Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 48 (6.7.1906)
- Date
- 1906-07-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 NationalMung Nr. 48 welche- System bis zum Jahre 1901 an, wo die Gesellschaft „Jca" intervenierte, welche die Auswanderung erleichterte, indem sie einen Teil der durch dieselben erforderlich gemachten Ausgaben bestritt. Seit damals hat die Auswanderung durch die Vermittlung dieser Gesellschaft stattaefunden. Seit dem Jahre 1901 bis heute haben 24.813 jüdische Emigranten über Predeal das Land verlassen. Die größte Zahl der Auswanderer brachte das Jahre 1901 mit 7668, die kleinste das Jahr 1906 mit 623. Wenn man noch die Zahl der Auswanderer hinzurechnet, die bei Burdujeni das Land verlassen, ferner die Aahl derjenigen, die ohne Pässe oder auf ihre eigener! Kosten ausgewandert sind, so kann man für diese Jahre 1901 bis 1906 die Gesamtzahl der ausgewanderten Juden ohne Uebertreibung mit 50.000 annehmen. Die Borgange in Rußland. Der Bericht der Duma. — Furchtbare Anklagen. Peters b u r g, 2. Juli. Der. Bericht der Duma über die Metzcleien« in Bialystok gipfelt nach dem Referat des Abgeeirdn-eten- Scheschcpkiu (Odessa!) in folgenden. Punkten: 1. Es steht fest, daß General Bogaj-ewskr und der Chef des Stabesder 16. Infanteriedivision schon am 1. Juni den Polizeimeister Radezki und den Gouverneur Küster von der Verwaltung der Stadt entfernt haben, währen-üder Kriegszustand erst nach der Judenhetze verhängt worden ist. Tkesesbeweist, daß die Jnderchetze provokatorisch organisiert war und belastet! die Militärobngkeit, ohne die Zivrlbchövdvn zn entlasten. 2. Es ist festgestellt, daß die Truppen' nur selten am Rauben t-eilgenornmen haben'. Doch sind einzelne Fälle registriert. So sind bei! der Untersuchung der Kasernen g-ercu-bt« goldene Uhvci.? gefunden, wcirden. 3. Esist festgestellt, daß die Plünderbanden unter -dem' Schein, von Feuerwehrleuten gemietet worden sind- 4. Es ist fcstgestellt, daß die Klirchenbatulnor träger, ohne ihre Chorhemden« abgelegt zu« haben, an Raub und Mord teitnahmen. Es ist festgestellt, daß Arretierte in den Bezirkspolizeiverwaltungen totgeschlagen' worden sind und daniv als Tote, die man auf der Straße aufgelesen habe, ha die Polizei gebracht worden sinid. 6. Beim« Püüg-eln und Totschlägen in den Polizeiverwaltungm« ist. der Chef der örtlichen Sektion« der politischer Polizei Cho«dciro«wski zugegen« gewesen. 7. Duirch die Explosion aus der Älexanidrowschen Straße ist mix die Manjakolvsikaja! vmvundet worden. Tie vew Schwäche klammern sich die Wiener Polaken au die Gemeinde und weisen jeden Sonderungsversuch entschieden zurück. Ohne die Gemeinde hätten sie natürlich weder eine Schül noch einen Rabbiner noch irgend eine Spur von jüdischen Anstalten, seien sie auch dreimal soviel. Hoch interessant ist die Tatsache, daß die eiuzelsüchtigen Polaken gar nicht aus Sektenmacherei und Ketzerriecherei ansgehen. Sobald sie nur im litfakischen Zionismus oder in westlichen Gemeinden ihre Einzelsucht überwunden haben, dulden sie alle Richtungen, soweit es geht. Sie wissen nämlich zu gut, daß Bekenntnisse leere Formen sind und so mancher „Gesetzestreue" die Grundlage des jüdischen Gesetzes täglich verletzt und so mancher „Reformer" ein ganz koscherer Jude ist. Die Bestimmung des Zeitpunktes, in dem jemand für seine Gemeinde oder für die jüdische Gemeinde überhaupt nicht mehr paßt, kann man ihm selber ruhig überlassen; er wird den Augenblick nicht verabsäumen. Ein schädlicher' Einfluß kann nur dann von ihm ausgehen, wenn ihm nicht Glaubenstreue und sittliche Macht von anderer Seite in der Gemeinde die Wage halten; in diesem Falle könnte aber auch sein Ausstoß wenig nützen. Der ehemalige Cherem war bloß eine Temütigungsstrafe, aber keinerlei Ausschluß. Also nicht nur mit Groschen, sondern auch mit geistigen Eigenschaften können wir uns gegenseitig dienen. Es schließe sich daher alles, was in Jehudo lebensfroh und lebenswundete Anna Diminjuk hat nntm' Reoolverkugeln« gelitten«. 8. Wo sich die Offiziere einmengten, gelang es ihnen leicht, die Hetze zu unterdrücken'. 9. Es fimiö* Offiziere zugegen gewesen', die die Räuber und Mörder anfeuerten, indenn sie riefen: „So ist's recht! Danke! Steht für uns ein«!" 10. Die Morde in den Wohnungen, wurden systeinatisch eingcleitet. Zuerst vollführten Polizei und Truppeneine Haussuchuing nach Bomben und Revolutionären. Darm hieß cs, das Gesuchte sei gefunden«. Die Tr.uppc«n! beschossen« das Haus lind ließendie Hooligans hinein. Das Hilfskomitee in Bialystok. Unter dem« Vorsitze des. Barons D. G i n zb e r g fand in Bialyfto-k eine große Verscnmwlun'g statt, in welcher die letzten Ereignisse cin«- gcheii'd besprochen wurden. Sämtliche Redner wiesen darauf hin, daß der Pogrom« von« der schwarzen Bande organisiert! und von der Polizei unterstützt wurde. Zum Schlüsse wurde ein aus 26 Mitgliedern bestch-endes Komitee gewählt, demdie Unterstützung der vom Pog«ro«m Betroffenen obliegt. In« der Versammlungwurde auch die Frage der überhand nehmenden A r b e i t s l o s i g k e i t.berührt-, doch beschloß die Versammlung, diese Angelegenheit mit der dringlich gewordenen Unterstützung der bei den letzten Unruhen. Verun«glückten nicht zn verquicken. Hooligans avancieren zu Polizisten. In« welch engen Beziehungen die Polizei zu den Veranstaltern und Akteuren der letzten Judenmassakers in Bialystok steht, beweist folgende charakteristische Geschichte: In der Rotte der „Schwarzen Hundert" „arbeiteten" auch zwei Männer, welche in« Diensten der freiwilligen« Feuerwehr standen. Als die Leitung der Feuerwehr von der Beteiligung ihrer Bediensteten an den Morden und Plünderungen Kenntnis erhielt, jagte sie die Hooligans aus ihren Diensten. Die zwei cutXaffcn«en Mörder haben, aber nicht umsonst so tüchtig, gearbeitet, denn kaum waren sie ihrer Stellen verlustig, wurden' sie auch f cif omf in die Dien st e der Polizei ausgepvmm-en. Seit einigen Tagen paradieren i ie in der nau-dm Polizeiuniform und sind jetzt die „Hüter der Ordnung und des Gesetzes". Und diesen« Leuten sind die Julden aus-geliefert. Reaktionäre Wänc. Petersburg, 4. Juli. Es sind Anzeichen' dafür' vorhanden, daß die Reaktion nicht eher einenentscheidenden Schritt unternehmen wird, als bis der Kaiser, durch die Ereignisse gedrängt, sich dazu entschließen sollte, ein« parlamentarisches Ministeriumzu berufen. Die offiziellen Telegramme, die die Ernennung des neuen Ministerin,ins foti den Provinzen kundgeben, sollen gleichzeitig <aitö Signal zum geplanten reaktionären Aufstan'd dienen. Wie immer soll mit Jndenhetzen, rnit Ueberfällen auf die Jistelligemz uslv. begonnen« werden«. Das neue demokratische Ministerium« würde sich in den: Falle gezwungensehen', sofort die Truppen ausrircken zu lassen« und es würden Gemetzel und anarchische Zustände entstchcn, wie sie selbst unter delN alten« R«eginre nacht vc/rgekonimen« sind. Die n>eu«e parlainenlariM' Regierung, würde «dann«, der Meinung der Reaktion gemäß, das Bertrau«en allerverlieren und dev ganze Parlamentar'ismus würde in «Blut un«d Trümmern zu-sammenbrcchen!. Das ist, so heißt es, der neueste Plan der veaktio«- nären Kamarilla, die jetzt mit großem Eifer arbeitet und Verschwörungen anzettelt. Es ist nur unwahrscheinlich, daß das russische Volk sich von« ihr betören lassen wird. Vorbereitungen zu neuen Pogroms. Petersburg, 4. Juli. Aus Odessa, erhalten die' „Rußk. Wjed." folgendes Tele^- gramm: Heute wurde auf der Pveobraschenskastraße ein Herr Kachow, der Proklamation«en der „Schwarzen- Banden" verteilte und zu einer A-bschlachtulag der Jiuden« auffovderte, verhaftet. Daraufh'in drang in das Polizeigebäude der Bruder Kächows, der Sekretär ^er „P>a«tric>tischen Liga" ist, beschimpfte den« Polizeikommissär, den er mit Entlassung bedrohte, und forderte, ihn sofort mit dev Kanzlei' des Generalgoiuvermeurs telephonisch znverbinden. Der Genera lgouverneur Naremignsow erteilte nachher persönilich« den Befehl, den verhafteten Provokateur zu enthaften. Aus Homel kommen Nachrichten«, daß die Kosaken -alle Vorbereitungen getroffen haben, um noch>m«als die Stadt zu plündern. Die Polizei verhinderte diesen« Plan, und die Kosaken Wunden ans das Gesuch der T«uma-Abgeordneten C'homentkowsky und Rosenbaum, aus Homel entfernt. Nach, vior> Tagen erhielten« diese Abgeordneten aus Mohilew die telegraphische Nachricht, daß die dorthin ans Homel gekonuneiren Kosaken« -einen, Pogrom vorbereiten« und P^roklamationen verteilen«. Die Abgeordneten haben« diese Telegramme dem Miiüi-stev dos Innernüberreicht. Der Pogrom in Bialystok. Bialystok, 4. Juli. Das Stadthaupt «erhielt folgende von sieben Vertretern der Bialtzstoker Inden rin-terzeichnetg Erklärung: dlius dem dein Kriegsminister von Generalleutnant v. Bader übermittelten« Bericht betreffend die Ursachen, die den Pogrom h«eworgerufeni und begleitet haben, ersehen wir. daß die darin kräftig ist, ohne Bekenntnisschein und ohne Geburtsschein innig zusammen. Vielleicht will es die Vorsehung, daß wir durch die einklangvolle Mischung verschiedener Bestandteile einen veredelten, tüchtigen Menschenschlag abgeben für die Bevölkerung unseres ersehnten Reiches Zion. Mögen das die Vertreter derösterreischen Judenheit am Zionistentag in Krakau beherzigen, alle landsmännischen und parteiischen Schranken niederreißen und sich brüderlich umarmen, niemandem zum Trutz und uns allen zum Schutz. Merattsrun- und Judentum. Anfangs dieses Monates erschien eine Schrift von Josef Stein, betitelt „Der Wiener- Liberalismus und seine Gegner" (im Selbstverläge des Verfassers), welche neben einer Verteidigung der deutschfortschrittlichen Partei Wiens eine Reorganisation des Liberalismus in Oesterreich vepveckt. Dazu ist zu bemerken, daß es tatsächlich im Interesse einer gesunden Politik sehr wünschenswert wäre, wenn neben der proletarischen eine wahrhaft liberale, bürgerliche Partei bestände, welche der heute in Oesterreich herrschenden klerikalen und reaktionären Bewegung die Spitze bieten würde. Aber der Verfasser hat aus die nationale Seite der Frage nicht Bedacht genvnnnen oder vielmehr in einer Weise, lvelche wohl die Deutschen, nicht aber uns und andere Rationen befriedigen kann. Und so kommt es, daß er auf Seite 20 seiner Schrift in einem Kapitel „Liberalismus und Judentum" behauptet, die Juden hätten sich ihre nationale Eigenart durch Jahrtausende gerettet, daß er sich aber sonst über die Massen verwundert, daß die Inden dem deutschen Wiener Liberalismus nicht mehr unbedingte Gefolgschaft leisten. Wir dagegen sagen, daß die Juden gut. daran tun, nicht mehr den alten Liberalen nachzulaufen, von denen sie nichts zu erhoffen haben. Denn einerseits wird sich dann zeigen, daß die heutige liberale Partei in ihrer Gänze nur mehr aus wenigen assimilatorischen Juden (siehe Herrn Stem) besteht, in der arischen Bevölkerung aber tatsächlich keinen Anhang hat, andrerseits aber ist es dem Liberalismus vielleicht für die Zukunft möglich, eine wirklich liberale Bewegung unter den Ariern einzuleiten, wenn ihr nicht mehr der Stempel einer jüdischen Bewegung anhaftet. Aber das möge sich der Verfasser merken (und mit ihm alle anderen „Führer" der heutigen liberalen Politik), wir Juden!vcrden uns nicht rnehr dazu hergeben, in anderen Lagern herumzuirren, ivv ivir stets als Fremde gefühlt werden, sondern ivir werden uns fest zusammenschließen unter unserer eigenen Fahne. Wir Juden, die ,vir stets wahrhaft freisinnig waren, werden es allerdings nicht von der Hand lpeisen, gegebenenfalls mit einer liberalen arischen Partei in Fragen des Freisinns zu paktieren. 8.?.