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Nationalzeitung · 1906-05-25 · Heft 38 (25.5.1906) · p. Seite 4

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 38 (25.5.1906)
Date
1906-05-25
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 it b e r h e b c n d e n Philippika gegen mich reizte. Sonderbar berührt die Verquickung und Vereinigung zweier iitfomparibclit Stellungen eines „Chefredakteurs", der im Dienste eines Vereines steht und der gleichzeitig das ,"vnchblatt dieses Vereines befehligt, letzteres scheint die erstere Stellung ignoriert 31t haben ui:d seht sich ohne Auftrag und ohne Vollmacht des allein in Vereinsangelegenheiten kompetenten Vorstandes mit einer sonst seltenen Kühnheit über eilt Vorstandsmitglied zu Gericht, tun diesem die Rüge einer „Illoyalen, unkollegialen und gröblichen Verlegung der Kollegialität" zu erteilen. Ich lege kein Gelvicht auf die Aburteilung meiner stilistischen Gewandtheit, denn ein Sänger und Kantor braucht iticht Schriftsteller 311 seiir, den Titel, den ich öffeittlich führe, trage ich mit allem Fuge; tun so peinlicher berührt es aber, wenn ein „Schriftsteller" oder „Redakteur" keinen Takt besitzt uitd die privaten Storungen der Gennßfrendigkeit an einem Abendessen als Motiv mißbraucht, das mich vollt Besuche der Vereinssitzungen abhält. Wir hatten, das muß er wohl wissen, seit anderthalb Jahren sechs Vereinssitzungen, welche als hauptsächlichen Punkt der Tagesordnung Jubilätunsangelegenheiten der Kollegeit; B. S. K. St. B. und ü. zum Gegenstände hatten. Ich schloß mich mit klingenden Argumenten allen Beschlüssen an und eickhob tnich einnral nur der persönlichen 'Anwesenheit wegen der ganz willkürlich anberaumten, für Vereinssitzungen durchaus iticht eittsprechenden Stunde. 'Allein der Herr, der immerhin im Dienste unseres Vereines steht, hat sich nicht auf meine Beziehungen zum gedachten Verein beschränkt, sondern in einem Anfalle von Selbstüberhebung auch ineine amtliche Stellung mit in seine Bemängelungen einbezogen, und da Mtlß ich diese Anmaßung energisch zurücklveisen. Ist denn eilt warntes Jitteresse für Menschenlos und Menschenelend an Grenzen und Marken geknüpft'? Fragte ich jemals den Hilfesuchenden utn Vaterland und Muttersprache? Ist mein Fühlen für die unt ihre Zukunft bangenden Kollegen identisch mit einem „Hinuberschielen jenseits der Leitha", welches den Artikelmacher zur wohlfeilen Phrase verleitet, wenn's mich nach „drüben" zieht, so möchte ich diesem Zuge folgen. Aber geehrter Herr, wo nehmen Sie hierzu den „gewissen Mut" her, welcher Ihnen die Berechtigung gibt, mir Ratschläge zu erteilen, derer Sie in bezug auf die Ausübung Ihres Berufes ungleich dringender bedürfen? Ich mann dem Litwak den Auftrag zukommeit, sich sofort zu ihm nach Premyschlan zu begeben. Der Litwak erschrak und machte sich sogleich auf die Reise. Da er eilt reicher Mann war, jo fuhr er bequem in genrieteten .Kutschen und kam in einigen Tagen nach Premyschlan. Der Schames hatte den Auftrag, ihn sobald er kommt, vorzulassen und so stand er an: nächsten Morgen vor dem Rabbi in Premyschlan. Als er ins Zimmer trat, saß der Premyschlaner tief gebeugt über ein großes Buch. Der Rabbi rührte sich nicht und tat, als wenn niemand anwesend wäre. Der Litwak stand eine Viertelstunde in banger Erwartung und der Rabbi rührte sich nicht. Eine halbe Stunde — eine Stunde — zwei Stunden vergingen — der Rabbi rührte sich nicht. Dein Litwak begann es vor den Augen zu tanzen, die Knie schlotterten ihm, im ganzen Zimmer befand sich kein Sessel und der Rabbi rührte sich noch immer nicht. Und weil der Ehasn ohne Aufhör auf den Rabbi sah, ob er sich doch endlich schon seiner erbarmt, so begann es ihn: vor den eigenen Augen zu flimmern und zu leuchten. Unb es war ihm, als wenn das Zimmer sich mählich mit schwebenden Flammen füllte. Zuerst entzündete sich eine Flamme über den: Haupte des Rabbi. Ganz von sich selbst. An dieser Flamme aber entzündeten sich viele andere, kleine Flämmchen, die wie brennende, leuchtende Läppchen frei in der Luft herumschwebten. Dann füllte sich die Stube mit Menschen Nationalzeitung riet Ihnen niemals, lvie Sie 'Artikel schreiben sollen! Ich ignoriere vollens den ganz seltenen Nebergriff eines Vereinssekretärs, der gleichzeitig das Fachblatt verübt und habe den Präsidenten des österreichisch-ungarischen .Kantorenvereines um die Einberufung einer Vorstandsßtzultg ersucht.... Dort werden wir Gelegenheit haben, die drohend geschlvuugene Keule der „.Konsequenzen, die ich aus meiner Haltung ziehen werde", uns näher 31t besehen und vergleichsweise die unangenehmen Konsequenzen abztNvägen, für mich sowohl als für den Schriftführer des Vereines, der antokratisch sich zur Aburteilung eines Vvrstandsmitgliedes vermißt. B e l a G u t t nt a n n, Oberkantor der Wiener JSr. Knltusgemeinde. Aufruf: Der jüdisch-nationale Verein „Theodor Herzl" in Suczawa geht daran ein Theodor Herzl-Heim, ein mächtiges jüdisches Zentrum, in dem der nationale Gedanke des jüdischen Volkes gepflegt und alles Jüdische im Zeichen der Renaissance eine gedeihliche Wirkungsstätte erhält, zu erbauen. Bildender und belehrender Unterhaltung sollen an geeigneter würdiger Stelle Rechnung getragen werden. Durch Errichtung einer größeren Lesehalle und Bibliothek sollen wiedererwachte jüdische Literatur und Kunst in größtmöglichstem Maße gefördert werden. Die bereits bestehenden Volksbildungskurse unseres Vereines sollen im zu erbauenden Vereinshaus eine nötige große Ausgestaltung erfahren. Sofern die Mittel des Baufondes es gestatten, soll auch ein Schülerheim untergebracht werden. Im Geiste Herzls soll das zu erbauende Haus einen „Turnsaal" zur Heranziehung eines kraftvollen Muskeljudentums in sich vereinigen. Das Theodor'Herzl-Heim soll im Geiste seines unvergeßlichen Namensträgers jüdischer Volksarbeit zur Ehre und zum Nutzen gereichen und unsere Volksgenossen gemahnen an ihre Pflichten, ihrem Volke eine bessere Zukunft zu bereiten. Um dieses große Projekt der Verwirklichung zuzuführen werden Volksgenossen und Menschenfreunde um gütige Spenden ersucht. . . . Frauen, die nicht ganz angekleidet waren . . . viele polnische Schlachzizen mit aufgedunsenen Gesichtern . . . goldbetreßte Diener ... in der Mitte stand ein jämmerlich aussehender Mensch ... ein polnischer Jude mit Locken und er öffnete den Mund ... er Hub zu singen au . . . die lustige Baude lachte ihn aus . . . Dauu verlöschte eiue unsichtbare Hand die.Flämmchen und es wurde finster . . . Der Litwak wollte schreien, doch er konnte nicht. Er stand wie angenagelt auf seiuem Platze, ohne ein Glied rühren zu können. Da erlöste ihn eiue berührende Hand aus dem Bann. Es war der Schames, der ihn rüttelte. Der Rabbi aber war fort. Der Litwak wischte sich die schweren Schweißtropfen von der Stirn. Als er den Schames erkannte, bat er ihn um ein Glas Wasser und verlangte, dem Rabbi vorgesührt zu werden. „Ein Glas Wasser könnet Ihr bekommen," sagte ihm der Schaines, „aber den Rabbi dürfet Ihr nicht sehen. Ihr müsset sofort das Haus verlassen." Er verließ aud) das Halls und fuhr schweren Herzens nach Krakau zurück- Daheim fand er seine Frau im Bette. Sie hatte sich das Gerede der Lelite sehr 311 Herzell genommen und erkrankte. Jnzwischeil kani wieder der erste Selichottag und die Alte-Schnl füllte sich wie alljährlich mit der betenden Gemeinde. Awrämele trat zulll Betpult hin und es herrschte tiefe Stille iil der heiligen Halte. Denn feinem Nr. 38 Durch jede, auch die kleinste Spende, werden Sie einen Baustein legen an dem großen Werke. Darum bitten wir: Gebet und Sammelt! Geldsendungen sind mit dem Vermerk „Für den Bausond" an Herrn I s a a k Haber in Suczawa zu richten. Spender, die einen Betrag bis Kr. 100 dem Baufonde zuwenden, werden ins Vereinsgedenkbuch eingetragen. Von Kr. 100 aufwärts werden die Spender auf der Gedenktafel des Vereinshauses verewigt. Die Vereinsleitung. Sammelbogen sind binnen zwei Monaten an den Verein „Theodor Herzl" in Suczawa zu senden. Zeitlingsslhau». Kmchondmjtn. Inland. Ins Kloster entführt. Die jüngste Nummer der Monatsschrift der „Oesterr. Jsr. Union" eilthält die folgendeil Mitteilungen über Entführungen jüdischer Mädcheil ins Kloster: Der Oberste Gerichtshof hatte kürzlich ein Urteil des Landesgerichtes Leinberg zu überprüfen, das den Postbeainten Kasimir Jablonski wegen Entführung eines 16jährigen Judenmädchens zu einen: Monat Kerker verurteilt hat. Jabtonski hatte bei einer befreundeten christlichen Familie die 16jährige Recha Olmütz, die Tochter eines jüdischen Geschäftsmannes, kennen gelernt, die nach seiner Angabe schon frt'lher die Absicht hatte, zum christlichen Glauben überzutreten. Eines Tages traf das Mädchen mit Jabtonski auf der Straße zusamlnen. Jablonski setzte sie in einen Wagen und führte sie zll einer befreundeten Frau, wo er sie rnehrere Tage verborgen hielt. Nach seinem Diktat schrieb die Olmütz an ihren Vater einen Brief des Inhalts, sie sei, uln ihr Seelenheil zll retten, znln Christentum übergetreten und nach Rußland abgereist. Jablonski bemühte sich iilzwischen, sie in einenl Lemberger Kloster mlterzubringen; da ihm das aber nicht gelang, schickte er sie mit einem Brief in das Kloster der Felizianerinnen nach Krakau, wo die Olmütz tatsächlich getauft wurde. Dann kehrte sie llach Lemberg zurück, wo sie einstlveilen bei der Frau, bei der Jablonski sie kennen gelernt, Quartier nahm. Eines Tages lvurde Recha Olmütz von ihrer Schwester auf der Straße gesehen. Ihr Vater llahm die Hilfe der Polizei in Anspruch, tun die Tochter zurückzuerlangen und ließ sie, als ihm das ge- Gesange lauschte mau noch immer in Ergriffenheit. Und er begann: . . . Jisgadal! Ein Schaudern ergriff plötzlich die ganze Gemeinde. Wesseil war denn dieser heisere, kratzende, kreischende Ton? Und die heisere Stimme setzt nochmals ein. Mit Mühe, mit Anstrengung, mit dem Aufgebote aller Kräfte :Jis—ga—dal! Jedoch der Ton blieb dem Sänger in der Kehle stecken, er kam nicht heraus. Es war, wie wenll jemand eine rostende Nagelspitze über eine Glasscheibe hingleitcn ließe . . . Und klar wurde es allen mit einem Male: Awrämele hat seine Stimme verloren. Und nicht bloß seine Stimme hat er verloren, er verlor auch sein Vermögen. Mein Großvater — Gott laß' ihn selig ruhen — hat es noch mit angesehen, wie er am Erew- Schabbes itt der Hoichegaß' mit seinen Kindern von Tür zu Tür betteln ging. Das, liebe Kinder, ist die Geschichte von Awrämele Ehasns Glück und seinem Ende." So erzählt Abba. Die Bachnrim zerstreuen sich und wandern angeregter Stimmung nach Hause. Und so mancher von Ujueu träumt auf seinem harten Lager von dem unseligen Ehasn, der auf der Höhe seines Glückes den Verstand verloren und mn des schnöden Geldes willen Heiligtümer seines Volkes verraten hat . . .

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