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Nationalzeitung · 1906-05-29 · Heft 39 (29.5.1906) · p. Seite 2

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 39 (29.5.1906)
Date
1906-05-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite L Nr. 39 Nationalzeitung Konfession vollkonuucn gleichberechtigt sein. Nach Vieser Verfassung in die Religion, die Konfession eines Menschen kein Hindernis. Wie siehr es aber in Wahrheit und Wirklichkeit mit der Gleichberechtigung aller Konfessionen aus? Die Juden find Ausländer, sie könnet! in Nutzland keine Ehren und Würden bekleiden, sie werden wie die Hunde behandelt. Es beiväbrt sieh nun wieder das Wort der Schrift: „Und es geschah in den Tagen, tvo sie das Recht krümmten und beugten, da entstand Hungersnot im Tande." Geht hin, ruft das Judentum, und lernet vom jüdischen agrarischen J-et'te, wie man sich gegen politisch Andersgläubige benimmt! Was erzählt das Buch Ruth von diesem Feste? Ruth war eine Moabitern:! <Ae sprach aber zur Israelitin Noemi: „Tein Volk ist mein Bolk!" Und wie freundlich und wohlwollend wurde sie in Israel ausgenommen! Sagte man etwa zu ihr: „Nein, du bist eine Fremde, eine Ausländerin, wir können dich in unserer Mitte nicht dulden!? Im Gegenteile! Sie erfreute sich des größten Ansehens, der höchsten Achtung, sie wurde schließlich die Stammutter des ruhmreichsten Honigs in Israel. Es gibt aber außer der sozialen und politischen noch eine dritte Hungersnot, und das ist die schlimmste, die bitterste, ich meine die religiöse Hungersnot- „Siehe, Jahre kommen, ist der Spruch Gottes, des Herrn, daß ich Hunger sende in das Land, nicht Hunger nach Brot und nicht Durst nach Wasser, sondern zu hören die Worte des Ewigen!" (Amos 8, 11.) Auch diese Hungersnot ist in gewissem Sinne agrarisch, als sie ebenfalls die Erde betrifft. Der Mensch nämlich nt aus Erde, aus Staub gebildet; „denn Staub bist du," sagt die Schrift, und dieser Staub rnacht sich heute so breit wie nie zuvor. Alles dem Staub und nichts dem Geiste, alles den: Körper und nichts der Seele! Alles dem materiellen Genuß, und nichts der geistigen, idealen Erhebung, nichts der moralischen, religiösen Läuterung! Eine wahre Hungersnot ist's, unter der die Seele, der Geist, das religiöse Leben heute leiden und dulden! lind wahre Hungerbrötchen sind's. mit denen die Seele heute abgespeist, mit denen der Geist heute sich begnügen muß. Denken wir mti* einmal nach, welche Jahre des Segens und des Ueberslusses in der Vergangenheit waren, und welche Jahre der Not und der Dürftigkeit für das religiöse Leben, die in der Gegenwart find! Früher hat jeder Israelit täglich zu seinem Gott gebetet, allwöchentlich den Sabbat gefeiert und heilig gehalten, die Seele und nicht nur den Körper sättigen können. Heute, 'welch magere, dürftige Hungerkost bekommt Dausende schwächere Existenzen darunter leiden und vernichtet werden sollen. Ibsen will die freie Betätigungsmöglichkeit für das Individuum. Der Staat ist, nach Ibsen, das größte Hemmnis für die Entfaltung der Individualität. Ueberall sieht er den Staat nur lähmend auf das Individuum einwirken, denn der moderne Staat braucht ja, um existieren zu können, die „kompakteMajorität." Deshalb ruft er Brandes einmal in einem Briefe zu: .Der Staat ist der Fluch des Individuums. Womit ist Preußens Stärke als Staat erkauft? Mit dem Aufgeben der Jndididuen in den politischen und geographischen Begriff. Der Kellner ist der beste Soldat. Und auf der anderen Seite das Volk der I u d e n, der Adel des Mensche ngesch lechtes. Wo d urch hat es sich in der Absonderung der Poesie erhalten, trotz aller Roheit von außen? D a d tlrch, daß es s ich n ich t m i t eine in Staat her u rn z us ch l e p p e n brauchte. Wäre es in Palästina geblieben, so wäre es schon längst in seiner Konstruktion untergegangen, wie alle anderen Völker. Der Staat muß weg... I b s c u war kein Dogmatiker. Dazu war er zu tief, zu sehr modern und ein zu großer Psychologe. Seine dichterischen Gestalten wurden ihin zu vollebenden Menschen, weil er sie tfaactetoarl \rer-—______ wasserdicht! Geruchlos! die arme Seele! Den Sabbat feiert man noch, wenn Ztlfällig ein nichtjüdischer Feiertag mit dem Sabbat zusammenfällt, sonst muß der Sabbat ruhen, lveil die Menschen nicht ruhen, das Gotteshaus wird so selten wie möglich iit Anspruch genommen. ^Die Thora, diese heute inehr von Nichtjuden als von Juden gefeierte große Lehre, sie Zeigt uns den. Weg, den wir wandeln müssen in allen Lagen unseres Lebens. Erst durch die Thora ward Israel zum Volke, erst die allen Lebenslagen angepaßte, auch heute nicht überwundene Gesetzeslehre hat die Kinder Israels Zinn jüdischen Volk erhoben. Beraubt das jüdische Volk seiner Lehre und es zerfällt in nichts. Gebt ihr aber der Lehre auch Inhalt, macht sie zum Faktor in eurem sozialen, politischen und ökonomischen Lebensäußerungen, dann wird das jüdische Volk auch ein gleichwertiger Faktor unter den anderen Völkern werden, dein die Selbstachtung, die Achtung vor seiner eigenen Vergangenheit — in der auch die Lehre den allererste!: Platz eumimmt — auch die Achtung der anderen Nationen erzwingen werden. Hcrzls Jlldcnstaat. Bon D«. S. Krenberger-Wien. Herzls Judenstaat hat seit seinem Erscheinen im Jahre 1896 so vielfache Besprechung und Erörterung gefunden, daß diese selbst eine eigene ansehnliche Literatur bilden. Die kleine Schrift hat schon viele und große Schriften gezeugt. Wie nach der Sage Ceres in allen Ländern fruchtbaren Samen ausstreute, so hat Herzls erste jüdisch-politische Schrift den Samen des Zionismus in die ganze Welt getragen. Er ist aufgegangen und hat Blüten getragen. Die Blüten sind die Renaissance der jüdischen Kultur und die moralische Erhebung des Judentums. Diese Blüten sollen zur Frucht reisen, die da heißt: Besitz Palästinas. Jede Schrift hat ihr Schicksal. So sagt ein altes Wort. Bas Geschick von Herzls Judenstaat steht fast einzig da. Literaturwerke, wie die „Leiden des jungen Wertster", oder modernere Schriften sind hier nicht zun: Vergleiche heranzuziehen. Eine politische Schrift vot: dieser Wirkung ist vereinzelt. Vielleicht nur die Briefe des Junius, oder Luthers berühinte Thesen haben die gleiche Revolution der Geister hervorgerufen, wie die Schrift Herzls. Der Autor bezeichnet sie selbst als eine Staatsschrift. Da er ausdrücklich sich als Juristen bezeichnet, so hat diese Charakterisierung den Sinn, daß staatliche Probleme darin behandelt werden. Sie hat aber den weiteren nicht zu einseitigen, schemenhaften Begriffet: erniedrige::, sondern nach allen menschenmögliche!: Richtungen sich auslebe:: ließ. Und das Leben verträgt keine Dogmen, weil auch die Gefühle, die das Leben bestimmen, sich gleichfalls nicht in eir: einseitiges, starkes Bett hinüberlenken lassen. Deswegen antwortete er gewöhnlich dei: Kritikern, die ihm den Vorwurf der Tendenz zugunstei: dieser oder je::er Richtung inachte::, mit einem neue:: Drama, worin er dieselbe:: Personen, aber von einem a::deren Gesichtswinkel oder:n:ker anderer Beleuchtung zu ganz anderen Lebenskonsequenzen kommei: ließ, als sie in seinem früheren Werke gelangt waren. Ich glaube, daß auch I b s e n, hätte er das jüdische Volk nicht unter dem Gesichtswinkel der Möglichkeit der Erhaltung ei::es Volkes, ohne Staat, sondern die Art des jüdischen Lebens betrachtet, die Unmöglichkeit der Entwicklung, sotvohl als Volk wie auch der Tausenden in:d Abertausende!: Individuen, gerade infolge Mangels eines geordneten und gesicherten Staatswesens, er wäre auch hier zu einer anderen Konsequenz gelailgt. Oskar Keßler. Sini:, daß das Thema der Schrift der Judenstaat ist. Und merkwürdig ist auch die Form. Schot: in der zweiten Zeile wird die These ausgestellt, zu deren Entwicklung die ganze Schrift dient. Herz! sagt nämlich: „Der Gedanke, den ich in dieser Schrift aiissühre, ist ein uralter. Es ist die Herstellung des Judenstaates." Und eilends stellt er seine Forderungen ans, die dahin gehen, es möge ein Judenstaat entstehen, fite dessen Errichtung zwei Gesellschaften die Society of Jews und die Jewish Company konstruiert und gefordert werden. Erft nach schleuniger Aufstellung dieser Forderungen geht Herzl in bedächtiger und detaillierter Weise auf die Begründung und genaue Formulierung derselben ein. So ist gleichsam der logische Schluß den Prätuisseu vorgesetzt. Und wem: auch Herzl selbst seine Schrift als schwerfällig und schwer verständlich, als ein Produkt langer, sorgfältiger Arbeit bezeichnet, wir sehen aus ihrer Konstruktion das Teinperamcnt hervorleuchten und das Gefühl scheint die ruhige Ueberlegung zu überwiegen. Es ist dies kein Fehler, vielmehr ein Vorzug und zugleich die Erklärung des Erfolges. Das Herz, die Seele, das Gefühl drängtet: Herzl zur Betrachtung der Judenfrage und ein Stück seines Herzens ging mit, als er einen Vorschlag zu ihrer Lösung der Welt unterbreitete. Die Judenfrage selbst ist ferner voll Gesi'chlsmomente, dent: Haß verfolgt die Juden, der Neid bekämpft sie und Feindschaft begegnen sie aller Orten. Man kam: unmöglich und mit dem reinen Verstände die Judenfrage erörtern. Scho:: die christlichen Autoren im Anfänge des 18. Jahrhunderts, welche für die Inden eintraten, wie Dohm, sind Prediger und weniger Kritiker. Vor Herzl hatte:: schon andere jüdische Schriftsteller, unter ihn«: besonders Moses Heß und Dr. Leo Pinskcr die Lösm:g der Judenfrage darü: gesehen, daß ein Judenstaat errichtet werde. Der einfache logische Aufbau für diese Schlußforderung ist folgender: Die Inden sind überall eine Minorität der Bevölkerung. Eine Minorität ist immer dem Gutdünken der Majorität ausgeliefert, daher imn:er unter der Macht und Gewalt dieser Majorität. Sie kann also nur selbst die gleiche Macht und Gewalt erlangen, wenn sie zur Majorität wird. Und dies ist eben nur daim möglich, wenn die Juden in eit: Land kommen, das sie vor allem ihr Eigentum nennen und selbst beherrschen. In diesem Gedankengange hat Herzl durch den Judenstaat die fehlenden logischen Glieder ergänzt und den Plan entworfen, wie der Judenstaat gegründet werdet: kann ut:d wie er Adolf v. Sonnenthal. 1866—1906. An: 18. Mai des Jahres 1866 betrat „Herr Sonnenthal vom Stadttheater in Königsberg" als Mortiiner zum erster: Male die Bretter der Wiener Hofbühne und — fiel durch. Nur eine n Mann gab es, der ni: die Wnnderkraft, die in den: jungen Künstler steckte, glaubte; nur einen Mann gab es, der beu Wert bet jungen Knospe, die da auszukeimen begann, zu würdigen verstand. Meister Laube, der damalige Direktor des Wiener Hofburgtheaters, ließ Sonnenthal nicht fallen; er führte und leitete ihn wie ein Vater sein Kind. So wuchs unter diesen: genialsten, weitblickenden Direktor ein junger, aufstrebender Künstler zur Meisterschaft heran.... Am 1. Juni des Jahres 1866, also genau vor fünfzig Jahren, erhielt Sonnenthal seinen erstet: Kontrakt, der ihn dem Burgtheater verpflichtete. Sein Künstlerleben kennt nur wenige Stationen: Tetnesvar, Hermaimstadt, Graz, Königsberg — Wien. Geboren zu Pest als der Sohil eines Schnittwarenhändlers, mußte der junge Soiuienthal frühzeitig seine Studien aufgeben, un: bei einen: ehrsamen Schneider in die Lehre zll treten. Als Geselle kan» Pollenz echte Reform-ScfwefesMälier Ueberall «tl

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