Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 44 (22.6.1906)
- Date
- 1906-06-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 44 NatümaizLikmg Seite 3 wieder sind es natürlich die Juden, die „begonnen" haben. Die aus ihren Häusern auf friedlich dahinziehende Christenprozessionen schossen. Die Christenmädchen erschlugen und Bauerngehöfte anzündeten. Und wieder waren es die Behörden, denen es gelang, die Ausschreitnngen auf einen ,verhältnismäßig geringen Umfang" zu beschränken. Alldies ist zu lesen in den offiziellen Depeschen der Petersburger Telegraphenagentur aus Wilna, aus Petersburg, aus Bjelostok. Sie melden es ins Ausland und im Jnlaude wird es weitergegeben von Gehöft zu Gehöft, von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt: die Juden greifen die Christen an, die Juden morden, plündern, sengen und brennen, die Juden, die Juden! Wer war schon einmal in einem westrussifchen Dorf oder im Odessaer Judenviertel oder in den jüdischen Flößerkolonien der kleinruffischen Ansiedlungsrayons? Ein scheues, durch die unsäglichen Prüfungen furchtsames Volk. Schweigsam und verschlossen. Mißtrauisch und gedehmütigt. Auch die Starken und die Großen unter ihnen mit gebeugtem Nacken. Sie gehen nicht, sie schleichen, sie flüstern. Eng aneinander geschmiegt, in schmale Räume zusammengepfercht, auch wo sie Platz hätten. Wie die Schafe im Gewitter. Gewöhnt an Unterdrückung, erzogen in der Zurücksetzung, ausgewachsen in der Erkenntnis ihrer Ohnmacht, geboren .und gestorben, ohne je zum Bewußtsein ihrer Menschenwürde zu gelangen . . . Menschen mit verkrüppelten Seelen, in denen nicht einmal die Hoffnung keimt, daß einst die Morgenröte der Menschengleichheit Heranbrechen könnte. Wer diese Juden je gesehen, ob auf ihrer heimatlichen Scholle oder heimatlos auf ihren Fluchtzügen, der wird die barbarische Ungeheuerlichkeit, mit der Rußland die schauerliche Lüge in die Welt setzt, voll erfassen. Daß aber zu allen Zeiten und überall, wo Menschen gemordet wurden, ob ihres Glaubens, dieselbe Lüge gebraucht, dasselbe Mittel angewendet wird, um den Pöbel aufzuhetzen, um die wilden Leidenschaften des Mobs zu entfesseln! Die Christen im alten Rom wurden beschuldigt, daß sie die Stadt anzünden wollten und der Bartholomäusnacht ging die Mär von der Brunnenvergiftung voraus und die Boxer in China verbreiteten den Glauben, die christlichen Missionäre hätten die Ahnengräber zerstört. Immer dasselbe. Und überall das gleiche. Die Geschichte der Juden wiederholt ja auf blutgetränkten Blättern unzählige Male dieselbe Geschichte. Die Geschichte von den Juden, die „angefangen" haben. Arme russische Juden! Ganz Europa bemitleidet sie. Und Amerika betrauert sie. Und auch Spenden werden geschickt. Reiche Spenden. Viel Geld. Auf Brot für die Waisen und auf Leichensteine für die Gemordeten. Da werden jetzt wieder Hilfskomitees gebildet mit stolzen Namen an der Spitze. Europa zur Ehre: Mitleid ohne Unterschied der Konfession. Hat ja sogar Drumont den ,Antisemitismus der Tat" verdammt. Hat aber Europa wirklich nichts übrig für die ruffischcn Juden als Mitleid, Erbarmen, Bedauern? Die Millionen, die gesammelt werden für die Opfer der Blutseuchen in Rußland, sie vergolden nicht den Ehrenschild der Zivilisation. Nein und tausendmal nein! Es klebt etwas wie eckliges Protzentum daran, das in dem Gelde die alleinseligmachende Gewalt erblickt und das sich loskauft mit Geld von den Pflichten der Menschlichkeit. Hat Europa nichts anderes übrig für die Juden Rußlands? Jenes Rußland, das so viel Geld braucht, so viel Geld schuldet und so viel Geld borgt. Geld auf dem Geldmarkt. Wo ist die Macht, die von den Judenfeinden so verschriene Macht des jüdischen Geldes. Das Geld ist wohl da, aber seine Macht scheint sich in dem Kampf um die Prozente zu erschöpfen. Die jüdischen Geldfürsten, die da mit Rußland unterhandeln, gerade jetzt unterhandeln, sollten es versuchen, nicht nur um Prozente, sondern auch um Menschenrechte zu feilschen. Menschenrechte für die Juden in Rußland sind ein halbes oder vielleicht sogar ein ganzes, ein volles Prozent Zinsennachlaß wert. Rotschild, Taussig, Mendelsohn und wie sie alle heißen, die ihre Unterschriften unter die Prospekte des russischen Schatzkanzlers setzen, sie mögen es versuchen, etwas nachzulaffen und dafür ihre Glaubensbrüder zu retten, die sie segnen werden und preisen und loben als ihren Mesias. Gerade jetzt wäre die Zeit. Rußland braucht wieder Geld, viel Geld. Wo die Unterschriften auf den alten Subskriptionsbögen noch nicht getrocknet sind. Nur schwer, heißt es, entschließt sich die Finanzwekt, Rußland neuen Kredit zu gewähren und sie verlangt hohe Prozente und einen niedrigen Emissionskurs. Da soll das Mitleid für die russischen Juden ansetzen, um praktische Resultate zu erzielen, die durch noch so reichliche Spenden nie und nimmer geschaffen werden können. Nicht Sühnopfer für die Toten, sondern Rechte für die Lebenden. Rechte, Menschenrechte, die Rechte der Menschwerdung, der Menschenwürde, der Menschengleichheit. ... Wann wird die finstere Gewitterwolke, die grollend und dumpf brummend über das weite Zarenreich schleicht, dem roten Streif der Morgenröte einer hesseren Zukunft weichen? Wann wird aus der blutigen Saat der Menschenfrühling keimen? Wann wird die Nacht enden, in der brennende Häuser zur Menschenjagd leuchten? Und wann wird der Tag anbrechen, an dem de? Jude in Rußland als Mensch anerkannt wird? Die Anerkennung der jüdischen Nationalität. E Z c r n o w i tz, 18. Juni. Sonntag den 17. d. M. fand hier im größten Hörsaal unserer Universität, der von jüdischen und ruthenischcn Studenten bis aufs letzte Plätzchen gefüllt war, um 11 Uhr vormittags eilte Versamnllnng statt. Seitens des akademischen Senats nahm Professor Tarnavschi teil. Rektor Tr. Herzberg- Fränkcl brillierte in sonderbarer Auffassung feiner Pflicht lvieder einmal durch Abwesenheit. Namens der Einbernfer eröffnete cand. jnr. Samuel Schwitz („Emunah") die Versammlung llnd über seilten Vorschlag wurde zum Vorsitzenden jur. Josef Truckmann („Hebronia" ) per Akklamation gewählt. Hierauf ergriff jnr. Ohrenstein („Zephimh") als Referent das Wort. Derselbe gab eine kritische Darstellung des bisherigen Kampfes um die Anerkennung der jüdischen Rationalität an unserer Universität, und wies mit treffender Begründung die schwächliche Ausrede des Senats zurück, die Universität wäre zur Entscheidung dieser Frage inkompetent; die Sache sei den jüdischen Studenten furchtbar ernst und es sei aussichtslos, sie mit Ausreden hinzuhalten. Er widerlegte die Besorgnis, daß durch die Anerkennung der jüdischen Rationalität der deutsche Charakter der Universität beeinträchtigt würde und erklärte unter lauter Zustimmung der ganzen Versammlung, bog die jüdische Studentenschaft sich als Stärknngslnittel einer anderen Rationalität (der deutschen) nicht hergeben werde. Sie können nur durch eine Tat, nicht durch eine Ausrede beruhigt werden. Solange diese Tat nicht erfolgte, könne und dürfe die selbstbewußte jüdische Studentenschaft nicht Massen, in dem Nationale „rutheisch" und „rumänisch" als Muttersprache anzugeben. Cand. jur. Dolberg („Emunah") erklärte es als Ehrenpflicht jedes jüdischen Stildenten, die Sache seiner Rationalität nicht um kleinliche Interessen Dritter zurückzusetzen. Mit wissenschaftlicher Argumentation und an der Hand zutreffender Beispiele erwies er die schädliche Wirkung und die Haltlosigkeit der Bestrebungen, welche der nationalen Bewegung entgegengebracht werden. Cand. Phil. Pilpel („Hebronia") legte in begeisterter und begeisternder Rede die Unstickbältigkeit der Argmnente, die gegen die jüdische Sprache angeführt werden, dar. Aus der Tatsache, daß llniversitätsprofessoren letzthin sich dagegen sträubten, an den jüdischen Feiertagen leine Vorlesungen abzuhalten, müsse der Schluß gezogen werden, daß die Universität auf dein Standpunkte stehe, die Inden weder als religiöse noch als nationale Gemeinschaft anzucrkennen. In längerer, wiederholt von tosendem Beifall unterbrochener Rede erklärte Prof. Aellner sich mit der Forderung der jüdischen Studentenschaft solidarisch. Der Assimilantentppns wurde von ihm in fein pointierter Weise s Produkt 'ihrer nationalen E.nt'wicklimlg wicht preis- | iK'Oen diesem Wnnsche wurde von der Gesetz- > gebnng Rechnung getragen und für die Jndeur eiiü Ansnahnis-Eherecht geschassen, .webch-Äri! das mosaische Recht als Vorbild dienen sollte. Leider habeil! die damals der Redaktion zugezogenen Rabbiner in ihren Vorstellungen, wie es mich den! ältere»! Auslegern der mosaischen/ Ehegesetze nicht selten widerfahren ist, aus ll Munde der hebräischen! Altertümer und wegen ihrer ans twnt Talmud geschöpften Ansichten den richtigen Sinn und Umfang der mosaischen Ehegesetze öfters verfehlt. Tara,ns erklärt es sich, warn'm das jüdische Ausnahms-Ehe recht »licht immer vollständig mit denn mosaischen Ehe rechte nhereinstimmt and es halben sich datier ja späterer u»ti> insbesondere in ne Wester Zeit gewichtige Stimmen für eine den Zeitverhältnissen und den gelästerten religiösen Ansichten des llndentliws entsprechende Reform dieses Zweiges unserer Gesetzgebung geltend gemacht. Gerade die bevorstehende' Revision des bürgerlichen Gesetzbuches wird hierzu die passendste Gelegenheit bieten. Das reformbedürftigste Gebiet in dieser Hinsicht sind die Bestiinmüngen des jüdischen Att UTtyms-Eherechtes über die Trennung der Judenehen. Es heißt im § .133 des bürgert. Gesetzbuches. Eine gültig geschlossene Ehe der Inden kann mit ihrer wechselseitigen freien. Ginwillignng vermittels eines von dom> Männe dev sagte; das äußerst interessante -historische Material ans der mosaischen lind älteren österreichischen Gesetzgebung, das der Redner znin Verständnis der auf diesen Quellen ansgebanten gegenwärtigen Gesetzgebung heranzog, können wir mangels Raum leider nicht 'bringen. Die von der Regiern>ng angeknndigte Revision unseres ans dem Jahre 1811 stalmnenden bürgerlichen Gesetzbuches wird aitcfj zur Reform, der in der genannten. Pribat-Rechts-'Ordiuing enthaltenen Bestsuiimüngen über das Eherecht führen. Es ist dies bekanntlich eine Materie, die schon längst resornlbednr'ftig ist und mit freut1 inzwischen vollständig veränderten Anschauungen über Ehe und Sittlichkeit, über das Verhältnis zwischen Mamr und Frau sowie der beiderseitigen Rechte und Pflichten' in 'kläffendem Widerspruche 'steht,' insbesondere ist es da der 8 Hl unseres bürgertichell Gesetzbuches, gegen den, sich' die allgemeine Strömung kehrt, bekanntlich jenen Paragrapheu, in welchen'« für .stathotikeu die UnanslöSbarteit ihres Ehebandes bei Lebzeiten beider Ehegatten ausgesprochen ist, ein NechtsgedaNke, den nntsere Privat-! Rechts-Ordnung gleich vielen ältderen rutrö dem! Kailion'ilfchen Eiheaecht entlehnt hat. W!ie stark die i Brivegnug gegen dieses Dvglna von der prinzij piellen IlnäNsMbartei-t der katholischen, Ehe in i Oesterreich geworden ist, bellveist am besten der Uw-! stand, daß sich in Wieu eine große Vereinigunig unter dtz'n ötainen: „Verein geschiedener tathobi- \ scher Eheleute" gebildet hat, mm auch für 'Oesterreich das zu erioirken, lvas andere Staate«' schon längst besitzen, nämlich die Atöglichleit der vollständigen^ Auslosung, der Ehe bei Lebzeiten beider Ehe'gatteu, währowd es iulQesterreich sttMrtih'vlUen bekau'ntlich nur das Jlistitnt der „Sche'idu-ng von. Ti'sch und Bett" gibt. Groß ist das Unglück, w'elches der 8 Hl über Tau!sende von Fauril'ielr gebracht und viele, viele Ehegatten.sch'machten in niiglücklicher Ehe ohne Hossnirng, 'die>fe'N Zustande ans gesetzlichein! Wege ein Ende rnachen zu 'können.. Der zitierte Paragraph ist eine B'sstmvnrnng des spez-isisch katholischen Eherechtes. Oesterreich steht bekanntlich nicht, wie andere Staatelr, amf dem Standpunkte einer interkonsessioiiellel'! Siegelll'Ng des Ehe'-echtes. Diese Materie ist tu nniserew Gesetzt'nche vielmehr derart geordnet, daß sede ä'on'fession, abgesehen' vvn einer Reihe geN'ein'satner Bestitnnnln.gen ihrspezisisches Solidereherecht hat. So auch die Inden. Alich sie haben in, Na'bttU-n llnseres Gesetzbuches ihr eigenes Eherecht, welches das Gesetz lnit der lleberschrift: „AuSnähnron bei der Judenschaft" bezeichinet. MS es nälnilich seillerzeit zur Redaktimr des Eherechtes in Oesterreich ko-niilnen sollte, wollte-,c die Juden, ihr spezifisch, jüdisches Eherecht, das 2. nnTELi>/Kn Wien, I , Hoher Markt Nr. 8 (Palais Sina) im Zentrum der Stadt.+ Hühneraugen-Pflafter, Preis pro Kuvert SO h. - Preis pro Schachtel 70 h. Hühneraugenbalsam (Tinktur) Preis pro Fläschchen 70 Heller.