Mannheim
Compact Memory

Nationalzeitung · 1906-10-09 · Heft 72 (9.10.1906) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 72 (9.10.1906)
Date
1906-10-09
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2429839-2429840-2429912--517-2430635
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Seite 4 Nationalzeitrmg Nr. 72 der Vereinigung immer davon durchdrungen waren, daß es die Pflicht der Leitung sei, dafür zu sorgen, daß mildere, humanere und gerechtere Grundsätze im Strafrecht Mer Staaten zum Dmrchvruch 'kommen! Fns>be!svndere kann es nicht den Wünschen der belkan niesten rrnd bedeutendsten Persönlichkeit in der Bereinigung, nämlich des als aufgeklärt und liberal bekannten Professors v. Liszt-Berlin entsprechen, daß eine Herrschaft härterer und gehässiger Grundsätze in Vorschlag gebracht wird. Man mutz darum fast den Mndruck gewinnen, als ob die Vereinigung von einigen Leuten hinters Licht geführt ist, und ihrer Gutgläubigkeit, ihrem Vertrauen' zn 'dem Liberalismus aller Mitglieder zum Opfer gefallen ist. Dieser Eindruck läßt sich' nun einmal nicht verwischen, denn als den fundamentalen Grundsatz, mit dem der Referent seinen, -um Beschluß erhobenen «Antrag zu begründen suchte, stellte er die obenerwähnte Forderung auf: ,>Wir Müssen unser Bokk rassenrein von fremden Bestandteilen halten!" Dieses scheinbar so stolze Postulat besagt mehr als stundenlange Reden und dicke Bücher. Wer ein solches Argument bei der Begründung einer gesetzlichen Regelung der Auslieferiungspolitik anführt, der läßt dadurch erkennen, daß er keinen Funken von Humanem Gefühl und modernem Empfinden besitzt, und nur darauf ansgeht, das, was andere ,/Beamtenlaune!" oder „Willkür der Verwaltung" nennen mögen und darum beseitigt zu sehen wünschten, sogar Äs ins Unendliche ausgedehnt m wissen. Denn wenn jemand zur Begründung eines Ausli-eferungsgesetzes die Raffenreinheit des Volkes fordert, 'so heißt das nichts anderes, als daß er den ^Beamten, allerdings mit 'besserem Recht als bisher, plein pouvoir, also Generalvollmacht geben will, alle Ausländer in allen Fällen, auch wenn nach heutigen Begriffen kein Grund hierzu vorhanden ist, auszuliesern, also das System der umfassendsten Menschen- und zumal Ausläuiderseindlichkeit einszuführen' -wünscht! Denn! nur -dann ist eine „Rassenreinheit" was man so bei uns nennt, möglich, wenn man die Grenzen! Hermetisch jedem, der im Verdacht steht, einer anderen Rasse anzugehören, verschließt und dann, wenn trotzdem Ausländer Mittel und Wege ausfindig gemacht haben, um in unser Land einzudringen, auf Grund gesetzlicher Handhaben sie mit dem Anschein, sichauf gesetzliche und 'darum gerechte Bestimmungen stützen zu können, wieder nach dem Herkunstslaude zuvückstoßen zu 'können. Und dem Mann, der eine solche sonderbare Moral, die wirklich schon einen stark komischen Anstrich -hat, innerhalb einer angesehenen juristischen Vereinigung vertritt, ist von dev GeneralvÄrsammlung der Vereinigung der Auftrag erteilt worden, den Entwurf für ein Zluslieferungsgesetz auszuarbeiten. Das heißt dochwirklich, den Bock zum Gärtner einsetzen, und man muß gespannt sein, was aus einer solchen Arbeit herauskommen wird, wenn ein Rasfeuseind und ein Rasse nischnüffler mit der Ausführung betraut in spanischer Sprache, die in vielen Gemeindürr im Gebrauch war, wollte er nicht Anlässen. J'säk ben Scheschel war ein sittlich gehobener Charatter, eine milde Persönlichkeit rrnd brachte öfter sein persönliches -Interesse denr all ge me inen Interesse und dem Frieden zum Opfer. Er war in seiner Werse ein eifriger Verteidiger des Talmud, wie es Reuchlin von seinem Standpunkte war, und wie Gabriel Riester verteidigte er als integrer Charakter rrnd ganzer Manu auch den unwesentlichsten Brauch des Jlchentums. Das war der instinktive Kampf gegen die Assimilation. Er sah wie die philosophische Richtung eines Maimonides und Gersonides gx-gen deren Witten bei den Schülern einen Anschluß an die Zeitrichtnng urrd eine Geringschütznng -des Judentums zur Folge hatte, so fühlte er sich berufen, den jüdischen Geist den Juden Spaniens zu erhalten und sie dem Modernen -ferne zu halten. Nach dieser Richtung ist der Mann R. Jsak ben Scheschel zu feiern und zu würdigen, er stand feindlich allen Assimilationsbestreb nngen gegenüber, die in Spanien damals ebenso wie bei uns zu Lande überhandnahm, und er wollte durch die Macht feiner Persönlichkeit durch seine ganze Autorität -den jüdischen Geist den Inden Spaniens retten und erhalten, darum ist er, äbgefc-lien von seinen Mitteln, unser Mann, wert, die Wiederkehr seines fünshnndertsteil Todestages in Erinnerung zu bringen und im Gedächtnis des jüdischen Volkes zn erhaben. worden ist. Die Nutzanwendung der Verkupplung der lAusliefierurtgpolitik 'mit der Raffentheorie auf die jüdische Bevölkerung liegt leider nur -zu nahe, rrnd dabei denken wir vorzüglich an unsere armen rufstschen Glaubensboüder, die um ihrer Religion und vielleicht auch um ihrer Rasse willen den ungeheuerlichsten Graüsam'keiten, Mord und Totschlag, Verstümmelung und Vernichtung durch Feuer, -Schwert und Kanonen ausgesetzt find und deren Jammer znm Höchsten schreit. 'Schon jetzt, wo sie ihres Lebens in Rußland nicht sicher 'sind und in Scharen zur Flucht, -zur Auswanderung getriüben werden, finden die gehetzten Seelen kann: noch irgendwo ein Asyl, auch nicht in Deutschland. Dionn wenn sie sich hier wirklich uiiederzulassen suchen und eben einen Rnhepuukt -gesunden zn haben glauben, dann ereilt sie der -Ausmeisungsbefehl der Polizeibehörde, und sie wissen wieder nicht, wohin sie den Müden Fuß setzen sollen. Wenn es erst ein Auslieferun-gsgefetz gibt, wie es der Referent der Internationalen Kriminalistischen Vereinigung" sich zum Ziel setzt, dann -werden alle diese Flüchtlinge lind Einwanderer per Schub an die Grenze gebracht und ihren russischen Henkern ausgeliefert werden. Dann wird sich schon so, wie es heute unter den Ausweksungsbestimmungen Preußens eine Handhabe zur Entfernung unschuldiger russischer Juden gibt, auch -unter den Aüslieserungsvorschriften eine mit dem- Mantel -des' //Gesetzmäßigen" umhüllten Paragraphen geben, auf den sich die über jeden Vorwurf erhabene, einst sogenannte BeamtenwMür stützen kann. Der russische, ja -überhaupt der ausländische Jude wird seine Nasse nicht verbergen wollen und nicht verbergen 'können, und 'so wird -man dann dem schlimmsten Antisemitismus frönen können, ohne 'sich dem Verdacht aussetzen zu Müssen-, -unter dieser häßlichen Krankheit zu leiden. Wer die Auslieferungspolitik mit der Rasse -verzwickt, der ist nicht dazu geeignet, Gesetze zu schaffen, und es ist wirklich tief betrübend, daß hier in der freien Stadt Frankfurt, wo ein so -großer Mensch wie Goethe gewandelt, derart engherzige Anschauungen ausgesprochen und in die Welt -gesandt werden, zudem noch von einer Vereinigung, welche den Ausgleich der nationalen und politischen Gegensätze sich zur Au'-fgäbe gemacht, aber durch den Mängel an Sorgfalt in der Auswahl ihrjer Referenten bez'w. Bearbeiter leicht den guten Namen, -den sie sich bisher gemacht hat, verlieren kann, wenn nicht vom Vorstand noch nachträglich ein Machtwort gegenüber dem Raffenhetzer -geredet wird. Von der Jto. Von den Wiener Jtoisten. Samstag 'den 6. ds. fand im Vereinslokale 2. Bez., Floßg. 9, eine Versa'm-mlnng statt, die sehr -gut besucht war und der auch Vertreter vieler jüdischnationaler Vereine beiwohnten. Gg. Schmidt wies in seiner einleitenden Rede -ans das Chaos hin, das gegenwärtig in der Judenfrage herrsche, und berichtete ausführlich 'über die bisherigen praktischen Fortschritte der -Bewegung. Er unterzog die vielsachen Erniwände der Gegner einer -gründlichen Kritik, und schloß -mit der Aufforderung, energisch .Kl agitieren. Schließlich brachte er eine große A'njzahl von, ZustiniuiilnaSktindgebllllgen von vielen Gruppen Oesterreichj-Ungarns ^besonders Galiziens) zur Verlesung, ans denen klar ersichtlich ist, wie tief die Idee Winrzel gefaßt hat. Ans einigen Städter: tarnerr auch schon- Meldungen von bereits 'konstituierten „Jto"-Vereinen. Die bisherigen Ergebnisse übertwffen unsere kühnsten Erwartungen rnid ihre Beröfsentlichnng wird gar große Ueberraschnng erregen .... An der Diskussion beteiligten sich auch die Delegierten verschiedentlicher Verbindungen, und gaben, alle die Erklürrrrrg ab, daß ihre Vereine dem Territvrialismns sehr freundlich gegeüüberstehen, und zur Mitarbeiterschaft gerne -geneigt sind. Es ist jetzt unsere Aufgabe, mit diesen Vereitle» behuss praktischer Durchführung in. Verbindung zu treten.... Die Kampsesweise des Ausschusses der ,/Poale Zion", Wien, erfuhr eine gründliche Beleuchtung. ES kanr auch der Fall des Gg. Zindwer zur Sprache, dender genannte Ausschuß betauiltlich d'e'shalb aus dem Verein ansgeschlossen hat, tveil er ben Obmann eines Brlinner Vereines in einein streng privatcu Schreiben ersuchte, sich, für die territvrialistische Agitation einznsetzen. Betreffender ist ein langjähriger Freund des Gg. Zindwer. Die „Pvale Zion" schrie über Verrat! Die richtige Darstellung ideÄSachverhaltes zeigt allerdings, daß GglZindwer völlig korrekt und ehrlich vorgegangen ist, was die Großinquisitoren der ,-Poale Zion" nicht begreifen konnten .... Wir könnten noch -mancher Fälle -Erwähnung tun, die deutlich illustrieren, daß es die Absicht der „Poale Zion" ist, sich uns gegenüber irr der Wahl von Argurnenten und Kampfmitteln keinerlei Zwang anfznerlegen. Möge die „Poale Zion" mit «der begonnenen Methode nur fortfahren! Wlir werden aber nach wie vor ruhig, sachlich und le'idenfchaiftslos vorgehen, wie es eben eine Partei tut, die sich der Bedeutung und des Ernstes ihrer Politik bewußt ist... —a—' Zionismus und Territorialismus. An anderer Stelle bringen wir einen Artikel des Herrn Dr. Jeremias- Posen über die m oralischenEr folge de rJto. Wie zutreffend die Auffassung des Herrn Dr. I e r e m i a s in der Sache selbst ist, möge ein Artikel beweisen, der in der jüngsten Nummer des „American Hebrew" erschien. Der „American Hebrew", ein in dieser Frage völlig unparteiisches Blatt, schreibt im Verlaufe seines Ueberblickes über das eben abgelausene Jahr 6666 unter der Ueberschrift „Zionismus und Territorialismus" folgendes: „Von den Vorfällen, welche die Inden sämtlicherLänder gleichmäßig interessieren, muß die Tatsache hervorgehoben werden, daß der Versuch, einen jüdischen Nationalrat, bestehend aus den Vertretern der größeren Organisationen („Alliance Jsraelite", „Jca" usw.) zu schaffen, vorläufig als gescheitert betrachtet werden muß. Die Brüsseler Konferenz verlief resultatlos, vielleicht aus den: Grunde, weil die Initiative zu derselben vom Aktionskomitee der zionistischen Bewegung ausgegangen ist. Die zionistische Bewegung hat während des verflossenen Jahres kaum einen nennenswerten Fortschritt gemacht, wenn sie nicht gar, dank der internen Streitigkeiten unter den verschiedenen, in ihrer Mitte bestehenden Richtungen, eher manchen Rückschritt zu verzeichnen hat. Viele praktisch denkende Mitglieder der zionistischen Bewegung sind Mr. Israel Z a n g will gefolgt, indem sie die Jto begründeten, deren erste Jahreskonferenz am 1. August stattfand. Diese neue Bewegung erfuhr durch den Anschluß aktiver und praktischer jüdischer Staatsmänner, wie Richter Mayer Sulz b e r g e r, Honorable Oskar Straus und Lord R o t h s ch i l d eine bedeutsarne Stärkung, und es gelang selbst, Mr. Lucien Wolf, bis noch vor kurzem einer der Hauptgegner des Zionisnuls, zur Mitarbeit zti gewiuneiu Die konkreten Pläne der Beloegung lverden vorläufig geheimgehalten, und bevor diese nicht bekannt werden, erscheint es uns nicht augezeigt, über die Aussichten der Beivegung ein endgültiges Urteil abzugeben. Vn; Zangwill ist jedenfalls fiir die imposante Liste bedeutender Nainen, welche er dieser Gruppe der zionistischen Be)vegung zuzuführen verstanden hat, 31t beglückwüisicheu. Vom Zentralkomitee der jüdisch-territorialistischen Arbeiterpartei in sttuffland erhalten lvir folgenden Sitilatioiisbericht: Unsere Organisation ist noch unter dem R'ameu „P 0 a l e Z i 0 \i - T e r v i t 0 v i et l i st c n" bekannt, und bitten wir festzli-stelleu, daß die Partei nunmehr den offiziellen Titel: „I ü d i s ch - t e r r i t 0 r i a l i st i s ch e A r b eite r Partei" führt, i Wurde von uns schon registriert. Redaktion.) Unsere Partei ist inallen Städten und Städtchen des jüdischeu Ausiedluugsgebietes in ^Rußland verbreitet. Besonders gilt dies von Littauen, Polen und Südnißlaiid. Die stärksten Organisatiolnm besitzen lvir a) tu Littau e n: Wilna, Minsk, Bialystok, hjrodno und Bobruisk; b) in Pole n: nahezu in säuülicheu Orten; die größten in Warschau, R'adauu, Lotuscha, Sttlvalki, Maricnnpol ustv. Zu diesen genannten Städten gehören ausgedehnte Rayons von verschiedenen kleineren Orten, in. welchen Ortsgruppen unserer Organisation bestehen; es sind dies insgesamt 100 Ortschaften mit einer Zahl von 10.000 orgauisierten Mitgliedern. Ueberaus verfügen wir über eine große Zahl von Arb-eiterit, die unter unserem Einflüsse stehen, aber aus verschiedenen Oirnnden sich noch nicht offiziell unserer Organisation angeschlossen haben. Unsere Organi-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.