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Nationalzeitung · 1906-09-28 · Heft 70 (28.9.1906) · p. Seite 4

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 70 (28.9.1906)
Date
1906-09-28
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nationalzeitung Nr. 70 die nationalen Leidenschaften Her Griechen! wachzurufen. Zum Ueberfluß hat bereits vor einigen Jahren Her damalige Leiter -es britischen Kolonialwesens sich in diesem Sinne mit aller Deutlichkeit einenr hervorragenden jndrsch-engli schon Politiker gegenüber mtsgesprochen. — Nun sitzen di« armen Leute mit ihren Jamilten ratlos in Konstantinopel und zehren ihre zu «Geld gemachte Habe aus. iDr. Emil S i m o n s o n. Von -er Jto. Zionismus und Territorialismus. Unter diesem Titel lesen wir in der „Monatsschrift der Oesterr. Jsr. Union": In -der jüngsten Nummer der ,/Fortnightly Revien/' finden wir aus -er -Feder Israel Zangwtlls eine hochinteressante Ilbhan-lung über die ,Fto"-Bestrebungen. Als nämlich -er Kolonialminister Lyttleton im September vorigere Jahres das Ostafrika-Derritorimn dem Bereiche der ,-Jto"-Pläne entzog, war die Konsternation im Lager der Territorial isten nicht gering, und gar viele der großen Gemeinden fürchteten nunmehr das en-gültige Scheitern der ganzen wegnng. Nur Israel Zangwi-ll verzagte nicht. Er richtete an alle bedeutenden Literaten Englands eine Rundfrage über ihre Wohlweinung bezüglich Her- „Jto"^Bestrejbungen und veröffentlicht nun in den Spalten der „Fortnighily Review" die eingelangten «Gutachten, der Zahl nach fünfundzwanzig. Sämtliche Gutachten stammen von englischen Schriftstellern, mit Ausnahme eines einzigen, dessen Verfasser «der Ungar Armin -Vambery ist. Professor Vambery gibt vor allem Aufschlüsse über die Vorgeschichte der so großes Aussehen erregenden -Audien'z Dr. Herzls beim Sultan. „Es war," erzählt er, „ein Langer Kämpf und eine schwere Arbeit, bevor es mir gelang, die Besorgnisse -es im höchsten Grade mißtrauischen Herrschers der Türkei ,;u zerstreuen und die gegen m>ich gerichteten geheimen Machinationen zu durchkreuzen. D>.'m> Sultan wurde in die Ohren geflüstert, -aß niein Vorschlag einem geheimen Anschlag auf seine Machtstellung in Palästina gleichkäme und daß die reiche Jndenschast Europas und Amerikas es darauf abgesehen habe, das den Christen und Mohammedanern gleich teure Land an sich zu reißen." Nun berichtet Professor Vambery, wie es ihm endlich gelang, Dr. Herz! 'beim Sultan -doch einznfnhren. „Leider aber," ruft Professor Varnbery resigniert aus, „hat mich mein von allem Anfang an bekundeter Pessimismus nicht getäuscht, das Endergebnis «der Herzlichen Intervention war ein vollständiger Mißerfolg. Der Sultan war wohl geneigt, jüdische Kolonisten nach Mesopotamien zuzulassen, aber für die Frage eines Privilegienbriefes von längerer Dauer, sür die Etablierung von jüdischen Kolonien in großem M'aßstabe — Pläne, sür die sich Dr. Herzl besonders exponierte — Hatte der Sultan stets nur ein taubes Ohr." Die Aversion der Türkei gegen die Verwirklichung der zionistischen Idee hat nach Professor Vambery mehrere Gründe. Vor allem fürchtet der Sultan diplomatische Komplikationen, die sich daraus ergeben könnten, daß sich die jüdischen Kolonisten — ebenso wie dies heute die christlichen Bewohner, besonders in Armenien tun —> wegen der türkischen Mißwirtschaft bei den fremden diplomatischen Vertretern beschweren könnten. Andrerseits ist Palästina nicht ödes, herrenloses Land, sondern von Arabern, Türkei: und Christen bewohnt, so daß im Falle der Etablierung der jüdischen Kolonien die heutigen «Einwohner verdrängt werden müßten. Endlich sind auch Hindernisse religiöser Natur vorhanden. „Ich gebe gern zu," sagt Professor Vambery, „daß die Idee, die Kinder Israels um Zion zu vereinen, einen jüdischen Staat zu schassen, gewiß sehr poetisch und sehr stolz ist, und ich verstehe vollkommen den Enthusiasmus, welchen diese Idee in -den Herzen lder armen, geknechteten und mißhandelten Inden zu erregen vermag. Doch wir sollen der Schwierigkeiten eingedenk sein, und anstatt Luftschlössern nächzUjagen, wäre es inr Interesse des grausam verfolgten Teiles der JUdenfchaft viel Nützlicher, wenn «wir den praktisch durchführbave-ni Plan der „Jto" adoptieren würden, der wohl arm an poetischen Attributen ist, jedoch die Lösung der Indens frage um «in ganz Bedeutendes vorwärtsbrulgen würde." Aehnlich wie das Gutachten! Professor Vamberys, klingen auch die übrigen, die Zangwill im Rahmen seiner ,-Fortnightly RMiew^-Studie «über die ,/Jto" veröffentlicht, wohl -der Beweis -dessen, daß der Zionismus in seiner alten Form nur idealen Inhalt besitzt, daß dagegen die modernisierte Form d?s Zionismus die „Jüdisch- Territoriale Organisation" ist, der die Zukunft gehört. Deshalb darf die« ,^Jto"-Gemeinde und die agitatorische Tätigkeit der von Zangwill geleiteten! „Ter,rttovialisten" nW unterschätzt werden. Warschau. Das Warschauer „Jüd. Tagbl." meldet aus B i a l y st o k: Vor einigen Tagen weilten hier zwei jüdische Damen aus England, Miß G o l d s m i t h, die Tochter des verstorbeiicn Colonel Goldsmith, und Miß C o w e n, die Schwester des Bankiers Cowen aus London. Die Damen ergriffen die Gelegenheit, sich mit den Arbeiten der hiesigen t e r r i t o r i a l i st is ch e n Organisation bekanntzumachen. Beide Damen erklärten, daß sie keine Ahnung davon gehabt hatten, daß die territorialistische Bewegung in Rußland eine so starke, alle Bevölkerungsschichten umfassende Ausdehnung genommen habe. Die Damen gaben die Versprechung, ihre Erfahrungen in London an maßgebender Stelle, wie auch in Versammlungen weilerzngeben. Die Lehre von Brody-Jloezov. Am« besten' wird die letzte Wähl in Brody- Zloczvw durch einen- Ausspruch charakterisiert, den der abgeblitzte Kandidat Dr. K o li scher einem unserer Geffnünngsgenoffen' gegenübergetan hatte. Er sagte: Ich wußte, wenn ich zu den Rationaljuden ikvmme, so -werde ich es mir anderepi Juden zu tun haben als gewöhnlich, aber das, was ich -an Hingebun-g, -Eifer und Fähigkeit gesehen habe, -Wertvifft -alles, was ich mir vorstellen «konnte. — In Brody und Zlvezow herrschte während -der -Dauer der -Agitation und am Wahltage selbst eine geradezu mystische Stimmung, so sehr war — von der Jugend abgesehen, die alle wie -ein Mann «für -dennationalen Kan-diid-aten eingetreien waren — die ganze jüdische Bürgerschaft von -der Wichtigkeit -des Angeüblicks erfaßt. Sie verspürten den FLügelschlag einer neu herangebrochenen Epoche und es erwachte in ihnen -der alie Juden stolz. -Und -dennoch? . . . Dennoch ist Ado'Lf Stand niicht gewählt worden. Wir können, ja wir dürfen es uns nicht versagen, den Motiven dieser Niederlage nachzngehcn,- denn gerade diese Wahl hatte eine -solche deutliche Verschiebung der bisher wirksamen -jüdischen Kräfte gezeitigt, sie hat uns mit solch deutlicher- Faßbarkeit -den Einfluß -dev im modernen Judentum wirkenden und das -ganze -Judentum umgestalteten! Ideen anfgezeigt, daß wir es als Leichtsinn empfinden würden, -an diesen Tatsachen- Vorüberzugehen, ohne daraus die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. « Wie schaute es zunächst i-m gegnerischen Lager aus und über -welche Kräfte verfügten sie, n-m den nationalen Kandidaten zu Falle bringen zu können? -Wir saihen sie an -der Llrbeit, diese letzten «Mohikaner -der absterbenden Generation, und es stieg rins die Schamröte ins Gesicht, -iveil sie selbst moralisch so tief gesunken sind und zu den' verwerflichsten Mitteln griffen, nn> nur ja nicht die ihren Händen sich entwindende Macht zu verlieren. Zu den alten, üblichen, erprobten Mitteln der Korruption, Wahlbeeinflussung, «Stimnlenfülschun«, kam noch ein zweites Miöment hin zu: das der offenen Verbindung -mit dem chnliganenha-ften Allpblentu'm 'lvnd dessen «Organ, -dem berüchtigten „Slowo polskie". «Dieses saubere Organ hatte die freche Stirn, am Vortage der W-ah-l den Inden zu drohen, daß -sie russischen Zuständen entgegengingen, falls sie nicht ein Stimnlvie«h in den PvleNklub entsenden. Und die objektive Negierung «setzte Himmel n«nd Höllein Bewegung, um der: Sieg eines selbst- und volksbewutzten Inden zu verhindern. Der 'Steueramtsinspektor faß beim Wahlskrutrninm und kontrollierte genau, sür welchen Kandidaten -der Wähler sich entscheide. Das heißt mit anderen Worten: „Du, Wähler, du beikomimst morgen den Exe-kutvr n-nd Sequester ins Haus, wenndu nicht derrjenige,::, wählest, den zu wählenich dir befehle." Das nennt man ehrliche Wahlen' und dazu gibt sich eine -k. k. österreichische Mgieruug her. Und -um mit größerem Nachdruck seinen Willen «knndzntnn, wurde irr den harmlosen und ruhigen jüdischen Städten Brody und Zlovzow je eine Kompanie Soldaten- -mit ansgepflanztem Bajonett zur Wahlurne entsendet. -Was uns aber ganz besonders auffiel, -war -der merkwürdige Uimstan-d, daß sämtliche polnische Organe, ohne Unterschied -der Parteistellung, von- -dem rötesten „N a p r z o d" «über den ,-K u r y e r Lwows k i", das Organ der polnischen Volkspartei, hiuwos, bis zum Organ der Stan-ezykem, «de«m „C z a s", und dem «Blatte des -katholischen Zenirnrn, de-m ,M l o s N a r o d u" äUfmärts, alle im Chor einen publizistischen Kreuzzttg gegen denjüdischen Nationalismus nnd dessen K-an-didaten unternahmen. Die Losung war ausgegeben: Polen' ist in -Gefahr, «wenn tein liebedien-eri'scher, kriecherischer Hausjttde -des Polentums gewählt «werde. Alle jerve, «welche den meisten Lärm erhoben hatten, als die Stanezy-ken -ihre «Wahlmittel gegen- -si-e benützt haberl, verloren auf eiiunmil jedes Gefühl fitr diese «schreiende Vergewaltigung, -die an dein -Willen der Brodyer -u-nd Zloczower Wählerschäft altsgeübt wurde. Unter den Polen fand sich ein einziger, -der Abgeordnete' Breiter, «der mutig und offen, mit dem ganzen E-in'satze sein-er -Persönilichkeit -für -den zion«i'stischen Kandidaten erntrat. Daraus ersehen wir, daß die Polen, -die für -ihre eigene nationale Existenz «nrit allen- Mitteln den Kampf 'führen, weder gewillt -noch «lnoralisch inl-stande sind, einer an-ch von ihn«e-n> anerkannten' -Nativn-ailttüt das Recht auf nationales Leben zuzuerkennen. D'as lverden sich -die Juden inerken müssen und danach ihren Kampf einrichten. Facta loquntur. Wir müssensie erst, vor vollzogene Tatsachenstellen und dann wird sich eo ipso -das gegen-seitige Verhältnis u«mgestalten! nrüssen. Trotz dieses gewaltigelt Kesseltreibens vermochten «sie nicht den Willen «der Juden! merklich zu 'beeinflussen und es wäre trotzdem -Stanid gewählt worden, wenn nicht z-ltletzt die toten- Unid Nicht -wahlb-crechtigteü Inden zu Hilfe -genommen wären. Aber u-ns interessiert in erster Linie die Haltung der Inden selbst. Diese erwies sichvom ersten Augenblicke dom nationalen Programim gewogen, -ja sogar d'iejerrigen Kreise, welche bis! zuletzt in Älssimilationspolttik -machten, erklärten sich für -das n-ation-ale Progvam«m, «verlan«gten aber unerklärlichorweise den -Eintritt des Kan-didaten in den Polenklnh. Und Herr Dr. Koli scher erklärte den« Zion«isten im- «Namen «des Polenklub, daß er für die Wahl Stands ein!stehe, -wenn Stand „unbeschadet feines zionvsti-- schen und streng feparati sti schen «S t a n d p u n k t e s i it den Polenklub einzutreten sich bereit erklärt." J«ln nationalen- Lager herrschte eine kampfesfröhe, opfer-mutige -Arbeitslust, «wie wir sie noch selten im jiidischen Bager angetroffen haben. Borarl die Studentenschaft mit «den- ,Pväle Zion" inr Bulld-e. Die Reden der Zionisten m-irktell, -wie der Kuß des Kö-nigss-ohnes, der das schla'feudo Dornröschenaus ihrem h-u-tt«dertjährigeu Schlaf erweckt. Die Juden! w>a!ve-ntrunken vor Begeisterung, als «sie n-achso «lan-ger Zeit en-dlich einmal vom nationalen, vo>m zionistischen J-n-dentunl hörten. Vergessen m-aven alle Parteischatt-tevungen, vergessen re!ligiö-s-e Disf-erenziern-ngen, vergessen alles, was den einen Inden« vorn aiedern tren-nt,' -dafür -aber kanr au-ch -über sie der Geist des neuen Jn«dentn«lils und der Wille zunr Leverl, au'm neuen Leben. Es ist also die ziveite Lehre, -die roir a«ns dieser an Mtertw-ürdigkeiten re-ichen- Wähl ziehen, die, -daß -der natiouale «GedaUle inlstarüde ist, selbst bei «der leisesten -Zlusrührung das ganze galizisthe Jndentu-m inseinen «Bann /z-n ziehet!, wearl in entsprechender «Weise für di«es-e An-frnitelnnft gesorgt ist. 9toch eilie sehr bed-entfa-me Tatsache ha«benwir zrrkoustatieren«: Die chafsidische.n Kreise, die sowohl denl Zionismns wie auch je«der politischen Betätign-ng frenld, ja sogä-r feindlich -gegeniüberstauden, beginnen sich langsanlunrdie nationale Fahne zu -scharen-. Bei der .Wahl iü Brody- Zloczoiv gaben -auch sie, durch ihr O'vg-an, den „Machsike Hadas" ihren «Getreuendie -Weisung aus, für den nationalen Kandidaten zll stimrnen. Diese Tatsache er-siillt u-nsmit uliverhohlener Freude, «weil wir in «denri n-ns bevorstelheltdeu Karnpfe alle n«n-sere KräftebeUötigeu und weil diese HM-ung gew«issernmßeu eine Amrkennmlg des nati-vnalen Gedankens un-d nationaler Politik involviert. Die kläglichste «Vtolle spielten natürlich die Herren «Skssirnilanten. «Sie doku-lnelltlerten uu-r zu deutlich, «daß sie i-rn «Volke nicht den geringstetl- Anhang!be!sitzellun«d -daß «ihnen« n-ur -der PM «mit den Slntiseln-iteni n-nd der Kvröuptioni errMtliche»

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