Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 40 (8.6.1906)
- Date
- 1906-06-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2429839-2429840-2429880--287-2430373- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
beite 2 Nationalzeitung Nr. 4o erhalten werden, so ist das Zukunftsbild für die Juden Oesterreichs vollständig klar. Wenn es sich bloß um das zunächst durchzuführende Programm der neuen Regierung handeln würde, so hätten wir schon Grund genug, besorgt zu sein. Die Lösung der Ausgleichsfrage mit Ungarn ist eine auch für die Juden außerordentlich wichtige Frage. Die Juden sind am Zwischenhandel und Export in hervorragendem Maße beteiligt, und hatten in Ungarn wenigstens nicht als Juden gegen den Boykott zu kämpfen, der sie in Oesterreich zusehends ruiniert. Es ist nun sehr fraglich, ob eine wirtschaftliche Lostrennung von Ungarn, welche von den judenfeindlichen österreichischen Parteien mit allen Mitteln erzwungen wird, den jüdischen Kaufleriten und Industriellen nicht den letzten Rest geben wird. Was die Wahlreform betrifft, so ist es selbstredend, daß die Inden dieses freiheitliche Postulat miterkämpfen wollen. Aber auch diese „freiheitliche" Errungenschaft ist in dem Moment, als es ein Ausgleichsobjekt Zwischen den Nationalitäten mit Ausschluß der jüdischen Nationalität wird, seiner Gerechtigkeit und Freiheitlichkeit zum Schaden der Juden entkleidet, und es muß sehr bezweifelt werden, ob das parlamentarische Ministerium sich noch zu den winzigen Konzessionen verstehen wird, welche die Beamtenministerien Gautsch und Hohenlohe bereits zugestanden haben. Und nun erst die G e w e r b e n o o e l l e, deren dringende Erledigung von den reaktionären Parteien, natürlich in reaktionärem Sinne, gefordert wird! Dieses Judcngesetz par ercellence! Man wird sich mit diesein Gesetze noch sehr viel beschäftigen müssen, und die Juden werden alle ihre angebliche Energie auf- .zuwenden haben, um diesein Gesetze jene ungerechten Härten zu nehmen, welche gegen die jüdischen Gewerbetreibenden gerichtet sind! Ich wage es zu behaupten, daß diese Frage für die Juden Oesterreichs jetzt w i ch t i g e r. i st als alle anderen, ja selbst als die Wahlreform- und Kandidatenfrage, in denen ja leider nicht viel auszurichten sein wird. Und da wird, meines Erachtens, eine kräftige, jüdische Aktion einzusetzen haben, wollen die Juden nicht den Vorwurf auf sich laden, auch diese Gelegenheit zur Rettung Tausender von jüdischen Existenzen versäumt zu haben. Daß in Oesterreich in den letzten zwei Jahrzehnten alles ohne die Juden, dieser steuerkräftigsten Volksgruppe, und das meiste gegen die Juden hat geschehen können: daran sind die Juden selbst schuld, weil sie sich der Macht nicht bewußt werden wollten, welche sie, auf wirtschaftlicher Basis organisiert, darzustellen in der Lage wären, llnd ich fürchte, daß ein eigenartiger Fatalismus sie auch jetzt, wo die äußerste Gefahr droht, noch nicht zur Vernunft wird kornmen lassen. „Es ist zu spät!" rufen die Engherzigen. Ich aber behaupte, es ist niemals zu spät, so lange in einem Volke noch ein Wille zum Leben vorhanden ist. Man hat den: Judentum eingeredet, es wäre tot, und es fing an zu sterben. Hauchet ihm einen frischen Atem ein, reorganisiert den Zerfallenden Organismus, und ihr werdet sehen, er lebt und bleibt am Leben . . . Die Pflichten der Orth<dsxie. II. Um die Ansicht der nichtpolnischen Orthodoxen Wiens über den obigen Gegenstand zu erfahren, wendeten wir uns an eine führende Persönlichkeit der „Schiffschul" mit der Bitte, uns diese Ansicht behufs Veröffentlichung bekanntzugeben. Die betreffende Persönlichkeit äußerte sich über die Frage folgendermaßen: Sie fragen mich um die Stellungnahme der ungarisch-deutschen Orthodoxie zu Ihrem Artikel über unsere Pflichten. Gestatten Sie mir in der Geschichte der Wiener Juden zu blättern. 1836 wurde Rabbiner Horwitz Obmann (Rabbiner) der polnischen Schul im Lazzenhof. Die Polen hatten die Konzession, die „Deutschen" die Ehre, für die Erhaltung zu sorgen. Endlich kam ein Ausgleich zustande: Es wurde ein polnisch-deutsches Bethaus gegründet, wo drei Polen und drei Deutsche Vertreter, Rabbiner Horwitz Obmann sein sollten. (Eine wenig zu beneidende Funktion für diesen Friedensfürsten.) Dieses Verhältnis dauerte mit einigen Reibereien bis 1862. In diesem Jahre erreichten die Polen eine Konzession für ein polnisches Bethaus und entwarfen ein Reglement, das Nichtpolen von jeder besoldeten Funktion, und sei sie noch so klein, ausschloß. Damit war dW Gipfel der Zwiespältigkeit erreicht und — es wurde Friede. Die Deutschen kauften das Haus Schönlaterngasse Nr. 6 und errichteten eine deutsche (das heißt nicht ausschließlich polnische) Schul. Seit 63 Jahren befindet sich die nichtpolnische Orthodoxie sehr Wohl. Sie versorgt seit dieser Zeit diejenigen, die von der Kultusgemeinde nichts wissen wollen, ohne Unterschied der Landesangehörigkeit, mit allem Nötigen auf eigene Kosten und aspiriert nicht, an der Verantwortlichkeit für die unjüdische Leitung der Kultusgemeinde Teil zu haben. Oder ist etwa eine Gemeinde jüdisch, deren Religio nslehrer Wohl im Dekalog die Sabbatruhc lehren, am nächsten Tage aber vor denselben Hörern die Sabbatruhe gröblich verletzen? Ist eine Gemeinde jüdisch oder auch nur liberal, von der nicht einmal eine Anordnung zu erreichen ist, daß den Kindern, deren Eltern es wünschen, gestattet sei, beim Religionsunterricht bedeckten Hauptes zu sitzen, um nach der Fasson ihrer Eltern selig zu werden. Ist eine Gemeinde jüdisch oder auch nur liberal, die keine Macht hat, Institute, die ihr viele Tausende kosten, zu zwingen, Fleisch aus einem Verschleiß unter Aufsicht zn nehmen, die aber die Macht hat, die ebenso unabhängige, Volksküche zu zwingen, ihren vieljährigen Lieferanten aufzugeben, weil derselbe unter der Schiffschulaufsicht (religiös-strengere Richtung nennt dies das Judengesetz) steht. llnd diesen unjüdischen Geist sollen wir bekämpfen, ja niederringen wollen?! Das ist, von der Aussichtslosigkeit abgesehen, ein so gewaltiges Stück Arbeit, daß uns für die Alltagsarbeit: Erhaltung und Ausbau unserer Institutionen, Erziehung unserer Kinder, Pflege des Thorastudiums kein Moment übrig bleiben würde. Nachdem wir auch nicht ehrgeizig sind, können uns einige Mandate nicht verleiten, unsere Kräfte in einer Sisyphusarbeit zu verschwenden: Eroberung der Kultusstube. Dies ist so ziemlich die weitgehendste Differenz in unseren Anschauungen. Wir haben es aber allezeit versucht, eine' Vereinigung der Wiener Orthodoxie zustande zu bringen, weil auch wir der Ansicht sind, daß sich vom Kultusvorstand manches erreichen ließe, wenn wir geeinigt wären. Und wäre es auch nur die Erkenntnis, daß der Kultusvorstand die Pflicht hätte, den Orthodoxen einen Tempel zu bauen, der an Größe zumindest dem Leopoldstädter gleich sein müßte und demnach einen Zuschuß von über 140.000 Kronen seitens der Gemeinde erfordern würde, welche Erkenntnis zur Folge hätte, daß nicht über 30 Bethäuser wegen je einiger 100 Kronen jährlich, insgesamt ein Lumbenbetrag, scherwenzeln, und noch obendrein diesen Bettel wie Almosen empfangen müßten. Diese Erkenntnis allein wäre des Schweißes der Edlen wert, eine Vereinigung zustande zu bringen. Zuletzt, im Jahre 1890, gelegentlich der Beratungen des Kultusstatuts haben die nichtpolnischen Vereine alle orthodoxen Bethausvereine zusammenberrifen, und erhielten von allen, auch den polnischen Vereinen, das Mandat, die Interessen der Orthodoxie nach Tun¬ Jetzt verwandelte sich seine Liebe in Haß. Er, der elegante, geistreiche Mann, in seiner Stellung allgemein geachtet und gefeiert, noch nähr er als Christ, war von einem Judenmädchen, das sich seine Bewerbung zur hohen Ehre hätte anrechnen sollen, verschmäht, beschämt! Das brachte ihn zur Wut, entflammte seinen Zorn aufs höchste und nun kam seine Naturanlage zum Durchbruche. Haß schwor er ihr, rächen wollte er sich an ihr bis zur Vernichtung. Vorerst übertrug er seinen Haß auf den ganzen Stamm. Für das, was ihm von einem einzelnen Mitgliede dieses Volkes widerfahren war, sollte die gesamte Judenschaft büßen. Es ist ja so bei allen Antisemiten, daß ihrer Feindschaft nur Haß, Neid und alle niedrigen Instinkte als Beweggrund dienen. Mit vollem Eifer widmete er sich dieser edlen Zeitrichtung und stand bald als Führer derselben in den ersten Reihen. Seine Agitation war viel gefährlicher als die der anderen Gesinnungsgenossen, da er nicht mit den rohen, pöbelhaften Wirtshauskumpanen auftrat, sondern mit scharfgeschliffenen, geistreichen Sophismen die sogenannten gebildeten Schichten zn gewinnen wußte. Doch hiermit traf er unmittelbar den Gegenstand seiner Rache, und er dürstete darnach, sie unmittelbar bis ins Herz zu treffen. Zufällig eingetretene Umstände begünstigten seine Bestrebungen. Eine intensive Handelskrisis war entstanden. Fallimente folgten auf Fallimente und selbst gut situierte Firmen wankten. Auch Herr Just hatte starke Verluste zu beklagen und sein Kredit wurde gefährdet. Noch hätte er sich jedoch intakt erhalten können, wenn man ihm als langjährig bestandener, achtungsvoller Firma mit Vertrauen entgegengekonnnen wäre und ihm Zeit gelassen hätte, eine bessere Konjunktur abzulvarten. Da trat aber Dr- Oswald Berger als Rachedämon auf, der Justs kaufmännischen Ruf vollkommen untergrub. Als vielbeschäftigter Advokat, mit allen großen Handlungshäusern in regem Verkehre, brachte er alle seine Verluste zur sofortigen allaemeinen Kenntnis, sprach überall von seinem gänzlichen Ruin, und seinem Wühlen gelang es, daß der Firma Inst alle Kreditguellen entzogen wurden und der Zusammenbruch erfolgte. Nun hatte Oswald die eigentliche Gelegenheit, seine Rachegelüste voll zu befriedigen. Er bewarb sich angelegentlich darum, Zahlungsaufträge und Exekutionen zu übernehmen. Aber noch weiter trieb es ihn. Weiden wollte er sich an dem Anblick der gedemütigten Familie, und er ging selbst hin, eine Pfändung vorzunehmen. Auf dem Wege dahin pochte ihm das Herz und Unruhe bemächtigte sich seiner. Unwillkürlich kam es ihm doch zum Bewußtsein, wie niedrig seine Handlungsweise sei. Er trat ein — und blieb erstarrt an der Türe stehen bei dem Anblicke, der sich ihm darbot. Statt der vornehmen, eleganten Räume, die sie früher bewohnten, fand er eine ärmliche Stube, notdürftig möbliert, in welcher der einstige reiche Fabrikant mit Frau und Tochter hinbrütend lebte. Jetzt sah er sie, die so gefeierte stolze Schönheit. Alles Schmuckes beraubt, in einfacher Gewandung, verflogen war aller Glanz, geschwunden das Siegesbewußtsein ihrer bewältigenden Erscheinung. In ihren Gesichtszügen prägte sich Resignation aus, die jedoch ihre Schönheit eher erhöhte als beeinträchtigte. Die Herzinnigkeit, mit welcher sie Vater und Mutter durch hingebende Liebe mit ihrer Lage zu versöhnen suchte, diese rührende Zärtlichkeit des Kindes zu den Eltern, U'ic sie so häufig in jüdischen Familien zu finden ist, machte einen weit fesselnderen Eindruck, als ihr früher so hochmütiges Wesen. Sie schien eine ganz andere geworden zu sein, das Unglück hatte sie veredelt. Waschbar I «MMrdltthil Qorucblo«! Pollenz echte Reform-Scbweissblätter“