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Nationalzeitung · 1906-06-29 · Heft 46 (29.6.1906) · p. Seite 2

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 46 (29.6.1906)
Date
1906-06-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nationalzeitung Nr. 46 mehr voir niemanden: übergangen werden kann und auch mcht mehr Übergänge:: werden U'ird- Und wenn jemand in diesem Reiche es :nit aufrichtiger Freude mck Genugtuung begrüßen darf, daß der Zionismus sich zu diesem Parteitage entwickelt hat, so stich es wir, 'so ist cs dieses Blatt, das seine ganze Existenz an die Herbeiführung des Zeitpunktes geknüpft hat, in welchem sämtliche Juden dieses Reiches von der Idee durchdrungen sein werden, daß die Juden nur in einer selbständigen, nationalen Politik und in einer Betätigung dieser Politik in allen innerösterreichischen Fragen ihr Heil suchen und finden können. Die Tatsache, daß dieser Parteitag als Notwendigkeit erkannt, daß es i:n zionistische Lager heute Wohl kaum eine nennenswerte Persönlichkeit gibt, die von dein Pflichtbewußtsein nicht durchdrungen wäre, an dem realpolitischen Ausbau der jüdischnationalen Organisation Oesterreichs mit allen Kräften mitzuarbeiten, erfüllt uns mit innerer aufrichtiger Freude und läßt uns für diesen Moment auch alle jene Fehler und Versäumnisse übersehen, die diesem Parteitag vorangegangen sind, und der ganze:: Veranstaltung den Stempel der Unfertigkeit, des Anfänglichen und Unvollkommenen aufdrücken. Es sind dies die ersten Gehversuche auf realpolitischem Boden, und wer wird von einem Kinde in der Gehschule verlangen, daß es auch außerhalb derselben sich sicher fortbewege, ohne zu straucheln! Gewiß muß es einen eigentümlich anmuten, daß gleich der erste Schritt zur Beteiligung an dem allgemeinen konstitutionellen Leben durch eine Verletzung der elementarsten Regeln des Konstitutionalismus gekennzeichnet wird, indem es die Parteileitung für gut befand, das politische Parteiprogramm und das Organisationsstatut bis zum letzten Moment unter dem Scheffel zu halten und sie einer öffentlichen Diskussion in der Presse und in Versammlungen zu entziehen. Sicherlich haftet diesen: Vorgehen etwas Autokratisches, etwas von jener mit den demokratischen Prinzipien, von welchen ja unsere ganze Polit:k geleitet werden sollte, in krassem Widerspruche stehenden, doktrinären Disziplinreiterei an. welche fordert, daß die große Masse sich stets mit dem Fertigen, und zwar von einzelnen, nicht immer erleuchteten Köpfen Ausgedachten und Verfertigten begnüge. Das ist alles wahr ,aber wir sind deshalb nicht besorgt: die Zeit und die Umstände, welche es vermocht haben, die Zionisten zu dieser Entwicklungsstufe zu drängen, werden auch jene Härten glätten, mit welchen die heutigen politischen Arbeiten der Partei behaftet silw, und werden zur richtigen Zeit auch die richtigen Mäm:er au die Oberfläche bringen. Der Krakauer Parteitag kann einen historisch wichtigem Markstein in der Geschichte der Juden Oesterreichs, ja, der Juden der ganzen Welt bilden. Er kann es, wenn er seine Aufgabe richtig erfaßt, und sich von Zufälligkeiten, wie sie sich jetzt in der Geschichte Oesterreichs abspielen, nicht blenden und irreführen läßt. Die erste und wichtigste Aufgabe der Krakauer Beratung wird wohl darin bestehen luüssen, festzustellen, ob die zionistische Organisation heute schon stark genug ist, um diest ige Exklusivität, welche ihre alljüdische Politik kennzeichnet, auch auf Die innerpolitische Tätigkeit mit Erfolg übertragen zu können. Ein Irrt:::::, oder gar eine durch Parteichauvinismus erzeugte Selbsttäuschung könnte leicht für die Politik selbst die schwerwiegendsten Folgen haben. Gerade diese Frage hätte der eingehendsten vorherigen öffentlichen Diskussion bedurft, wollte man nicht von vornherein eine große Masse von Elementen von der Mitarbeit an einer nationalen Politik ausfchließen. Eine fernere wichtige Frage ist die Auffindung der Waffenbrüderschaft unter den anderen Nationalitäten. Die Juden leben in diesem Reiche eingekeilt zwischen den verschiedensten Volksstämmen. Eine jüdische Gerechtigkeitspolitik, welche für die jüdische Nationalität dasselbe fordert, was sie den übrigen Nationalität zugesteht, wird ohne ehrliche, sozusagen paktmüßige Untersetzung einer anderen nichtjüdischen Partei oder Nationalität noch lange Zeit undurchführbar bleibe::. Man wird also rechtzeitig den richtigen B u n d e sb r u d e r finden müssen. Und nun zu der heikelsten Frage, der Wahlaktiön! Man wird sich wohl mit der Frage ernstlich beschäftigen müssen, ob die Wahlbeteiligung, die Erlangung von Mandaten tatsächlich der erste Schritt zur politischen Betätigung sei, und ob dem nicht ein von allen gebilligtes, von allen verstandenes, das jüdische mit dem allgemeinen Interesse verbindendes Programm vorangehen müsse. Man wird sich darüber ksar werden müssen, daß Mandatspolitik mit Volkspolitik nicht identisch ist, daß die erstere gar oft schon die letztere für immer unmöglich gemacht hat. Auch in der Wahl derjenigen Männer, die wir in den Wahlkampf senden und durch Kampf zum Siege sichren wollen, müssen wir mehr Vorsicht als Rücksicht walte:: lassen. Es werde:: die ersten sein, die das jüdische Volk zur Erkämpfung seiner nationalen Rechte entsendet, aber sie müssen die ersten sein, nicht nur der Zeit und den: Zufalle nach, sondern hauptsächlich, ja ausschließlich ihrer Eignung und nationalen Verläßlichkeit nach. In diesen: Sinne entbieten wir den: Krakauer Parteitag unsere besten Wünsche, die Sach e, die er zu vertreten hat, wird in uns nach wie vor die eifrigsten Förderer finden! Politische Rundschau. Der Wahlreformausschuß beschäftigte sich diese Woche mit der Wahlkreiseinteilung für G a l i z i e n. Dieses Land ist bezüglich der Wahlen für uns Juden das wichtigste, befilwen sich doch gerade in diesem Lande die meisten Juden der Monarchie, und leben auch in solchen Massen beisammen, daß sie in einigen Bezirken selbst eine Majorität bilden. Die Judenfrage wäre in der Debatte des Wahlreformausschusses sicherlich schärfer zum Ausdruck gekommen, wenn Dr. Byk nicht so plötzlich gestorben wäre. Aber auch so brachte uns die Debatte eine hochwichtige Enunziation des Ministers des Innern, Baron Dienert h. Er bestritt es, daß die 160.000 Juden Galiziens, welche den Deutschen zugezählt sind, als zur deutschen Nationalität gehörig betrachtet werden dürften. Hierrnit wird die A n e r k e n n u n g der jüdischen N ationalität von Seite der Regierung proklamier, denn es ist nach dieser Aeußerung nicht einzusehen, warmn man den Polen,'Tschechen usw. das zugestehen soll, tvas den Deutschen nicht Zugebilligt wurde. Es ist leicht begreiflich, daß die Abgeordneten D e in e l und K a i s e r von dieser indirekten Kundgebung des Ministers geradezu verblüfft waren, und die liberale Presse nicht gut weiß, was mit der Sache anzufangen. Auch die .,Arbeiter-Zeitung" versucht ihre Verlegenheit duraeine antisemitelnde Glosse zu bemänteln. Ja, meine Herren, Ihre Ueberraschung ist der k’.'ie Beweis Ihrer Unaufrichtigkeit! Die jüdische Nation lebt nicht durch das Machtwort eines Ministers, wie sie nicht stirbt, weil ihre Existenz, ihr pulsierendes Leben von der Tagespresse totgeschwiegen wird. Sie werden sich schon mit der Idee eines lebenden jüdischen Volkes befreunden und mit diesem sich auseinandersetzen müssen, wollen Sie nicht Ihre eigene Machtstellung gefährden! Die Aeußerung des Ministers ist zunächst für die Juden der B u k o w i n a von bedeutender prinzipieller Wichtigkeit, da indiesen: Lande fast alle Juden de:: Deutschen zugezählt werden, und den Juden der Verlust ihres bisherigen Besitzstandes droht. ökonomischen, wirtschaftlichen und kulturellen Abstoßung ausartete. Die Polen sahen zwar gerne zu, wenn die Juden sich assimilierten, sie selbst aber taten nichts, um diese Bestrebungen zu fördern. Im Gegenteil:Ie schloßen stets engere Kreise um sich und suchten die Juden von jedem Einfluß auf die Geschicke des Landes und der Städte fernzuhalten. Wenn es schon irgendwo nicht möglich war, die Wahl eines Juden zu verhindern, so wurde wenigstens dafür gesorgt, daß ein assimilierter Jude gewählt werde, das heißt ein solcher, für den es eine jüdische Frage überhaupt nicht gibt, der mit dem Leid einer jeden Volksschichte mitfühlte, der brutalen Ungerechtigkeit aber, mit der man die 800.000 Juden Galiziens behandelte, kühl bis ans Herz gegenüberstand. Dr. Byk hat sicherlich ein warmes Herz für seine unterdrückten Stammesgenossen besessen und auch in ihm loderte die Flamme der Entrüstung ob der Drangsalierungen und Leiden seiner Glaubensgenossen. Nicht an ihm lag die Schuld, nur an der Methode, deren er sich bediente, an der falschen Voraussetzung, von der er ausging und die ihn auf eine stets abschüssigere Bahn führte. In einem jeden anderen Volkskörper stärkt die durch Kapital und Intelligenz emporragende Klasse die tieferstehende. Das von außei: bedrohte, im Innern aber arme und unkultivierte galizische Judenvolk blieb großenteils ohne politische und moralische Führung, weil ihm durch die Assimilation die fähigsten und für eine politische und wirtschaftliche Führung am meisten in Betracht kommenden Elemente entzogen wurden. — Hier setzte der Zionismus ein und begann seine kritische, zersetzende Tätigkeit nach oben hin und die Erziehung nach unten. Ein neues Geschlecht mußte erzogen werden, der erschlaffte Mut mußte aufgefrischt und das jüdische Selbstbewußtsein dem Volke wiedergegeben werden, um zu einer Niederwerfung des verhängnisvollen Systems ausholen zu können. Heute steht alles, was Saft und Kraft, was Stolz und Rückgrat hat, im nationalen Lager. Dr. Byk bedeutet einen Kulminationspunkt der Assimilationspolitik, die aber innerlich morsch und von außen nach allen Seiten durchschossen war. Noch konnte er in Schönheit sterben: in: Vollbesitze seiner Macht, Reichsratsabgeordneter, Kultuspräses und tatsächlicher Führer der galizische:: Judenheit. Mit ihm zugleich wird die galizische Assimilationspolitik zu Grabe getragen. Oskar Keßler. Literatur. Feuchtwang, Dr. David: Kanzelreden, 3. Teil. Verlag von M. W. Kaufmann, Leipzig, 1906. Ein wahres Erbauungsbuch! Es ist nicht jedermanns Suche, in den ausgetretenen, ausgewaschenen Bahnen einherzuimben, und die üblichen Gebete herzusagen, bei deren Rezitation sich die wahre Andacht und Weihe, die Schwungkraft der Seele öfter nicht Anstelle:: will. Es gibt auch religiöse Feinschmecker, die nach der himmlischen Kost schmachten, die.abr mit der üblichen Massenstallfütterung nicht fürlieb nehmen. Es müssen das nicht gerade Menschen sein, die „nichts inehr in sich haben als ein ausgenommener Hering und nichts weiter wert sind, als in den Rauchfang gehängt zu werdenz es können vielmehr darunter auch solche zählen, die für ihr Volk und den angestammten Glauben warn: fühlen. Für das Innenleben dieser besonders sind die vorliegenden Reden gestimmt und eingerichtet. Mau mißverstehe uns nicht. Von wie hoher Warte F. auch das Judentum auffaßt, so ist das, was er Predigt, doch hinnnelweit entfernt von jener stilisierten Allerweltsreligion, in der alles und nichts untergebracht werden kann, aus der der jüdische Geist herausgeblasen Waschbar t Waaserd labt! Qaruchlos I Pollenz echte Reform-Scbweissblätter M die heilen IleM MI

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