Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 44 (22.6.1906)
- Date
- 1906-06-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Eigentum einer Aozietiit. — Herausgeber vnd Chefre-abteur: Jakob Kraus?. Inserate vbernestmen die firmen: 3. vannederg, ITT. vukes Nachfolger, Haasenstein L Vogler, kudolf Ulofse. M. vozionr-i, £t. Schal«! in Wien ferner alle klnnoncen.Lxveditionen im kiuslande. Einzel - Nummer in Wien IS Heller. Verschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entqegengenommLN werden: Hermann Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile 1l; Verlag „Zion" Wien, II. Große Schiffgässe 7; Robert Weiß, Wien, I. Jakobergasse 7. Redaktion: IX/1. Wafagastr 81. Telephon Nr. 14723. Sprechstunden: An Wochentagen von 10 bis 12 Uhr vorm. Lostadreffe: „Nationalzeitung" Wien, JX|i. Beschwerden wegen verspäteter oder gar nicht erfolater Zustellung erbitten wir uns drinaend. — Msnuskrlpte werde« nicht znrSekaestem. Postsparkaffen-Konto 47037. In das Abonnement kann man täglich eintreken. »-d Administration: Telephon SlbonnementS-PreiS: Für Wien u. Oesterreich, Ungar« f. Frankozustellung: Ganzjährig. ... K 12.- Halbjäbrig . . , . K 0.- Bierteljäbrig . . . K 3—??ürdaS gefamte Ausl b Ganzjährig . . . K 15.13 IX/l, Wasagaste 81. Nr. 14738. Preis der Anzeigen: Die ömal gefpalt. Nonpareille, zelle oder deren Raum 12h.i „Gittgefendet" die Zfpaltige; Nonpareillezeile 50 Heller.? Bei mehrmaligen Aufträgen entsprechender Rabatt. Ur. 44 Wien- Freitag den 22. Anni 1906 (29. Kiman 5666). VIII* Jahrgang. Aufruf zur Sammlung für die jüdischen Auswanderer aus Rußland. Jüdische Schwestern und Brüder! Am 16. Mai d. I. haben wir unser Auswanderungsbureau der Oeffentlichkeit übergeben, und am 16. Juni erhielten wir von unserem Petersburger Berichterstatter folgendes Telegramm: Jndenmassakers in Bjelostok und anderen Städten. Massenauswanderung bevorstehend, sammelt, helfet." Wer hatte es geahnt, daß der russische Massemnördersoralchlvirdwiederhundertc und hunderte zu Witwen und Waisen, zu Bettlern und Heimatslosen machen, die hilflos zu ihren westeuropäischen Brüdern ' flüchten, mm die Gnade flehend, sie in ein sicheres Obdach zu befördern! Brüder! Schwestern! Erinnert ibr euch noch an die furchtbaren, fast zu Tode gehetzten, verhungerten Gestalten, die im Vorjahre, in diesem schrecklichen Unglücksjahre unserer russischen BMder ratlos und mittellos untere Straßen füllten?! ..... , Erinnert ihr euch noch der markerschüttern- >den Szenen vor unseren Synagogen, unseren Wohltätigkeitsanstalten und in den — Gefängnissen?! Erinnert ihr euch noch, wie uns das unsägliche Elend unseres eigenen Blutes, unseres eigenen Fleisches unvorbereitet traf, wie machtlos!vir dem großen Jammer gegenüberstanden?! Brüder! Schwestern! Diese Szenen werden sich jetzt wiederholen! In Rußland hat das Judennwrden von neuem begonnen und wem sein Leben teuer ist, verläßt Hab und Gut und flieht mit seinem nackten Leben über die Grenzen zu seinen jüdischen Brüdern, bei denen er um Rat und Hilfe fleht. Die Szenen vom Vorjahre werden sich wiederholen, die russische Bureaukratie ist dieselbe geblieben, aber lvir dürfen nicht warten, bis das Elend unbezwinglich wird, wir müssen gerüstet sein, um das mindeste zu tun, was uns Menschlichkeit, Stammespflicht, und Stammesbewußtsein gebieten: helfen, rasch und zweckdienlich helfen! Nicht soll der verfolgte Bruder vergebens an unsere Türe pochen! Nicht nutzlos soll er um die Weiterbeförderung in einen sicheren Hasen bitten, wo er sein Leben durch Arbeit fristen und dem Judentum erhalten bleiben kann! Brüder! Schwestern! Gebet rasch und gebet soviel ihr könnt! ,.. . Die Spenden sind an die Redaktion der „Nationalzeitung" (für Auswanderungsbureau), Wien, 9. Bez.» Wasagasse 31, einzusenden. Jede Spende wird in diesem Blatt ausgewiesen. Spendenlisten sind ebenfalls in der Redaktion dieses Blattes zu haben. Wien, den 18. Juni 1906. Für den Vorstand des jüdischen Nätionalvereines „Einheit": Dr. S. Krenberger m. p. S. Meisels m. p. Mi L-polBvn ifiit'ö weiter cmfiielaiitifoni: Dr. Rybaczeiwslky K 10. Lipman HoM K 5. S. Möi-- sels K 10. Hermann ElMoaen K 10. J-gnwtz WafferinmiN K 10. Jvscf SonnjenlschieiM' K 10. Aller Kanrm K 1. Lea Bvomberg K 1. PHöbuG SchiHfimanlN K 2. Rioia Komet K 2. Jacob Oiwer K 2. Jacob Wiechmairn K 1. AvnM»- SiiDgskmanini Iv 1. N. Watte>nberg K 1. Febrx Rlovess K 1. me in Wien. Zusammen: K 67. Hierzu die in Nr. 43 ausgewieseucn K 30 z-usammen K 07. Die rusfischen Gräuel. Die Nachrichten aus Bjalistok haben die Legende von Konzessionen, welche die jüdischen Finanziers anläßlich der jüngsten russischen Anleihe zugunsten der Juden angeblich durchgesetzt haben, nur zu rasch und nur zu grausam zerstört. Die Stinnnung, die infolge dieser neuerlichen Erschütterung unter den Juden in Rußland herrscht, glauben wir nicht besser beleuchten zu können, als durch den Abdruck dev Rede, welche der jüdische Deputierte Dr. Schemarja L e w i n in dieser Angelegenheit in der Duma gehalten hat- Dr Lewin sagte: Feuilleton. Die jüdischen Priester. Von D. S. Albachary, Wien. Die Erstgeborenen des jüdischen Volkes hatten im Gegensätze zu manchen: heidnischen Kultus, der ihre Opferung vorschrieb, in der Volksorganisation eine Vorzugsstellung inne, indem das Gesetz gebot, dem B'chor eine besondere Erziehung und Bildung angedeihcn zu lassen, damit er als ein nachahmenswertes Beispiel dastehc für alle übrigen, fähig, zur Zeit die Vorstehung des Hauses zu übernehmen. So finden lvir auch in der Bibel beim Kapitel über Abraham eine Stelle, in der es heißt, daß Gott durch einen Engel den Abraham von seinem Vorhaben — Jizchak $u opfern — abhielt; gleichzeitig befahl Gott unserem Stammvater, dessen Erstgeborenen vielmehr der Gotteslehre zu weihen. Durch das Studium für das Leben vorbereitet, sollten in allererster Reihe die Erstgeborenen in der Stunde der Gefahr gerüstet fein; sie waren in erster Linie berufen, ihre Angehörigen vor allen Fährlichkeiten unter Einsetzung all ihrer Kräfte zu schützen. Das war die Bestimmung unserer B'chorim. So faßte auch Moscheh Rabenu ihre Mission auf und darum bestellte er sie am Berge Sinai zu Priestern und Vertretern des Volkes und als erste Pioniere der einzelnen Familien für den Dienst der gesamten Nation. Doch gar bald mußte Moses die traurige Wahrnehmung machen, daß er sich in der Charakterfestigkeit der Erstgeborenen getäuscht hat. Es erwies sich beim goldenen Kalbe, daß sie nicht nur nicht imstande gelvesen sind, den Rückfall des Volkes zu verhindern, sondern auch sie huldigten den Götzen, und es blieb nun Moses nichts anderes übrig, als nach anderen besseren Priestern Umschau zu halten. Diese fand er schließlich int Stamme Levi, dein gebildetsten unter allen Stämmen. Die priesterliche Aufgabe war eine schwere und verantwortungsvolle. Für den Dienst im Heiligtum waren die Priester, die über das ganze Land verstreut lebten, in 24 Gruppen eingeteilt, welche sich an jedem Sabbat abzulösen hatten, um nach Verrichtung ihres Dienstes wieder nach ihren Heimatsorten zu ziehen. Eine Ausnahme bildeten nur die drei Feste im Jahre, zu welchen das gesamte Volk nach Jerusalem pilgerte. An diesen Tagen mußten sämtliche 24 Gruppen in der Hauptstadt verweilen und Permauenzdienst leisten. Aber nicht der Dienst im Heiligtum allein war der Beruf der Priester. Sie hatten auch die Pflicht, für das körperliche lvie für das geistige Wohl der ganzen Nation zu sorgen. Sie waren die Hüter und Vertreter der Gesetze und mußten strenge darüber wachen, daß überall Recht und Gerechtigkeit, Ordnung und Zucht walte. Ja noch mehr, sie waren sogar verpflichtet zur Erziehung der Kinder, zur Versorgung der Armen, Greise, Witwen und Waisen. Zu ihren Pflichten gehörten ferner die statistischen Aufzeichnungen der jährlichen Boden erträgnisse (Maaßer), und sie hatten über die Genießbarkeit der Früchte der einzelnen Distrikte ihr Urteil zu fällen (Bikurim); auch darüber, ob die Herden der verschiedenen Kreise gesund oder verseucht sind, respektive mußten sie die entsprechenden sanitären Vorkehrungen treffen. Endlich spielten die Priester auch im Privatleben der einzelnen Bürger eine bedeutende Rolle (Nedarim, Hathaim, Suia usw.). Kurz, ihnen waren alle Institutionen, die für die Wohlfahrt des Volkes geschaffen wurden, unterstellt. Doch glaube man nicht, daß die Priester kraft ihrer hohen Stellung sich der Kritik der öffentlichen Meinung entziehen konnten. Im Gegenteil. Gerade weil sie eine so hohe Stellung innehatten, standen ihre Handlungs- •*- Die nächste Nummer erscheint Dienstag den 26. Juni. -•*