Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 74 (19.10.1906)
- Date
- 1906-10-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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MtmcheitM Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. Erscheint jeden Dienstag «nd Freitag. Eigentum einer Sozietät. — Herausgeber und Chefredakteur: Jakob Kraus;. Inserate übernehmen die Firmen: 3. vanneberg, M. vukes Nachfolger, l>aasenstein & Vogler, Nudolf Mosse, M. pozlonqi, 0. Schalet in Wien ferner alle Annoncen. Expeditionen im auslande. Einzel - N«mmer in Wien ilS Heller. Administration: Telephon LlbonnemeutS-PretS r Für Wien n. Oesterreich» Ungarn f. Frankozustelluiig: Ganzjährig . . . . K 1«. - talbjäbrig . . . . K ierteljährig . . . K 8.- Für daS gesamte SluSl d Ganzjährig . . . K iS IS IX/1, Wasagasti: 81. Nr. 11723. Preis der Anzeigen: Die bmal gespült. Nnnpareillezeile oder deren Raum 12 fa. „Etngesendet' die 3spa>tige Ronparcillezcile 50 Heller. Bet mehrmaligm Aufträgen entbrechender Rabatt. -N Vedalttion: IX/i, Wafayaste 81. Telephon Nr. 14723. Tprechfinnden: An Wochentagen von 10 bis 12 Hhr vorm. Postadresse: „Nationalzeitung" Wien, JX|l. 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Wir nannten die Namen der Mitglieder dieses Komitees: Lord Rothschild, Oskar Straus- Newyork, James S i m o n und Paul Nathan- Berlin und Professor Mandel st n m m - Kiew. Seit vielen Jahren ist keine Mitteilung von dieser Wichtigkeit, keine Meldung von solcher Tragweite in die Oeffentlichkeit gedrungen. Nicbt nur die Tatsache allein, daß ein solches Komitee gebildet wurde, ist für die künftige Geschichte der Juden von eminenter Bedeutung, sondern noch mehr der Umstand, daß gerade die oben genannten Männer für die wichtigste und bedeutungsvollste, und gleichzeitig verantwortungsvollste Ailfgabe, die das Judentum momentan zu lösen hat, gewonnen wurden. Welche sind eigentlich die Aufgaben dieses Komitees? Zunächst wohl festzustellen, welches der dermalen in Betracht konngendön Gebiete in politischer, kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht am geeignetesten erscheint, ein jüdisches Territorium „i m Sinne des Programm es der Jto" abzugeben, und welche Mittel in Anwendung zu kommen haben, um das Programm der Jto auf diesem Gebiete zu realisieren, und nicht zuletzt, welche Wege ein geschlagen werden müssen, um in den Besitz dieses als bestes anerkannten Territoriums im Sinne des Programmes der Jto, zu eriverben! Wir legen besonderes Gewicht auf die Betonung der Hauptbedingung, daß alle Arbeiten, alle Unterhandlungen und alle Abmachungen dem Programme der Jto angepaßt, beziehungsweise im Sinne dieses Programmes abgefaßt sein müssen. Und ein wichtiger, grundlegender Punkt des Programmes der Jto ist, den jüdischen Siedlungen auf dem jüdischen Territorium eine möglichst weitgehende politische, kulturelle und wirtschaftliche Selbstverwaltung zu sichern, d. h. das Baseler Programm 7 eventuell außerhalb Palästinas zu verwirklichen. Und diese große, schwere Aufgabe haben Persönlichkeiten auf sich genommen, die in der großen Weltpolitik eine bedeutende, aktive Rolle gespielt haben, und zum Teile noch spielen, — Oskar Straus wird bei Besetzung eines Ministerpostens in den Vereinigten Staaten, in ernste Kombination gezogen — diese wichtigste aller Aufgaben, die heute ans der Tagesordnung stehen, haben Männer übernommen, die während ihres ganzen Lebens sich daran gewöhnt hatten, die Möglichkeitsgrenzen einer Aktion genau zu erwägen, ehe sie sie in Angriff I nehmen und mit ihrem Namen decken,! Männer, die wohl ein warmfühlendes Herz für ihre bedrückten Stammesbrüder haben, aber, jedem Abenteuer abhold, gewohnt sind, das Herz unter die Kontrolle des Verstandes zu stellen, mit einem Worte Männer, deren Mitarbeit das beste Zeugnis dafür ist, daß die Bestrebungen der Jto keine Utopien, keine Projektenmacherei auf weite Sicht sind, sondern eine ernste Arbeit, die mit dem erforderlichen Ernst, und mit der durch die Umstände gebotenen Dringlichkeit gemacht wird. Aber noch eine erfreuliche Erkenntnis ergibt sich für uns aus der Zusammensetzung des Komitees. Es ist die Erkenntnis, daß die territorialistische Bewegung in Israel Zangwill einen Führer besitzt, der vollkommen auf der Höhe der schwierigen Situation steht und alle Eigenschaften besitzt, die begonnene Arbeit zu einem' gedeihlichen^ Ende zu führen. Z a n g w i l l ist kein Freund der geräuschvollen Agitation, über dieses Stadium der Dinge sind lvir längst hinaus. Mit kluger Taktik versteht cs Zangwill, alle Faktoren des Judentums für die Ziele seiner idealen Bestrebungen dienstbar zu machen, ohne seine Führerschaft zu betonen, ohne anderen seinen Willen aufzudrängen, ohne absoluter Herrscher in einem Staate, der noch nicht existiert, sein zu wollen. Schritt um Schritt dringt Zangwill zielbewußt vorwärts, stückweise räumt er die Hindernisse aus dem Wege, um die Bahn frei zu machen, für die Erlösung der bedrückten Volksmassen. Feuilleton. Manscht als Resor««t»r. Manscht ist Antihebmist. In einer bedeutenden jüdischen Repräsentanz, deren Mitglied er lei'dsv ist, hat er es öffentlich erklärt: „Was? Hebräisch?! Das ist ein toter Plunder!" Und wenn man auch dabei nicht war, man kann sich trotzdemden Moment haargenau vergegenwärtigen. ES wurde gerade über Erziehungs- Wesen beraten. Es sprach Der und Jener mit mehr oder weniger einschlägiger Fachkenntnis. Manschl kam noch nicht zu Wort. Da er aber gewöhnt ist, seine Nase auch dort hineinzustecken, wohin sie nicht gehört, so rutscht er ungeduldig ans seinem Stuhle hin und her. Endlich darf er sprechen- Er springt hastig auf (Manschl hat keine Manieren), schiebt seine Unterlippe vor, wird über die Ohren rot, steckt den Daumen ins Armloch zwischen Gilet und Hemd und — schimpft. Manschl ist nämlich in allen Lebenslagen gemein. Nichts Menschliches bleilbt ihm n i ch t fern. Ob er als polnischer Jude mit krmnmem Rücken vor seinem Pnrez steht oder ein westlicher Kaufmann ist, ob er mit alten Hadern oder Wertpapieren' Cjaubett, ob er den Schlachzizen oder die russische Regierung bewuchert, ob er schmutzige oder reine Wäsche trägt — sein Inneres ist von gleichmäßiger Schäbigkeit. Am Mangel jeden, Feingefühls, am vollständigen Fehlen jeder Rücksicht auf nationale Ehre und Tradition ist er und fein Genus sofort zu erkennen. „Ehre, was kaufe ich mir davor?", das ist seine Devise. Bitte. Ueber das Thema, ob die hebräische Sprache tot oder lebendig ist, ob sie für den Schulunterricht zu empfehlen ist oder nicht, läßt sich reden. Warum denn nicht? Wenn man von einem, an, der Spitze eines größeren Kapitels stehendenkatholischen Geistlichen ruhig behaupten kann, -daß er in der Lage sei, einen beliebigen Satz ins Lateinische zu übersetzen —daß es ein westlicher Rabbiner ms Hebräische zu tun imstande ist, wird wohl niemand wetten. Von den Männern aber, die in den jüdischen Repräsentanzen Sitz und Stimme haben, darf man Ivohl oder i'iM nicht mehr verlangen als von ihren S e e l s 0 .u g e r n. Sie sind in kleinen Städten Krämer, in großen kaiserliche Räte und stehen zur hebräischen Literatur in einer Beziehung wie zur japanischen oder chinesischen. Von der Tatsache, daß in Rußland Tageszeitungen, Monats¬ und Wochenschriften erscheinen, daß Verlags-! anstaltvn wie „Tuschiah", „Achtasaf", „Mortah" den Markt mit hebräischen Büchern überschwommen, wissen! sie gerade soviel wie von Boltzmanns H-Th eurem. Daß in; den palästinensischen Kolonien 'hebräisch gesprochen wird — geht sie übrigens nichts an. Warum sollen sie da die hebräische Sprache für lebendig halten? Warum soll da nicht 'gestattet sein, diese nie gekannte, nie verstandene, nie gehörte Sprache für tot zn erklären? Ist man! aber mitif den Standpunkt angelangt, daß das Hebräische tot ist, daß es nicht einmal wie das Lateinische einen speziellen wissenschaftlichen Wert hat, so ist es nur noch ein Schritt zur letzten, Konsequenz, nämlich der Entfernung dieser überflüssigen Disziplin aus dem Schulunterricht. Denn, dort, Ivo höhere Interessen nicht im Spiele sind, dort, Ivo es keine Ideale gibt, wo dos Zentrum der Urteils sphäre das eigene Ich ist, gilt das Wort als Grundsatz: Was mir nicht nützt, das schadet mir. Das alles kann ruhig und schön gesagt werden, wie jeder andere Unsinn. Aber, toter Münder! Da liegt doch die Sache etwas anders. Man wird verlegen. Ist das möglich? Hat sich Manschl so weit vergessen? Allerdings, er kann für vieles nicht, was er sagt, 'denn seine Aeußerungen sind nicht WM- Die nächste Nummer erscheint Dienstag den 23. Oktober.