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Nationalzeitung · 1906-06-08 · Heft 40 (8.6.1906) · p. Seite 3

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 40 (8.6.1906)
Date
1906-06-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite •» iSt . 4(J Natronalzellung Kchkeit zu wahren, was jedoch trotz sechsjährigen Kampfes nur in sehr bescheidenem Maße gelang. Den letzten Anlauf zur Eintracht nahmen wir im Jahre 1900 gelegentlich der Gründung des „Verein zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums" und da waren es wieder die Herren Polen, die nicht mittaten, weil nicht in jedem Paragraphen des Statuts die Allmacht des Kultusvorstandes anerkannt wurde. Nichts gegen, nichts ohne Kultusvorsiand proklamierte der Vertreter der Polen und zog sich zurück. Die wenigen Polen, die Vorstandsmandate in diesem Verein annahmen, wollten dem Rabbinat der Kultusgemeinde eine weitgehende Jngerenz auf die Vercinsagendcn einräumen, was wir ablehnen mußten, da die statutarische Stellung des Rabbinates eine derart inferiore und abhängige ist, daß selbe zu Führern orthodoxer Bestrebungen ganz ungeeignet erscheinen. Diese Stellungnahme hat den Verein lahmgelegt. Die Haltung der Herren Polen in der Mikwahfrage hat diese wichtigste Frage auf unabsehbare Zeit außer Diskussion gestellt. Trotz dieser traurigen Erfahrungen sind wir jederzeit bereit, mit den Polen zusammenzugehen, so oft ein Zusammenwirken einer jüdischen Sache förderlich sein kann. Wie polenfeindlich die deutschen Orthodoxen sind, beweist wohl am besten der Umstand, daß wir Vorsteher, Beamte usw. galizischer Herkunft besitzen, und daß unsere Religionsschulen, Kranken- und sonstigen Unterstützungsvereine zu neun Zehnteln von Nichtdeutschen benützt werden. Was den jüdischnationalen Standpunkt betrifft, maßen wir uns an, echte Nationaljuden zu sein, nur ist uns Nationaljudentum ohne Religion eine Vorbereitung zur Taufe, spätestens in der dritten Generation. Vor jüdischen Abgeordneten, wie wir sie bis jetzt hatten, und wohl immer haben werden, da die reichen und in hoher Stellung befindlichen Kreise leider antireligiös sind, möge uns Orthodoxe der Himmel bewahren. Ein Auswanderungsburenu in Wien. Vor einiger Zeit berichteten lvir, daß der jüdische Nationalverein „Einheit" den einhelligen Beschluß gefaßt hat, ein Auswanderungsbureau in Wien zu errichten. Dieser Beschluß wurde nunmehr ausgeführt, und das Bureau in seinem eigenen Lokale, 2. Bezirk, Nestroygasse 10, eröffnet und seiner, wir wollen hoffen, segensreichen Tätigkeit übergeben. Die Vereinsleitung legt besonders Gewicht darauf, vor allem zu konstatieren, daß diese neue Institution sich nicht gegen Vereine und Anstalten richtet, welche sich dermalen mit Angelegenheiten jüdischer Auswanderer befaßen, sondern ausschließlich f ü r diejenigen unserer unglücklichen Brüder und Schwestern ins Leben gerufen wurde, die auf ihrem unfreüvilligen Wanderloege unsere Stadt zu passieren gezwungen, auf den moralischen und materiellen Schutz ihrer hier lebenden Glaubens- und Stammesgenossen angewiesen sind. Schon aus diesem kurzgefaßten Programm ist ersichtlich, daß es der Vereinsleitung weiters fern liegt, einen verderblichen Anziehungspunkt für Abenteurer und wanderlustige Juden aus den: Osten zu werden, daß sie vielmehr dieErfahrungen der letzten Jahre in allen ihren Konsequenzen beri'lcksichtigend, die ihr zu Gebote stehenden Mittel in der Weise auszunützen und zu verwenden gedenkt, daß der wirklich Bedrückte und Verfolgte in den Hafen der ruhigen ungestörten Arbeit geleitet werde, der Unerfahrene, Weltfremde, der mit den letzten Resten seiner armseligen Habe von Hyänen in Menschengestalt umlauert, in der Welt herumirrt, ehrlichen, liebevollen Rat und selbstlosen Rechtsschutz erhalte. Die Erfahrungen der letzten Tage haben es gelehrt, daß, wenn unsere mit so reichen Mitteln auSgcstatteten Vereine in jener Schreckcnszeit sich im richtigen Momente und in entsprechender Form mit der Rolle eines leutseligen Wegweisers hätten bescheiden wollen, sie nicht in die Zwangslage geraten wären, ihre Quellen fast zu erschöpfen, .ohne daß damit in den meisten Fällen tatsächliche Hilfe geleistet worden wäre. Es ist heute erwiesen,, daß ein großer Teil der Emigranten ihre Heimat m.ü Geldmittel: versehen verließen, welche hinreichten, um ihn bei entsprechender, und -was das wichtigste ist, rechtzeitiger Anleitung ganz ohne oder mit nur geringer Inanspruchnahme fremder materieller Unterstützung an sein Reiseziel zu bringen, und daß diese Unglücklichen erst unterwegs zu Habenichten in des Wortes schlimmster Bedeutung wurden, weil sie unterwegs von gewissenlosen, nichtswürdigen Vampiren arrsgesogen, um ihre letzten Vermögensreste gebracht wurden, oder in ihrer Unerfahrenheit und Ratlosigkeit ihre letzten Groschen verzehrten und mitten auf dem Wege unserer ungeregelten Philanthropie als veritable Bettler in die Arme fielen. Vom Prinzipe ausgehend, daß das neue Auswanderungsbureau nur dann Ersprießliches zu leisten imstande sei, wenn eS in vollem Einverständnisse mit den übrigen auf dem Wanderwege der Emigranten bereits bestehende Zentralstellen arbeitet, hat die Vereinsleitung der „Einheit" einen ihrer Vertreter nach B erl i n entsendet, um mit dem Vorstande des dortigen Zentralbureaus für Auswanderungsangelegenheiten den Modus zu vereinbaren, unter welchem ein gemeinsames Vorgehen zu erzielen tväre. Ter Präsident, Herr Dr. Paul N a t h a n, nahm die Gründung des Wiener Auswanderungsbureaus mit besonderer Freude zur Kenntnis und sprach seine Bereitwilligkeit aus, mit demselben auf Grund der vom Berliner Zentralbureau ausgearbeiteten „Instruktionen" zu kooperieren, und die Bestrebungen des Wiener Bureaus, so weit dies statutarisch möglich, nach jeder Richtung hin zu fördern. Das Ergebnis der Berliner Beratungen ist eine für das neue Wiener Bureau sehr wertvolle Unterstützung seitens der sowohl organisatorisch wie auch finanziell einzig dastehenden Berliner Zentralstelle, und bietet eine Gewähr dafür, daß auch das Wiener Bureau den vielseitigen, schwierigen Anforderungen, welche besonders zu Zeiten einer Katastrophe an eine solche Anstalt gestellt werden, in würdiger und zweckdienlicher Form zu entsprechen in der Lage sein wird. ' Das Wiener Auswanderungsbureau will nicht die Auswanderung fördern, sondern den unaufhaltsamen Wände r u n g s z u g regeln Helsen. Die Bureauleitung wird sich daher in ihren Entschlüssen weder von unangebrachter Sentimentalität, noch aber von rein bureaukratischem Sinne leiten lassen, sondern das Hauptaugenmerk darauf lenken, daß der Wanderung der unfreiwilligen Emigranten jene Richtung gegeben werde, durch welche der Emigrant am wenigsten Unbill ausgesetzt wird und den Juden der Durchzugsstationen Mißhelligkeiten möglichst erspart bleiben. Da die Vereinsleitung von dem Wunsche beseelt ist, in dieser eminent humanitären und nationalen Arbeit die Vertreter möglichst aller jüd. Korporationen Wims vereint zu sehen, ist ihr Bestreben darauf gerichtet, die Aufsicht des Bureaus einem Kuratorium anzuveotrauen, in welchem durch ihren wahrhaft jüdischen Wohltätigkeitssinn bewährte Männer Platz finden sollen. Die vielseitige!: Zustimmungen, welche der Vereinsleitung schon bisher zukamen, lassen die Hoffnung berechtigt erscheinen, daß das Wiener Auswanderungsbureau in kürzester Frist seine segensreiche Tätigkeit in dem Maße wird entfalten können, wie es die große Not unserer unglücklichen, wan-> Als Oswald eintrat, zuckte sie Wohl im ersten Moment zusammen, faßte sich aber schnell, keine Miene zeigte Verlegenheit, sondern nur stumme Ergebung in ihr Los. Und wunderbar psychologisches Rätsel: auch bei ihm war eine rasche Umwandlung eingetreten. Der so lang ersehnte Mon:ent zur Befriedigung seiner Rache war da, jetzt konnte er die schöne, stolze Jüdin, die seinen: Eigendünkel verletzt hatte, gedemütigt vor sich sehen. Statt dessen kam der bessere Teil seines Temperamentes, das Mitgefühl, die Versöhnlichkeit, zum Durchbruche. Die einst in solch glänzender: Verhältnissen lebende Familie in dieser ärinlichen Lage, gebeugt von Krrmmer urrd Sorge zu finde::, erfüllte ihn statt mit Triumphgefühl mit Erbarmen, und das Bewußtsein, dieselbe durch seine Mitwirkung beschleunigt zu haben, bedrückte sein Gewissen. Urck> erst ihr Anblick, ihre Minensprache der Tränen statt der früheren Ueberhebung erschütterte ihn, und sein Haß schmolz dahin wie Schnee vor den Sonnenstrahlen. Viel tausendmal schöner als früher fand er sie nun, und die zurückgedrängte alte Liebe brach mächtiger als je hervor. Schnell unter einein plausibler: Vorwand entfernte er sich, ohne das widerwärtige Geschäft, zu den: er herkam, zu vollziehen. Doch die rührende Gestalt des Mädchens verließ ihn nicht mehr und wieder beherrschte ihn nur der Gedanke an sie, und statt Rachegefühl beseelte ihn das Streben, Mittel zu suchen und gut zu machen, was er an dieser Familie verbrochen hatte. Vorerst sagte er sich von der Antisernitenclique los. Sein fein organisiertes Wesen widerte an: Ende doch diese pöbelhafte, rohe, lügnerisch verleumderische Rotte an urrd er mußte sich sagen mit des Dichters Worten: „Es tut mir in innerster Seele weh, Daß ich mich in dieser Gesellschaft seh'." Dabei blieb er nicht stehen, sondern brachte im Stillen einen großer: Teil dev Forderungen an sich, was seine Vermügensumstände ihm auch gestatteten. Mit dieser: Gaben ausgerüstet, ging er nun hin, präsentierte Herrn Just die Schuldtitel und sprach: „Ich habe mich an Ihnen schwer versündigt, habe in blinder Leidenschaft wegen verletzter Eitelkeit Ihren Ruin herbeizuführen gesucht und bin nun zur Einsicht gelangt von der Verwerflichkeit meiner Harwlungsweise. Ich bereue sie und will sie sühnen, soweit es in meinen Kräften steht." Zu Hermine wendete er sich dann: „Mein Fräulein! Als ich in Ihren glanzvollen Zeiten unr Ihre Gunst mich bewarb, verwarfen Sie nrich und verletzten meine Eigenliebe. Da erfaßte mich der Zorn und riß mich hin zu unedlern Rachewerke. Reuevoll komme ich zu Ihnen und bitte Sie, seien Sie großmütig, mir Vergebung zu gewähren. Mein ganzes Leben sei jetzt geweiht durch treue Hingebung, meine böse Handlungsweise vergessen zu machen, und lassen Sie mir die süße Hoffnung, mit der Zeit Ihre Zuneigung doch noch zu gewinnen." Mit edlern Anstand erhob sich Hermine und sprach: „Vor allem, Herr Berger, lege auch ich ein freimütiges Geständnis meiner Fehler ab. Ich war vom Hochmutsteufel besessen. Die Huldigungen und Vergötterungen, die mir zuteil wurden, waren mir zu Kopfe gestiegen, und ich gefiel mir darin, alle meine Verehrer an meinem Triumphwagen gespannt zrr sehen. Ich bin nun davor: geheilt und habe gelerrrt, bescheiden zu sein. Dann bekenne ich offen, daß Sie mir nicht ganz gleichgültig waren, daß Ihre Vorzüge urrd Geistesgaben nicht ohne Eindruck auf nrich blieben; doch eine unüberbrückbare Kluft trennte uns. Ich konnte mir bei aller meiner Flatterhaftigkeit und Eitelkeit nicht verhehlen, daß, wenn Sie als Christ ein Judenmädchen heiraten würden, bei Ihnen das Gefühl vorherrschen würde, daß Sie herabsteigen und eine Mesalliance eingehen würden, und wenn Ihre krebs-apotuckc 5. niTTELBflCll Wien, I , Hoher Markt Nr. 8 (Palais Sinai iui Zentrum der Stadt. + Blaud'sche Eisenpillen. Altbewährte» Mittel für Blutarme, Bleiebeücbtige und Nervenschwäche. Preis e'ner Flascho 2 K 40 h

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