Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 67 (14.9.1906)
- Date
- 1906-09-14
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nationalzettung Nr. 67 Wie aus dein obigen hervorgeht, ist das gerade Gegenteil der Fall. Nachdem die Türkei auch keine Industriemacht ist, so fehlt auch das ökonomische Interesse an der Schaffung eines industriellen Absatzgebietes. Es fehlen also bei Palästina unter den gegenwärtig enj Verhältnissen die o L j c k t i - v e n T e n e n, z e n, welche uns die Gründung der garantierten Heinsitätte dort als möglich erscheinen lassen könnten. Wen-n man die Lösung der Judenfrage in einer öffentlich rechtlich garantierten! Heimstätte oder einer autonomen Wirtschaftseiichell eiblickt, so tmtfj man ciir. Territoriuim, suchen, wo die Tendenzen zuir Realisierung der territoriale:: rmd autononren Fragen des Zionismus gegeben sind. Daß diese Tendenzen bei anderen- Territorien. vorhandensind, habe ich oben gezeigt. E s m u ß n u r e i u e ft a r k e verantwortliche £> in g a nisati o n, welche im Namen des ganze n- Volk -c, s s p r c ch e n könnte, ein greifen und einen .Kontakt der subjektiven Tendenzen der jüdischen Emigration mit den objektiven T e n - d e u z e n d a r I m m i g r. a t i o n l ä n der h e r st e l l e N! — irn d d i e I u d e n f r a g e wird gelöst . . . Es wird von mancheneingewendet, daß die territorialistische Organisation finanziell nicht stark g-eniUg sein wird, um den Plan der Ansiedlung durchführenzu können. Diese Einwendung verrät eine philanthropische Denkungsart. Darin liegt eben der Unterschied zwischen der philanthropischen Auffassung einer Siedlung rmd einer p o l i t i s ch e n. Die Territorialistcn wollen! ebennicht eine bestimmte Anzahl von Auswanderern Vorsorgen,, dazuwürden auch Milliardennicht ans-reichen. Wir wollen bloß d i e B e d i n> g u n - gen z u r B e g r ü n dun g e i n e r j n d i - schon a u t o n! o m e :: Siedln n g scharfen, welche den Ausbau einer s e l b st ä n d i g e n Wirtschaftseinheit n n d A ns n a h in sfähigkeit a l l e r ü e d ri ä n g t e n Inden von Haus ans g e w ä h r l e ist e n s o l l. Sind die B e d t n g u n g e n gegebien., so würde sich die Siedlung, von tüchtigen Fachleute geleitet, nach -dengleichennatürlichien, Gesetzen enkivickeln-, wie sich alle neuert1 Siedlungen entwickelt haben. Wenn wir das Besitz recht auf ein bestimm-- tes Territorium, haben und nicht i'cibcrt Zoll Bodens Mit schwerem Gell" a,bkan-fen, müssen, wie es jetzt in Palästina, der Fall ist, so steht uns gegen Verpachtung von Konzessionen oder Hypothekaranlehen das internationale Kapital zur Verfügung. Sämtliche südamerikanischen Staaten sind durch das europäische Kapital errichtet worden, und so wird auch unfein Staat durch das internationale Kapital errichtet werden. Es muß nur die Kreditbasis geschaffen, werden. Diese .Kreditbasis kann schon durch die Ansiedlung von bloß taufend Familien, geschaffen Werder:. Tie Ansiedlung dieser lausend Familien müßte, ivo-fern, sie selbst nicht über fte» nagende Kapitalien verfügen, durch einen- ,indischen territorialen Fonds erfolgen. Ein Grundstein zu diesen: Fonds wurde bereits durch den Londoner Bodenreformer Fels gelegt. Die iveitere Entwicklung denke ich mir nach dem von Oppenheimer am 6. Kongreß kunstvoll entworfenen Ansiedlungsplan. So weit es im Rahmen eines Zeitungsartikels möglich lvar, habe ich mich bemüht, in kurzen Strichen die Konturen der Realisierung des Territorialismus zu zeichnen. Ich nmß aber betonen, daß es hoch an der Zeit ist, daß inan ein passendes Territorium okkupiert, denn wenn wir bei unserer Passivität verbleiben,, uns mit Phantasiegebilden, herumtragcu und sich weiter mit Pilpulistik befassen, sowerden wir zusehen initffeir, wie diu jetzt noch verfügbaren Territorien durch die internationale Emigration besetzt werden! Eines schönen- Morgens werden wir aris den Zeitungen erfahren, daß ans diesen Territorien fast über Nacht neue Saaten entstanden sind! Die Jriden werden aber, die Debatten fortsetzen und ~ degenerieren . . . Ich wende urich nut: lvieder an Bei: Berachel. Er tvill die Judenfrage nur drirch die Schafstmg einer selbständigen! jüdischen- Wirtschaftseinheit lösen. Diese Wirtschaftseinheit will Ben Berachel aus ökonomischen Gründen nur in Palästina schaffen. Ich habe Ben Berachel nachgewi-esen, daß die gegentvärtigcn ökonomisck)en sowie auch die politischen- Faktoren in, Palästina gegen, eine j ri d ische W irt scha fts-einhei t sp re ch e n-. Ich habe ferner nachgetviesen, daß, die notwendigen ökonomischen rmd politischen Faktorendie Grimduing einer jüdischen selbständigen Wirtschaftseinheit auf anderen Territorien begünstigen. Wenn Ben Berachel konsequent bleiiben wollte, so müßten lvir ihn bald in unseren Reihen sehen. .... dt. Eine neue Mische Institution in Wien. Jir der neuesten, für das Judentum äußerst bewegten Zeit tauchen hie und da Fragen auf, von denen man sonst kaum eine Ahnung gehabt haben nrag. Das zu neuem Leben erwachte Nationalbewußtsein begnügt sich nicht mehr mit schwermütigen Betrachtungei: über das Schicksal der hart geprüften jüdischen Nation, sondern greift mutig zu und sucht, jeder anscheinend noch so unbedeutenden Not vorzubeugen. Dieser Tage ist auf dem, Felde der- Humanität eine Neuerrmg ins Leben gerufen worden, der es an Unterstützung seitens der Wiener jüdischen Bevölkerung nicht mangeln dürfte. Der Verein „Einheit" erüffnete in der allerjüdischesten Gegend Wiens, 2. Bezirk, Floßgasse 9, eine billige jüdische Restauration. Für den Uneingeweihten wird diese Einrichtung als kaum von Belang erscheinen. Diejenigen aber, die sich die Mühe geben wollen, die Lage der armen Wiener jüdischen Bevölkerung, hauptsächlich aber der fremden Juden in Wien, genauer zu prüfen, werden ein billiges, anständiges, streng koscheres Wirtshaus. als Wohltat ersten Ranges ansehen müssen und dieser Neuerung sowohl ihre Sympatjeiuwie auch m a t e r i e l l e Hilfe nicht versaget: können. Denn außer den unzähligen armen Wiener Juden, denen ein anständiges koscheres Speisen nattut, fehlt es in Wien an ähnlichen fremden Juden nicht, welche der Umstände halber, weshalb sie unsere Stadt aufslichen, unser lebhaftes Mitgefühl verdienen. Hoch und fürchterlich tosendgehen die Wogen der russischen .Revolution. Kein Mensch ist seines Lebens sicher. Der Soldat, der Polizist, der agent provocateur — alle, mit mörderischen Werkzeugen versehen, trachten danach, den armen Juden jede Lebensfreude zu benehmen, ihnen Schrecken und Todesfurcht einzujagen, den morgigen Tag ihnei: unsicher zu machen. Und die Juden begreifen das furchtbare ihres Daseins, packen Hab und Gut ein und flüchten sich ins Ausland— ohne System, ohne Wegweiser, ohne zu wissen, ob sie nicht dem Hungertod eutgegeneileu. Aber die blasse Todesangst versteht nicht zu urteilen. Schauernd blickt sie hinter sich, sprüht mit erstarrtem Herzen, ob das blutige Land nicht mehr zu sehen ist . . . Die zu Tode Gehetzten passieren auf ihrem Wege, — nein, auf ihrer wilden Flucht die Reichshaupt- und Residenzstadt Wien . . . Der Lebensweg der rumänischen Juden ist nicht mit Rosen bestreut. In ihrem eigenen Vaterlande müsset: sie als „Fremde" gelten. Aus wirtschaftlichem Gebiete, auf dem Gebiete der Volksbildung, —- überall, wo ein Mensch auf Freiheit der Bewegung am, ineiften Anspruch zu erheben hat, sind für die Juden tückischen Barrikaden errichtet, über die sie nicht hinwegzukommen vermögen. Die Regiermng schürt den Vvlkshaß gegen die eitcheinüschen „Fremden". Die Volksvertretung bewahrt für die Judennot taube Ohren. Und ein Jude, bei den: das Ehrgefühl in: Herzen noch nicht ganz erloschen ist, erachtet es für seine Pflicht aus Schuldbewußtsein seiner Nachkomineltschaft gegenüber, den Wauderstab zu ergreifen, dei: Staub des unseligen Landes voll feinen Füßen abzuschütteln. Zum großen Teile begeben sich die Entrechteten in die Residenz der Habsbtlrgischett Monarchie — nach Wien . . . In Galizien sind die Polen Herren der Situation. Den Juden ist nur das Kleingewerbe übriggeblieben. Arnull und unsägliches Elertd sind bei ihnen nur allzu häufige Gäste. Wenn das Unglück über einen Judet: hereingebrochen ist, — Beschäftigungslosigkeit, Krankheit, Verdrehung eines sicheren Prozesses, so hat er nichts mehr ii: seinem Laude zu erwarten, er ist gezwungen, auszuwandern — nach Wien . . . Scharenweise ziehen diese Unglücklichen in der Leopoldstadt dahii:, Spuren der Verzweiflung an ihren Gesichtern und der Armut an ihren Kleidern. Hohlwangig, mit tief eingegrabenen Augenhöhlen flößen sie jedem Vorübergehet:den, in dessen Seele noch ein Mensch lebt, tiefes Mitleid ein, geben zu Betrachtungen Anlaß, — über die jüdische Nation im allgemeinen, über die Bestie, die unter den Menschen noch so ziemlich verbreitet ist . . . Seltsamerweise ist noch niemandem von diesen mitleidigen Vorübergehenden jemals die Frage eingefallen, wo all diese Leute, die in ihrer nationalen Tracht einhermarschieren, essen mögen. Wenn es sich um ein anderes Volk als die Juden gehandelt hätte, so wäre nur die eine Frage berechtigt, ob die Leute überhaupt zu essen haben. Aber bei den armen Juden wird jedes Unglück, jedes Leid vielfach kompliziert. Angenommen, daß sie das für ein dürftiges Essen nötige Geld besäßen-, wo aber, w o könnten sie es sich anschasfen? „In der jüdischen Volksküche", würden viele antworten. Die Antwort ist bei weitem nicht zutreffend. Tausende von diesen Juden gehen in eine Volksküche tticht. Der häusliche Herd lebt noch frisch in ihrer Erinnerung, die Hoffnung ist noch bei ihnen rege, daß sie sich ein gewisses Ansehen wieder erringen werden. Nur in u n s er e n Augen scheinen sie alle insgesamt den Stempel der Armut und der Bettelei zu traget:. In der Wirklichkeit aber besitzt die große Mehrheit unter ihnen ein lebendiges Ehrgefühl, ein sich selbst achtendes Bewußtsein, das eine noch so große Not zu brechen nicht imstande ist. W o also essen die Leute? Die nichtjüdischen Wirtshäuser kommen' nicht in Betracht, da die meisten eingewanderten Inden an ihren Traditionel: festhalten. Die jüdischen Restaurationen hingeget: sittd wiederuu: unzugänglich, sei es wegen der höhet: Preise oder wegen nicht ausreichender Verläßlichkeit in ritueller Hinsicht. Und der müde, erholungsbedürftige Fremde zieht schleichenden Schrittes durch die Straßen Wiens, ohne gegessen zu haben . . . Ohne gegessen zu haben?! In Wien?! Ist es ein Märchett, ein Phantasiegebilde? Die Aerzte des Allgemeinei: Krankenhauses klagen darüber, daß ihre Behandlung den ambulanten jüdischen Krauken wegen mangelhafter Nahrung nicht zugute kommen kann. Irt den öffetttlichen Parkanlagen stößt man oft auf Judet:, die mittels trockenen Brotes und Obst sich über das Mittagsessen lsinwegzutänschen suchen . . . Elende, Kranke, Verfolgte darben im Angesichte der Wiener jüdischen Bevölkerung und nieinan-d regt sich, Hilfe herbeizuschaffen, niemand will in die Seele der Armen hineinblicken, sondern man zimmert Rezepte nach der eigenen Ileberzeugung. Ist es möglich? Ist es tticht vielmehr ein Märchen? Der Verein „Einheit" hat begriffen, daß in dieser Angelegenheit ein bitterer Ernst vorliegt und errichtete in der Floßgasse eine billige, streng koschere, mit guter Bedienung ausgestattete Restauration. Die Aufsicht über die Einhaltung der rituellen Vorschriften hat Se. Ehrwürden Herr Rabbiner S. F ü r st der orthodoxen Schiffschulgemeinde nach Erfüllung der von ihm gestellten Vorbedingungen in ritueller Beziehung zu übernehmen die Freundlichkeit gehabt. Diese humanitäre Jnstitm tion ist dazu bestiiumt, das Elend unter den armen orthodoxeit Jtldet: zti verriugett, ohne dabei ihre Selbstachtung zu verlchen. Tretet, edelgesinnte Juden, der neuen Schöpfung der Hutuanität bei! Nicht nur für die Volksseele, auch für den V o l k s k ö r p e r int engen Sinne des Wortes, muß ernstlich gesorgt lverden, der in dieser stürmischet: Zeit so vieleti Gefahren atlsgesetzt wird . . . S. K—n.