Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 62 (24.8.1906)
- Date
- 1906-08-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nationalzeituntz Mr* 62 ihr unsere ganze Aufmerksamkeit widmen müssen!. Er kritisiert hierbei die proletarischen Gruppen in der Jto, lvelche sich mit der territorialen Frage nur abstrakt befassen, während sie die praktischen Arbeiten in der Realisierung der territorialen Frage den bürgerlichen Organisationen überlassen. Er erwähnt hierbei bloß leine proletarische territorialistische Organisation, und zwar die Sozialisten-Zionisten (S.-S.). Er vergißt aber, eine zweite proletarische territoriale Organisation' zu erwähnen!, und zwar Ne Poale-Zion-Tcrritorialisten. Diese Organisation besitzt Ortsgruppen in den wichtigsten Orten des Ansiedlungsrayons, bat zwei Organe: „Das Neue Leben" und das „Jüdische Arbeiterwort". Wenn Herr Ben Berachel bietfe Organe zur Hand nimmt, wird er finden, 'daß die Poale-Zion-Territorialiften gar nicht geneigt sind, die Realisierung der territorialen Frage den bürgerlichen Territorialisten allein zu überlassen, sondern das Proletariat als den Hauptträgev des Territorialism-us deklarieren!, und foa-bicrni ihre Genossen auf, sich mit Neser Frage nicht nur abstrakt zu befassen, sondern sich in der territorialistischm Bewegung praktisch! zu betätigen. Wie ich übrigens aus den letzten Zirkularen und Refolutiiemen der S.-S., insbesondere der westeuropäischen! Liga der S.-S., entnehme, fordern> die letztem ihre Genossen auf, an der Realisierung der territorialen Frage einen aktiven Anteil zu nehmen und die Jitv mit allen Kräften! zu unterstützen. Tie nächste Konferenz der S.-S. wird diese Frage endgültig regeln!. Das aber, was Ben Berachel der neuen Abzweigung der zionistisch-proletarischen Organisationen, den' Seimowzes (Ltutonomisten) vorwirft, nämlich, daß sie die territoriale Frage gang beiseite schieben- und sich nur mit der Frage der nationalen Autonomie befassen, könnte auch mit gleicher Berechtigung den österreichischen Poala-Zion vorgeworfen werden. Auch sie haben sich in letzter Zeit hauptsächlich nur mit der Frage der nationalen Autonomie befaßt und sind bis zum letzten Moment tu der' Avantgarde des Autonomiekampfes gestanden. Mit der territorialen Frage haben sie sich nur insofern befaßt, als sie gegen die Jto gehässige Notizen gebracht haben. Wie ich aber aus dem lebten Artikel des „Jüdischen Arbeiter" mit Freude entnehme, haben die österreichischen Poale-Zion, zumindest aber ihr Wortführer Ben! Berachel, den guten Willen bekundet, sich jcht mit der Realisierung der territorialen Frage intensiv zu befassen und kann ich ihn zu diesem Entschluß nur beglückwünschen. Er soll nur au fseinem Entschluß beharren. Die Lösung der Judenfrage erblickt Ben Berachel nicht im Judenstaat, sondern in der S ch a f f u n g ein e r j ü d i scheu W i r t s ch a ftsei u h e i t. Wörtlich führt er folgendes aris: „Wir Poale-Zion erblicken die Ursachen von jeder gesellschaftlichen Aenderung mvr in der Aenderrmg von ökonomischen Faktoren, und darrinr erblicken wir in der Lösung der Judenfvage nicht die Schaffung eines Judenstaates, sonderir die Schaffung einer jiidischen Wirtschaftseinheit, eines wirtschaftlichen jüdischen Oraanismus, welcher in sich die Moiinente zu>r Entwicklrmg einer jüdischen sozialen Gesellschaft enthält." Wie sich ein jeder ausdiesem Satz überzeugen kann, stellt sich uns Ben Berachel hier als reiner Materialist vor und gibt unseine rein ökouoiu>isch>e Begründung der Judenfrage. Diese Tatsache muß hier festgehalten .werden, weil sie uns ftir die weiteren Auseinandersetzungen' von -großer Wichtigkeit ist. Vom rein ökonomischen- Standpunkte sollte cs Ben Berachel gleichgültig sein, a,u>f welchieni Territorium die von ihm gewünschte jüdische Wirtschaftseinheit geschaffen wird, wenn nur die günstigen' ökonomischen! Faktoren dazu gelgeben, sind! In,des scheuwir schonim nächsten Satze Ben Berachel dafür plädieren, daß diese jüdische Wirtschaftseinheit gerade in- Palästina gegründet werden soll! W>enu ein! Jdvolvge und- Anhänger von Traditionen ftir Palästina plädiert, so find-e ich darin, nichts merkwürdiges, wiewohl ich auch mit chm nich!t einv-erstanden bin-. Wenn aber jemand vomrein -materialistischen Standpunkt die Schaffung der Wirtschaftseinheit von! Palästina abhängig macht, so bleibt dies ftir mich ein Rätsel! Herr SBcn, Berachel sucht sich aber herauszuarbeiten, indem er: Nachweisen will, daß Palästina vomökonomischen Standpunkt aus das günstigste Territorium für unsere Wirtschaftseinheit darstellt. Er behauptet nämlich,, daß, weil Palästina ein „Zentrum vonden Welten" bildet und sehr reich' an Natrrrschätzen ist, so muß sich, dort Landwirtschaft und Industrie entwickeln!, wodurch auf einer Seite das internationale Kapital und -auf der anderen- Seite das jüdische Proletariat nach- Palästina gehen müssen. Aus dieser .Kombinatiion will Ben Berachel die jüdlsche Wirtschaftseinheit konstruieren. Wir wollen, nun untersuchen, obdie Behauptungen des 33-en- Berachel auch stichhältig sind. Angenommen, daß Palästina zentral gelegen ist; muß sich- -aber deshalbdort eine Industrie entwickeln? Wir kennen Länder, welche noch zentraler gelegen sind, ja sogar von Industrie', und- Hand els ländern par exeellence umrahmt sind, und diese Länder habentrotz ihrer reichen Naturschätze keine Industrie, ja nicht einmal eine anständige Land-Wirtschaft entwickelt, z. B. Spanien rmdviele andere Länder. Hingegen liegt Amerika' gar nicht zentral, ja sogar ziemlich weit entlegen, vom Kontinent, rmd trotzdern sehen wir dort 'eine Industrie und- Landwirtschaft entstehen und sich in einer Weise entwickeln, daßder ganzen kontinentalen Industrie jcht schon, vor! dieser Entwicklrmg bange wird. Amerika versorgt jcht buchstäblich die afte Welt mit den besten Maschinen und den besten und billigsten! landwirtschaftlichen Produkten und droh-t beit gangen Weltmarkt zu erobern. Und Japan, liegt -es zentral? Und trotz der entlegenen Lage entsteht m ihm für Europa und sogar Amerika ein sehr ernster Konkurrent auf wirtschaftlichem Gebiete, geschweige denn auf milstärtschcm und politischem! Wie Sie sehen, ist die geographische« Lage eines Gebietes für die -Schaffungeiner nationalen! Wirtschaftseinheit ganz nebensächlich. Wie glaubt Berr Berachel das internationale Kapital ftir die Schaffung einer jüdischen Wirtschaftseinheit in Palästina zu gewinnen?! „Durch die Schaffung einer Kreditbasis," saot Ben Berachel. Wie soll aber diese Kreditbafis geschaffen werden,? ■ Hierauf antwortet Ben Berachel folgendes: Der Charter schafft uns keine Kreditbafis, meint Herr Ben« Berachiel, erstensweil wir, von dev Türkei den, Charter aus Mangel an Gegenwert in Form eines Kapitals oder eines Kredits, denwir der Türkei für den, Charter gebenmüßten, n,icht bekommen können, und zweitens, wenn man a,uch- -einen, Cbarter bekommenwürde, so würde es nach- Ansicht des Herrn, B-en- Berachel keine Kreditbafis geben«. Er -verweist auf El Arisch! und Uganda, auf -welche Gebiete wir schon, Charters in, Händen hätten, und doch hätten diese Charters uns keine Kreditbasis gefchaffe-n-! Der Anfich-t B-en B-erachels, daß man -von der Türkei aus Mangel au Gcgenwert keinen Charter bekommen kann, stimme ich ganz bei, hingegen bin ich mit seiner zweiten Behauptung keineswegs einverstanden. Ich behaupte vielmehr, daß gerade ein, Charter aitif ein fruchtbares Gebiet die Vorbedingung zur Schaffung der Krelditbasisist! Sein Hinweis auf El Arisch, und Uganda i-st abso-lnt nich-t stichhältig, rmd zwar aus dom Grunde, weil wir auf diese Gebiete noch, keine Charter erhielten. Der Charter aiuif diese Territorien wurde rms nur in derVorans-setzung Hanse aussprach: „Das Parlament geht, indem es rechtzeitig für -den Staatshaushalt vorsiehl, für das gesamte öffentliche Lebenim Staate voran. Düs -gesamte ö-sfenttiche Leben kann nur ge- 'doiHen, wenn es rechtzeitig a-Nf klare, bestimmt nMschriebene Nechttnngsgrnn'dlagen .gestellt wird." Genau den gleichen Grundsatz vertr-itt der Verfasser unserer „Han-bbücher der Buchhall-ung" mit besonderer Berücksichtigung des doppeltamerikanischen -Systems, von Hermann Berliner, Oberbuchhalter, Preis X 2.40, Verlag Derstinger & Fischer. Der Verfasser ist unseren Lesern kein Unbekannter. Und je weiter wir blättern, um so mehr bedauern wir, daß. uniser Gesinninngsgenosse sich ganz vom öffentlichen Leben zurückgezogen Hat. Diaß er es versteht, jedes von ihm behandelte Thema mit -Interesse vovz-utragen, Haben wir oft genug in der Toynbeehalle gehört. Er besitzt wie wenige die Gäbe, „journalistisch" zn sprechen und zu schreiben. Und das i-st vielleicht der größte V-orzug seines Merkchens, wie es der Verfasser lbescheidennen-nt. -Zwei sehr hübsche und den- -Nagel aus den Kopf treffende Worte — fast hätten wir „Wörtle" gesagt — Hat der Verfasser geprägt. Er verlangt, dass jede Buchführung „zweckentsprechend" sei. Ms einziges, oberstes Priniz-ip der Buchsüihrung aber verlangt er „WährHeii und Klarheit". -Das ist so präzis gesprochen, lind klingt sosetbstverj stä üblich, daß es scheint, es sei Nie anders möglich | gewesen. Und doch ist es treu. Und wenn wir die uns vorliegenden „Urteile aus der Geschästs-! wett" lesen, bekommen -wir fast Lust, das erste rmd letzte Kapitel, das Schlußwort, wörtlich ab-zndrucken. Doch dazu reicht der Raum, nicht. -Das möge jeder selbst tun. Niemand — auch der Ni-chikanfmann nicht — wird das Buch ohne Nutzen studieren. Unus pro multis. Soeben ist der neue Jahrgangdes von der „Oester re ich is ch - Israelitischen U n t o n " -he raus gegebene Kalender für Israeliten" erschienen, welcher die Borz-üge dieses in Amt mck Familie bereits rveit verbreiteten Nachschlagebuches aufs neue bewährt. Der „Union,kal-ender" ist bekairnilicti der einzige jüdische Zeckwei-ser, welcher zugleich einen wertvollen J> it h rer du rch die ö st-e r re ich i s ch - u n g a r >i 's ch e n 5k it l t it sg elnein - den bildet. Aüch in denc neuen Ja-Hrgange ist der Schematism-us über -den Personalstand und die! Elnirichttlnge-u, aller Kult-tlsaenceinden, des Nei-! ches, ferner aller jüdischen Vereine, Mit der größ- I len Genauigkeit und Sorgfalt zusamlneugestellt worden. D'urch die Neuansnählue der r i t u e l l e u S p e ils e h tt u s e r l5l-oschergästhättserj erhält der Kalen'der auch für rln'severeisenden' Glaubensgen-ofsen eilten erhöhtle-n Wert. Der literarische Teil erhält ein besonderes -Lustre -durch eine glänzen!de EWählung äus den jüngsten Freiheitskämipfen in N!ußland aus der -bewährten -Feder F u l i u s U P l i m n y s. Die- Erzählung trägt den Titel „Aus der Barrikade" und liest sich in i-h-rer Plastik und fpalmünlgsvollen D-ramatit -wie ein lllnm-ittekbür aus der Zeitgeschichte gegrisfenes Stück Leben. — J'U> einem ausgezeichneten, das In d e n t a ui als K u l t u r w e r t" betitelten Essay bekü.npst Herr Nabbiner Dr. Simon Man-dl in wärmster Weise die von Httston' «Stewart Chamberlain verkiludete Theorie, daß Hnman'ismius und Judentum u-uyerembare B-egrisfe «wären. Der geschmackvoll gebundene „Unioäkalendcr" ist volll Bureau der „OesterreichiMJsraelitischen Uiiivn", Wien, 9. Bez., Universitäisstratze 8, und dllrch alle Bn-chhändlungelt zum Preise von X 1,60 zu beziehen. * Das Bildungsweseu in den Bereinigten Staaten von Nordamerika. -Neisestudiell vo,l Dr. Palls .v n s, n, Dozent cmi k. k. technotogischen, Gewerlne-ii«ill in Wien, urid Mitgliedder ill-ternatl0liale»- Jury iu Si. Louis. Wien, 1906. dllfred Hölder. — Wir Halten« esfiir wichtig, auch lluser'seits die dlufulevtsamkeii der Leser auf obiges Schriftchen zu lertketl-, das allgemein kn -der Presse beachtet rmd gelobt wurde. Die BerffaNMwrl ffanardichl! Qdruahlo*I Reform-Schweissblätter Buberoll Ml