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Nationalzeitung · 1906-05-29 · Heft 39 (29.5.1906) · p. Seite 3

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 39 (29.5.1906)
Date
1906-05-29
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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v. :n Nationalzeitung Seite 3 organisiert werden soll. Hcrzl ist also im Verhältnis zu Heß und Pinsker der Vertiefer der theoretischen Grundlegung und Zugleich ein Organisator, Baumeister und Taktiker. Er ist ferner der vorgeschrittenere soziale Denker, weil er der später Geborene war. Heß, Pinsker und Herzl haben ihre Theorien auf Grund sozialer Fürsorgeideen gewonnen, aber der letzte war der größte soziale Denker unter ihnen, weil er nach Marx und Lassalle und im Zeitalter der vordringenden Sozialdemokratie lebte. In der logischen Kette, die wir vorhin aufzeigten, fehlt der Nachweis, daß die jüdische Minorität nie zur Majorität werden könne. Diesen erbrachte Hcrzl, indem er das Gesetz konstruierte, daß in jedes Land, in dem der Antisemitismus fehlte oder fehlt,. er durch jüdische Einwanderer Angeführt wird. Dieses Gesetz bewies er durch geschichtliche Tatsachen und durch die Zeitereignisse. Er bewies sie aber vor allem durch das, was das Größte in der Schrift ausmacht, durch die Wahrheit über uns selbst, daß wir Juden ein Volk sind, das also die Judenfrage eine nationale Frage, der Antisemitismus also der Ausdruck der physischen Macht unserer Wirtsvölker ist. Auch in dieser Anschauung und Lehre hat Herzl Vorgänger, nicht nur Heß und Pinsker, sondern vor allem die deutschen Philosophen Dühring und Eduard v. Hartinaun. Aber sein Verdienst ist es, als Jude, als intellektuell und sozial hochstehender Jude das offene Bekenntnis abgelegt zu haben, daß die Assimilierung, die Herzl als ein Gleichwerden in Sinn und Art definiert, überall mißlungen ist. Und daß er die tief im Volksgemüte sitzenden alten Vorurteile gegen uns barin begründet sieht, daß wir den anderen Völkern als fremdes Volk gegenübcrstehcn. Und drittens hat er den Mut, auszusprechen, daß die Neigung der anderen Völker zu gewinnen so ungeheure Zeiträume erfordern würde, daß wir uns vorher längst auf andere Weise können geholfen haben. Herzl hat also frühere Gedankengänge anderer noch einmal und unbeeinflußt von diesen anderen, was erwiesen ist, selbstständig durchgedacht, aber rühmlicherweise bis zur äußersten Konsequenz durchgedacht und den Mut besessen, diese äußerste Konsequenz der ganzen Welt zu verkünden. Als Herzl so weit war, mußte es ihn fesseln und gleichzeitig antrcibcn, das Gebäude des neuen Judenstaates zu entwerfen. Er tat es mit allen: Behelfen seiner sozialen Ideale. Und hierin sehe ich vor allem den großen Juden, sehe ich vor allem sein Wirken als eine Berufung an, denn er ist darin ein Fortsetzer des jüdischen Genius, ein Vollstrecker der Kulturmission der Juden. Gleichzeitig zeigt sich Herzl als ein Organisator, eine Tätigkeit, für die er als unser Führer die beste tatsächliche Befähigung erwiesen hat. Er hat aber seine Lebensaufgabe, die er durch seinen Judenstaat erworben hatte, zur Trauer der ganzen Judeuheit nicht zur Vollendung bringen können. Wer sein glücklicherer Josua sein wird, wissen wir nicht . . . Der Urozeß Hilsner. °) Bon Dr. Friedrich Elbogen. Die öffentliche M-Amistg in Oesterreich hat sich wieder ibenchiigt. Als Äe«.v Berliner Rechtsanwalt Dr. Arthur Nutz bäum vor weuligeu Wochen in seinem trefflichen Buche. öiic erste akten- «m ästige Darstellung des Polnaer NikuaLmvrdprozessts uerössentlichte, als fo i!m Nahurm «Historischer Treue das Gemälde eines schaNderchasteu Jnstiznrordes muf dem Grunde einer kobfüchöig gewundenen! Zeit von! MeisterHänd gezeichnet ward, als in klebereinstimnmng rnit dem Geleitworte des crftcu deutschen Strafrechtslehrers auch andrere berufene StÄnwerr die Unhattibarkeit des gefällten U Beiles anerkannten, da schien es, als ob das rvach gewordene össtntkrche Geimissen die Forderung nach einer WIiederaillsnaHme« jenes Prozesses nicht mehr von der Tagesordirnng verschmiuden lassen tverde. Allein die Tagesordnung Oefterreichs hat offenbar' tcimui Platz für Angelegeniheiitenj des eürrpörs-en, Ne'chtsge'sükstes. Einige Zeiitnugsartikel, ein paar unidoantwortete 'JnArpellationen in den Verkretrtngskörpern, >uu>d still ist es wieder über allen Wipfeln, als ob ein gewalttätig zertretenes Mensttzenfchtcksak zertreten uud vernichtet bleiben lnust, >weil angeblich kein Gesttzespara grapst es gestatten, den größten Schandfleck detz österrsstch>jsch>on Jrrsttz ausznlöscheu. Wenln Liszt in seltnem Vorworte zu N«ußbanurs Buche lagt, es sei „leine Teudeuzfchrift, was der Verfasser uns geliefert hat, sondern eine niichterne, streng wissenschaftliche, überall ctiitf djenr Atteniinhalt fastende Darstellung eines der interessantesten und lehrreichsten Prozesse aus dem Letzten! ^Viertel >des 16. Jahrhunderts", so kann ich für meinen Vortrag jenes Attrillnt der TenÄenzlofigöeit n^icht in Anfp rrrch nelhwert. Ich bin' zu Ihnen gekommenum e in e Tendenz rede zu halten, ich bin gekommen, nur rnit der Kraft tiefster Rechtsüb>erzeug!uug aste Leidenlschafterr des Nechksstnnes und der Meu!sWich>keik zrr entstammen znrn Kampf gegerr b rutalste «Rechtsv e rgäwaltigrrlig. Was nie und.nirgendwu bisher sich znlgetragen 'die Verurteilung wegen sogenann- *1 Vertrag, gehalten irr Wien am 26. Mai 1666 inr Vereine zur Abiwehr des Antisemitismus. teu Ritualmordes — Mas mit so unerhört gesctzcsiwidrkgell Mitteln zustande gebracht, der Justiz gleich!sarn terroristifch abgernngen wurde, das spottet auch als fertiges rvdult, als res judiieata, des Rt-chtrnaßes der Gesetzlichkeit. Dien Fall Hilsner noch dieser Richtung zu betrachten, habe ich mir zur Ausgabe gesetzt, lind nur nach dieser Richtung. Die «übrigen« Gesichtspu ulkte, die die Affäre dein' ^nliurliistoriler darbietet, überschreiten meine K«c'MPetenz. Ich must es mir darum« insbesondere ver-sagen, hier noch einmal alle die Argmneuie zusammenzntragen, rnit denen das alberne Nikualmorldmärchen bekämpft wurde. Wer die Einslüsterungen! leitender 'TiNlNMköpfe und perfider Demagogen höher anschlägt als alle Bullen zahlreicher Päpste, deur ist nicht zu helfen. Und wenn gegen die Dmnmsteit bekanntlich selbst Götter vergebens kämpfen, was können dann gegen! die! voni einer allmächtigen Propaganda organisierte Dummheit lind Gemeirrsteik armselige Gest tzlcsp a rag rap'hen au s rich ton? Hilsner wurde in Kutte nberg und, nachdem der Oberste ^Gerichtshof dieses Urteil kassiert hatte, in Pisek der Ermordung zweier Mädchen, Agnes Hrnza und Marie Klima, schuldig erkannt und zu«ul! Tode verurteilt. Tie lebenslängliche schwere Kerkerstrase, in rvelche kaiserliche Gnade die Todesstrafe nmgewandelt hat, verbüßt Hilsn>er derzeit inder Strafanstalt Stein. Gewiß werden, solange Me röschen fehlbar sind, auch Richter irren, und «wenn der Fall Hilsuer «sonst uiichts wäre, als ein Justizoersehen, so könnte man sich schließlich mit der Unzulänglichkeit aller irdischem Einrichtnugerr berNhigen. Aber so steht es um diesen Prozeß nicht. Der Prozeß Hilsner stand unter dorn Zeichen« einer Schireckens«- herrschgft äusterer Mächlio, d-ie alle Berhäktnifse nnhoilbar verwirrte, die Geister vergiftete, die ö«sfeutLich>e Nkeii«N!U>ng irr kranklnrfLe' Ekstgife versetzte, Zeugen schuf und präparierte, die Geschworenen notwendigerweise in ihren Bannkreis zog. Hi>lsrier wurrde verurteilt und m!n«ßte verurteilt werden, nicht tretU er scl-nldig war, sondern weil die antffenMilsche Propaganda .feinte Verurteilung forderte. Hilsnee ist nicht das Opfer eines J«nstizirr't!uuls, Hilsrrer ijst das Opfer eines Juftizuiordes, eines planmäßig vorbereiteken, N!it abgrundtiefer Frechheit iuiszerrierten, tückischen. Ziulstitzmoröes. Bon jenem tschechtsch!- antisemitifchen Neda'kteur JaroMir Hnsek angefangen, der, wie stille we'gero oerleiionidebischer RitualMordbeschuldiglurg eines jüdischen Schächters im Jahre 1868 zu 14 Ta-geio Kerkers erfolgte Verurteilung zeigt, llicht inuner mit gleich g'län- «zeudeur Erssvlge'i seineni Ritllalrn«or>dsplee«ni für Pariteiziwecke kultiviert, finden wir auf dom sanz>elr Wege irr ta«n>stnd Formen« u>n>d Erscheinrvngerr die unverhiisttesten Eillgriffe der antrfeiMitr- 1'cheili Agitatio!li. Den. Begiimr «machte, wie gefagtz jener Hnlstk mit einem Briefe, für den er sich den er nach Wien. Kein Sonnenglanz lag hier über seinem Leben. Mailche Bitternis mußte er durchkosten, martches Leid erfahren. Er rang sich aber durch. In ihn: glimmte von Jugend an der heilige Funke der Begeisterung für die Kunst. Und der Flinke schlug zrir hellen Flamine alis.... Zwei Mächte geleiteten ihn schirmend von den ersten tappenden Versuchen zur Akeisterschaft: Ernstes Wollen und sicheres Küimen. Vom Hattse brachte er den festen, wahren Glauben lnit, der ihm in seinein Leben den rechteli Halt gab. Anr Tage seiner Bar- Mizwah dilrfte er ziim ersten Male das Theater besuchen. An diesem Tage ward er als volllvertiges Glied in die Gemeinschaft der Inden ausgeliommen — am Abend lernte er den Tenipet der Kunst kennen, in dem er ein wahrer, echter Priester werden sollte.... Der jimge Künstler strebte nmtig nach ailswärts. Da er mm einmal den Dornenweg betreten hatte, lvollte er kühn zur Nosenbnrg hinaiikliniineli. Hub es gelang den: rastlosen, nimmermüden Geiste. Sprosse für Sprosse stieg er enipor ans der Leiter der Hierarchie der Kunst. Im Jahre 1850 wiirde er Mitglied des Hofburgtheaters, )vo ihn: in Laube und in Löwe, dem genialen Künstler, eifrige Förderer erstandeii. Hier fand er seine Vorbilder: Laroche, Fichtner, Anschütz, Löwe. Jni Jahre 1870 wurde er Regisseur, im Jahre 1877 erhielt er als erster das auf Lebensdauer giltige Dekret als Hofburgschauspieler; der Order: der eisernen Krone, den er im Jahre 1881 erhielt, brachte ihn: den erblichen Adel. Im Jahre 1884 wurde er Oberregisseur. Nun war die Höhe erreicht. Die kühnsten Träume waren erfüllt. So kühn konnre der junge Schneider' geselle in seiner Werkstätte, rvem: er seinen Ätitarbeiteril aus seinen: Schiller vorlas, gar nicht träumen. Fm:fzig Jahre sind es nun, seit Sonnelv thal an unserer ersten Bühne wirkt. Au diesem Jubeltage lvendet sich „diesem eigenster: Er Zeugnisse des Burgtheaters, den: lebendigen Träger der Bnrgtheatertraditiol:", wie ihn Speidel nannte, die allgenieine Aufmerksam«^ keit zu. Der Tag steht in: Zeichen Sonnenthals. Die Alter: derrken gerne zurück an den jungen Sonnenthal, an seinen Ferdinarrd, Mortimer, Don Carlos, Melchthal, Romeo, Hamlet, Elavigo, Faust. Sie schwelgen ir: der Erinnerung. Wir Jrmgen, die lvir rricht rrrehr diese schöne Zeit des alter: Brrrgtheaters gesehen haben, denken an seinen Nathan, Lear, Nisler sen., Fabriziris, Meister vor: Palmyra, Fuhrrnann Henschel und last not least an seinen Wallensteil:.... Heilige, tief ergreifende Strnrdei: sind es, wenn wir pochender: Herzens seinen Worten tauschen. Heftiger schlagen unsere Pulse, wenn wir seinen: Spiel-e folgen. Er schlägt ur:s alle durch die tiefe Macht seines Wortes, das uns so sehr ins Herz dringt, in Barn:. Ans seinen: Innersten dringt es hervor, legt sich schmeichelnd ins Ohr — und nimmer schwindet es . . . Bewundernd lauscht ihn: die Menge; er faszirriert und blendet fie. Er ergreift sie und reißt sie hin.- So sind wir ihn: für viele Strnrdei: reinen, ungetrübter: Genusses, die er urrs so reichlich arrs «dem Füllhorn seiner Kunst geschenkt hat, darrkbar. Wir danken ihm, daß er uns so oft durch die Macht seines Spieles, durch die Gewalt seirres Wortes aus den Niederungen des Alltags ir: jene lichter: Höhen geführt hat, wo das reine Ideal throrrt. Dort Haber: wir mit ihn: auf lvernge Strrnden Erdenleid urrd Erdenschnrerz vergessen können . . . In der großer: Schar der Gratulanten dürfe!: lvir Inder: nicht fehlen, die wir in ihm den wahren, überzerlgungstrerrel: Sohn seiner Väter sehen. Wir wissen ihn: dafür Dank, daß er in seinen: Nathar: die Gestalt des edelsten Juden in so herrlicher Weise verkörpert, daß er rnit Recht von sich sagen konnte, er jpiele den Juden aus sich heraus. Das war die beste Kritik seines Nathar: — und die hat er selbst ausgesprochen. Introlle, nam et Irre dei sunt! . . . . Vor: stolzer Genugtuung erfüllt, darf die- KREBS-APOTHEKE 5. niTTELBflCH Aromaüscli. Pflaster. ».«• _ | klo wenden bei allen achraerzhalten Zuständen, die infolge Wlön, I , Hoher IVlftrKt Nr. ö von Zugluft, Erkältungen etc. auftrete>n. (Palais Lina) im Zentrum der Stadt. + PffliS I Schacht«! 2 Kronotl.

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