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Nationalzeitung · 1906-06-22 · Heft 44 (22.6.1906) · p. Seite 2

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 44 (22.6.1906)
Date
1906-06-22
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nationalzeituns Nr. 44 (Vy kostet mich schreckliche Ueberivinvung, um nicht gleich in einen Ton zu verfallen, der m einer so hochgestellten Körperschaft, wie die Duma es ist, nicht schicklich ist . . . . . In Bjalistok liegen die Ermordetet: noch auf den Straßen .... Ich habe tticht die Absicht, Ihr Mitleid zu erwecken. Dort, wo es sich u in e i ti e -Ji atio n v o n 6 tüt illionen S e e l e n handelt, da hat die Angelegenheit mit dem Gefühle des Mitleids nicht zu tun- Die j ü d i s ch e N a t i o n fordert itu r (3 erechtigkei t, und tvo es sich um Gerechtigkeit handelt, da ist kein Platz für Mitleid, ' denn die Forderungen der Gerechtigkeit können auf rein logischer Grundlage aufgebaut werden. In Bjalistok hat sich etwas Schreckliches ereignet. Das find dieselben Schießereien, lvie wir sie seit Monden vor uns sehen, nur daß hier das Kriegsgericht fehlt; auch sind es nicht Opfer, die von der Polizei für „schuldig" erkannt wurden, sondern unschuldige friedliche Einwohner, schwache Greise und Kinder. Der Bjalistoker Pogrom darf nicht wie ein vereinzeltes Faktum behandelt werden. Er bildet kein Buch für sich allein, sondern ist nur ein Kapitel aus dem großen Buche der russischen Judenmetzeleien, auf tvelchem wohl der Name de--- Verfassers nicht gedruckt steht, d e n a b e r das P o l i z e i d e p a r t e n: e n t genau kennt! Bfalistok ist keine Ausnahme, es ist vielmehr nur ein kleiner Ring in der langen Kette jüdischer Leiden, es ist das Resultat jenes S v it e m s, g e g e n w e l ch e s S i e s e l b st a n kämpfe n. Tie russische Regierung braucht eine Bevölkerung von sechs Millionen schwacher rechtloser Menschen. Ja, ich gehe noch weiter und behaupte, daß, wenn Rußland keine Juden hätte, und die Regierung darauf bestünde, ihre Absichten durchzuführen, so müßte sie süß aus der Fremde eine Gruppe hilfloser Menschen direkt verschreiben, damit sie in der Lage sei. in kritischen Momenten den Zorn der Volksmassen gegen diese Hilflosen und Schwachen zu reizen. Ein s o l ch e r S ü n d e n b o ck i st heute die r e ch t l o s e j ü bische Bevölkerung! Tie Massen sind in dem Glauben erzogen, daß es bei uns Bürger ersten, zweiten und dritten Ranges gebe. Ten allerletzten Platz nehmen die sechs Millionen Juden ein- Tie Volksmassen sind in der ihnen anerzogenen Anschauung aufgewachsen, daß gegenüber den Juden alles erlaubt sei, denn sie sind Bürger allerniedrigsten Ranges, die nirgends Schutz finden, wenn sie seiner bedürfen. Tie Iudeumetzeleien bilden bereits ein ganzes System. Auch in den Oktobertagen, als das ganze russische Volk, wie ein Mann sich erhob, um sich von seinen Fesseln zu befreien, auch damals fand die russische Regierung kein besseres Mittel gegen die Freiheitsbewegung auzulämpfen, als den Volkszorn gegen die Schwachen und Hilflosen zu reizen. Sie wissen, wie dieser Abschnitt unserer Geschichte geendet hat. Jetzt wiederholt sich dasselbe. Das ist die zweite Ausgabe, jedoch nicht eine verbesserte, sondern eine vergrößerte. Jetzt ist die Duma einberufen; in ihr fordert der Volkswille seinen Ausdruck. Wir alle streben die Freiheit an, und diesem Volkswissen ividersetzt man sich. Ich hege die Furcht, d a ß B j a l i st o k u n r d a s e r st e B l a 11 v o m z w eiten K a - p i t c l bilde t. Tenn es verrät sich da wieder das ganze System, das mit Haß vorbereitet und mit Haß durchgeführt Ivird. In sehr vielen Fällen Ivissen wir ganz genau, wer die Pogrome vorbereitet, ivir wissen ganz, gut, daß die Gendarmerieverlvaltungen selbst die Verbreiter aufreizender Proklamationen sind. Uns sind auch Gouverneure bekannt, die unsere Väter zu sich beordern und ihnen drohen: „Wenn ihr eure jungen Leute nicht zwingt, den Freiheitskampf aufzugebeu, so werden wir mir euch a b r e ch n e n „ n a ch u n s c r e r A x t" . . . So können nur Menschen sprechen, die kein Gewissen haben und denen der Begriff normalsten Gerechtigkeitsgefühls fehlt. Aber nicht nur die Gouverneure, sondern auch die Polizeimeister, diese kleinen Autokraten, veranstalten Pogrome auf ihre klntertanen. Wir kennen die Metzeleien dev Kriegsgerichte, aber dort ist wenigstens irgend ein Schein einer Prozedur, einer Verhandlung vorhanden, bei den Pogromen auf Juden fehlt auch dieser Schein eines Rechtes. Da treten die wilden Massen als Richter auf, der niedere Pöbel, der die Gelegenheit, ungestraft vernichten zu dürfen, gerne ausnützt. Tie Negierung hat allen unseren bürgerlichen Rechten Schranken gesetzt, sie verbietet uns sogar den freien Zug von einem Ort in den andern. Sie will uns doppelt einschränken. Sic kann es nicht verwinden, daß Ivir uns an der Freiheitsbewegung beteiligen, so will sie uns denn in eine „geistige Tscherta" sTscherta — Nnsiedlungsrayon der Juden in Rußland. Anmerkung der Redaktion.) zwängen. Aber ihre Mühe ist vergeblich! Die Tscherta, in welche wir 'gezwängt werden, läßt sich nur geographisch errichten, und au chda wird sie nicht ewig bestehen. Es gibt kein Volk in der Welt, das in dem Momente, da es seine Freiheit erlangt, nicht die Mauern des Ghetto niederreißen würde, und wenn das russische Volk seine Freiheit erlangt haben lvird, so werden auch die Mauern des russischen Ghetto fallen. Die Negierung stellt sich uns gegenüber auf den Standpunkt, daß alle Juden für jeden einzelnen unter ihnen zu bürgen haben. Hiergegen müsse n!v i r hi er in der D u m et mit aller Energie protestiere ii. Die Bjalistoker Vorfälle sind für uns eine Antwort auf alle unsere Anfragen, welche das M.nisterium bis jetzt zu beantworten nicht für nötig hielt. Mittelst dieser neuen Art drahtloser Telegraphie hat uns die Negierung nun die Antwort geschickt. Sie reden zu uns in der Sprache der Henker! Ihre Antwort auf alle unsere Anfragen ist mit dem Blute unschuldiger Opfer geschrieben. Damit muß nun e in E n d e g e m acht werden! Als wir unsere Namen unter die Interpellation setzten, dachten wir nicht daran, das Mitleidsgefühl irgend jemandes zu erwecken, denn die Zukunft des jüdischen Volkes wie auch des ganzen russischen Volkes muß auf den Grundlagen der Gerechtigkeit aufgebaut werden. Aber wir beabsichtigten ein wenig den Vorhang zu lüften, damit wenigstens ein Detail jenes grauenhaften Bildes sichtbar werde, das unser Ministerium jetzt gemeinsam entworfen und gemalt hat. Als Farbe zu diesem Bilde bediente man sich unschuldigen Menschenblutes. Ich wollte Ihre Aufmerksamkeit auf dieses grauenhafte Detail eines grauenhaften Bildes lenken, und bin überzeugt, daß Sie unsere Aufregung begreifen und würdigen werden. Es ist schrecklich, daran zu denken, daß auch jetzt, mitten in der Freiheitsbewegung, die Regierung ihren ganzen Zorn: auf uns Juden entlädt. Die Negierung will die Freiheitsbewegung in Blut ersticken, und hat mit uns Juden begonnen. Deshalb bitte ich die Duma, die Interpellation wegen Bjalistok nicht abzulehncn, und die Gelegenheit zu ergreifen, zu protestieren gegen die schändlichen Taten, die sich vor unseren Augen abspielen. Und dies wann: ein Anfänge des zwanzigsten Jahrhunderts! llnd Ivo'? Vor dem Angesichte des gesamten zivilisierten E u r o - p a s! (Stürmischer Beifall.) Nnr ein Prozent. (>.) Wieder fließt Judenblut in breiten Strömen. Und wieder meldet der Draht von Toten und von Verwundeten und von Flüchtlingen. Wieder von Raub und Brand. Wieder von geschändeten Mädchen und von anfgespießten Säuglingen. Und weisen infolge des herrschenden demokratischen Regierungsprinzipes unter peinlichster Kontrolle. Als Beispiel für die strenge Ahndung eines Priesterlichen Vergehens l darunter verstand man nicht bloß die von: Priester selbst begangenen Fehler, sondern auch jene seiner einzelnen Familienangehörigen) sei hier der Fall der Priesterfamilie Peleg angeführt. Wie erwähnt, sollten die Priester in jeder Beziehung ein hervorragendes Muster für das Volk bilden. Gerade dieser Familie Peleg aber war es eigen, unpünktlich und nachlässig in der Erfüllung ihrer Dienstpflichten zu sein. Doch abgesehen davon, war die Familie mit einem noch viel schwereren Makel behaftet: In dieser besagten Familie Peleg gab es eine Tochter, die — vom Glauben abgefallen — mit einem Hellenen ein Liebesverhältnis unterhielt und ihn schließlich heiratete. Nicht genug daran, schmähte die Abtrünnige noch gelegentlich des Altarbrandes den jüdischen Glauben vor dem den Altar umstehenden tiefbetrübten Volke. War ein solches Vorkommnis schon bei einem gewöhnlichen Israeliten von den .schwersten Folgen begleitet, welche Konsequenzen mußte dies erst bei einer Priesterfamilie nach sich ziehen! Und tatsächlich wurde die ganze Familie wegen des Verbrechens, welches diese Tochter begangen, zur VerantffaisMar I ' Wasserdicht! Qsruchlos! Wortung gezogen und zur höchsten Strafe, die für die Priester zulässig gelvesen ist, verurteilt: das Ivar die öffeutliche Degradation. Alle ihre Privilegien, die sie gleich den anderen Gruppen während und nach Verrichtung des Dienstes genossen hat, wurden ihr entzogen; sie hatte fortab nicht mehr ihre eigenen Geräte, die der Dienst nötig machte, war somit darauf angewiesen, dieselben von den sie verachtenden Amtskollegen zu entlehnen, sie wurde überhaupt zu den niedrigsten Verrichtungen verhalten und durfte nach Erledigung ihrer Dienstperiode nicht wie die anderen durch das Südliche Tor das Heiligtum verlassen. Vergleichen wir nun das altjüdische Priestertun: mit den: modernen Rabbinen- und Vorstehertmn, welch krasser Unterschied bietet sich uns dar! Vergebens nmhen wir uns, bei unseren Rabbinen jene Ideale wi zufinden, die den Priestern der Patriarc zeit vorgeschwebt, und bittere Enttäusch: muß jeder erleben, der bei den modernen Ra binen jenes reinjüdische Empfinden und jene, unverfälschten jüdischen Geist voraussetzt, den die alten Priester jederzeit bekundet und der allein es vermochte, das jüdische Volk ans all seinen Nöten zu erretten. Bei den meisten unserer heutigen Rabbinen können wir dieselbe Charakterschwäche konstatieren, wie sie Moses bei den Erstgeborenen feststellte. War. es damals das goldene Kalb, dem die B'chorin: opferten, so huldigen unsere Führer heute anderen — modernen — Götzen. Doch wollen wir darum die Hoffnung nicht aufgeben! Die heute durch ihre Heuchelei das jüdische Volk zu verderben sich bestreben, sie werden ihr Ziel nicht erreichen! Das jüdische Volk, das durch die Jahrtausende so manches überdauert hat, es lvird auch diese Schmach von sich schütteln! Die Verräter werden edleren, besseren Führern das Feld rämnen inüssen, und diese werden unser heute so elendes Volk schließlich einer glücklichen Zukunft zuführen. Da« jüdische Ansnahms-Gheeecht i« Oesterreich. Mittwoch iH’iii 60. v. M. chislt Herr Dr. Herirnnnii: Man in Brünn als GM 'der jttd.-aikad. Loflchalk' eiinc» Vortrag über das. ,Tüema: „Das jüdische Wer.'ritt in seiner gcgennkirtigen Owstaltnnn in Oeüerrei^', ^'jrüd liicivti«nnnn 'der §e- Ischiclchl schon Euiiieirtlnna desselben." Wir iuolkn den lR'daNteiinang des Redners in kn'rgen Bügen an de nie'», nwbei .ivir it»8 darauf beschränken müsse n, das anznstiüren, was der Vortragende über das gegenwärtig 'geltende Recht Reform-Sclwissblätter sind die btsleii OMI MW

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