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Nationalzeitung · 1906-09-14 · Heft 67 (14.9.1906) · p. Seite 5

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 67 (14.9.1906)
Date
1906-09-14
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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iNr. 67 Nationalzeitung Seite 5 Jüdische Koloittsationsbestrebnilgeu. Unter diesem Titel ischreibt das „Gerl. Tageblatt": Das moderne JiWfije Prvblenr ist nach (duner prall tischen Seite im wesentlichen eine WanderUngsfrage. Sieit den tm Jahre 1-982 von Jguatiew iNjlzenierten vu'Mschen Juden-verfolgnugell hat das jüdische Mau-derlnngsprobl-emnicht mehr aufgchört, int; Vordergründe des Interesses zu ste-hen, und durch die seit K'iischenew -z-Nn: ftättdigen. Reqiutsit russischer Staatsl>nn>st gewordenen, »rach dein alten Rezept dies ,-Vaters der Lüge" hervorgerufenen Pro-grome hat es vollends eine die Beachtung gebieterischfordernde Aktualität erlangt. Ja'hr für Jahr werden durch die Verfolgungen und durch die ökonomische -Unmöglichkeit, in der Heimat auch nur 'den dürftigsten Lebensunterhalt zu eviverben-, IVO—150.000 Juden über die rUssilfchen und rnmälnischen -Grenzen gedrängt und dirrch un-mideristehlichen Z-wang getrieben, sich auf die Suche nach einer neuen Heimat ä'U begeben. Nach dem Gesetz der Strömungen Haben sie sich dabei denjenigen Län-dern zugewandt, deren Gesetze und würtfchaftliche Lage ihnen den geringsten Widerstand entgegensetzten. Aber auch diese erreichten sehr bald ihren „Sättigungspunkt". Uebevall, wo Inden in größerer Zahl einwanderteu, regte sich schnsoll der Wüde'rislpruch und führte zu Erschweru-ngen, die sich bis zur Sperrung der Grenzen verdichteten. Dieser Widerspruch ging nicht einmal immer wie bei uns, wo ja die zahlreichen polizeilichen Mißgriffe noch immer nicht ihr Ende gefunden haben, von seiten der Behörden aus, sondern gerade in den Ländern mit freien Institutionen kam er vielfach aus den Untieren Bevölk-eruNgsschichten, die erklärten, daß sie sich ihren miittels eines entwickelten Gewerkschaftsle'bens errungenen Standard of life nicht durch die MasseNkonkurrenz „fremden Paupers" herabdrücken lassen wollten. So wacht das „liberale" Ungarn ganz, nach preußischem Vorbild mit Eifer darüber, daß die Durchwanderer mit tünlichster Schnelle die andiere Grenze erreichen, so hat selbst englische -Staatsvaiison -geglaubt, die Alien-Bill schassen zu müssen, und wenn die Handhabung dieses Gesetzes zurzeit, den huMa-nle-n englischen Traditionen folgend, auch durchaus mild ist, so bleibt es doch ein Riegel, der jederzeit vorgeschoben werden bann, wenn der Andrang zu stark wird. 'Die Türkei hat auch anläßlich der ruijisiischen und rumänischen Verfolgungen der letztel» Jahre ihre traditionelle Toleranizpolitük den Juden gegenüber aufrecht erhalten und einer Anzahl Eim wauderer in Armtolien Land und zur Erleichterung der Seßhastmachung sogar -Barunterskützung zur Verfügung gestellt. Aber bei 'dem noch wenig entwickelten Wirtschaftsleben dieses Reiches mutz eine Masseneinwanderung sehr bald ihre natiirliche Grenze finden. Unter 'solchen Verhältnissen drängt sich gebieterisch die Notwendigkeit ans, für den ständig anschwelleudeu Answauderevstrom neue Jmmigrationsläu-der ausfindig zu nt-achen, die geeignet sind, konzentrierte MasseuansiMungen auf landwirtschaftlichem Urrtergrun-d aufzunehmen. Da richtet sich denn, der Blick naturgemäß ans die beiden- Länder, in dell-en jüdische dlckerbau-kolonien bereits bestehen: Argentinien und Palästina. Für das Notstaudsproblem des A-ttgeublicks, das heißt für die nächsten Jaihrze-hute, scheidet zunächst Palästina aus, und zwar hauptsächlich aus zwei Gründen: Einmal der Unsicherheit der Rechtsverhältnisse wegen, die ein geordnetes Neakkreditweseu verhindert, daun aber auch infolge der in diesem ,-Wettevwiulel" besteheuidell g-espan-lrteu politischen Verhältnisse, die keinerlei Garantie für eine ruhige Eut-wicklung bieten, wohl die notwendigste Vvrbedirlgutlg für das Gedeihen eitler Grvtzkolouisation. Dagegerr kätue Argentilrien, wo sich bereits die Baron Hirschsch-ou Kolon-ieu vefiudett, mit seinen großen Arealettjtlttgsränlichen Bodens wohl in. Frage. Auch Cliperu ist vorgeschlag-en worden, allein: abgesehen da-vou, daß es bereits voll 200.000 Griechen bewohnt ist und im gün-stigsten Falle nur für verhälttl-is-tlräßig wenige neue Ausiedler Platz böte, mnß es scholldeswegell außer Betracht bleiben, tveil -Euglart-d es llllter aller: Ulnständen abiehuell ivürde, dltrch 'Fördert rrg eilve^ jüdischen: MasseNeiüwiauderm'sg die natiollalen Leibellschaftelt der Griechen altf und autzerhakb der Insel ivachzurlisen. Eine Auifsassung, der auch -vor einigen Jahrerr der derzeitige Leiter des englische u> Kolonia'llw-esens eitlem hervorragenden jüdisch-englischen Politiker gegen- -über mit lmzlw-e-idetltigen Worten Allsdruck gegeben hat. Nachdemder -von der britischen Regierung dem verstorbenen Dr. Herzl angebotenen Charter ans 12.000 Quadrat-kilo-meter fruchtbarsten Landes in Brit!isch--O>stafrika vom Zionistenkongretz abgelehnt worden, ist, hat sich vor zirka einem Jahre unter der Leitung, des bekannten englischen D-ichters nnd Politikers Israel Zangwill zur Förderu.llg jlüdischer M-assenloionisation 'in einem zu erlangenden u-n-d dazu geeigneten Territorium die „Jüdisch-TerritvrialistijM Organisation" (Jto) gebildet, der sich schnell viele der hervorragendsten nnd einflußreichsten Juden der Welt angeschlossen haben. Bei Skv am 1. und 2. August ö. I. in Lolldo-n abgehalkonetl: Sitzung des großen Rats der Jto w-urden ihre Ehan-cen durch die warme A-nteilllahme Lord Rothschilds und führender Ntän-ner der amerikarü-schen Ju'den>h-eit -wie des in London anIweseNd Mwesewen. früheren amerikanischen Gesandten bei der hohen Pforte, Os-kar Stra-uß, noch erhöht. Es lagen zur Beschlnßfasfu-Ng eine Anzahl von LaNdangeboten und Pvojekt>en vor. Unter anderem, lom-mt auchdas abgelehnte Ostafrikagebiet noch immer in Fr-age, das nach dem Urteil der her!vorraMndsten Kenner des Laüdes!sehr fruckMar i-st und trotz seiner äquatorialen Lage infolge feiner 1700 bis 3000 Meter über dem Meere ansteigenden Erhebung ein überaus gesundes und -für Eu-rolpäer auch bei schwerer. Arbeit sehr erträgliches Klima hat. Beiw-eis hierfür ist auch die Tatsache, daß jetzt von 'eingewam derten Buren der Negierung ein hoher Pachtpreis pro Acre gebo-ten wird. Zurzeit haben noch die Jnidier Nllter der insgesamt recht geringen Einwohnerzahl das w-irtfchaftliche Uebergewüchk, weil die britische Regierung das Land ursprünglich, als man, noch nicht wußte, daß es e-in für We-iße geeignetes Kli-ma 'besitzt, als ermiin-schtes -Ab-flutzbecken für den indischen Beoö'lkernngsMerschuß anf-ah. Ferner kom-men größere Gebiete^ tn ^Argentinien, Kialisorn-ien, in mehrerell anderen Teilen- N-ord- und Südameri'kas und in Mesopotamien, in Frage, das feines wirtschästtichen Erschließung durch die Bagdadbahn entgegengeht, nnd aülf das scho>n vor Jahren der bekannte Assyriologe nnd Prolfessor der semitischen Sprachen^ in Bialtimore, Dr. Paul Haupt, in seiner Schrift „Ueiber die iIlnIsiedlung der ruissischen Juden im Euphratlind Tigrisgebiete" eindringlich, hrngewie'sen hat. In dem dtt-nn bevölkerten Australien, wo man die gelbe Gefahr am meisten fürchtet, steht m-an einer jüdischen M'assenanfiedlung ebenfalls sehr wohllv-ollend gegenlitber. Dr. Richard Arthur, Präsident -der australischen Jmlnigrationsliga, hat in einer Massenversammlung hevvorgehoben, daß im Nordeu Australiens Hochplate-ans mit gemäßigtenr Klima zur Berfügnng sichen, die nrehrfach so groß wie Großbritannien sind, und hat, wie -wir hören, der Jto entsprechende Pläue vorgelegt. Der Rat der Jto hat sich zwar in der letzten Sitzung noch nicht für ein bestimmtes Projekt entschieden, aber -die Angelegenheit damit 'keineswegs auf die lange Baut geschoben. Es soll zunächst eine gena-ue Prüfling aller einlschlngigen Verhältnisse, der Bellvässernllg, des Klimas, der Biodellbefchasfenheit u,slv. vorgenorumert -rverdell. Zri diesenr Zwecke würbe beschlosserl, eilte K-ourMission ieillZu!setzeir mit den: Rechte, Expeditionen auszusendeu, die sln nächsten Frühja-hr' eitler tleneri. VersaulNlllltlg des grotzell Rates defi-ltitive Vorschläge zn lnachen hätte. Die Zu-salttjinenisetzung dieser K-onl-lli'lssioll >ll>nd des großen Rates, ilr Äe-nell zahl, reiche Männer Platz gesull'detl -habe-lr, die zu den prominelltestell rnid einslußreichsten jüdischerr Perfölllichkeiten Amerikas und Gll-ropas geih-ören, bürgt dafür, daß di« Wahl tl-llr llach fachgemäßer nnd gründlicher Prttfltng getrvsfell -werde« und daß die Kolvllis-at-ivtt a-lif gosttlider -wirtschaftlicher itlld allsreichend gesestigter sinanzieller Grilirldiage ansge-batl-t rverdeu wird. Als Grillldsatz würde festgelegt, daß die zu sch-assellden Kolv-lliiell, e>in zlllsammenhäuMlides 'Garrzes bildell und eilt gelvisseS .Matz von komllnlliaier Selbstve'rwaltlmg erhalten müßteli, schon, '«m den Wandererll das zum Gedeihen der Kolonie rl-ötige Heilnats-gesühl z-n gebell. Außerdem ist dies anch er forderlich, damit den- Kolonisten, miic das Ostafrikaallgebot der britische« Regiernng eS allsdriickte, „die Ariöglichkeit gewährt wird, ihre Bvlksgebrällche zn, beobachten". An erster Stelle steht lnerbei für die überwiegend streng religiösen CitttvaNderer die Möglichkeit, dell Sabbat zum gcsetzlichelr Ruhetag zu machen. Das in Fra ge -kom me n-de Ma nschen material ist zwar znm größerer: Teile städtischer Herkunft, wenn auch an sch-were körptrliche Arbeit gelwö-hnt,' aber immerhin gibt es in Sttdrußland nnd Rumänien einige hnnderttausend jüdischer Landwirte, überwiegend Pächter, die sich> selbst nach dem, Urteil russischer Behörden als Bauerk vielfach besser als die Beisitzer des Bodelis bewährt haben. Ein großer Teil von ihn>e,n ist zur Auswanderung in die neüelt Kolonien bereit, und kann als Kern der Siedlilng gewissermaß-eil, als UnleroffizierAkorps einen -wertvollen Stam>m bilden. Ueberdies haben die -bereits erwähnten- Kolonien des Barons Rothschild in Palästina und des Barons Hirsch in -Isrgenliuien' geizei-gt, daß a-llch diese städtischen Arbeiter, Händler, Handwerker zur Landwirkschgft erzogen -werden köllnen. Die Jewifh Colonization Assoziation (Jca), die Nachlaßverwaltung der von Baron Hirsch für jüdische Kol-on-isati-onsz-wecke hinterlassen-ein großen Summen, hat -sich ebenso wie Baron No-th,schild, un,g>eachtet der im Tasten und Suchen auf einem neuen Gebiet natiirgemäß gemachten Fichler durch ihr trotz alle-dem großzügiges Kolonisations-werk die größten Verdienste durch 'den Niachlrveis erw-orben, daß die Indensich znm Ackerbau -durchaus eignen-. Durch ein Znsammenarbeiteu -der Jca mit d-er Jto, das mit Sicherheit zu erwarten sein dürfte, wird die Gewähr g-sgeben sein, daß die Erfahrungen der Jca auch dem neuen Kolonifationswerle zugute kommen. Bei der furchtbaren Not im Osten, die ein -En-de nicht absehen läßt, wird jed-er Meufchenfremrd diesem großzügigen Hilfsakt seine -wärmsten Synipathie-n zNwie-N'den. Eingesendet. Dir Hrldrn1»t rinrs Rabbiners. Es ist ünglairvlich nnd doch, währ! Der Bereiu „Einheit" M. beWosseu, für mindetrbemittelte und arm-e dl-us»vand-erer ein prvoisorifches Betlo-kal für die hc-^eu -Feiertage einznrichten. Der Vorstand des Vereines- „Einheit" hat, bevor er die E,ffekt!uier>umg dieses Beschlusses in Angriff na-hnl, Rlücksprachie m'ifc dem -Vizepräsidenten. Landesifchülrat Dr. K-ohn, 'der derzeit in Abwefenheit des Präsidlenten das Präsidium geleitet, genomrnen, und den Bescheid erhalten, daß gegen die pro-visorische -M-haltun-g eines, Gottesdienstes während -der hohen Feiertage nichts vorliege. De-mzu'folge hat der Vorstand des V>e,reines „-Einheit" an den löblichen Kultusvvrstand das Gesuch um Be-wi-ll-igullg zur Veranstaltung eines Gottesdienftes in einem neuen an-stäridigeu Lokal während der hoh-en, Feiertage eingereicht. Gleichzeitig hat der Vorstand des.Vereines die nötigen 8ld-aptievnngen vorgeuonl-meu, welche bedeutende Kosten verursacht haben-. Zur größten Ueberraschung des Vorstandes >des Vereines hat der Kultusvvrstand 'dein -Bewine in einemschriftlichen, Erlaß', ohne Allgable von Gründen, bekauntgegeben, daß die Bewilligung zur Abhali-uug des Gottesdienftes nicht gewährt wird. Das Prüftdimn des Vereines ^Einheit" hat sowohl beim Präsidenten a-ls beim V-izepräisidentender Kultusgenlei-nde versucht, gegerl den abschlägigen V-esch>eid vorstellig zu lverden, aber ohne Erfolg. Welche Schritte -der Obtnaun n-n'd- Obniannftelknertreter gegen diesen Willllivakt uuteru-ehmen werden, wissen wir nicht. Utn so mehr dürfeu sie es nicht auf sich, beruhen lassen, da dieses B-vrgeheu des Kultusvvrstnudes Nicht nur dem Vereill „Einheit" einen sehr beträchtlichen Schäd-eu zu-gesiigt, ^sondern a-uch eine persönliche Verletzt!ng dieser allgemein in hoher Wertschötzuilg ste-heudeu Herren, insich birgt. Was aber der ganzen Sache die Krone aufsetzt, ist, daß der Vorstand des Vereines' „Einheit" rvährenid feiuer letzten Intervention beim Präsidenten und V-izeprä!sidettt'i."tt die Ueberzeugnng goivauu, daß der KultUS-vorstau-d durch 'D-ep-tltatiolleu, die der Raibbiller -Llletiers-ohll ins -Werk gesetzt hat, zu seitler feindlichen Stellunguahlne gegenüber dem Berei-n „Einheit" veraulaßt lvUrde. Es ist ja uuöenkbar, daß der Präsidetlt der israelitischen Knltllsgerneiltde a>u>f B-rrsprechungeu feines ersten Stellvertreters so gar rticht reagiert, aber die Er- -klärttng filideu ,ttzir darin, daß die Hand des *) -Für dieise 'Rubrik -überninnnt die Redaiktionkeine Vicrantwortnug.

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