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Nationalzeitung · 1906-06-15 · Heft 42 (15.6.1906) · p. Seite 3

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 42 (15.6.1906)
Date
1906-06-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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>r. Ncnivnalzcitung Seite •> Tie führende Persönlichkeit der „Schi ffschnl" hat unsere wvhlpomeinte Anregung bezüglich der Pflichten und des weiteren Verhaltens der hiesigen orthodüren Juden mit einem historischen Rückblick beantwortet. Wir können und wollen ihm seht nicht in die Vergangenheit folgen. Tie Verhältnisse der damaligen Zeit waren ganz andere und es soll gar nicht geleugnet werden, das;, wenn unsere Vorfahren es geahnt hätten, welche Verheerungen die Assimilation in mrseren Reihert anrichten wird, sie andere Bürgschaften gesucht und gefunden hätten, um den Einfluß unserer Gesinnungsgenossen auf das jüdische Gcmeindeleben sicherzustellen. Es entspricht übrigens nicht ganz den Tatsachen, daß, wie der Artikelschreibcr behauptet, alle Zwistigkeiten von beit Polen ausgegangen seien. To weit uns die Verhältnisse bekannt sind lind wir die Vergangenheit zurückzuversolgen vermögen, haben die maßgebenden Führer der „Polen" stets den Frieden gesucht und den Streit gemieden. Wahr ist es allerdings, daß der Führer der Polen im Jahre 1000, gelegentlich der Gründung des „Vereines zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums" einen oppositionellen Standpunkt eingenonnneu hat, aber er stand mit seiner Ablehnung nicht allein, er wurde vielmehr von einer Anzahl n i ch t p o l n i s ch e n Korporationen aufs kräftigste unterstützt. Die Opposition richtete sich jedoch nicht gegen das Prinzip der Vereinigung aller Gesinnungsgenossen, sondern ausschließlich gegen die G r u n d l a g e, aus welcher diese Vereinigung geplant war. Die Opponenten waren der Anschauung, daß eine Vereinigung aus einer Basis gesucht werden müsse, welche nicht durch die bestehenden Gesetze von vornherein unmöglich gemacht wird. Wir wollten eine durchführbare und lebensfähige Vereinigung. Die Folge hat uns Recht gegeben. Die von den Gründern der Vereinigung verfaßten und vorgelegten Statuten wurden von: Kultusvorstande zurückgewiesen, weil „diese in die Rechte und Pflichten des Kultus- Vorstandes eingreifen". Nun waren aber die vorn Kultusvorstande gewünschten Aenderungen in den Statuten so sehr den Intentionen der Gründer entgegengesetzt, daß die meisten sich gegen die Annahme der vom Vorstande.gemachten Vorschläge ausgesprochen hatten. Dies ist die wahre Ursache, weshalb die Bereinigung nicht den von uns gewünschten Erfolg hatte, nicht aber die Haltung der oppositionellen Vereine, welche eigentlich nur passiver Natur war. Dies mußte hier klargestellt werden, urn einer Legende ein Ende zu bereiten, welche sehr geeignet erscheint, die polnischen Orthodoxen als die Satrapen des jeweiligen wachthabenden Kultusvorstandes hinznstellen. Nun sind wir auch heule der Ansicht, daß hierzulande ohne den Kultusvorstand nichts unternommen werden kann, weil die gesetzlichen Bestimmungen jedes selbständige Vorgehen hindern. Aber gerade dieser Umstand bietet uns bei Vermeidung jeder.Kräftezersplitterung und bei fester und ehrlicher Organisation sämtlicher Wiener Orthodoxen eine sichere Handhabe, den Kultusvorstand moralisch zu zlviugen, auf unsere religiösen Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen und sie in der Weise zu befriedigen, die unserer religiösen Ueberzeugung entspricht. Daß wir, rnn dies zu erreichen, einen langwierigen, schweren Weg durchzumachen haben, wissen wir. Wir können unser Ziel nur etappenweise erreichen, und dürfen keinen Schritt, der uns unserem Ziel näherbringen kann, unterschätzen. Vor allem aber dürfen wir eines nicht außer acht lassen: Wir Juden sind überall geschlagen worden, in Polen, Böhmen, Ungarn und in Deutschland. Dicsi.' Zersplitterung in „nationale" Fraktionen hat uns selbst innerhalb unserer Gemeinde stark geschadet. Infolge dieser Zersplitterung und Uneinigkeit konnte die Orthodoxie in Wien es zn nichts bringen. Wir sind aber weder Polen noch Ungarn oder Deutsche. Wollen wir nur Juden sein und gedenken wir der Zeiten, da wir noch ein einig einziges Volk waren, und suchen wir es wieder zu werden. awror *6 cia-i s2V “ns1? np;n Im übrigen haben wir mit Genugtuung zur Kenntnis genommen, daß in den maßgebenden Kreisen der „Schiffschul" eine ehrliche Geneigtheit vorhanden ist, an der Anbahnung eines einheitlichen Vorgehens der Orthodoxen mitzuarbeiten. Wir unsererseits sind gerne bereit, dieses für unsere Gesinnungsgenossen überaus wichtige Werk in unserem Organe nach Kräften zu fördern. Es wird daher zunächst unsere Aufgabe sein, den religiösen Institutionen der Knltnsgemeinde besondere Aufmerksamkeit zn widmen, die vorhandenen Mängel aufzudecken . und die Mittel für deren Beseitigung und die Verbesserung der Zustände vorzuschlagen, ebenso die Errichtung nicht vorhandener, unserer Ueberzeugung nach jedoch erforderlicher Institutionen zu urgieren- Wenn wir einig sind, wird es uns auch gelingen m ü s s e n, unsere Vorschläge und Wünsche durchzusetzen. Auf zur Arbeit! _ Dom „Machftlir Kadath"' (Ein g esen d et). Löbliche Redaktion! Nur ungern tritt man mit eigenen Vereinsangel eg«',weiten in die Oeffentlichkeit, und ich würde es auch diesmal vermeiden, wenn mit den Vorgängen, die ich hier zu besprechen mir erlaube, nicht ein allgemeines Interesse verbunden wäre. Der Gründung des Vereines „Machsike Hadsch" lag eine große jüdische Idee zu Grunde: Kampf gegen den stets um sich greifenden Abfall unter unseren Glaubensgenossen und Uebung wahrer Humanität. Der Verein hat seine Aufgaben bisher redlich erfüllt. Sowohl die Gründung, wie auch die Förderung dieses Vereines, dessen Tätigkeit sich erst jüngst während des Maffendnrchzugcs russischer Auswanderer so glänzend bewährt hat, ist den eifrigen Bemühungen zweier Männer zu verdanken, die, durchdrungen von geradezu heiligem Glaubenseifer und tiefem nationalen Empfinden mit großen Zeit- und Geldopfcrn an das Znstandebringen dieses Vereines geschritten sind. Diese beiden Herren waren nun der Ansicht, daß ein solcher Verein auch nicht eines Führers entbehren dürfe, der durch seine Stellung im Judentums, durch sein hohes geistiges Niveau richtunggebend und fordernd auf den Verein und seine Mitglieder wirken sollte. Dieser Gesichtspunkt leitete die beiden genannten Herren, als sie es durchsetzten, daß Herr Rabbiner M ay erso bn zum Ehrenpräsidenten des Vereines gewählt werde. Diese Selbstlosigkeit und diese Rücksicht auf den Posten, den Herr Rabbiner Mayersohn bekleidet, hat sich leider als F e h l e r, als ein Schaden für den Verein erwiesen. Anstatt den Verein zu fördern, anstatt in dem mit großer Mühe zustande gebrachten Vereine den Frieden zu predigen, hat Herr Rabbiner Mayersohn ohne jeden Grund Zwietracht unter den Vereiusmitgliedern gesät, und auf diese Weise die Existenz des Vereines gefährdet. Die erste Folge dieses nicht stark genug zu mißbilligenden Verhaltens des Herren Ehrenpräsidenten war die Demission des um den Verein so sehr verdienten Obmannes, Herrn S. Meisels. Und nun richtete sich die Wühlarbeit des Herrn Rabbiners Mayersohn gegen den zweiten verdienstvollen Gründer des Vereines, das Vorstandsmitglied S. Komet. Eine systematische Verfolgung wurde gegen diesen Herrn in Szene gesetzt, die ihn nicht nur in seiner Eigenschaft als Vorstandsmitglied des Vereines unmöglich machen sollte, sondern durch welche auch seine Privatehre angegriffen und seine wirtschaftliche Existenz bedroht wurde. Als das eine Ziel erreicht wurde, und Herr Komet angewidert von diesen Zustände», und im Interesse des Friedens sein Mandat niederlegte, glaubte Herr Rabbiner Mayersohn die Ungerechtigkeit dadurch gut zu machen, daß er sich anläßlich der jüngsten Generalversammlung in Lobesreden über die Tätigkeit des Herrn Komet erging. Herr Rabbiner M a y e r s o h n hat durch dieses Vorgehen wohl die Augen eines angesehenen ■nnWcit und dst von wMöeMckeriderl' PMnvn> bo- 'fedt. K oiuimt man nach Rußland und zu uns nach Gabis ien und tont -die övciteu Massen des Volkes fciiUR'u, so mutz man blutenden! Herzens feststellen tute Zerfahrenheit und -ttulv-erträgllchteit, fcte 'furchtenre Unwissenheit nute G'lelichgültigkeit bei ieu Polaken gegenüber der Einigtest und Volksl'tette, der allgemeinen Belesenheit mte1 Regsamkeit bei« den Lit säten. Ein Ungebildeter Wnv hvorez) gehört in Litauen zuden größten Seltön>- 'Ödten.; noch seltener ist in Polen ein Unooll-kmn- »lener. Die Unfehlbarkeit aller polnischen Inden mußte nicht erst im Jahre 1870 erlassen werden. .steiitem polatischen Tölpel fällt es ein, an Gerechtigkeit und Tugend irgend einem Erdiensvhne (sein Rabbi gilt ihn» nicht als Irdischer) nach'znstehen: er schreckt nicht zurück iUteT die höchsten mte tiefsten Fragen öieit* Welt und des Lebens ein selbständiges und endgültiges Urteil zn fällen. Eill Bekehrter lBgal-teschnlwoh), von dem der' Talmud soviel spricht, 'teuwut deshalb bei uns nicht vor. In Litauen stehen die Rabbiner, größtenteils ans der alWdischen .Whe, sind Miämter von- Ernst mte Wirde, von weitem, Blick mte innigem Gefühle, voll G—ittessurcht und Menschen liebe oerb,reiten' Ge-sePeÄltekenntnisse iw Schul und Schiit und stehen am der Spitze aller jüdischen Mewegnngen. Bet mte hingegen haben die Rabbiner ihren eigentlichen Berus, das Lehramt, schon seit zweihundert Jahren ansgeben müssen, bn sämtliche Genre'inde'initg lieber nicht weniger gelehrt sind mite ihr Rabbiner. Diese sind örtiljier größtenteils zn kurzsichtigen, LMw stirn-igen Stnbenhockeirn zu erbärmlichen 'Werbzeulgen der Genie iillde'wrstehlvki herabtß'cifituifcit.. Die wahrhaftig Großen unter nnsern Rabbilleruli sind verka'nnt uitiö zur litt* teil tötete veridarnilnt. Anstatt der blühenden Schulten (JeschiivouS) und der öffentlichen, Lehrverträge (Votteij-äUidrvschouls) haben- 'wir Klausen, d. h. Schnaps- und Tratschbnderl, die z-ngleich als Bethünser dienen. Unsere Schriftsteller sind geistreiche Wo>rtdrechifl,er und eitle -Maul,macher, die ilitfttkische'n S-christstelleir ringen mit ernsten- FMigert und schreiben mit Herzetlsblnt. Alle genannte',n und ungenannten' Fehler der po-lnischen Indengehen rastlos ans ini der eineu Schwäche: -Einze'lsncht, die bei den Polen in eiuienr sollst nie dageiveiseuen Alaße entwickelt war, der nach lind nach der jüdische Gemeinsiunerlegenist. anseinander wirte >lde mte ull'feina-lldeir anae>lv'tesene Biürger hat es in- Polen nicht gegebenr alle Bauern lvaren leibeigen n-lld alle Eidleu gleich e!rhä(>eue Gottmen-schen, wie sie ll-nsere T-on-re in I. 6, 2—ck schildert, alle -waren „.D'nrchlailrcht" (jasui) llind allNlächtig oder „vieilmächtig" (wielnrvLlli). Wo es aber keine liebermte Unterordiln-lig gibt, ist ein Staat ll-udoickbar. Man spricht nur dics'halb >vo»n polnischen Staate, iveil nian teillerl andern Ajllsdrllck für das chenliatige Verhältnis der Schla-chiziizen zlieinander hat. Die Fürstender- Piaisten' mid Jagirtlvueu und di-e sogenannten Wahitköniigie ilbten keinen Giniftutz ans das Leben der Herreil und Knechte,' die Polen seWst sprechen deshalb in derselben Zeit voneiniüm Ävlr-lgt-lljln (krolestwo) n-tld eitlem Freistaat (rzeoz pvspolttaj. Diese Berhültnisse herrschten in Pole ll seit der ältesten- Zeit bis z-ll-r Tetellu-g. Die Wtzihl von Piast o’iomi Oberhaillpt der Polen, bei der der Jnde Abraiuet ciinc Nolle ge>spie-lt haben -sott, wird uns in dersiciben Weise etizählt, wie die Wahl des letzten- Königs Stanislaiv Pon-iatoiwE. In Litanerr herrschten andere Verhältnisse vor dev sch-einba-ren! Nereilligillng voll- Litalieil irnd Po',teil dillch die Ehe von Jagieilo llnd!J-adiotga All, Jahre iü8tt und auch nachher,' dien-ll die polnische 9i«egiernng, die schv-lr zu Hanse eine leere F-mlm war, konnte selbstverstänidtich nichts ändern tll Litauen, wo die GroßslirsteN' stark ge'ung waren, den- Staat weiter im ihrenv Sinne zn lenken, dltlders roar es in Galizien (Hnktezyna) lute Kiew nlfto., wo die kleinrnssischeu Adeligenbeseteigl oder in: polni-schell Sinne ning-eNrodelt wurden. Dort, wio das polnische Borbiild der Uebevmenfchell in eineln viel höheren' Grade inder Wirklichkeit herrschte, als es die kühne EnlbtldllngSkrast dlietzsches malen kv-nitlte, hat sich diie Einlzetsllcht alllnähvich tu die jüdischen Herzen etngesressen llnd alle unsere altererbten, Kleinodien, KREBS APOTHEKE 5. niTTELPflCn Wien,!, Hoher Markt Nr. 8 (Prtlais Sina) im Zentrum der Stadt.^ der Hauttätigkeit bei Erkältungen, übermäsbigem Scnweisa naeU aportliuben Leistungen, Märschen etc, Preis I Krone 50 Heller.

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