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Nationalzeitung · 1906-06-29 · Heft 46 (29.6.1906) · p. [Seite]

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 46 (29.6.1906)
Date
1906-06-29
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. MtimchmMg Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Eigentum einer Soneiät. — DerausgeKer und Chefredakteur: Jakob Kraus;. Inserate übernehmen die firmen: I. Damieberg, M. flukes Nachfolger. Haasenftein & Vogler, Rnöolf ntoffe, Dl. pozfonyi, fl. Schalck in Wien ferner alle flnnonccn.Lrpeditionen im fluslande. Ginzel - Nnmmer in Wien IS Heller. Verschleiffstellen unseres Blaues, in welchen auch Abonnements eulqeqenqeuommen werden: Herniann Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile 11; Verlag „Zion" Wien, II. Grone Schiffgasse 7; Rodert Wein, Wien, I. Jakobergasse 7. 9'--—-* Rrdalrllon: IX,1. Wasas«N- 31. Telephon Nr. 1^728. Sprechstunden: An Wockienragcn ron 10 bis 12 Uhr vorm, tf.ofinbveffo: „National,«.eitnng" Wie», IX|I. Beschwerden wegen verivareier oder gor nickt erfolgter Anstellung erbinen wir uns drinaend. — Msnurllrlpte werde» nicht rntiiekzerrellt. Postspaikasien-Konlv 47037. 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Wer hatte es geahnt, daß der russische Massenmörder so rasch wird Wiederhunderte und ,hunderte zu Witwen und Waisen, zu. Bettlern und Heimatslosen machen, die hilflos zu ihren westeuropäischen Brüdern flüchten, um die Gnade flehend, sie in ein sicheres Obdach zu befördern! Brüder! Schwestern! Erinnert ibr euch noch an die furchtbaren, fast zu Tode gehetzten, verhungerten Gestalten, die im Vorjahre, in diesem schrecklichen Unglücksjahre unserer russischen Brüder ratlos und mittellos unsere Straßen füllten?! Erinnert ihr euch noch der markerschütternden Szenen vor unseren Synagogen, unseren Wohltätigkeitsanstalten und in den — Gefängnissen?! j Erinnert ihr euch noch, wie uns das un-! sägliche Elend unseres eigenen Blutes, unseres j eigenen Fleisches unvorbereitet traf, j wie machtlos wir dem großen Jammer gegen-! überstanden?! 7 | Brüder! Schwestern! Diese Szenen wer- I den sich jetzt wiederholen! In Rußland hat! das Judenmorden von neuem begonnen und wem sein Leben teuer ist, verläßt Hab und Gut und flieht mit seinem nackten Leben über die Grenzen zu seinen jüdischen Brüdern, bei denen er um Rat und Hilfe fleht. Die Szenen vom Vorjahre werden sich wiederholen, die russische Bureankratie ist dieselbe geblieben, aber wir dürfen nicht warten, bis das Elend unbezwinglich wird, wir müssen gerüstet sein, um das mindeste zu tun, was uns Menschlichkeit, Stammespflicht und Stammesbewnßtsein gebieten: Helsen, rasch und zweckdienljch Helsen! Nicht soll der verfolgte Bruder vergebens an unsere Türe pochen! Nicht nutzlos soll er um die Weiterbeförderung in einen sicheren Hafen bitten, wo er sein Leben durch Arbeit fristen und dem Judentum erhalten bleiben kann! Brüder! Schwestern! Gebet rasch und gebet soviel ihr könnt! Die Spenden sind an die Redaktion der „Nationalzeitung" (für Auswanderungsbureau), Wien, 9. Bez., Wasagasse 31, einzusendcn. Jede Spende wird in diesem Blatt! ausgewiesen. Feuilleton. Dr. Emil Byk. Mit Dr. Emil Byk verschwindet ans dem jüdischen Leben eine Persönlichkeit, die auf die Geschicke der galizischen Judenheit in den letzten Dezennien ihren eigenartigen Stempel ausgeprägt hat. Er gehört dieser Geschichte an und es hieße, sowohl dem Verstorbenen als auch den Ueberlebenden Unrecht antun, wollte man mit einigen gutgemeinten, aber nichtssagenden Worten an seiner Leiche vorübergehen. Eine solche „Ehrung" hat der Verstorbene nicht verdient. Den,: er war zeitlebens in seiner Art ein Kämpfer von nimmermüder Ausdauer, von großer Intelligenz, von ungewöhnlicher Begabung und von unerschütterlicher Willenskraft. Noch eines; sein ganzes Streben war vom ersten Schritt auf der politischen Arena angefangen, bis zu seinem letzten Atemzuge dem Judentums gewidmet. Schon aus diesem Umstand allein müßte sich die Notwendigkeit einer kritischen Beleuchtung seiner Bestrebungen, der Schritte und Mittel, die er zurjErreichung.seines Zieles angewendet hatte, ergeben. Denn so paradox es klingen mag: Wir Juden, eines der ältesten und. historischesten Völker, besitzen keinen politischen Sinn und in der kurzen Zeit, wo wir in Westeuropa in relativer Freiheit leben konnten, haben wir mehr politische und taktische Fehler begangen, als manch andere Völker Jahrhunderte hindurch. Umsomehr ist es unsere Pflicht, einen kritischen Maßstab an die Bestrebungen Dr. Byks anzulegen 4md uns zu fragen, ob dasjenige, was Dr. Byk anstrebte, vom Standpunkte des Judentums und des jüdischen Lebens auch richtig war und ob er durch seine Politik auch unr einen Teil dessen erreicht hatte, was er von ihr erwartete. Dr. Byk begann seine politische Laufbahn im Verein „Schomer Israel" in Lemberg, einem Verein, der auf zentralistischer Grundlage stand und durch den Anschluß der Juden an das damals allgewaltige Deutschtum eine faktische Durchführung der Gleichberechtigung erhoffte. Doch die Schaffung eines durch deutsche Kultur geeinten Oesterreichs erwies sich bald als schädlicher Traum, dessen üble Folgen bis auf den heutigen Tag fühlbar sind. Aus diesem Traum erwachte nach langer Zeit auch Dr. Byk und er suchte durch einen politischen Anschluß an die Ruthenet: den Juden denjenigen Einfluß zu sichern, der ihnen gebühren müßte und den Spendenlisten sind ebenfalls in der Redaktion dieses Blattes zu haben. Wien, den 18. Juni 1906. Für den Vorstand des jüdischen Nationalvereines „Einheit": Dr. S. Krenberger nt. p. S. Meisels m. p. Weitere Spenden liefen ein von den Herren: Rudolf Fuchs 5 K, Mar Holzer 4 K, Friedrich Fischer 10 K, N. N. 3 K, Ko. . . . 1 X, Sig. Ehrlich 1 K, Dr. T. K. 1 K, Ingenieur I. Löwenbein 3 K, Hugo Weiß, 2 K, M. Sch. 1 X, Frommer 10 K, Moses Biller 1 K, A. K. Stern 2 K, zusammen 44 K. Hierzu die in Nr. 45 ansgewiesenen 137 Iv zusammen 181 K. Znm Krakauer Ziomsteutag. I. Kr. Sonntag den 1. Juli findet in Krakau ein außerordentlicher Parteitag der Zionisten Oesterreichs statt. Außerordentlich ist der Parteitag, aber auch die Schwierigkeiten, unter denen er Zusammentritt, und der Gegenstand, der ihm zur Beratung vorliegt, sind außerordentliche. Mit diesem Kongresse schwingt sich die zionistische Organisation Oesterreichs zu einem Machtfaktor im innerpolitischen Leben des Reiches aus, zu einem realen, an den mannigfachen Arbeiten seinen politischen Anteil fordernden Faktor, der nunihnen die Polen tticht gewähren wollten. Doch ist /dies nur eine vorübergehende Episode. Die eigentliche Bedeutung Dr. Byks begann mit dem Momente, tvo er den Grundsatz aufstellte, daß die Jtlden, um die Gleichberechtigung im Lande zu erreichen, sich an die polnische Nation anlehnen und demgemäß alles aufgeben müssen, was sie national, kulturell und gesellschaftlich von den Polen unterscheidet. Aus dieser Voraussetzung, die nichts mehr und nichts weniger bedeutet, als daß die Juden als nationaler Körper minderwertig und daß ihnen die Anerkennung ihrer Menschenrechte erst durch die höhere 'Weihe der polnischetr Kultur gewährt werden könne, ergab sich für die Juden eine verhängnisvolle Situation, und viele Jahre werden noch verstreichen müssen, bis dieser folgenschwere Irrtum wieder wird gutgeniacht werdet: fönneu* Die Polen gewöhnten sich daran, den Jude:: als geduldetes Wesen zu betrachtet:, über das nmn sich jederzeit hinwegsetzen katm und die Juden, weil sie als solche zu existieret: aufgehört haben :md die Vertretung ihrer Interessen den Polen mtd der Regierung gegettüber aufgaben, gerieten in eine immer größere Abhängigkeit von den Polen, die ihnetr außerdem mit stets gesteigerten: Widerwille:: begegneter:, der zur vollständigen Die nächste Nummer erscheint Dienstag den 3. Juli. -»<■

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