehers oder Sektionsobmannes herab, der gerade am Ruder ist. In anderen Kultusgemeinden, wie z. B. in Budapest, gibt es eine große Gemeinderepräsentanz, hat die Generalversammlung der gesamten Wähler gewisse Einspruchsrechte und der Kultusbeamte hat das Gefühl, daß er sämtlichen Genteindentitgliedern angehört, daß er selbst ein Glied dieser Gesamtheit ist, mit allett Pflichten und Rechten. In Wien hingegen ist die Beamtenschaft nichts anderes, als eine gut oder schlecht organisierte Arbeitergruppe, die gelegentlich, wenn eine Opposition entsteht, auch als Stimmvieh und Agitatoren für den jeweiligen Machthaber in Aktion zu treten hat. Dieses ungerechte Verhältnis zwischen Beamten und Gemeinde rächt sich dann auf verschiedene Weise: zu ungunsten der Gemeinde und zu ungunsten der Beamten selbst. Zu ungunsten der Gesamtheit deshalb, weil durch dieses System eine Sumnte von Intelligenz gebunden wird, die, frei entwickelt, den Bestrebungen eines modernen Judentttms von großem Nutzen fein könnte, und zu ungunsten des Beamten selbst deshalb, weil er, von Einzelpersonen abhängig, sein Selbstbewußtsein allmählich einbüßen muß und keine Möglichkeit hat, auch die gerechtesten sozialenund wirtschaftlichen Forderungen durchzusetzen. Er gehört keiner Organisatiott an, dte seine Interessen vertreten könnte und an eine eigene Organisation wagt er garnicht zu denken. Daß auf diese Weise dem Protektionswesen und der Kriecherei, ja oft der krassesten Korruption Tür und Tor geöffnet wird, ist allbekatmt und selbst in Kreisen des Kultusvorstaitdes wird unverhohlen zugegeben, daß es da noch viel zu ändern und zu verbessern gebe, wie es anderseits auch anerkannt werden soll, daß in manchem, wenn auch wenigem, schon Wandel geschaffen wurde. Seit Jahren streben die Kultusbeamtett eine gerechte, bindende Dienstpragmatik und ein automatisches Vorrückungsverfahren an, wodurch die Beamten nt ent würdigeres und unabhängigeres Verhältnis znm Kultusvorstande, aber in ein desto innigeres zur Kultusg e m e i n d e treten würden. Aber es scheint, daß gerade dieser Umstand es ist, der die Erreichung ihrer gerechten Forderung bisher behindert hat. Ein modernes Kultusprogramm wird die Durchführung dieser Forderungen als ein wichtiges Postulat enthalten müssen. In einem nächsten Artikel wollen wir uns mit einzelnen Wünschen der Beamten an den Vorstand und der Gemeinde an die Beamten eingehender befassen. Die Erben Herzls. Wir erhalten folgende Zuschrift: Stoitz wird an die Brust geklopft, mit Pathos wird verkündet, daß mau allein der Verkünder der .zionistischen Heilslchre, allein der Vertreter des Baseler Prvgrannnes und allein' Kongretzapvstel sei. Jede andere Meinung! wird in Acht und Bann getan,' was einen Widerspruch wagt, wird niedergeschrien,' durch Terrorichnus sucht man sich zn behaupten. Das ist die Taktik jener, die sich die Erben Herzls nennen! Aber nicht ein Hauch Herzt scheu Geistes lebt in ihnen. Sie begraben vielmehr langsam Herzls Erbe. Sie der Ausfluß einer Ueberzeuguug, sondern einer momentanen instinktiven Anpassung. Aber — est modus in rebus. Hebräisch ein Plunder? Die Sprache, die in unserem Munde lebendig ist, die Sprache, in der Mutter und Großmutter an heiligen Tagen für das Wohl ihrer Kinder beten, die Sprache, in der Jeremias den Fall Zions beweint, Jefaias prophezeit, Ezechiel träumt, Hieb dichtet, Halevy schluchzt, Bialit donnert und Tfchermchowski jauchzt — ein Plunder? Tis Sprache, in der unsere Väter auf dein Scheiterhaufen schmerzgemartert das Schina gegen den Himmel stießen — ein Plunder? Manscht, Manscht, wie Haft du dich mit uriger Schande bedeckt! Toter Plunder! Ta müssen wir doch bitten. Das Wort ist ein Sakrileg, und zwar ein um so schlimmeres, als es seitens eines jüdischen lvemeindevertreters in öffentlicher, offizieller Sitzung, gefallen! ist. 9dach Ansicht der Autinationalen, die das Hebräische lediglich mir noch für ■eine» Bestandteil unserer Liturgie haltert, also für eine vorn, konfessionelle Institution, ist die gefallene Aeußerung sogar ein Delikt im Sinne , des Strafgesetzes. Allein, wir wollen dcn! Staatsanwalt nicht heratlfbeschwören. Aber, , wie muß es iti unseren (sein et i ideorga uisaiioneit? traurig ausfchanen, wenn Manscht angesichts der Alordibvoimereie» imtb Hinrichtungen im Osten, die — sagen wir Kühnheit aufbringt — ein nationales Heiligtum mit seinem Geifer anzuspritzen. Was halt Mansch l für seine Brüder in Rußland getan? Warum läßt er nicht da seiner Entrüstung freien Lauf? Oder kann nur Manscht über Gegner schimpfen«, die keine Hände haben? Manscht als Reformator —- wenn wir ihn in seiner Tätigkeit gewähren lassen — bekointttett wir in absehbarer Zeit ein Geschlecht vtzn Hausierern. Bon Hausierern mit Ehre, itationalen: .Heiligtümern, jüdischen Traditionen. Wi'r werden! dann Kinder kfoirattru, die ihre Väter hassen und ihre Mütter verachten. Unsere Eickel aber wc'rden schon möglicherweife Pogroms veranstalten' .... Es ivivd aber dazu nicht kommen^ Matlschll, denn wir sind über das Zeitalter des laissez-faire, laissez-aller lättgst hinaus. Entweder dn oder wir ... ich hoffe, wir. Zum Schluß, Matrschl, will ich dir noch eilte Geschichte erzählen: Es war einmal ein Man» and es ist > nicht lang her, daß er nicht ist. Ich schreibe > feinet' Namen nicht nieder, weil ich ihn! nicht in! einem; Atem mit dem deinigen nennen! mag. ' Wen» ich aber hinziifüge, daß dieser Mann dich ’ entdeckte, beschrieb und benamste, so wirst du ' wohl wissen, weit ich meine. Dieser Mann nun hat dir einmal die Geschichte vorn, Teil und fcA* nein Sohn erzählt. Und er machte dich ans den zwei ten Pfeil aufmerksam, der in unserem Köcher liegt. Dieser Pfeil, Maufchl, ist noch nicht abgeschnellt. Aber er wurde in de» letzten Jahrengeschärft und geschliffen. Maufchl, nimm dich in Acht! Pfeile sind wie Worte, schnellt imm sie ab, dann können sic nicht mehr zurück. D. Rb. Das Wunder auf dem Judenfriedhos. Von Klemens Jnnosza. Deutsch von S. Horowitz. lFortsetzung.) „Ein gewöhnlich kleiner Hügel, luie Sie deren so viel rings mit! Lublin sehen. Dieser ganze Hügel, vielleicht beinahe ganz., hat immer dien Jttden gehört. Nur ein kleines Grundstück war in anderen Händen. Die Juden legten auf dem Hügel einen Friedhof an — und dieser Christ, zn welchent das aitdere Grundstück gehörte ..." „Pater Zuziewicz." „Soll er Zuziewicz geheißeu haben - - genug-, daß er eine Kirche erbaute. Ans einem WiMhhir I «•••ordlchU QorucMo*! Reform -Scbwefesblälier