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Nationalzeitung · 1906-06-08 · Heft 40 (8.6.1906) · p. [Seite]

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 40 (8.6.1906)
Date
1906-06-08
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. Natimchtitma Erscheint jeden Dienstag nnd Freitag. Eigentum einer Sozietät. — Herausgeber und Chefredakteur: Jakob Kraus;. Inserate übernehmen die firmen: 3. vanneberg, M. Dilles Nachfolger, ^aasenstein & Vogler, Kuöolf Mosse, M. pozjvnyi, 6. Schalei in Wien ferner alle Annoncen.Expeditionen im Nuslande. Einzel - Nriwwer Ln Wien IS Heller. Verschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entqegengenommen werden: Hermann Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile 11; Verlag „Zion" Wien, II. Große Schiffgasse 7; Robert Weiß, Wien, I. Jakobergasse 7. Nrdskllvn: IX/t, Wasagassr 81. Telephon Nr. 14723. i Sprechstunden: An Wochentagen von 10 bis 12 Uhr vorm. Postadresse: „Nationalzettung" Wien. IX|t. B«el)W(rd(H wegen verspäteier oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — MsnurkNple werden nicht zurfickaemiit. Postfparkaffen-Konto 47037. In das Abonnement kann nian täglich eintrclen. 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Die Nationalen Streitigkeiten arteten in der Regel in Judenverfolgungen aller Art aus. .Der wirtschaftliche Boykott, den die Deutschen und Tschechen gegeneinander in Anwendung brachten, traf Zunächst die Juden, und diese am allerschärfsten und nachdrücklichsten. Der große wirtschaftliche Krieg, der zwischen den beiden Reichshälften tobt, hat vor allen anderen den jüdischen ' Kaüsmannsstand ruiniert, und die vielen Opfer, lvelche der Staat zeitweilig bringen mußte, um zwischen den Nanonalitäten und Parteien einen kurzfristigen Waffenstillstand zu. erkaufen, wurden fast immer ans Kosten der Juden gebracht. Wir hatten diese Ansnahmsstellnng auf allen öffentlichen Gebieten und in jedem Paragraphen der Gesetzgebung der letzten fünfzehn Jahre sehr empfindlich zu versprüren. Die Hausiergesetze, die Heimatsrechtsgesetze, das Gesetz von der Sonntagsruhe und viele andere neuen Gesetzesbestimmungen sind lauter „Marterl", lvelche von geopferten jüdischen Existenzen, erzählen. Und alte diese Gesetzesbescheernngen waren tat- Feuilleton. Liebe »ttfc Haß. Gin Sittenbild von Adolf Steinschneider. Oslvald Berger war ein Advokat, dessen Kanzlei eine zahlreiche Klientel hatte. Jung an Jahren, Besitzer eines ererbten Vermögens, war er von bestechender äußerer Erscheinung, feingebildet, mit eleganten Mauiereu, ein vollendeter Weltmann. Im Grunde des Herzens für edle Regungen nicht unempfänglich, besah er einen Fehler, der alle guten Eigenschaften in den Schatten stellte: er lvar von heftiger Gemütsart, jähzornig und rachsüchtig. In einer uralten Sammlung voll Sittensprüchen, dem Pirke Aboth l Sprüche der Väter) sind folgende vier Abstufungen des Zornes und des Hasses charakterisiert: 1. Schwer zu erzürnen und leicht zu besänftigen. Das ist die vorzüglichste aller Gemütsbeschaffenheit, lvelche nur bei edlen Menschen vorhanden ist. 2. Schwer zu erzürnen und schwer zu besänftigen. Da wird das Gute des ersten Teiles durch den zlveiten verschlimmert. ll. Leicht zu erzürnen und leicht zu besänftij sächlich nur möglich in einem Staate, in welchem es kein höheres gemeinsames Interesse gibt, in welchem vielmehr so viele Gruppen-! interessen herrschen, daß die Gesetzgebung stets! denjenigen Charakter tragen muß, den ihr die eben zur Macht gelangte Nationalitätengruppe aufdrückt. Der Staat kommt da nie zu Worte, sondern stets das Interesse einer Nationalität, und da eine Nationalität naturgemäß von der anderen nicht allzu lange an der Macht geduldet wird,'fehlt diesem Staate jene Stabilität! der Entwicklungsrichtnng, lvelche allein die j Prosperität seines Staatswesens und seiner j Bürger zu sichern vermag. Die Inden, die bisher gewohnt waren,! stets der Macht zu folgen, haben in diesem ■ ansgebrochenen Streite mit einem Male die alte Richtung verloren,, und^prangen in ihrer! Unsicherheit und in ihrer Angst um ihre Existenz von der einen Seite aus die andere, stets den Unwillen der einen Nationalität oder Partei erlveckend. Auf diese Weise wurde in diesem Reiche nichts mehr stabil als der Judenhaß, und deshalb find ans diesem unerbittlichen Nationalitätenkampf einzelne früher schwache, einflußlose Nationalitäten verjüngt und gestärkt hervorgegangen, auf dem Kampfplätze blieben diejenigen, die die ganze Sache eigentlich nichts anging: die Juden. Die Inden hätten also allen Grund, sich der Herstellung des Friedens zu freuen, und , dies um so mehr, als den Inden ein unans-! löschlicher Sinn für Konstitntionalismus innegen. Da wird das Böse des ersten Teiles durch den zweiten gemildert. Leicht zu erzürnen und schwer zu besänftigen. Das ist die bösartigste und gefährlichste Eigenschaft. Unser Held hatte die dritte dieser Gradationen, leicht zu erzürnen und leicht zu besänftigen. Sein einmal erweckter Haß war grimmig. Er hätte seinen Gegner vernichten mögen, wenn er es imstande gewesen wäre. Hatte er jedoch seine Rache an seinem Opfer befriedigt, dann erfaßte ihn Reue, und wurde eine bessere Seite seines Gemütes berührt oder vielleicht sein Mitleid erregt, so konnte er sogar ans einem Feind ein Freund werden. Daß er bei seinen glänzenden Eigenschaften in vielen angesehenen Familien ein gern gesehener Gast lvar, ist leicht erklärlich, doch besonderen Vorzug gab er den Einladungen in das Haus des wohlhabenden Fabrikanten Just, das einen Sammelpunkt der besseren bürgerlichen Gesellschaft bildete. Aber llicht die daselbst herrschende Geselligkeit und der seine Ton, der da herrschte, bestimmten ihn, seine freie Zeit dort zuzubringen, sondern der Magnet, der ihn hinzog, lvar die einzige Tochter dieser Familie. Hermine, ein blühendes Mädchen von wohnt, und die Schaffung des Friedens in Oesterreich gleichbedeutend ist mit der Rehabilitierung der Verfassung. Jawohl, die Juden hätten Grund, sich der Dinge, wie sie kamen, zu freuen, wenn sie es rechtzeitig verstanden hätten, einen Faktor zu bilden, der nicht nur i dann in Betracht kommt, wenn es gilt, einen! «ündenbock, ein Opfer zur Beruhigung der Streitenden ausfindig zu machen, sondern der auch dann zu berücksichtigen ist, lvenn es heißt, Frieden zu schließen- Die Parlamentarische Regierung, wie sie sich uns präsentiert, zeigt es so deutlich und klar, daß die Juden in Oesterreich eine qnantitee negligeable sind, die überhaupt nicht in Betracht kouunen. Mit Ausnahme des Ministerpräsidenten, der überhaupt noch ilicht politisch geeicht ist, sitzt heute kein einziger Mann im Ministerium, der nicht mehr oder minder Politisch gegen die Juden eingenommen wäre. Selbst der Unterrichtsminister Tr. M a r ch e t, ein Mitglied der Fortschrittspartei, ist, angesichts des Programmes der heutigen Fortschrittspartei keine Gewähr dafür, daß unter diesem Ministerium Fragen, welche das Interesse der Juden tangieren, nicht zu Ungunsten der letzteren gelöst werden. Nimmt man nun noch hinzu, daß über kurz oder lang, lvenn das mit Mühe znstandegebrachte Einvernehmen zwischen dem Parteien überhaupt von langer Dauer sein wird, auch die Christlichsozialen ihren Vertreter im Ministerium fordern und zugestanden > hinreißender Schönheit, sprühend von Geist, I bezauberte sie ihn im höchsten Grade. Ihr legte w seine Huldigung zu Füßen und all sein binnen und Trachten ging dahin, ihr Herz zu gewinnen. Doch der Liebe Mühe war umsonst. Von ihren Ettern vergöttert und von allen Seiten gefeiert, nahm sie die Schmeicheleien als schuldigen Tribut hin. Eitel, von ihrer eigenen Schönheit trunken, führt sie die sie Umschlvärinenden wie im Triumphwagen mit sich fort, lächelte sie diesem zu und gab jenem einen freundlichen Blick, ohne irgend einen zu bevorzugen. Auch den feurigen Betverber Oslvald Berger behandelte sie in gleicher Weise. Doch diese Unnahbarkeit entflammte ihn um so mehr und seine Leidenschaft für das schöne Mädchen stieg bis zur Siedehitze. Seine ganze Persönlichkeit setzte er ein, alle seine Liebenswürdigkeit und geistige Begabung entfaltete er, aber diesem Steine konnte er keinen Funken entlocken. Lange Wochen, Monate hindurch hatte er dieses heiße Bemühen fortgesetzt, bis er endlich sich entschloß, ihr Hand und Herz anzubieten. Doch wie eine Pille in süßer Hülle gab sie ihm mit gelvinnenden, schmeichelhaften Worten einen Korb. ■»- Die nächste Nummer erscheint Dienstag den 12. Juni.

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