Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 60 (17.8.1906)
- Date
- 1906-08-17
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nationalzeitung Nr. 60 wie einst beim Bau des Stistszelt'es die jüdischen Frauen- -ihre Göschmeide als Opfergabe dargebracht hätten. So Mißten auch jetzt die jüdischen Frauen bereit sein, ihr. letztes zn-rn Wohle der jüdischen Nation aus den Opferaltar zn legen. In 'bezug ans den Crt, auf den sich die Ausmevksam- >keit der Opferwilligen zu leulken habe, herrsche MeinNttgsv-erschiedenheit: ob Palästina, ob ein anderes Land. Das ko Mine aberdoch erst in zweiter Linie in Betracht. Tie Hauptsache sei nnd bleibe doch das Volk selbst. Tein Volke miisse geholfen werden, ob in diesem oder in jenem Lande. Tue Jeder in unserer Mitte seine Pflicht, dann brauchen wir an dem schließlichen Erfolge nicht zu verzweifeln. Als König Clhis'kija krank önrniederlag, Endete ihn: der Prophet im Aufträge Gottes: „Tn wirst sterben und nicht leben". Diese Verdoppelung, die unnötige Wiederholung derselben Botschaft wird bekanntlich im Talmud dahin erklärt, daß der König, weif er das Gebot, KN heiraten, vernachlässigt habe, auch jene Welt verlieren werde. Tie Entschuldigung des Königs bestand nach dem Talmud darin, daß er im Hinblick aus die 'Zeitumstände die begründete Gewißheit einer schlechten Nachkommenschaft zu haben glaubte, die er vermeiden wollte. Ter Prophet aber bedeutete ihn, daß es nicht seine Sache sei, auf dieise Weise in die Zukunft einzug reifen, °>aß er in der Gegenwart seine Schuldigkeit zu. tun, die Gestaltung der Zukunst über Gott zu überlassen habe. So ist es auch jetzt unsere Pflicht gegenüber dem bedrückten Volke, ihm ein Land zu besorgen, wo es sich friedlich, ruhig und frei von jeder Bedrängnis entlwickelnkann. Ter Redner ermutigte zum Schluß den Präsidenten, an denr Werke, das er. begonnen, rüstig und entschlossen weiter -zu arbeiten, indem er ihm' die Worte zuries, mit denen der Engel den Gideon zur Errettung Israels anspornte: ,Mehe hin,- mit dieser deiner Kraft ,wirst du Israel erretten!" — In einer kurzen, energischen Ansprache von edlen: Schwung und gefüWs'warMer Begeisterung gab Herr 'Dr. Alfred K'l e e - Berlin seiner freudigen Genugtuung beredten Ausdruck, zum ersten Male im freien England in einer öffentlichen Versammlung für die Freiheit seines Volkes sprechen zu können-. Die gögewärtige Zeit sei eine Unglückszeit für die jüdische Nation, in der Tat die schlimmste seit der Zerstörung des Tempels. Der Krieg sei vielleitch einnotwendiges Uebel; um die Greuel und Leiden, die ihn 'begleiten, nach Möglichkeit zu lindern und zu vermindern, habe man doch wenigstens die >Geniser Konvention geschaffen: aber für die Juden in- Rußland gebe es keine Genfer Konvention. Da werden wehrlose Weiber nnd Greise und unschuldige Kinder hingeschlachtet, ohne daß eine Stimme des Protestes sich erhebt. Solche Greuel dürfen nicht fortdauern. „Bis hierher und nicht weiter!" müsse unser Rus lauten. Es sei endlich an der Zeit, daß das j>ü- I schichte der Wiener Indenischast am Ende des 18. , bis ins 19. Jahrhundert hinein, ist zur Lektüre i bestens zu empfehlen.! Wir sind wahrlich seit dem antisemitischen - Regime nicht allzusehr verwöhnt, nnd dennoch ■ glaubt man Tinge zu erfahren, die viele Jahrj Hunderte >;urückliegen müssen, wenn man liest, mir welch peinlicher Sorgfalt die Behörden bef nl-üht sind, die Vermehrung der Inden, deren Ansässigmaclstmg, deren Gedeihen tunlichst einzuschräNlen, und dies noch z-ll einer Zeit, wo es selbst den hohen Behörden schon klar war, daß die Juden in kurzer Zeit mehr für die Förderung von Handel und Industrie, -für Export und damit für den österreichischen snicht nur für den. eigenen) National Wohlstand geleistet haben, als viele Jahrhunderte arischer Wirtschaft. Neben der Anerkennung und Auszeichnung j solcher Männer, die große Dienste geleistet und j aus deren Dienste der Staat weiter reflektierte, geht die kleinliche Niederhaltung der Indenschaft | einher, die ihnen, selbst nach der josefinischen ' Aera, sogar die Anstellung eines Rabbiners ver- . sagt. Tie wiederholten Vorst-Mmgen der Wiener Vertreter um eine Besserung der unerträglichen! Rechtsverhältnisse der Juden hatten wenig Erfolg.! Wir wollen hervvrheben, daß sich schon in! ihrer 'Eingabe vom 12. November 1816 (S. 27) ' die Vertreter als Böhmen, Mähren, Obsterrei- I cher nsw. jüdischen Glaubens gerierten und sich! gegen ein- Nationaljudentum ve-rwahrten. Nun! die Nachkommen nahezu all dieser -Herren sind di'sche Volk sein Geschick selbst in die Hand nehme.! Hätte mau vor zwanzig Jahren! bei Gelegenheit ' der damaligen Greuel energischer gehandelt, dann ' würden mir jetzt nicht die Pogrome von 1906 zu . beklagen Haben. Jedenfalls gelte eS, durch energisches Handel,rd jetzt dafür Sorge zu tragen, daß - man uns nicht, was Gott verihiite, nach weiteren hwaüzrg Jahren vvrwerfcn kann, daß wir im Jahre 1900 durch ein' entschlossenes Verfahren die drohenden Greueltaten von 1926 hätten verhindern können. Mas ist aber jetzt zu tun,? Philanhtropie sei eine edle Sache: aber sie vermöge doch nur einzelnen in ihrer Notdurft zu helfen. Die Lage des ganzen! unterdrückten Volkes könne damit nicht geändert werden. Was jetzt Not tue, sei die Besorgung eines -geeigneten Landes, damit endlich die unterdrückten. Juden als freies Volk in einem freien- Lande leben können. Zum Schluß erzählte Redner noch eine Episode aus den Tagen der Beerdigung He rz l's, die auf ihn einen besonders tiefen, unvergeßlichen Eindruck gemacht habe. Unter, denunzähligen. Beileidskundgebungen ans allen Teilen der Welt kam auch ein Schreiben aus einem kleinen, entlegenen Orte Rußlands, das nichts -weiter enthielt, als die dreimalige Wiederholung der Worte, die er l-Redner) der Versammlung! als Motto zuruse: ,Mut, Mut, Mut!" Der nächste Redner wies auf die traurige Situation der Juden in Rumänien hin und betonte die Notwendigkeit, nicht zu ruhen, bis die Zivilisation auch in. jenes dunkle Land ihren Einzug, hält. Un-seren Glaubensgenossen sei dort jedes Recht versagt: sie.werden systematisch ruiniert und 'korrumpiert. Nichts 'können sie ohne Bestechung erlangen, nicht einmal den Emtritt in die Schulen. Solche Zustände seien unerträglich: es müsse deshalb ein Land gefunden werden, wo die Juden unter dem Schutze der Gesetze in religiöser und politischer Freiheit sicher leben könnten. In der heutigen Haphtara rufe uns der Prophet zn: „Tröstet, tröstet mein Volk!" Seit, der Zerstörung des Tempels sei keine Zeit für die endgültige Erfüllung jener Tröstworte günstiger gewesen, als die gegenwärtige. Nie haben so viele an der Lösung dieser Ausgabe und an der Erfüllung jener Verheißung zusammengewirikt, wie jetzt. Es gebe zwar-Leute, die die Erlösung aus den Golus durch. Mlenscheu'hänide für Unrecht halten. Indessen, wie überlegene Meuschenmacht das Golus geschaffen, habe, so bedürfe es auch keines Wunders, sondernnlur unserer eigenen Anstrengung, u-m uns ans dem Golus z'u befreien. Als nach dem, Auszug aus Aegypten Israel gegen A-malek zw kämpfen hatte, da erhob Moses seine Hände, und die Schlacht wurde gewonnen. Auch wir iNüssen die Hände rüstig heben, die Führer kräftig unterstützen, dann 'wird auch unsere Schlacht bald gewonnen sein. Schließlich wurde folgende Resolution eingebracht und einstimmig angenommen: reine (?) Arier, zum Teil sogar Antisemiten geworden. U-m gerecht zu sein, konstatieren 'wir, daß in einer Eingabe vom 31. Dezember 1821 (S. 36) der Ausdruck „Israelitische Nation" gewählt erd. Der -dem Tempelbau gewidrnete Abschnitt des Buches erregt ein erhebendes Gefühl, wennwir sehen, welch unverhäktnismäßige Opfer die kleine Zahl der Tolerierten für das Spital, die Armenanstalt lind den -Tempel brachte. Obgleich M. L. Biedermann und Konsorten Freidenker waren ssömeik man Kausleute, die außer einer großen Intelligenz und Erfahrung keinerlei gründliche Ausbildung besaßen, als Freidenker bezeichnen kann), mußten sie doch auch aus die rechtgläubigen Inden Rücksicht nehmen*) und die Mikweh sowie die Echaltung des alten Ritus als wichtigst davstellen und sich, gegen jeden Schein einer beabsichtigten Vergewaltigung der Orthodoxen -verwahren. Unseres Wissens wird in diesem Ausrufe vom 22. Oktober 181-1 iS. 66) zum ersteniual die Bezeichnung „der -Orthodoxe" gebraucht. Moderne Rabbiner und 'Gelehrte wollen dieise, für sie verletzende Bezeichnung der süddeutschen Orthödvxie in dis Schuhe schieben. Wie Figura zeigt, stammt die Bezeichnung aus' fortschrittlichen (!) Kreisen. Das ist leicht erklärlich. Mährend die mo- *) Die Abbildung 'des Tempels zeigt eine streng vergitterte Fratrongaierie. „Die von vielen Tausenden In.dey Londons -besuchte Versammlung spricht ihr Vertrauen irr da-s Wirken des Internationa Iraks der Iewish TerritvriaOOrganisativn aus und die Ueberzengutl'g, daß eine -befriedigende -Lösung der Iu-denfrage n>nr in der Beschaffung eines besonderen Landes für die Verfolgten gesunden werden kann: indem! sie iihrenr Ilblscheu -gegendie -organisierten Massakers russischer lInden Ausdrltck gibt, fordert sie alle zivilisierten Regiern'Ngelrauf, die -Bestrebungen des jüdischeir VvMs nach einem freien, gesicherten Wohnsitz -zu fördern und zu un-terstützen." Politische Rundschau. Ein wichtiges und vielfach besprochenes Urteil hatdas- C z. e r n> o> w> i tz e r Landosgrricht als BoliufimgAsen-at dieser Tage erbracht. Der Sachverhalt ist fülgendclr: Jn> einer beim Bezirksgericht in S e r e t h am hän-gigen Prozeßfache war ei,n,e Tagsatzu.n-g zur Durchfüifjruinig, ei-nes Beweises an Ort Stelle -des Slre'i'tgrgenstaubeS auf den e r st e ni Tag des N o s -ch - H a s ch o n o >h f e st« s augeordnet worden. Tie Streittette waren Bekenuer der griechisch-orthodoxen K-irche, ihre Anwälte aber Juden. Beide Auwälte 'haben um Vertagung vor Tagsatzun'g mit der" Begründung angefucht, daß sie als Juden bei -der außerhalb des Gerichtsortes stattfindeuden Verha'u'dlnng nicht intervemeren könnten. Das Pro-zeßgevicht wies das Erstveckungsbegehren mit der kurzen Beg-ri'ludun'g ab, daß 'die Streitteile Choristen sind, un-d daß es a.uf bk Ko-nifessiou der Pdrteron- Vertreter nicht ankoimne. Dem gegen, diesen Beschluß von beidcm Teilen eingelegten Rekurse hat das Laudesgericht in Czernow-itz Talge ge- 'gebev! und die Ue'berlvgU'N'g der Ta-'-'atzlmig ein? geordnet. Die Gründe besagen kurz: Es kann den Streit teilen- -das Recht, sich, bei der Beweisanfnahlne durch Advokaten-vertreten zu Masseln, nicht benomimm werden!. J!m gegeniivärtigen Falle aber, wo in S-ereth nur jüd-isüie Advokaten amtieron, dtese! jedoch des hohen- T-esttages halber ihre Mitwirkung versagen, sei durch di.e Berweigerling der Ueberlogung der Tagsatzun>g den P-arteien bk Möglichkeit, Adviolkaten zu ihren Veirtretern! zubestellen, tatsächtich illusorischgemach-t. Der Zusammenschluß der dcntschsreiheitlichen Fraktionen und die Juden. Die stark a nwa chseude chnästlichsozialkte ri kale B'cllvlegung unter allen .Na-tionaliitäten' und inallen, Teilen der M-oviarchie, bk tuet' den nächsten, Reichsratswahlen besonders stark zutage treten wird, veranlaßt mehrere ,,'dentschfreiheitliche" Orbernerl Noöbiu-er glaub-eu- oder glauben machen rvollen, Träg,e-r 'des echten, rechtgläubigen I-u'dentmu's -zu sein- ('wenn auch iusolge der herrschen,den Priiiiziplv-si'gikeii beim Nesorlnieren nicht zwei Ne-vl-ogeu dieselbe Religion haben), waren die l-S. 67) erilv-äh-nten zwölf Zeichner des?lu-fru-feS der richtigen Erkennt-n-is, daß sie Pvschim seien, daß die Reiforme-n! a-ntireligi-ös seien und orthodox ö. h. rechtgkä'ub-ig u>ur jene Jn-den sind, -die die j-üöi!sche ,Nelig-ion er'ha-lten >vollen, so wie sie seit Ia-hrhunberten besta n>d. Jene zwölf Vertreter »v-areinedle Miänner, erglüht für das Wohlergehen ihrer BolksWN-ossen, also uniwi'Mürlich srekte gegenihren- Miüerl) Natioualjuideu, -denn religiöse Juidorr waren sie nicht un'd ünr das nationale Band knüpfte sie an ihre G >l a n b e n sgenossen. Ein Verdacht, der sich bei Letkür-e von Molss 'Geschichte der Wiener KnituAgelueilide ansdrüngt, wird durch Hnsserls Buch b-e'stä-rkt. Vor dem Tempelbau sinidenwir zäh-llose Verwaihru-tt-gen g-e'geu den- Verdacht einer Vergewaltigrulg-: Der alte ,Gottesdienst must fo-rkbestehen lr-nd wenn er sich .mit 'dem neuen, nicht -verträgt, must sich dieser eine Stätte lsuchen. Da wird swie Wolf vermutet) über Einschreiten der Vertreter) plötzlich -das alte Bethaus bauisällig, -der Tempel w'i-rd gebaut, nnd der alte Naklts ist tvtgeischlagen! Drängt sich da nicht die -U-rberzeugnng aus, daß der Dänips-ingerhos baufällig werden -mußte, nin de-n alten Ritus 'loAz-n-werden,?